Meinungsfreiheit und Faktenfreiheit

Es ist Realitätsflucht, mit Fakten so umzugehen, als handele es sich um Meinungen.

John Maynard Keynes, dem legendären Ökonomen, wurde gelegentlich vorgeworfen, er sei ein Flip-Flopper, der mal das, mal jenes vertrete. Sein Konter ist bis heute berühmt: „Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was würden Sie tun?“ Die Botschaft: Wer seine Haltungen überprüft, wenn die Umstände sich ändern, ist klug. Wer stur bei seinem Standpunkt bleibt, ist ein Trottel.

Die Meinungshaberei steht heute hoch im Kurs, ganze Berufsgruppen leben von der Meinung. Autor*innen von Kommentaren wie diesem sind in der Meinungsbranche aktiv, und besonders beliebt sind die meinungsstarken Meinungen, bei denen man sich aufregen kann, wenn man eine andere Meinung hat. Das Meinungshaben ist Teil der Erregungskultur, des Entertainments und der Social-Media-Blödmaschinerie. Im Fernsehen kommen dauernd Leute vor, die eine Meinung haben. Talentarme Autor*innen können ihre Bekanntheit schneller steigern, indem sie besonders durchgeknallte Meinungen äußern. Das Verhältnis von Fakten und Meinungen ist prekär. Hannah Arendt hat es eine der Erscheinungsformen von „Realitätsflucht“ bezeichnet, „mit Tatsachen so umzugehen, als handle es sich um bloße Meinungen“.

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Nicht nur die Frage, wie man zu Meinungen kommt, ist interessant, sondern viel mehr noch die Frage, wie man sie behält oder wie man sie ändert. Ein Problem tritt auf, man sammelt im allerbesten Falle eine Fülle von Informationen, und dann bildet man sich eine Meinung dazu. So weit ist ja noch alles gut, zumindest in der Theorie. Dass man schon in dieser ersten Phase die „Informationen“, die man verarbeitet, und jene, die man ignoriert, nach weltanschaulicher oder mentalitätsmäßiger Grundhaltung oder sogar Bequemlichkeit auswählt, wollen wir nicht ganz übersehen. Doch dann geschieht etwas Eigentümliches: Es gibt andere Menschen, die zu ganz anderen Urteilen kommen. Wenn sich Lager bilden, sich diese vielleicht auch noch entlang gewohnter Herdenbildungen sortieren, sieht man sich schnell verleitet, die eigene Meinung gegen die andere Meinung, die dann eine „gegnerische Meinung“ ist, zu vertreten. Was mit vorsichtigen Begründungen begann, endet in Stellungskrieg, in dem sich alle in ihren Schützengräben eingraben. Womöglich ist es leichter, zu einer Meinung zu kommen, als sie wieder loszuwerden.

Hat man die „richtige Meinung“, die durch die Tatsachen gestützt ist, ist diese selbst dann nicht so leicht zu revidieren, wenn sich die Tatsachen ändern. Das wird nicht nur durch die Freund-Feind-Ordnung der Meinungshaberei erschwert, sondern auch durch die menschliche Eigenart, an Gewohnheiten festzuhalten. Auch Meinungen können zu Gewohnheiten werden. Sogar die Meinung, dass alle Konventionen zerstört gehören, kann zu einer Konvention werden, wenn sie nur lange genug von ausreichend vielen Leuten vertreten wird.

Aber es gibt auch andere Probleme. Nehmen wir nur die Pandemie. In zwei Jahren hat sich eine Lagerbildung ergeben, die man nur deshalb nicht „Glaubenskriege“ nennen mag, weil die einen sich ihre Meinung durch möglichst vernünftige Abwägung gebildet haben, die anderen durch skurrilen Glauben („Diese Seuche ist ja nur eine Grippe“, „Verschwörung von Bill Gates“). Hohe Infektionszahlen, eine Hospitalisierungswahrscheinlichkeit von zehn Prozent und eine Fallsterblichkeit von einem Prozent und mehr machten Not- und Ausnahmegesetzgebung und tiefe Einschränkungen im Alltag notwendig. Durch die Wirkungen der Impfung, die Immunisierung der Bevölkerung durch Infektion und andere Gründe ist die Omikron-Welle aber massiv milder. In Österreich haben wir seit einigen Wochen permanent fast 400.000 nachgewiesene, aktive Fälle, eine Hospitalisierungsrate von 0,5-1 Prozent und etwa 400 Tote im Monat, was massiv niedriger ist als bei jeder schwereren Influenza-Welle. Natürlich kann man da die Meinung vertreten, dass es Zeit ist, alle Einschränkungen zu beenden – aber dann klingt man ja wie ein Schwurbler, und will man das? Ich will keineswegs sagen, dass wir jetzt alle Vorsicht fahren lassen müssen – es bleiben noch unzählige Fragezeichen. Aber es ist zweifelsohne eine signifikante Änderung von Fakten, was unser auch schon intuitiv gewordenes Meinungshaben herausfordert.

Ein Gedanke zu „Meinungsfreiheit und Faktenfreiheit“

  1. Lieber Herr Misik,
    Mein Grossvater hat ein ÖGB Heim geleitet, um unterernährte Jugendliche nach dem 2. Weltkrieg aufzupäppeln.

    Schon Anfang der 80er Jahre hat sich das geändert. Plötzlich kamen nur noch übergewichtige Jugendliche.

    Und wo stehen wir heute?

    Heute würde es einen Kreisky benötigen, aber wir haben eine Rendi! Ein Kteisky und ein Benya, die hätten diese Parteivorsitzende gefressen! Die Zeit der Gnade muss vorbei sein. Diese Rendi ist völlig unfähig!

    In so einer Zeit muss die SPÖ in allen Umfragen führen. Tut sie aber nicht, denn diese Vorsitzende ist untragbar!

    Lg

    Dieter

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