Duckmäuser und Feiglinge

Neutralismus als Gesinnungslosigkeit? Gegenüber einem imperialen Despoten und Kriegsverbrechern kann man sich nicht „neutral“ durchmogeln.

Rund fünf Wochen dauert der Krieg in der Ukraine schon, und manche haben noch immer nicht den Ernst der Lage begriffen, weil sie den Ernst auch nicht begreifen wollen – es ist ja auch gemütlicher so. Man ist irgendwie mental solidarisch mit den Ukrainern, hängt aber weiter der Illusion an, das Leben werde sich vielleicht nicht gar so arg ändern. Man beginnt sich an die Schreckensbilder zu gewöhnen, sie werden auch nach und nach aus den Abendnachrichten verschwinden, und das erleichtert die Möglichkeit, den Kopf in den Sand zu stecken. Aber das ist gefährlich.

Wladimir Putin hat jahrelang darauf gesetzt, dass wir im Westen bequem geworden seien, er hat über die Dekadenz des Westens gespottet, dass es hier allen nur um Wohlstand gehe und sowieso jeder zu kaufen sei. Er hat Hader gestiftet und mit seinen Propaganda-Maschinen inneren Streit im Westen geschürt, er hat ehemals hochrangige Politiker für seine Staatskonzerne angeworben, er hat ein Netz seines „KGB-Kapitalismus“ gesponnen, in dem auch zwielichtige Unternehmer und Lobbyisten bei uns eine Rolle gespielt haben, ultrarechte Politiker und Parteien wie die FPÖ (mit der hatte er sogar einen regelrechte Freundschaftsvertrag), die AfD, den Italiener Salvini, die Französin Le Pen hat er instrumentalisiert, weil er glaube, damit kann er den Westen schwächen, er hat die Corona-Leugner angestachelt. Er hat einen völkisch-faschistischen Konservativismus als Gegenmodell zur modernen, pluralistischen Multikulturalität des Westens gesetzt, und von „Dekadenz“ geschwafelt, was insofern ulkig ist, da es ja kaum etwas Dekadenteres gibt als den korrupten KGB-Kapitalismus, den er etabliert hat, in dem es jedem erlaubt ist, Milliarden in dunklen Kanälen verschwinden zu lassen – mit dem Ergebnis, dass der Staat und sogar die Armee zerfällt (wie man ja auch in der Ukraine staunend miterlebt). Und auch heute droht er raunend mit dem möglichen Einsatz von Atomwaffen, weil er denkt, dann würden wir uns derart schrecken, dass er tun kann, was er will. Außerdem kennt er sehr gut den westlichen Selbsthass, unsere Neigung zu der Annahme, wir seien auch nicht besser, deshalb seien wir irgendwie auch an Putins Verbrechen schuld.

Aber das ist fatal: Wenn man einen Gewaltherrscher und Despoten, der einem droht, machen lässt, dann wird er das als Freibrief sehen. Dann steht der irgendwann anderswo vor der Tür.

Nein, nicht einmal denken darf er daran, mit den Atomraketen herumzuspielen. Niemand will Krieg, aber ein überfallenes Land darf sich selbst verteidigen, und wir werden es unterstützen. Wenn daraus die Gefahr einer Konfrontation mit dem Westen entsteht, ist niemand anderer als Herr Putin verantwortlich – es hat ihn ja niemand gezwungen, in sein Nachbarland einzumarschieren. Der Westen wird die Grenzen Russlands akzeptieren – aber sonst schon nichts. So muss man mit so einer Figur sprechen, denn diese Kamarilla versteht nur die Sprache der Stärke und jeden Versuch, sich durchzumogeln, legt sie als Schwäche und Feigheit aus.

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Die Duckmäuser bei uns halten jetzt wieder die „Neutralität“ hoch. Als militärische Blockfreiheit und als prinzipielle Nicht-Interventionspolitik hat sie ihre Meriten. Mental ist aber leider mit dem Neutralismus als geistige Realverfassung oft nichts anderes als Feigheit gemeint. Die, die mit Herrn Putin gestern noch Freundschaftsverträge hatten, kriechen auch jetzt vor ihm auf dem Bauch und nennen das „neutral“. Das ist die hässliche Seite unserer Neutralität, sie passt den Herrn Karls so prima, diesen typischen österreichischen Opportunisten, diesen Angsthasen, die sich überall heraushalten wollen, vor Gangstern buckeln und auch noch glauben, dies wäre moralisch oder schlau. Um die eigene Äquidistanz zu rechtfertigen, muss man sich dann zurechtlegen, dass die einen „eh auch böse“ seien, die anderen „vielleicht ja gar nicht so böse“. Klar ist die Welt nie nur Schwarz-Weiß, aber Neutralität als Gesinnungslosigkeit macht alle Katzen grau.

Die demokratische Lebensweise verlangt bisweilen, dass man imperialen Aggressoren und Tyrannen entgegentritt. Es ist eine Frage der Haltung, und auch der Selbstachtung. Und der klugen Vorausschau. Wer jetzt den Kopf in den Sand steckt, wird nämlich böse Überraschungen erleben.

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