Schön wie die Scharia

 

Islamismus. Der Genfer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan ist der erste Popstar des Euroislam. Doch nun eskaliert der Streit um den Unduchschaubaren: Ist er der lange ersehnte Modernisierer oder das trojanische Pferd des Dschihad in Europa? taz, Falter, 12. 04

 

 

 

Der Mann hat schon rein äußerlich gar nichts von einem islamistischen Fanatiker. Er ist feingliedrig und wenn er spricht, macht er diese typischen, etwas zu ausladenden, etwas zu eitlen Gesten, die man von so vielen französischen Medienintellektuellen kennt. Immer trägt er einen sorgsam gestutzten Dreitagesbart und unter dem schwarzen Anzug ein offenes Hemd, gern eines dieser modischen kragenlosen, die ein bisschen nach iranischer Revolution, ein bisschen nach Mao-Tse-Tung aussehen. Kurzum: Tariq Ramadan ist stilbewußt. Er ist, wenn man so will, der erste Popstar des Euroislam. Unermüdlich schreibt der Professor für Islamwissenschaften im Schweizer Freiburg Artikel und Bücher, seine Vorträge werden auf Audiokassetten aufgenommen und pro Jahr 50.000-fach verkauft. In Frankreich und der Schweiz ist er in TV-Debatten fix gebuchter Gast. Schon hat ihn jemand den "Haider der Moslems" genannt. Das US-Magazin "Time" reiht ihn unter die hundert einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt.

 

Sein Ziel sei es, sagt Ramadan, ein Modell für "einen europäischen Islam" zu entwickeln, seine Leute dazu zu bringen, ihr Ghetto zu verlassen und aktive Bürger zu werden. Es geht ihm um eine Identität, die "wahrhaft muslimisch und wahrhaft westlich zugleich ist". Diese Identität entstehe gerade, ist Ramadan überzeugt, es ist eine "stille Revolution" im Gang, die nur niemand wahrnehme, weil alle vom Zusammenprall der Kulturen besessen sind. Tariq Ramadan, ist also, so sehen es die einen, das Versprechen auf Modernisierung des Islam.

 

Für seine Antipoden dagegen ist er ein doppelzüngiger Islamist, der in Wahrheit in den Moscheen die jungen Leute aufhetzt, das "charmante Gesicht der Scharia" oder einfach "der Mann, der in Frankreich den Islamismus einführen will", wie das vergangenes Monat der Pariser "L’Express" von seinem Titelblatt proklamierte – "kein Bombenleger, aber einer, der ausgesprochen schädliche Ideen legt".

 

In jedem Fall also ist er einer, die die Geister scheidet. Er ist der Star der jungen, sinnsuchenden moslemischen Jugendlichen, die mit der Kultur ihrer Großväter nichts zu tun haben aber auch in den säkularen Rechtsstaaten Europas nicht angekommen sind und die sich in einem virtuellen, puritanischen Islam verpuppen. Er ist ein eloquenter Debattierer, mit dem man immerhin reden, in einen Dialog kommen kann – und der es gleichzeitig nicht einmal über sich bringt, sich in klaren Worten gegen die Steinigung von Frauen auszusprechen.

 

"Einem Seiltänzer ähnlich schreitet er voran, zur ewigen Flucht verdammt", schreibt Gilles Kepel, der französische Islamismus-Experte in seinem jüngsten Buch "Die neuen Kreuzzüge". Es ist etwas elektrisierend Undurchschaubares an Ramadan und zur Faszination, die von ihm ausgeht, trägt seine Familien- und Lebensgeschichte wesentlich bei. Sein Großvater, der Ägypter Hassan al Banna, gilt als der unumstrittene Säulenheilige aller modernen Islamisten – er hat 1928 den Ikhwan gegründet, die ägyptische Moslembrüderschaft, die Urzelle jedes radikalen Islamismus. Seine Tochter verheiratete al-Banna mit seinem Lieblingsschüler Said Ramadan. Als Nasser die Moslembrüderschaft zerschlug und verfolgen ließ, geht Ramadan erst nach Saudi-Arabien, dann in die Schweiz ins Exil, wo er ein islamisches Zentrum gründet. Seine Söhne Hani und Tariq treten in seine Fusstapfen. Heute sind sie halb Antipoden, halb kongeniale Partner: Hani der radikale, düstere Dschihad-Apologet, Tariq der Islamismusmodernisierer mit Pop-Star-Aura. "Tariq und ich, wir sind zwei Seiten derselben Medaille", bemerkte Hani Ramadan 1998 in einem Interview – ein Zitat, das seinem Bruder seither immer wieder um die Ohren gehauen wird.  

 

Worum es Tariq Ramadan zu tun ist, darin zumindest besteht kein Zweifel, ist, dass die moslemischen Zuwanderer endlich in Europa ankommen. "Ich sagen ihnen, dass sie nicht weniger moslemisch werden müssen, um mehr europäisch zu werden." Die Einwanderer-Communites hätten sich abgegrenzt und darum sei auch die Lektüre des Koran eingefärbt von einer Wagenburg-Mentalität. "Unsere Lesart unserer islamischen Quelle", erklärt er, "handelt vorrangig davon, wie man sich vor einer dominanten Zivilisation schützen kann." Ramadan plädiert für Selbstbewußtsein. Traditionalismus und Denkverbote sind ihm ein Gräuel. Der Islam brauche, sowohl in den moslemischen Ländern und in der Zuwanderer-Diaspora "pluralistischere Gesellschaften und mehr politische Debatten". Jahrhundertelang waren verschiedene islamische Traditionen akzeptiert – streng Schriftgläubige, Sufis, Modernisierer usw. -, woraus Ramadan ableitet, dass es eine islamische Geschichte freier Debatte längst gibt, die heute allerdings verschüttet ist.

 

Klingt schön, ist aber Camouflage, ist jetzt zunehmend ungeduldig zu vernehmen. Ramadan ist "nicht nur der Enkel des Gründers der Moslembrüder, er ist sein wahrer, luzider und methodischer Erbe", proklamiert Bernard-Henri Levy, der Wortführer des Pariser Philosophenchic. Der Beau mit dem Gesicht eines Wüstenprinzen klammere sich an jedes islamistische Dogma, urteilt die Journalistin Carolne Fourest, deren Enthüllungsbuch "Frere Tariq" ("Bruder Tariq") vergangenes Monat erschien und für das sie sich durch Berge von Ramadan-Kassetten durchgehört hat. Ihre Bestandsaufnahme: Ramadan predigt den jungen Muslimen nur, "die Verfassung zu akzeptieren, so lange sie gegen kein islamisches Prinzip verstößt"; er schreibt, "je mehr Frauen das Kopftuch tragen, umso mehr werden sich die Dinge ändern"; Vordenker des Dschihad-Terrorismus, wie den einstigen Cheftheoretiker der Moslembrüder, Sayyed Qutb, nennt Ramadan nur "muslimische Politiker" oder "Denker". Das Bild, das Fourest zeichnet, ist durchaus kohärent: Der Mann findet es unerträglich, wenn Mädchen und Buben dasselbe Schwimmbad benutzen, er hält nichts von Diskotheken und Kinos. Und er verfolgt eine ausgeklügelte Strategie, um seine Kreise zu erweitern. Er drängt seine Anhänger, "Sphären der Kollaboration" zu entwickeln. Im Unterschied zu den altväterlichen moslemischen Interessensvertretungen, die in Frankreich aber auch in Deutschland gerne mit den christlichen Rechten kollaborieren, weil sie sich mit diesen durch die Achtung traditioneller Werte verbundener fühlen als mit laizistischen Sozialisten, sucht Ramadan seine Gesprächspartner auf der politischen Linken. Was er am Westen nicht mag, sagt er, sind "die Exzesse", die "Besessenheit vom Konsumismus" – für ihn ist die islamische Spiritualität eine Gegenkraft zu geistlosem Kommerz und Materialismus. Eine Gedankenreihe, die Ramadan in die Nähe linker Globalisierungskritiker rückt, was ihm vor etwas mehr als einem Jahr auch eine Einladung zum Europäischen Sozialforum in Paris einbrachte.

 

Ein Umstand, der damals Anlass zu wilden Vorwürfen gab, in globalisierungskritischen Kreisen würde Antisemitismus en vogue – denn Ramadan hatte zeitgerecht einen Streit mit führenden jüdischen Intellektuellen in Frankreich vom Zaun gebrochen. Deren Haltung zum Irakkrieg und zum Nahostkonflikt sei durch eine falsche proisraelische Loyalität bestimmt – diese "französisch-jüdischen Intellektuellen, die bisher als universalistisch galten, haben neuerdings angefangen, sowohl auf nationaler wie auf internationaler Ebene Analysen zu erstellen, die immer stärker die großen Sorgen der jüdischen Gemeinschaft berücksichtigen", schrieb er. Ausdrücklich nennt er Alain Finkielkraut, Bernard-Henri Levy, Andrè Glucksman und den einstigen Gesundheitsminister Bernard Kouchner. Der hieß ihn im Gegenzug einen "intellektuellen Schurken".

 

Es war wohl ein kalkulierter Skandal: die Aufregung, die folgen musste, war wohl Kalkül, plötzlich war Ramadan auf Augenhöhe mit den führenden intellektuellen Medienstars der französischsprachigen Welt. Mit einem Mal hatte er aber auch den Ruf, ein Wolf im Schafspelz zu sein. Das war wohl auch der Grund, dass ihm im Sommer im letzten Augenblick die Einreise in die USA verboten wurde, wo er ausgerechnet an einer katholischen Universität eine Gastprofessur hätte antreten sollen. 

 

In einem zumindest ist Ramadan konsequent. In seinen Vorträgen findet sich kein einziger Aufruf zur Gewalt. Wer ihm mit Hinweis auf die Umstände kommt, die radikalen Widerstand doch legitimieren, dem antwortet er, wie jüngst in einem Gespräch mit der ägyptischen Wochenzeitung Al Ahram Weekly: "Wie immer die Umstände sein mögen, Menschen zu enthaupten oder Unschuldige als Geiseln zu nehmen ist nicht islamisch und sollte von allen Moslems verurteilt werden". Das gelte auch für palästinensische Selbstmordattentäter, denn selbst "legitimer Widerstand" dürfe sich keiner "illegitimer Mitteln" bedienen.

 

Sympathisch muss einem Ramadan bei Gott nicht sein. Doch es ist wohl wie immer in Orthodoxien – selbst die Herätiker sind noch gefangen in den Dogmen, die sie langsam aufweichen, sie beginnen als Grenzgänger, und wie sie enden werden, weiss man am Anfang nie. Wenn man dem Islamismus nicht nur mit der Polizei bekämpfen, sondern auch mit geistiger Auseinandersetzung beikommen will, dann wird man um Tariq Ramadan als Gesprächspartner nicht herumkommen.

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