Ernst und trotzdem cool

Benjamin Kunkels Erstling „Unentschlossen“, Amerikas Literatursensation des Jahres 2005, liegt jetzt auf deutsch vor. Kunkel, ein Ironiker, der sich um Relevanz bemüht, gilt schon als Stimme einer neuen kritisches Generation.

 

Einer wie Benjamin Kunkel muss erhofft, ja richtig ersehnt worden sein. Erfolgreichster Debütant des Jahres 2005 war der 33jährige mit seinem Roman „Unentschlossen“ in den USA sowieso. Gegen die heftigen Umarmungen des linksliberalen Jetssets kann der Autor sich seither kaum erwehren, schon gilt er als „die neue Sensation des literarischen New York“. Wie üblich, ist es dabei nicht damit getan, einen Autor für einen guten Roman zu loben, erhoben wird er sofort zur neuen Stimme einer neuen Generation. Endlich einer, der leicht und ironisch schreiben kann und doch die substantiellen Fragen angeht – ernst und trotzdem cool. „Der lustigste und klügste Entwicklungsroman seit Jahren“, pries ihn Jay McInerney in der New York Times, der gleichzeitig „die Geburt eines sozialen Bewusstseins“ annonciere.

 

Kunkels Hauptperson, Dwight Wilmerding, ist ein zielloser 28jähriger, der sein Philosophiestudium geschmissen hat und beim Medikamentenmulti Pfitzer im Technischen Support arbeitet. Gelegentlich wirft er sich Ecstasy ein, er steckt so halb in einer Beziehung und leidet an chronischer Unentschlossenheit. Im Alltag kann er kaum eine Detailentscheidung treffen, durch’s Leben driftet er so generell. Der Job geht flöten, das Erwachsenwerden verschiebt er erst einmal. So ein typischer Subkultursoftie eben: „Du bist ein wandelndes Klischee“, sagt seine Freundin einmal: „Und noch nicht einmal ein neues“. Er ist eine Art extra unglücklicher Holden Caufield, weil er einer Generation angehört, der das Haulden-Caufield-hafte von den Vorgängergenerationen nur als zerschlissener Lifestyle, der im Second-Hand-Laden längst von der Stange zu haben ist, überlassen wurde. Was Dwight von anderen literarischen Figuren dieses Zuschnitts unterscheidet: Er sieht das als Problem. Als ihm einer seiner Wohngemeinschaftskumpels eröffnet, die chronische Unentschlossenheit habe einen Namen – Abulie –, und könne mit Tabletten behandelt werden, greift er sofort zu. Fest entschlossen, was er freilich zu verbergen versucht, aus Angst, „der entschlossen ausgedrückte Wunsch, von Unentschlossenheit geheilt zu werden, könnte einen Probanden womöglich von vornherein disqualifizieren“. Er besucht eine Schulfreundin in Ecuador, die ihn dann aber mit ihrer Freundin Brigid sitzen lässt. Mit der, einer Kämpferin gegen Unrecht jeder Art, macht Dwight einen Trip in den Dschungel, wo er eine Art Damaskuserlebnis hat: als zielloser Twentysomething fährt er in den Busch, als „demokratischer Sozialist“, als verknallter und beziehungsfähiger noch dazu, kommt er heraus.

 

Klinkt wie eine deprimierende Karikatur eines Entwicklungsromans mit argem Agitpropeinschlag? Irrtum: Das ganze ist extrem lustig, extrem klug – ein „intellektueller Roman“, der trotzdem nicht anstrengend wird. Instinktsicher macht Kunkel die Kurve, wenn diesbezüglich Gefahr droht. Das ganze ist voll mit scharfsinnigen Zeilen, hinreißender Komik und mit dichten, schnellen Dialogen.

 

Was Kunkels Buch dennoch vom, im ähnlichen Sound vorgetragenen, Mainstream der Popliteratur unterscheidet, ist die Anstrengung, nicht allein an der Oberfläche entlang zu surfen. Kunkel ist, wie man heute so schön sagt, um „Relevanz“ bemüht, während er gleichzeitig nicht „bemüht“ wirkt. Dass er im zweiten Leben Redakteur des hippen Theoriejournals „n+1“ ist und in den angesehenen linken und liberalen Blättern von „The Nation“ bis zum „New York Review of Books“ schreibt, hilft gewiss, dass der Autor zu einer personifizierten Botschaft wird: als einer, der sich Gedanken über die Welt und über seine Generation macht, über diese seltsamen Twenty- und Thirtysomethings, diese Kinder des Konsumkapitalismus, denen alles zur Zerstreuung gereicht – wenn nötig auch noch die Rebellion. Kurzum: Ein Ironiker, der nicht alles ironisiert.

 

Kunkels Erstling ist ein Buch, das den Nerv der neuen coolen Metropolenbohème ebenso trifft wie den von globalisierungskritischen Naomi-Klein-Fans – vorausgesetzt, sie sind zu einer Spur Selbstironie fähig. Ein bisschen Hype kommt dann natürlich auch immer dazu. Ein virtuoser Erzähler, der etwas zu sagen hat, ist Kunkel allemal. Deswegen muss er nicht gleich „eine Sensation“ sein.

 

Benjamin Kunkel: Unentschlossen. Aus dem Amerikanischen von Stefanie Röder. Bloomsbury, Berlin, 2006. 314 Seiten, 20,50 €

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