Hände weg von meiner Paranoia

Nach dem vereitelten Unterhosenattentat verfällt der Westen wieder in Terrorpanik und Sicherheitswahn, wird gejammert. Aber ist das überhaupt wahr? taz & Standard, 12. Jänner 2010

 

 

Unter den vielen Meldungen, die dem gescheiterten nigerianischen „Unterhosenbomber“ folgten, der zu Weihnachten eine Passagiermaschine auf ihrem Flug nach Detroit sprengen wollte, sticht eine als besonders amüsant hervor: die jetzt allgemein geforderte Einführung von Nacktscannern könnte sich in Großbritannien empfindlich verzögern. Und zwar, weil die Scanner gegen das britische Kinderpornographiegesetz verstoßen würden. Jegliche „Abbildungen“ nackter Kinder werden von diesem Gesetz kategorisch verboten. Man könnte dies gut als Kurzschluss zweier gesellschaftlicher Paniken charakterisieren: einerseits die Panik, wir könnten jederzeit einem Terroranschlag zum Opfer fallen; andererseits die allgegenwärtige Sorge, böswillige Perverse könnten den lieben Kleinen etwas zu leide tun. Beide Gefahren haben in den vergangenen zehn Jahren für Schlagzeilen, Einschaltquoten und leise Hysterie gesorgt. Jetzt fährt gewissermaßen die eine Panik der anderen in die Parade.

 

Aber bei dieser anekdotischen Heiterkeit bleibt es dann auch schon. Schließlich ist fraglich, ob die Geschäftigkeit und das Stakkato an Forderungen nach neuen Sicherheitsmaßnahmen, die jedem – gelungenen oder gescheiterten – Anschlag folgen, wirklich als „Panikreaktionen“ zu charakterisieren sind. Denn die Überbietungstrategien von Medien und Politikern, die immer und erwartungsgemäß noch mehr Gesetze, die Einführung von noch besseren Technologien fordern, gehen doch ganz augenscheinlich an der Stimmung der Bevölkerung vorbei. Wo genau ist eigentlich die Panik? Wer steigt denn bibbernd ins Flugzeug? Wer fühlt sich wirklich unsicher, wenn er einen Bahnhof betritt? Wer bettelt denn darum, den Sicherheitsbehörden alle Bürgerrechte auszuliefern, vermeintlicher Sicherheit wegen?

 

Die große Aufregung ist jedenfalls nirgendwo zu konstatieren – eher eine bemerkenswerte Gelassenheit. Und das ist längst ein wiederkehrendes Muster. Schon als 2005 Anschläge auf die Londoner U-Bahn, die „Tube“, 50 Menschen töteten, war von der „heroischen Gelassenheit“ der Briten die Rede. Da schleppten sich die Überlebenden aus den U-Bahn-Schächten, schippten sich die Asche von den Schultern, gingen ins nächste Starbucks und sagten druckreif in die TV-Kameras: „Damit haben wir doch täglich gerechnet.“

 

Nicht, dass westliche Gesellschaften nicht erregbar und hysterisierbar wären. Ganz gewiss sind sie das: Die Kulturalisierung und Religiösisierung von Konflikten, wie sie in den vergangenen zehn Jahren Einzug gehalten hat, trägt oft paranoide Züge – die Angstlust, dass „uns“ die Moslems „überschwemmen“, dass „wir“ und „der Islam“ einfach nicht zusammenpassen und „wir“ in Europa, der Migration wegen, „von Moslems umzingelt“ sind, diese Politpathologie hat sich bis in den gesellschaftlichen Mainstream hineingefressen. Aber eine Terrorhysterie gibt es nicht. Auf die Bedrohung durch Terror reagieren die westlichen Gesellschaften grosso modo erstaunlich vernünftig.

 

Auch wenn auf jeden Attentatsversuch neue, oft erratische Sicherheitsmaßnahmen folgen: Dem „Schuhbomber“ Richard Reid verdanken wir, dass wir uns am Flughafen die Schuhe ausziehen müssen, dem Versuch, mit nachträglich gepanschten Explosivstoffen ein Flugzeug zu sprengen, verdanken wir das Flüssigkeitsverbot und die Unbequemlichkeit, uns das Rasierwasser und die Abschminkmilch jetzt am Reiseziel besorgen zu müssen. Ein wenig lästig ist das. Aber eine Bedrohung unserer liberalen Freiheitsrechte? Naja.

 

Im Grunde liegen die Dinge auf der Hand und die Bürger scheinen dafür ein vernünftiges Verständnis zu haben: Hundertprozentige Sicherheit ist nicht zu haben. Auch die besten Geheimdienste und die klügsten Sicherheitsmaßnahmen können nicht ausschließen, dass doch mal einer durchkommt. Und selbst wenn totale Sicherheit möglich wäre, würde das unverhältnismäßige Unbequemlichkeiten nach sich ziehen. Also ist man bereit, das kleine Risiko, das bleibt, zu tragen.

 

Ha, sagen da einige gelernte Linke, daran sehe man, dass die neuen Sicherheitsmaßnahmen nur der inneren Aufrüstung dienen, kleine Schritte zur totalitären Kontrolle aller seien, aber gegen terroristische Anschläge gar nichts bringen. Zumal, wie manche dann auch noch hinzu fügen, die Gefahr doch gar nicht bestehe: drei versuchte Flugzeugattentate seit 2001 seien doch Indiz genug für heillose Übertreibung. Aber was eigentlich legt diesen Schluss so zwingend nahe? Dass al-Qaida-affine Terrordilettanten Anschläge auf Passagiermaschinen gleich bleiben lassen oder zumindest versuchen müssen, sich immer ausgefallenere Spreng- und Schmuggeltechniken auszudenken, sodass sie mit so prekären Varianten wie der Zündung ihrer Unterhosen experimentieren müssen, ist doch zunächst nur ein Beweis dafür, dass ihnen simplere – und darum für sie „sicherere“ – Varianten nicht mehr zur Verfügung stehen.

 

Gewiss ist es hier immer eine Abwägungsfrage, ob neue Sicherheitsmaßnahmen nicht zu sehr in unser aller Privatsphäre eingreifen. Aber es bleibt doch ein schaler Geschmack, wenn diese Abwägungsfragen zu Glaubensfragen hochstilisiert werden. Beispiel „Nacktscanner“: Die Frage ist, ob diese Technologien irgendwelche nennenswerten Sicherheitsgewinne brächten und ob sie gesundheitsgefährdend sind (was sich bei Röntgenstrahlen, selbst in niedrigster Dosierung, nicht ausschließen lässt). Aber davon abgesehen: Warum sollte gerade ein Körperscanner meine Privatsphäre unerträglich beeinträchtigen? Es ist bisweilen geradezu grotesk: Oft sind es die selben Leute, die sich im Supermarkt eine Kundenkarte aufschwätzen lassen oder bei Amazon ihre Bücher bestellen und damit großen Unternehmen ihre Konsumvorlieben und ihr Lektüreverhalten frei Haus liefern, die die Vorstellung empört, ein Flughafenbeamter könnte ihnen unter die Wäsche schauen, ihre Körperschemen oder ihre Intimpiercings sehen.

 

Womöglich ist das eine Geschmacksfrage, aber es lassen sich gute Grunde anführen, dass die klassische Gepäckskontrolle inklusive der Begutachtung ungewaschener Socken entwürdigender ist.

 

Zu diesen diskursiven Fragwürdigkeiten zählt auch die Häme, die nach den Pannen um den „Unterhosenbomber“ nun den Geheimdiensten und anderen Sicherheitsbehörden entgegenschlägt. Einerseits wird angemerkt, dass die geringe Zahl der versuchten Terrorattacken die Sammelwut an Daten nicht rechtfertige, ohne überhaupt in Erwägung zu ziehen, dass es vielleicht durchaus auch die Erfolge der Sicherheitsbehörden sind, die Terrorpläne schon im Vorfeld vereiteln. Alleine in den USA sind im vergangenen Jahr eine Reihe solcher Komplotte aufgeflogen, ohne dass es darum viel hysterisches Aufheben gegeben hätte. Andererseits wird die peinliche Panne, dass der radikalisierte nigerianische Ex-Ministersohn Abdulmutallab trotz aller Warnungen – sogar der Vater hatte die US-Behörden auf seinen durchgeknallten Filius aufmerksam gemacht – durch alle Kontrollen schlüpfen konnte, als Beweis dafür genommen, dass die Sicherheitsdienste sich in ihren Datenkonvoluten hoffnungslos verheddern. Da ist gewiss etwas dran: Wenn man tausende Hinweise sammelt, Millionen E-Mails scannt, hunderttausende Telefonate auf verdächtige Catch-Phrasen abhört, dann wissen Geheimdienste zwar theoretisch viel, aber praktisch bleibt dieses Wissen unter einem Datenfriedhof begraben. Nur wirkt es etwas bizarr, wenn dieses Argument gerade von jenen vorgebracht wird, die stets etwas alarmistisch vor einem „Überwachungsstaat“ warnen. Denn wenn man sich vor der Sammel- und Überwachungsleidenschaft undemokratischer Sicherheitsdienste fürchtet, dann ist das doch eine gute Nachricht, dass diese Dienste ihre Datenmengen nicht mehr zu beherrschen vermögen.

 

Man darf sich also schon fragen, ob die Rede vom „Überwachungsstaat“ nicht eine Prise wahnhafter ist als der beklagte „Sicherheitswahn“ selbst. Wenn es Tendenzen in Richtung einer Überwachungsgesellschaft und in Richtung des gläsernen Bürgers gibt, dann sind die Einfallstore eher die allgemeine Angst vor Kriminalität, die uns flächendeckende Videoüberwachung und hell bestrahlte Bahnhofsvorplätze beschert und das Datentrading großer Unternehmen. Aber dass sich die Bürger aus Terrorpanik in die Arme einer globalen Mega-Stasi werfen – diese These braucht schon den Humus der Paranoia. Auf die Realität kann sie sich jedenfalls nicht stützen.

 

Vielleicht fügt sie sich aber auch nur bestens in ein Weltbild des Ressentiments, das in sich nicht einmal besonders stimmig sein muss: dass Sicherheitsdienste dumm und inkompetent sind; dass sie alles über uns wissen und uns umfassend kontrollieren; dass „der Westen“ grundsätzlich kopflos auf islamistische Terroristen reagiere; selbst die steile These, dass Barack Obama auch nichts anderes als Bush täte, fügt sich blendend in dieses selbstgestrickte Bescheidwissen, das sich aus der Realität nur immer jene Mosaiksteinchen rauspickt, die das Ressentiment scheinbar bestätigen.

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Ein Gedanke zu „Hände weg von meiner Paranoia“

  1. Ob Sicherheitswahn und Terrorpanik oder berechtige Verbesserung der Flugsicherheit – darüber lässt sich trefflich streiten.
    Interessant ist allerdings, dass die Sicherheitsverbesserungen immer nur reaktionär funktionieren – da versucht ein Attentäter etwas Neues, und flugs wird diese „Lücke geschlossen“. Ob dies der richtige Ansatz ist, wage ich zu bezweifeln.
    Da ich schon ein bisschen was von der Welt gesehen habe, kann ich nur von anderen Ländern und anderen Sitten – und anderen Sicherheitsvorkehrungen – berichten. In Südamerika, in Afrika, in Asien sind die Sicherheitsvorkehrungen fast durchgehend lächerlich im Vergleich zum Standard in Europa. Aber ist das nun gut oder schlecht?

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