Ein paar Gedanken zu den „Islamdebatten“ der vergangenen Tage

Ich denke, dass es Situationen gibt, in denen es die „reine“ zufriedenstellende Argumentation nicht gibt. Vielleicht ist es das, was alle Seiten einmal anerkennen müssen. Ja, man muss auch die gemäßigten Religiösen immer kritisieren können, weil die gemäßigte Irrationalität ein fruchtbarer Boden für die Fundamentalismen jeder Art ist, aber wir wissen natürlich auch, dass wir mit den gemäßigten Gläubigen gemeinsam den Kampf gegen die Fundamentalismen führen müssen und es falsch wäre, sich von ihnen zu entfremden. Wir wissen genauso, dass der Radikale immer einen Tunnelblick hat und rationale Argumente, die ihn erklären, einen Hautgout der Legitimierung und des „Verstehens“ haben, aber wir wissen auch, dass es erklärbare und damit auch bekämpfbare Gründe gibt, die ihn dazu führten, und dass es immer eine Reihe von Gründen sind, von denen manche sogar sehr verständlich, manche wiederum absolut unentschuldbar sind. Wir wissen, dass der Radikale einen Tunnelblick hat und für rationale Argumente nicht mehr erreichbar ist, aber wir wissen auch, dass der Radikale vorher ein Nichtradikaler war, der noch keinen Tunnelblick hatte, es also wichtig ist, die Mechanismen zu verstehen, die ihn über diese Linie brachten, um das bei anderen vielleicht noch zu verhindern. Deshalb ist also gewissermaßen der sozialpädagogische Blick sogar auf den Radikalen auch wichtig. Ja, scharfe Religionskritik muss gegenüber jeder Religion geübt werden, aber es macht auch einen Unterschied in der Sprecherposition aus, wenn die konkret kritisierte Religion in überwiegendem Maße die Religion einer Minorität ist, die sich gleichzeitig mit Recht als Underdogs fühlen, was wiederum die Frage des richtigen Zungenschlags schon sehr wichtig macht. Wie immer – also in jeder kommunikativen Situation – schadet es nicht, wenn der Sprechende sich selbstreflexiv fragt: Wer bin ich und was ist meine Sprecherposition und wie wird sie vom Gegenüber (richtiger: von den verschiedensten Gegenübers) empfunden? In einer solchen komplexen Gemengelage ist womöglich die „reine, richtige“ Argumentation nicht im Angebot, und vielleicht ist das ja das, was man begreifen muss, weil die Vorstellung einer Reinheit, die unabhängig von der konkreten, dh. immer schmutzigen, weil komplexen Wirklichkeit sei, selbst schon einen Anflug des Fundamentalistischen hat. Klarheit ist wichtig, genauso ist aber Rigidität meist ein schlechter Ratgeber. In der komplexen wirklichen Wirklichkeit zeichnet die richtige Argumentation also womöglich aus, dass sie immer auch ein wenig unzufriedenstellend ist.

blogwert

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