Was ist dieses Jahr wahr?

Kritik am „Mainstream“ ist der letzte Schrei. Aber was ist das überhaupt: Mainstream. Eine Umkreisung. Neue Zürcher Zeitung, 17. September 2016

Die Behauptung, dass es ein Kartell des medialen Mainstreams gäbe, ist heute schon Mainstream. Man könnte beinahe meinen, sie wäre der letzte überhaupt denkbare Mainstream geworden. Mit dieser Behauptung versuche ich mich natürlich auch gleich jenseits des Mainstreams zu situieren, denn das muss man als Autor, die Situierung jenseits des Mainstreams ist schließlich der Königsweg zum Erfolg als Autor. Man stelle sich nur zwei mögliche Charakterisierungen eines Autors vor: Der eine, über den man sagt, „er ist ein Querdenker, der jeweils jenseits des Gewohnten denkt“ – und der andere, über den geschrieben wird, „er schreibt immer exakt das selbe, was auch die anderen schreiben“. Na, wen würde man da denn spontan für den interessanteren Autor halten?

Man kann über die Frage des Mainstreams nicht diskutieren, ohne zunächst einmal die Frage nach der Wahrheit oder der Wirklichkeit zu stellen. Denn einerseits hätte der Mainstream-Verdacht doch überhaupt keine Relevanz, wenn ein allgemeines Verständnis darüber herrschte, dass es „Wahrheit“ und „Wirklichkeit“ gäbe. Dann würde ja primär die Frage im Raum stehen, ob die „Wirklichkeit“ akkurat beschrieben ist, und nicht, ob es bei dieser Beschreibung einen Druck in Richtung „gewohnter Mehrheitsmeinung“ gibt. Und zweitens steht ja bei der Mainstream-Kritik immer die Behauptung im Zentrum, irgendein Mainstream würde die Wahrheit unterdrücken.

Nun kann man natürlich sagen: Wahrheit gibt es nicht. Oder besser: Wirklichkeit. Wirklichkeit, jedenfalls die über den engsten Rahmen des sinnlich Wahrnehmbaren hinaus geht. Meinetwegen, wenn ich in den Fluss falle und der ist kalt, dann ist für mich die Aussage „dieser Fluss ist kalt und er ist nass“ schon wahr. Aber selbst in diesem Fall ist die Wirklichkeit, so wie wir sie wahrnehmen, eingefärbt von Gewohntheiten. In irgendeinem klugen Buch, dessen Name mir entfallen ist, habe ich einmal folgenden Satz gelesen: „Wenn man die Fische fragt, wie es am Meeresgrund aussieht, vergessen sie wahrscheinlich zu erwähnen, dass es dort nass ist.“ Nur für den, der in den Fluss fällt, ist er nass und kalt, natürlich aber nicht für den, der dort immer lebt.

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Noch fragwürdiger ist natürlich die Wirklichkeit, die wir nicht aus unmittelbarer Erfahrung kennen, sondern medial vermittelt. Hat das Ereignis, über das berichtet wird, überhaupt stattgefunden? Wenn es stattgefunden hat, hat es so stattgefunden, wie es berichtet wird? Hat es, wenn man aus anderer Perspektive als der Berichterstatter blickt, vielleicht anders stattgefunden? Hat es, in einer medial vermittelten Welt, in der das Ereignis die Bestätigung durch die mediale Verarbeitung bedarf, gar erst stattgefunden, weil darüber berichtet wird? Wurde es vielleicht gar ins Geschehen gesetzt mit Blick auf spätere Berichterstattung? Ist es wirklich, weil es ein Ereignis ist, über das berichtet wurde, während ein Ereignis, das vielleicht genauso stattgefunden hat, über das aber nicht berichtet wird, jene Wahrnehmungsschwelle, die es erst zu einem wirklichen Ereignis macht, nicht überschreitet? Und da die Wirklichkeit ja nicht aus einem Ereignis besteht, sondern aus einer Fülle von Ereignissen, die wir erst in der Summe „unsere Wirklichkeit“ nennen, oder Episoden, die es nicht einmal bis zur Ereignishaftigkeit bringen, müssen wir da nicht sagen, dass die Wirklichkeit durch Medien einfach produziert ist, dass einem völlig zufälligen Auswahlverfahren unterliegt, was am Ende als kanonische Wirklichkeit erscheint?

Der Conneuisseur weiß jetzt schon, dass hier gleich um die Ecke das Schlagwort von der „medialen Konstruktion der Wirklichkeit“ wartet. Aber was heißt das denn eigentlich, dass alle Wirklichkeit medial konstruiert sei? Wenn es schlichtweg keine Differenz mehr gibt zwischen Wirklichkeit und Konstruktion, was unterscheidet dann den Tatsachenbericht von der Fiktion? Was die Lüge vom akkuraten Bericht? Was die nackte, böse Propaganda von dem Versuch der Wahrheitsgemäßheit?

Nichts wird so allgemein genutzt wie Medien. Schon der Satz, dass doch jeder Medien nutze, trifft die Sache nur oberflächlich. Die Menschen nützen Medien ja nicht nur, sie leben in ihnen. Nein, benützen tut man Kartoffelschäler und den Elektrorasierer. Das nutzen von Medien geht über das bloße benützen bei weitem hinaus, so weit, dass der Begriff der Medien-Nutzung selbst schon halb falsch ist. Die Medien benützen den Benutzer mindesten so sehr, wie der Benützer sie.

Medienunfreiheit, der Kampf um elementare Pressefreiheit – das ist etwas, um das andere kämpfen müssen. Nicht wir. Es gibt Länder, wo Reporter erschossen werden, investigative Journalisten in den Kerker wandern. Wo man für einen Leitartikel, der es mit dem Präsidenten aufnimmt, seine Existenz riskiert. Sofern es überhaupt Zeitungen gibt, in denen Leitartikel theoretisch erscheinen könnten, für die man die Existenz verlieren könnte. Aber diese Länder sind weit weg.

Bei uns gibt es Medienfreiheit. Zensur findet nicht statt. Aber wenn man diese beiden Sätze so schreibt, würden wohl schon die meisten Menschen aufjaulen. Medienfreiheit? Bei uns? Zensur ist doch alltäglich! Nur viel subtiler! Schau doch rein in die Zeitungen! Überall die gleiche Meinung.

Dabei gibt es ja kaum eine Meinung, und sei sie noch so abstrus, die nicht geäußert würde. Ja, je bizarrer eine Meinung, umso mehr wird sie via Talkshows und Coverstorys in die Welt hinausposaunt, weil der „Aufreger“ ja für Aufmerksamkeit sorgt, und sich Aufmerksamkeit in Quote und Auflage und somit in kommerziellen Erfolg übersetzt.

Natürlich, der Eindruck von einem „Mainstream-Meinungskartell“ wird geschürt, von interessierter Seite. In den letzten Jahren haben vor allem die rechtspopulistischen Hetzer eine regelrechte Kunstform daraus gemacht, via alle Medienkanäle hinauszuposaunen, ihre Meinung würde von der „politischen Correctness“ der Mainstream-Medien, wie sie das nennen, unterdrückt. Morgens beklagen sie es im Boulevard, abends in der TV-Talkshow. Es ist eigentlich zum Schreien komisch. Da kann einer, wie beispielsweise Thilo Sarrazin, ein Buch schreiben, das vom Spiegel mit einem Vorabdruck in den Markt gedrückt, von der Bild-Zeitung mit einer Kampagne begleitet wird, von der „Zeit“ mit einem großen Interview geadelt wird, das sich millionenfach verkauft, er sitzt wochenlang in jeder Talk-Show und in jeder dieser Talksshows beklagt er, dass ein Mainstream-Medienkartell ihn mundtot zu machen versucht. Nicht mal mit der Fernbedienung in der Hand kommt man ihm aus.

„If you live in a myth, everything looks like a supporting fact“, sagen da die Amerikaner dazu: „Wenn Du in einem Wahn lebst, sieht alles wie ein Beweis aus.“

Heißt aber all das, dass es Mainstream überhaupt nicht gibt, dass man im Tunnelblick und einem Wahnsystem gefangen sein muss, um an den Mainstream zu glauben? Auch das wäre wohl vorschnell geurteilt. Womöglich gibt es einen Korridor der „ernsthaften Meinungen“, und dieser Korridor wird enger. Wer sich innerhalb dieses Korridors bewegt, der gilt als „ernstzunehmender Auskunftsgeber“, wer sich jenseits bewegt, als origineller Querdenker, als Clown des Betriebs. Michel Foucault hat in seinen Studien über die „Ordnung des Diskurses“ herausgearbeitet, welch feine Zuschreibungen darüber entscheiden, ob jemand als Sprecher anerkannt ist oder nicht – dazu gehören Profession, Kleidung, Sprechstil und tausende andere Aspekte, von der Gestik bis zu Verhaltenschemata. Mithilfe dieser Regelhaftigkeit wird Macht ausgeübt.

Ist es also vielleicht eher so etwas wie ein „Mainstream-Effekt“, wenn bestimmte Perspektiven und Ideen als respektabel, andere von vornherein als bestenfalls unterhaltsame Clownerien abgetan werden? Diese Mainstream-Effekte gibt es in jedem Feld: Dass in den Wirtschaftswissenschaften eine bestimmte Perspektive in den letzten Jahrzehnten Mainstream wurde, während eine Perspektive, die früher Mainstream war, zur Außenseiterposition wurde, ist ja unbestreitbar. Und anders als in den exakten Naturwissenschaften können Mainstream und Außenseiterposition alle paar Jahre wieder wechseln. Es gibt ja diesen Ökonomen-Witz: Sie ist jene Wissenschaft, in der jedes Jahr das exakte Gegenteil von dem richtig ist, was im Vorjahr richtig war.

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