Der Tagtraum vom aufrechten Gang

Meine Kolumne in der „LIGA“, Magazin für Menschenrechte

Irgendwo weit oben in meinem Regal, dort, wo die Bücher dem Staub gehören und vom Leser selten gestört werden, da ist das Revier meiner Ernst-Bloch-Bände. Gelegentlich denke ich an die Buchtitel. Überhaupt sind es ja oft die Buchtitel, an die man sich erinnert, wenn der Inhalt in Vergessenheit geraten ist. Eines dieser Bloch-Bücher hat den wunderschönen Titel „Tagträume vom aufrechten Gang“. Gute Buchtitel führen ja ein Eigenleben. „Aufrechter Gang“, das war so eine Metapher aus dem Zeitalter der Aufklärung. Hier schwingt ein Bild mit: Dass der Mensch aufrecht geht, nicht gebückt. Dass er mit Selbstbewusstsein durchs Leben geht, sich nicht kommandieren lässt. Dass er sich selbst respektieren kann, weil ihm niemand mit Respektlosigkeit begegnet, und er daher auch alle anderen respektiert. Männer und Frauen, die den Kopf hoch tragen können. Tagträume wiederum sind Phantasien, die in der Realität noch nicht völlig realisiert sind, aber anders als Nachtträume sind sie nicht reine Kopfgeburten, sie sind eben Träume, deren Realisierung, wenn schon nicht ansteht, dann doch im Bereich des Möglichen ist. Tagträume sind Träume, deren Wirklicheitwerdung wir noch erleben werden. So dachten wir uns das damals, in meinen späten Teeniejahren, als ich das Buch klaute. Seinerzeit, als ihr noch nicht geboren wart.

„Tagträume vom aufrechten Gang“ – ihr versteht jetzt, was diese Worte in mir zum Klingen bringen.

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Dieser Tagtraum vom aufrechten Gang ist seit Menschengedenken ein „linker Traum“. Ein Traum von Gleichheit und Gerechtigkeit, der Traum von einer Welt, in der alle Menschen den Kopf hoch tragen, weil sie alle die gleiche Achtung erfahren.

Aber die Welt ist kompliziert. Die, um deren Befreiung zur Selbstachtung es den Linken immer ging, wollen sich nicht immer von den Linken befreien lassen. Gut, das ist ja durchaus ihr gutes Recht und noch kein großes Problem. Zum Problem wird es nur, wenn diese Leute den Eindruck haben, die Linken würden sie verachten.

Viel ist in diesen Monaten von der „zornigen weißen Männern der Arbeiterklasse“ die Rede. Sie wählen gerne rechts. Ja, teilweise weil sie einfach selbst rechts sind: weil sie Ausländer hassen und autoritäre Führer gut finden. Aber auch, weil sie finden, dass ihnen sonst ohnehin niemand zuhört. Dass sich für sie niemand interessiert. Sozialdemokratische Parteien in Europa haben Umfragen im Giftschrank, aus denen hervorgeht, dass diese Leute meinen, die Sozialdemokraten würden sie „verachten“. Die Art wie sie leben, die Art wie sie denken, die Wünsche, die sie an ihre Lebenswelten haben. Nein, nicht etwa kritisieren – schlichtweg „verachten“. Ihre Rebellion gegen diese Verachtung ist ihr Wahlverhalten. Ist das vielleicht gar ihre Art des „aufrechten Gangs“?

Wahrscheinlich tun wir gut daran, darüber ein paar Minuten länger nachzudenken, und die Schuld nicht gleich auf den Rassismus, das autoritäre Denken oder die politische Unbildung dieser Leute zu schieben, oder auf ihre Bereitschaft, sich von populistischen Lügenbaronen übertölpeln zu lassen.

Die politischen Mitte-Links-Parteien, von Sozialdemokratie, über Grüne bis sonstwohin, sind eher akademische Mittelschichtsparteien geworden, und die humanistisch-linksliberalen Milieus als ganzes erst recht. Ihre Protagonisten haben mit den Lebenswelten der Vorstädte und der Kleinstädte nicht mehr viel zu tun. Anders als früher kommt aber in ihren Denkwelten der Arbeiter nicht einmal mehr in der Phantasie-Figur des „würdigen Proletariers“ vor, der die Welt aus den Angeln heben wird, sondern als bildungsferner Unterschichtler. Das bedeutet natürlich nicht, dass man ihm tatsächlich mit ostentativer Herablassung begegnet, aber doch mit diesem leisen Paternalismus, der sich in die Sprache einschleicht: Man muss „rausgehen zu den Leuten“, das ist, beispielsweise, eine Formulierung, die in den Giftschank gehört, dort wo die indexierten Wörter endgelagert sind.

Selbst die altehrwürdige Idee von Bildung und Aufklärung kann von oben herab wirken, suggeriert, diese Leute würden falsch denken, aber wenn sie an sich arbeiten, wenn „wir“ „das“ (also deren) Bildungsproblem lösten, könnten sie aus ihrem Leben etwas machen. Die Botschaft, die da mitschwingt: So wie ihr heute lebt, ist es falsch. Ihr müsst Euch ändern. Ihr könnt das auch.

Aber was, wenn diese Leute gar nicht finden, dass sie so falsch leben? Dann erfahren sie das eher als herablassende Anmaßung irgendwelcher Maturanten und Bürgerssöhnchen- und -töchtern, die ihnen erklären wollen, wie sie richtig zu leben, zu denken, zu sprechen, zu essen und was auch immer haben.

Runterschauen auf Leute ist nicht links. Herablassung, selbst wenn sie nicht bös gemeint ist, rächt sich. Wir sollten den Tagtraum vom aufrechten Gang nicht aufgeben.

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