Ein Gipfel der Verlogenheit

Mein Essay zum G-20-Gipfel von Hamburg für den „Freitag“

Militanz ist heute eine Bildsprache. Alles, was sie produziert, sind eindrucksvolle Bilder. Sie unterscheidet sich darin von der Werbung nicht signifikant. Das vielleicht definierende Bild der Hamburger Chaostage war daher die simultane Fernsehübertragung der Randale, während die Staatenlenker in der Elbphilharmonie Beethoven 9. Symphonie hörten. Übertragen auch noch mit Split-Screen. Links die Realität in den Straßen, Rechts die abgeschotteten Polit-Eliten in ihrer Pseudowirklichkeit. Wenn die autonome Randale einen Zweck verfolgt haben sollte, dann kann es nur die Produktion eines solchen Bildes sein.

Die „Bild“-Zeitung griff später genau diese Bildsprache auf, und produzierte einen Zwei-Minuten-Clip, der schicke Randale-Bilder und den Konvent der G-20-Mächtigen in- und gegeneinander schnitt, unterlegt mit der Musik aus der Elbphilharmonie. Es wird wohl unbeabsichtigt gewesen sein, aber am Ende sah der Springer-Film aus wie ein Werbeclip des schwarzen Blocks.

Wenn die Bildproduktion die Wirklichkeitsproduktion ist, dann ist es auch nahezu völlig irrelevant, wo randaliert wird, da eben die Randale nur mehr der Maßgabe der Werbung folgt und nicht einmal mehr am Rande der früheren „militärischen“ Logik. Keiner will mehr ein Winterpalais stürmen. Ja, nicht einmal die Außengrenzen der Sperrzonen, die Zäune, hinter denen sich die Mächtigen versammelten, sind Anziehungsorte. Der Ort der Macht, den es ohnehin nicht gibt, ist völlig irrelevant geworden. Das war noch vor zehn Jahren in Heiligendamm anders, als es gegen den Zaun ging, und bei den Gipfeln davor, als gegen die Rote Zone, die verbotenen Areale angerannt wurde. 

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Alle hyperventilieren jetzt, und in solchen Fälle gilt: Was man sagt ist falsch und den eigenen Emotionen muss man misstrauen. Die Gewaltorgie heimischer und angereister Militanter ist dumm, und sie ist mehr als das, sie ist natürlich ein Verbrechen. Im engeren Sinne: Jeder Stein auf einen Menschen ist, solange es keine verdammt gute Begründung dafür gibt, ein Anschlag auf die gesundheitliche Integrität wenn nicht gar das Leben einer Person – und irgendwelcher Leute Auto anzuzünden ist kein Akt der Revolte, sondern die Schädigung Unbekannter, auf deren Haben-Seite kein sichtbarer Vorteil für die Sache des Guten zu erkennen ist. In einer Diktatur oder wenn es um Notwehr gegen ein autoritäres Regime geht, mag diese Rechnung anders aussehen, und auch in einer gesellschaftlichen Situation, in der mit militantem Druck politische Kräfteverhältnisse verändert werden können. Aber nicht hier, nicht jetzt. Und sowieso sollte man solche Rechnungen nur mit spitzen Finger anstellen, da sie immer eine Büchse der Pandora öffnen – mit ihnen ist, in letzter Konsequenz, alles zu rechtfertigen, von der Guillotine bis zum Genickschuss und zum Gulag.

Die Militanz richtet sich nicht nur gegen Polizei und Herrschende, sie nimmt auch alle anderen in Geiselhaft. Die Mitdemonstranten, die man dazu zwingt, entweder an einer Gewalt-Demo teilzunehmen oder das Protestieren sein zu lassen, alle anderen Aktivisten, deren Engagement verunmöglicht wird. Ganz zu schweigen von den Stadtbewohnern, deren Bewegungsfreiheit man einschränkt und deren Viertel man zerlegt. Das ist das Verlogene an den gewohnten Sprachübungen der Autonomen-Sympathisanten, dass die Militanz als Aktionsform eben „auch“ ihren Platz haben müsse: die Militanten pflegen sich um den Platz der anderen üblicherweise nicht sonderlich zu scheren.

Da ist nicht wenig Verlogenheit dabei. Aber der Gipfel der Verlogenheit ist es noch nicht.

Der Gipfel der Verlogenheit findet auf der anderen Seite der Sperrzone statt. Da treffen sich Präsidenten, Premiers und Potentaten und tun so, als ginge es ihnen um die Welt, das Gute, das Klima, um die Rettung des Erdballs. Die Zeitungen reportieren das Gefeilsche über Schlusskommunique-Halbsätze, als ob die irgendeine Relevanz hätten. Propaganda-Bullshit, der sich weniger von den Gaga-Jubelmeldungen der KP-Nordkoreas unterscheidet als uns eingeredet wird.

Hätten die Herrschenden Macht, würden sie sie nicht zum Vorteil der Entrechteten nützen, sondern zu deren weiterer Entrechtung. Oder besser: die Annahme, sie würden die Privilegien der Privilegierten stutzen, wenn sie könnten, ist absurd.

Nicht, weil sie allesamt böse Leute, Büttel des Kapitals oder der Handlungsausschuss der herrschenden Klassen wären. Klar, manche sind Büttel, die anderen böse, die dritten Exekutoren der Interessen der globalen Hyperklasse, aber einzelne auch Leute, die das Schlimmste verhindern wollen, die sich ein Politikerleben um Fortschritte im Millimetermaßstab bemühen, während es in der Realität immer nur Rückwärts geht. Aber allesamt sind sie eingespannt in ein Netzwerk, das Änderungen verhindert, Konformität erzwingt, das dafür sorgt, dass sich nichts ändert. Das immer genug Gründe produziert, weshalb man sich zu 99 Prozent anpassen muss, nur um ein kleines Prozent des Übels zu verhindern. Aus diesen Zwängen ist noch keiner ausgebrochen. Eigentlich hat es auch noch keiner versucht.

Die Macht des Negativen ist das eine, aber augenfälliger noch ist die Ohnmacht der Versammelten. Glaubt denn irgendjemand, der bei Trost ist, dass diese Zwanzig etwas zuwege bringen könnten? Dass Treffen wie diese auch nur ein wenig signifikant Positives bewirken? Es ist ein Schauspiel der Macht, eine Maskerade und Komödie von Hilflosen. Dafür sperrt man eine ganze Stadt ab.

Und erklärt uns, bei aller berechtigter Kritik an den Angereisten sei es doch noch besser, dass miteinander geredet werde, womit natürlich der Kritik schon der Boden entzogen ist. Auch das ist ein Argument aus dem Werkzeugkasten des Geiselnehmers, eine Art rhetorisches Stockholmsyndrom, das erzwingen soll, dass man sich auch noch freut, wenn Trump und Putin und Erdogan und Frau May anfliegen – das habe man zu beklatschen, denn schlimmer wäre doch noch, wenn sie nicht anflögen.

Das ist vielleicht die schlimmste Folge der Globalisierung. Dass die Schurken im globalen Rahmen nicht als Schurken erscheinen, sondern, kaum verlassen sie ihre Schurkenzentrale, als Makler, denen man auch noch die Daumen drücken müsste. Schließlich seien sie ja die einzigen, die wir haben. Aber nein: Sie sind die Feinde, und sie sind zu bekämpfen. Im nationalen Rahmen käme niemand auf die Idee zu glauben, Putin wäre eine Kraft der Demokratie und bei Trump sei auf aufklärerische Vernunft zu hoffen. Die Kräfte des Fortschritts sind im nationalen Rahmen nicht die Staatenlenker, sondern die Zivilgesellschaften, die gegen sie demonstrieren oder sonstwie ihre brüchigen Stimmen erheben – von Amerika über Saudi Arabien bis Russland.

Wer uns erklärt, wir hätten auf diese Leute zu hoffen, sobald sie sich mit Ihresgleichen treffen, fordert eine Komplizenschaft ein, die nur abzuweisen ist. Eine Anmaßung, angesichts derer man spontane Anflüge von Sympathie mit dem Schwarzen Block bekommt. Diese Kartelle der globalen Macht werden nur dann anders agieren, wenn sie sich ordentlich zu fürchten beginnen.

Kein Gipfel der Verlogenheit ohne seine kleinen konkurrierenden Bergspitzen. Auch das linksliberale Gerede, Gewalttäter seien nicht links, sondern rechts, weil, bestechende Logik, ein Linker, sobald er Gewalt einsetze, zu einem Rechten werde, ist so dumm, dass es schon wieder weh tut. Natürlich besteht die überwiegende Mehrzahl der Riot-Boys (es ist ja seit eh und je mehr eine Buben-Angelegenheit), aus Linken. Gewiss, ein paar Provokateure mögen darunter sein und eine gar nicht so kleine Anzahl von Teenagern und Twenty-Somethings, die einfach nur Action haben oder sich schnell ein Smartphone plündern wollen, aber der Kern der Truppe ist politisch motiviert, darüber kann ja kein Zweifel bestehen. Und da muss der Einzelne vielleicht nicht viel im Kopf davon haben, aber die Militanz hat auch einen Sinn, also eine Idee: dass man Schneissen der Unsicherheit in die Wohlfühlzonen und die allgemeine Angepasstheit schlagen muss, dass sich dann, wenn man das tut, also die Gewalt in die Metropolen zurück bringt, die diese so gerne an die Peripherie exportieren, ein Möglichkeitsfenster für radikale Veränderungen öffnen kann, dass es solche Exzesse, solche urban Riots sein können, die Ermöglichen, was vorher unmöglich erschien. Dass Exempel der Rechtsübertretung eine freie Gesellschaft ohne Herrschaft antizipieren. Dass die Subalternen mit Bravheit alleine sicherlich keine Räume der Selbstbestimmung erstreiten können.

Man kann das wirre Gefasel mit gutem Recht für doof halten – aber es ist ein politisches Motiv, wenngleich ein krauses.

Daran ändert auch der Umstand nichts, dass das Revolutionsgetue selbst spießig genug ist. Allerorten wird jetzt das schwüle Haudrauf-Manifest „Der kommende Aufstand“ zitiert, das vom „laufenden Krieg“ schwadroniert und vom „Gefühl des unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruchs“, dieses Dokument der Selbstüberhöhung und der Bürgerkriegsphantasie. „Kein Anführer, keine Forderung, keine Organsiation … Nicht mehr warten heißt… in die aufständische Logik einzutreten.“

Das Wort „Revolutionskitsch“ bemühte die „Süddeutsche“ für die Hamburger Schanzennacht, und das ist sicher noch eine freundliche Charakterisierung solcher Streetfighter-Romantik. Immerhin auch der Rote-Flora-Sprecher sagt derweil unmissverständlich: „Wir müssen jetzt nicht als sozialrevolutionäre Erhebung verteidigen, was wir selbst nicht gut fanden.“

Vielleicht ist das alles auch nur sehr deutsch. Sehr deutsch, weil hier die Straßenmilitanz eine rituelle Ersatzhandlung ist. Anders als in den USA, in Griechenland, in Spanien, in Großbritannien gibt es hier keine akzentuierte Linke, die in nennenswerten Ausmaß um die gesellschaftliche Hegemonie mitkämpft. Eine Sanders-Regierung, ein Tsipras-Kabinettt, eine Corbyn-Führung – all das ist anderswo zumindest denkbar oder eine Realität. Und überall dort gibt es gesellschaftliche Bewegungen, Parteien aber auch einfach ein Engagement der Vielen, die diese politischen Kristallisationspunkte stützen.

Neue Mehrheiten, oder auch nur eine neue Denke in den Köpfen? Kaum wo ist man so weit entfernt davon wie hier.

Das Straßenkampfgeblödle macht die Luft nicht besser.

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