Du sollst (nicht) lügen!

Nach der Wahrheit: Lars Svendsen hat eine schlaue und geistreiche „Philosophie der Lüge“ geschrieben.

Die meisten Menschen sind die meiste Zeit weitgehend ehrlich, dennoch kommt kaum jemand ohne kleinere Lüge durch den Tag. Extrovertierte Menschen lügen mehr als introvertierte, und nicht nur, weil sie sowieso häufiger Aussagen treffen. Männer und Frauen lügen in etwa gleich oft, jedoch lügen Frauen häufiger, um Gefühle anderer zu schonen und Männer mehr, um die eigene Vortrefflichkeit hervorzuheben. Die allermeisten Leute haben bei solchen Lügen ein schlechtes Gefühl – das Gewissen rührt sich –, finden aber immer gute Gründe, um die Lügen zu rechtfertigen. Womit wir schon bei schwierigen ethischen Abwägungsfragen wären und somit mittendrin in Lars Svendsens „Philosophie der Lüge“. Der norwegische Philosoph schließt damit an kluge Abhandlungen der vergangenen Jahre an, so hat er beispielsweise auch schon eine „Philosophie der Einsamkeit“ und eine „Philosophie der Langeweile“ vorgelegt.

„Fast jeder ist der Meinung, dass es prinzipiell falsch ist zu lügen“, bemerkt Svendsen. Selbst jene, die die Lüge für rechtfertigbar halten. Man baucht keine Begründung, um die Wahrheit zu sagen, jedoch einen Grund, um zu lügen. Was die privaten Seiten des Lebens betrifft: Ganz ohne Lügen kommt man ohnehin nicht durchs Leben und absolute Ehrlichkeit gilt sogar als verpönt. Jemand, der in jeder Gesellschaft stets die absolute Wahrhaftigkeit pflegt, wird wohl bald zu keiner Zusammenkunft mehr eingeladen. Sogar Selbstbetrug und Gigantomanie kann nützlich sein, da sie Menschen dazu bringen, Dinge zu versuchen, die sie bei realistischem Selbstbild niemals wagen würden. Und auch die Flunkerei wird durchaus gerechtfertigt, wenn sie dazu dient, andere vor etwaigen seelischen Verwundungen zu bewahren oder Gruppen von Menschen (oder eine ganze Gesellschaft) vor negativen Entwicklungen. Von Kant bis John Stuart Mill wurde aber auch der Einwand vorgebracht, dass der Preis der Lüge stets ihren kurzfristigen Nutzen übersteigt, da die Unehrlichkeit das Misstrauen sät, nicht nur eine Person etabliert, die einmal lügt, sondern die in einem existenziellen Sinne „ein Lügner“ ist. Die Lüge kann überhaupt nur existieren, weil die Menschen sich im Allgemeinen vertrauen, gerade dieses Vertrauen wird aber durch die Lüge verraten und zerstört. Du sollst (nicht) lügen! weiterlesen

Plädoyer für den Kompromiss

Miteinander trotz Dissens: Die Philosophin Véronique Zanetti und ihre „Spielarten des Kompromisses“.

Der Kompromiss hat einen schlechten Ruf. Der Kompromiss würde alles verwässern, von guten Ideen bleiben in „lauen Kompromissen“ nichts als ein paar Fußnoten übrig, so die Klage. Kompromisse sorgen für Schneckentempo, wo es eigentlich schnell voran gehen müsste. Noch schlimmer sind die „faulen Kompromisse“, bei denen alle Seiten ihre Werte aufgeben, nur um einen kleinen, nichtssagenden Vorteil zu ergattern. Menschen gehen sogar Kompromisse mit sich selbst ein: Sie haben vielleicht bestimmte Werte, es ist aber unbequem, diese „kompromisslos“ zu verfolgen. Und dann tun sie Dinge, die mit ihren Werten nicht leicht in Übereinstimmung zu bringen sind. „Wenn es um Kompromisse geht, taucht das Wort ‚faul‘ fast schon reflexartig auf“, formulierte vor einigen Jahren die „Süddeutsche Zeitung“.

Kompromisse lassen sich leicht anklagen. Beispiel: Wenn die Grünen mit einer weit nach rechts abgebogenen ÖVP eine Regierung bilden – und dann auch bei schwerem Wetter am Regierungspakt festhalten. Oder: Soll man mit einem bewaffneten Gewaltherrscher wie Wladimir Putin noch verhandeln und einen Kompromiss suchen, um vielleicht „noch Schlimmeres“ zu verhindern – oder muss bei einem Regime, das so sehr das Böse verkörpert, einfach entschlossen dagegengehalten werden?

Diesen und ähnlichen Fragen stellt sich die Bielefelder Philosophieprofessorin Véronique Zanetti in ihrem Buch „Spielarten des Kompromisses“. Ausgangspunkt ihrer Untersuchungen: der Kompromiss und die Frage, wie labile Einigungen entstehen, seien in der Philosophie bisher weitgehend ignoriert worden.

Zanettis Buch kulminiert in ein „Plädoyer für den Kompromiss“. Dabei macht es sich die Autorin keineswegs leicht. Sie weiß, dass „große soziale Veränderungen“ meist von jenen Menschen vorangetrieben wurden, „die sich kompromisslos für eine Sache eingesetzt haben“.

Aber zugleich sind diese Veränderungen in Kompromissen verwirklicht worden. Mehr noch: Der Kompromiss ist selbst eine Tugend: er lebt von der Bereitschaft, aufeinander zuzugehen. Vom Respekt füreinander. Und auch von der Anerkennung des Vorrangs einer friedlichen Lösung. Plädoyer für den Kompromiss weiterlesen

Radical Kitsch

Die documenta 15 versank in Skandalberichterstattung. Aber was bekam man da wirklich zu sehen? Ein Tag in Kassel.

Als ich Bekannten unlängst erzählte, dass ich in Kürze nach Kassel fahren werde, um beim documenta-Institut ein Gespräch über „linke Kunst“ und über mein Buch „Das große Beginnergefühl“ zu führen, sagten diese: „Oh, bei der Skandal-documenta…“, und warfen mir einem mitleidigen Blick zu.

Als vollziehe sich in Kassel gerade ein abscheuliches Geschehen, das durch meine bloße Anwesenheit auf mich abfärben könnte.

Die Skandalisierer der documenta Fifteen haben ganze Arbeit geleistet, das ist ja gar nicht abzustreiten. Eine voraussetzungsfreie oder vorurteilsfreie Betrachtung der Schau ist für niemanden leicht möglich, da man alles, was man sieht, schon intuitiv zu dem Gerede in Beziehung setzt, in das diese Messe der zeitgenössischen Weltkunst geraten ist. Aber gerade deshalb wollte ich die Schau auch sehen. Weil ein paar Artefakte und der Generalverdacht, mit denen sie umgeben wurden, alles weitere völlig in den Hintergrund rückten und nahezu unsichtbar machten. Man hat Berichte über umstrittene Wimmelbilder gelesen, Interviews dazu, meinungsstarke Polemiken, Gegenstimmen, eine in Kampagnenjournalismus eskalierende Erregung und so weiter – aber praktisch kaum noch Urteile und Abwägungen zu ästhetischen Empfindungen, zu Stilen, zu Formensprachen und Sprachformen oder zum künstlerischen Status der ganzen Sache. Also wollen wir uns einmal annähern daran, was diese documenta ist und wie sie sich dem Besucher präsentiert.

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Eine Krise der Kritik

Wenn radikale Rechte und Verschwörungstheoretiker Systemkritik und Fanatismus paaren, können Linke in die Affirmationsfalle stolpern.

Das Schlagloch, August 2022

Der Systemkritiker hat die Eliten und ihrer Herrscher-Netzwerke unter Generalverdacht, und er macht sich, von diesem Verdacht ausgehend, auf Entdeckungstour. Er recherchiert, stöbert in den unterdrückten Nachrichten, kommt unbekannten Verbindungen auf die Spur, verdeckten Geheimnissen, über die man in den Konzernmedien der herrschenden Mächte niemals lesen würde. Er sieht, wie das alles zusammenhängt, wie die Etablierten ihre Macht absichern, die normalen Menschen ausbeuten, er entschließt sich, Widerstand zu leisten und ihre Machenschaften aufzudecken. Der Systemkritiker ist erregt ob seiner Entdeckungen, fühlt sich aber auch erhaben, weil er ein Wissen hat, das die anderen nicht haben, die Angepassten, die von der Macht gegängelt sind, die in einem raffinierten Kokon von Komplizenschaft gefangen sind, der die Unterdrückten noch zu Kumpanen ihrer eigenen Unterdrückung macht. Ein bisschen ist der Systemkritiker wie ein Detektiv, der Puzzlesteine zusammenfügt, eine Art Hercule Poirot, insofern ist das Systemkritisieren auch eine äußerst lustvolle Tätigkeit. Dass die Täter unentdeckt bleiben, ist übrigens gänzlich ausgeschlossen, was ein glückliches Ende der Unternehmung von vorneherein garantiert. Die Täter werden immer entlarvt, und es sind nicht zu wenige, mal heißen sie Merkel, mal Scholz, mal Gates und immer Soros. Die aktiveren Gesellen unter den Systemkritikern gründen Anti-Mainstream-Medien, in denen all die Stimmen und Fakten ausgebreitet werden, die die herrschende Macht zu unterdrücken versucht.

Krise und Kritik sind eng miteinander verbunden, das wissen schon die Etymologen, die gerne auf den gemeinsamen Wortstamm der beiden Begriffe hinweisen, auf das griechische Krisis, was so viel wie „unterscheiden“, „trennen“ aber auch „zuspitzen“ heißen kann. Philologie beiseite: Erstens, Kritik ist sowieso immer gut und wichtig. Zweitens: In der Krise ist die Kritik besonders notwendig. Denn drittens: Eine Krise wird nur überwunden werden, wenn kritikwürdige Umstände dem Säurebad der Subversion ausgesetzt werden. Kritik ist aber nicht nur die Antwort auf die Krise, sondern kann selbst in die Krise geraten, und dann haben wir: Die Krise der Kritik. Eine Krise der Kritik weiterlesen

Ayatollah Herbert und sein Comical Michi

Früher war es Politikern  peinlich, wenn sie beim Flunkern erwischt werden. Die rechten Radaubrüder haben noch Spaß daran.

„Dass es Streitigkeiten oder Zerwürfnisse innerhalb der FPÖ gibt, ist nicht der Fall“, sagte FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz vergangene Woche. Er erinnerte damit an den Sprecher von Saddam Hussein, der es vor zwanzig Jahren zu globalem Starruhm brachte, indem er wortreich das exakte Gegenteil der Realität behauptet hat, selbst wenn die Realität für alle schon erkennbar war. Dass es keine amerikanischen Soldaten in Bagdad gäbe, behauptete er noch, als die ihn schon mit einem lockeren Steinwurf ausschalten hätten können. Der Mann wurde als „Comical Ali“ – „der komische Ali“ – weltberühmt. Der „komische Michi“ behauptet nun, es gäbe in der FPÖ keine Streitigkeiten, obwohl in den Tagen davor herausgekommen ist, dass sich die Streithanseln erstens: mit allen Mitteln versucht haben, fies das Bein zu stellen, zweitens: in direktem Zusammenhang damit einer der engsten Vertrauten von Herbert Kickl wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen wurde und aus der FPÖ Hals über Kopf „austrat“, sowie, drittens: dann auch noch einen Suizid-Versuch unternommen hatte. Zumindest eines ist sonnenklar: Üblicherweise wird jemand nicht zum überstürzten Austritt aus seiner langjährigen Partei-Heimat gedrängt, wenn es keine „Streitigkeiten oder Zerwürfnisse“ gäbe. Ayatollah Herbert und sein Comical Michi weiterlesen

In den Tod gehetzt

Es gibt keine „Polarisierung“. Es gibt nur eine rechte Sekte, die sich in den letzten Jahren immer mehr radikalisiert hat. Zum Tod von Lisa-Maria Kellermayr.

Mein Steady-Newsletter „Vernunft & Ekstase“ vom 4. August.

In Österreich wurde eine Ärztin vom rechtsextremen Impfgegner-Mob in den Tod gehetzt. Lisa-Maria Kellermayr hatte sich von Beginn der Covid-19-Pandemie an um Patienten gekümmert, sie hatte ganz praktische Behandlungserfahrungen gesammelt, als Anfangs alle noch im Blindflug unterwegs waren, sie hatte damit auch eine gewisse Prominenz erlangt, war dann den Covid-Leugnern und Impfgegnern ein Dorn im Auge. Sie erhielt Hassmails, Morddrohungen, in denen ihre Todesart in den grellsten Farben ausgemalt wurde. Die Polizei nahm sie nicht ernst und fraternisierte noch mit dem Mob. Kellermayr musste sich private Sicherheitsdienste für ihre Arztpraxis organisieren und sich um die Kosten selbst kümmern. Im Grunde haben sie alle allein gelassen. Jetzt nahm sie sich das Leben. Die radikale Hassmeute triumphiert. „Ding Dong die Hex ist tot“, singen sie. Perfide und bösartig lachen diese moralisch verrotteten Gestalten auch noch über den Suizid, wie ein Berliner AfD-Abgeordneter, der der Toten hämisch nachrief, dass sie höchstwahrscheinlich „als Impfpropagandistin mit der schweren Schuld nicht mehr leben wollte“.

Geradezu skurril die Einlassung der oberösterreichischen Ermittlungsbehörden, die dem Opfer Hilfe versagten und nun umgehend mit der Diagnose zur Stelle waren, es gäbe keine Hinweise auf „Fremdverschulden“ – dabei hat es selten einen Suizidfall gegeben, bei dem das „Fremdverschulden“ derart ostentativ ins Auge sprang.

Abseits des ekelerregenden Ungeistes und der schrulligen Polizistenrhetorik wird im klebrig-süsslichen Sound jetzt die „Polarisierung“ beklagt. Im Pfaffenton sprechen Mittelwegs-Politiker in die Kameras, es ginge darum „die Gräben zuzuschütten“. Zwischen Irrsinn und Verbrechen auf der einen Seite und der vernünftigen Zivilität auf der anderen Seite möchten sie unbedingt noch einen Konsens suchen. Wahrscheinlich hätten sie wohl auch noch zwischen Himmler und Anne Frank eine Art von Mittelweg ausloten wollen.

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Krank in die Firma

„Quarantäne-Ende“. Arbeitsschutzregeln werden aufgeweicht – und das wird uns auch noch als Erleichterung angedreht.

Seit 1. August dürfen sie also, wenn sie Covid-Positiv sind, ihre Wohnung verlassen, spazieren gehen, und zu den frei zugänglichen Stränden auf Donauinsel, Donau oder sonstwo dürfen sie sowieso. Das ist eine Erleichterung für viele, die nach einer Infektion vielleicht drei Tage Beschwerden hatten, und für die die weiteren Tage des Hausarrestes eine ziemliche Belastung waren. Die Regierung hat also die verpflichtende Quarantäne abgeschafft und es wäre nichts dagegen einzuwenden, ginge es nur um die Abschaffung unnützer Unbequemlichkeiten.

Aber sehen wir uns alle diese Dinge mit etwas Realitätssinn an. Erstens: Dass symptomlose Infizierte in Quarantäne sind, das ist doch sowieso seit Monaten schon nicht mehr der Fall. Wer lässt sich denn noch testen, ohne dass er oder sie Symptome hat? Das betraf vielleicht noch Menschen in einigen wenigen Branchen und Unternehmen. Wer in Quarantäne war, war praktisch immer krank. Die können jetzt raus, sobald sie sich besser fühlen.

Viele Menschen, die sich auch ziemlich angeschlagen fühlten, gingen gar nicht mehr testen – um sich die Quarantäne zu ersparen. Wenn sie sich im Alltag so verhalten, dass sie andere nicht anstecken können, ist dagegen auch gar nichts zu sagen. Krank in die Firma weiterlesen

Das Gewalt-Dilemma

Zwischen „Die Waffen nieder!“ und „gerechter Krieg“ – Pazifismus und Anti-Militarismus in Kriegszeiten.

Hohe Luft, Magazin, Mai 2022

Nach dem Einmarsch von Wladimir Putins Invasionstruppen in die Ukraine versammelten sich viele hunderttausende Leute in den westlichen Metropolen zu „Friedensdemonstrationen“, aber die glichen manchmal einem Aufmarsch der Verwirrten. „Die Waffen nieder“ stand auf Plakaten, aber es wehte auch ein blau-gelbes Fahnenmeer und viele Aufrufe standen unter dem Hashtag-Slogan „Stand with Ukraine“. Ein paar alte Parolen wurden aus der Rumpelkammer geholt, wie „Stell dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin“. Passt irgendwie immer und auch nicht. „Wenn Russland aufhört zu kämpfen, endet der Krieg. Wenn die Ukraine aufhört zu kämpfen, gibt es keine Ukraine mehr“, stand auf einem Poster der großen Berliner Anti-Kriegs-Demonstration.

Zyniker können anmerken: Die Ansicht, dass Konflikte gewaltfrei gelöst werden sollen, der Pazifismus also, das funktioniert prima, solange es keinen Krieg gibt. Aber wie steht es um den Pazifismus, wenn ein Aggressor ein kleines, demokratisches Land überfällt? Und was ist das überhaupt: „Pazifismus“? Das Gewalt-Dilemma weiterlesen

Avantgarde, Kühnheit, Lebensappetit

Radikale Künste, radikale Politik und progressives Ideengestöber schufen über mehrere Jahrhunderte dieses seltsame Etwas, was man „Zeitgeist“ nennt, voller Optimismus, Kühnheit und Lebensappetit. Aber wie lässt sich diese Allianz erneuern?

Hohe Luft, Magazin, Mai 2022

Das Buch:
Robert Misik: Das große Beginnergefühl. Moderne, Zeitgeist, Revolution. Suhrkamp-Verlag, Berlin. 283 Seiten. 18 Euro.
Ein Geschichtsbuch der Moderne, das bis in die nächste Zukunft reicht, und die Wechselwirkungen von avancierten Künsten, radikaler Avantgarde, Ideenwelten und Utopien, historischem Fortschritt und dem „Zeitgeist“ beschreibt. Es ist eine ganz neue, eine „andere“ Geschichte der Moderne, die der Autor ausbreitet. Einzelne Kapitel widmen sich Balzac, Heine, Flaubert, den Intensitätsidealen und Vitalismus der Epoche, Baudelaire, George Sand und Lou Andreas-Salomé, Rimbaud, der Wiener Moderne, dem Kubismus, den Wegen in die Abstraktion, Duchamp, Brecht, Giacometti, dem Abstrakten Expressionismus, Susan Sontag, Sylvia Plath, Elfriede Jelinek, René Pollesch, Milo Rau und dem Ringen der „Gegenwartskunst“ um Relevanz.

„Die Moderne war immer noch eine lebenssprühende Idee“, schrieb Susan Sontag knapp vor der Jahrtausendwende im Rückblick auf die sechziger Jahre in einem leicht melancholischen, fast deprimierten Ton. „Wie sehr man sich wünschte, dass ein wenig von der Kühnheit, dem Optimismus, der Verachtung für den Kommerz überlebt hätte.“ Diese Sätze der großen amerikanischen Essayistin haben etwas von einem Abgesang. Gleichsam negativ rauscht im Hintergrund noch das Pathos, das wir mit dem Begriff der Moderne verbinden: Elan, Fortschrittsgeist, Lebensappetit.

Die permanenten Revolutionen und Stilrevolutionen in den Künsten eröffnen dem Sehen, dem Empfinden, dem Hören, dem Leben neue Kontinente. Die ambitionierten Künste sickern in die Alltagskultur. In der Politik verbreitet sich ein Geist der Revolution oder zumindest der ambitionierten Reformen. Neue Generationen räumen kühn den Schutt und die Trümmer der Altvorderen beiseite. „Es braucht die große tabula rasa, auf der man spielt, das beginnergefühl“, notiert Bertolt Brecht 1941 in sein Arbeitstagebuch. Natürlich ist all das keine Einbahnstraße, es gibt Gegenwind, etwa den Widerstand des Konventionellen in den Künsten, Reaktion, Gegenrevolution in der Politik, all dieses übliche „Weltkuddelmuddel“, wie Heinrich Heine das nannte.

Politik, Technik, die Künste, all das wirkte direkt oder indirekt aufeinander ein, und diese Wechselwirkungen und Rückkoppelungen produzierten dieses seltsame „Etwas“, das wir gemeinhin den „Zeitgeist“ nennen. Verdichteten Atmosphären.

Und heute? Im Politischen herrscht Regression, dass „der Fortschritt“ sowohl ein materieller als auch ein gesellschaftlicher und einer zu einer höheren zivilisatorischen Entwicklung wäre, wird von kaum jemanden so empfunden. Auch in den Künsten herrscht die große Klage. Die Themen sind eher dystopisch als utopisch, wenn nicht eskapistisch. Ganz generell wird bange die Frage nach der „Relevanz“ gestellt.

Die moderne Kunst war immer Schrittmacherin des Fortschritts, weil sie neue Wahrnehmungsformen durchsetzte. Formsprachen und Sprachformen setzten das Hergebrachte dem Säurebad der Subversion aus. Avantgarde, Kühnheit, Lebensappetit weiterlesen

Zeit für Optimismus

Gibt es in dem Schrecken der Gegenwart auch ein paar Dinge, die Hoffnung machen? Ja! Lasst uns ein paar Minuten auf die positiven Tendenzen konzentrieren.

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Die Abendnachrichten sind so etwas wie die tägliche Liveübertragung von der Apokalypse. Krieg in der Ukraine, Direktschaltung zum Massaker des Tages, danach geht es gleich weiter zur Energiekrise. Gas knapp, Strom knapp, womöglich bleiben im Winter die Wohnungen kalt. Irgendein Politiker erklärt etwas, versucht den Eindruck des Handelns zu erwecken, er bemüht sich gewiss sehr, aber strahlt dennoch eine gewisse Hilflosigkeit aus. Galoppierende Inflation, Mietpreise, die durch die Decke gehen – vor den Empfangsgeräten sitzen Nachrichtenkonsumenten, die bangen, ob sie überhaupt noch ihre Rechnungen bezahlen können. Dazu: Hitzewellen, Klimakrise. Lodernde Wälder in Frankreich, glühende Hitze in Spanien, ausgetrocknete Flüsse. In Italien müssen sie schon wählen, ob man mit dem spärlichen Restwasser die Kraftwerke betreibt oder doch die Landwirtschaft bewässert. Der Geist der Dystopie liegt über allem und eine tiefe Depression, ein Pessimismus ergreift die Menschen. „Glaubst du überhaupt noch, dass die Klimakatastrophe abgewendet werden kann?“, fragte mich eine Freundin unlängst und berichtete von einer gemeinsamen Bekannten, der der Krieg emotional gerade den Rest gegeben hat. Die findet nämlich, dass sowieso alles den Bach runter geht, die multiplen Krisen so tief sind, dass realistischerweise auf Rettung nicht mehr zu hoffen ist. Großer Kladderadatsch – dass in einem Alle gegen Alle die pluralistischen Demokratien kollabieren, sei doch einfach realistischer, als dass das nicht geschehe. Da bleibt nur mehr eins: Ins Bett, Decke drüber, Licht aus, Depression.

Es gibt natürlich genügend Anlass zu Pessimismus. Es wäre auch frivol hier mit einem „alles nicht so schlimm“ zu antworten, allein in einer Zeit, in der in der Ukraine täglich hunderte Menschen im Krieg sterben.

Aber weil ein rein negativistisches Empfinden uns nur fertig macht und auch völlig kontraproduktiv ist, weil es lähmt, will ich hier ein paar Tendenzen und Vektoren im Kräfteparallelogramm der Gegenwart suchen, die auch durchaus positiv sind.

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Schnaps und Valium, das Nehammer-Menü

Über einen torkelnden Bundeskanzler, die gefühlte und die wirkliche Wirklichkeit – und andere Illusionen, die durch Mangel an Alkohol hervorgerufen werden.

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Österreichs Bundeskanzler, Karl Nehammer, die meisten werden von ihm noch nicht gehört haben, und meines Dafürhaltens ist es auch nicht zwingend nötig, sich den Namen noch zu merken, Österreichs Bundeskanzler Karl Nehammer hat nun also gesagt, wenn „wir so weiter machen“, dann bleibe „euch“ im Herbst nur mehr die Wahl zwischen Alkohol und Psychopharmaka, so arg sei die Lage. Alkohol sei an sich ja okay, fügte der fesche Karl noch dazu. Es sollte ein Scherz werden. Selbst bei den tapfersten Schenkelklopfern einer Provinz-Faschingsgilde hätte das traurige Witzchen nur für bemühtes Lachen gereicht.

Mittlerweile fragen sich auch die Leute in seiner Partei, ob der Kerl noch alle Schnapsgläser im Schrank hat. Der Mann bringt das rhetorische Kunststück zuwege, trotz der Abwesenheit jedes Gedankens Gedankenpausen einzulegen.

„Nehammer (…) spürt spät, dass er Bundeskanzler ist und kein Skilehrer“, formuliert elegant der Chefredakteur einer Boulevardzeitung.

Alle fragen, ob Nehammer noch alle Schnapsgläser im Schrank hat. Jetzt wird ihm richtig eingeschenkt. Dabei ist der Alko-Karl der perfekte Repräsentant eines Landes, das unter Fachkräftemangel stöhnt.

Dem Herrn Nehammer wird jetzt also richtig eingeschenkt, von seinen eigenen Leuten wird ihm eingeschenkt, man schenkt sich nichts mehr beim Einschenken, und böse Zungen sagen, der Alko-Karl sei eigentlich die würdige Repräsentanz eines Landes, das heutzutage viel über Fachkräftemangel klagt. Nirgendwo ist der Fachkräftemangel schmerzhafter zu verspüren als an Österreichs Regierungsspitze. Im Hause Nehammer hat man mit den Folgen des Alkoholmissbrauchs eine gewisse Erfahrung, erst unlängst gab es Aufruhr, als Personenschützer nach einem nachmittäglichen Umtrunk mit der Kanzlergattin einen Parkschaden anrichteten. Die armen Kerle wurden in den Innendienst versetzt.

Das Problem ist nicht ein verunglückter Witz, das Problem ist, dass ganze Reden des bemitleidenswerten Kanzlerdarstellers wie eine schiere Aneinanderreihung vertrottelter Scherze, peinlicher Falschzitate und ähnlichem erscheinen, zwischen denen die sachgerechten, akkuraten oder auch nur trivialen Mitteilungen wie planlos platzierte Henkel oder Haltegriffe verteilt sind. Ein Kanzler, der verbal nur mehr durch die Gegend torkelt. Das echte Problem besteht also darin, dass so aufreizende Unfähigkeit jedes Vertrauen in die Fähigkeiten der Regierung untergräbt, die gegenwärtige Situation auch nur irgendwie schaukeln zu können. Ist ja nicht so, dass es nicht ein paar Probleme gäbe, von denen man gerne hätte, dass sich ihrer jemand annimmt, der nicht sofort schwer verunfallt. Das Land in der Hand von Leuten, die nicht einmal ordentlich einparken können, da schleicht sich natürlich etwas Panik ein, angesichts der geostrategischen Gesamtlage.

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Vor Putin auf die Knie?

Die schräge Allianz von Pazifisten, zynischen Realpolitikern und Putin-Verehrern.

Manche Pazifisten, aber auch die langjährigen Putin-Verehrer von der FPÖ sagen jetzt langsam lauter, dass doch die Zeit für einen Waffenstillstand in der Ukraine, für Friedensverhandlungen, für ein Ende des Konfliktes sei. Die Gründe dafür sind vielfältig, manche Leute haben einfach selbst Angst vor all dem, was da auf uns zukommt, und meinen, man könne mit Nachgeben Putin besänftigen; andere sind einfach auf sehr verständliche, aber etwas naive Weise für „Frieden“, damit das Sterben ein Ende hat. Vieles ist verständlich und nachvollziehbar, aber es hat schon auch einen ziemlichen Haken. Etwa, dass diese Forderung andauernd gegenüber der Ukraine erhoben wird, als hätten sich die Ukrainer diesen Krieg gewünscht. Als wären sie es, die aggressiv und kriegslüstern in ein Nachbarland eingefallen sind.

Warum appellieren diese Leute eigentlich nicht an Putin und sein Militärregime?

Sie wissen natürlich, warum. Weil es völlig unsinnig wäre. Da kann man auch gleich gegen die Wand spucken, das hat auch nicht weniger Effekt.

Dabei ist schon richtig, dass die allermeisten Kriege irgendwann mit Verhandlungen enden. Nur die wenigsten enden mit einer Kapitulation einer Seite oder gar dem Zusammenbruch eines der kriegsführenden Regimes. Aber „Verhandlungen“ und „Kriegshandlungen“ sind auch nur scheinbar das Gegenteil. Wer sich überlegen fühlt und denkt, seine Kriegsziele mit Gewalt erreichen zu können, der wird wenig Veranlassung sehen, in Verhandlungen zu treten.

Würde man den Ukrainern keine Waffen liefern und sie auch sonst nicht unterstützen, wäre der Krieg schnell zu Ende und es würde Verhandlungen geben, wird da gesagt – man weiß nicht, ob man das neumalklug oder eher menschenverachtend zynisch nennen soll. Klar, wenn mal alle Ukrainer unterjocht sind, dann wird es keinen Krieg geben. Aber dann hat Putin gewonnen und auch die Erfahrung gemacht, dass er den feigen Europäern auf der Nase herumtanzen kann, weil sich immer ein Kickl oder sonstwer findet, der dafür eintritt, auf den Knien zu Putin zu rutschen. Ob das eine so schlaue langfristige Politik ist, ist eher fragwürdig. Vor Putin auf die Knie? weiterlesen