Der neue Proletkult

Der Rote Faden, meine Kolumne aus der taz

Kritik an der „Identitätspolitik“ ist heute modern. Die Linken sollten sich wieder „den Arbeitern“ zuwenden, heißt es, und alle klauben sich ein paar Zitate aus Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ zusammen. Sogar eine neue Art von Proletkult hält Einzug.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Viele Aspekte dieser Debatte sind wichtig. Es ist auch unbestreitbar, dass sich bestimme Milieus und soziale Schichten in unseren Gesellschaften kaum mehr repräsentiert fühlen, Bevölkerungsgruppen, die das Gefühl haben, dass sie zwar wählen dürfen, aber eigentlich keine Stimme haben. Und da gibt es dann von Linksparteien bis Sozialdemokratien Leute, die meinen, man müsse das ganze liberalistische Klimbim über Bord werfen und wieder zum Fürsprecher dieser Leute werden.

Und wie so oft sind die Dinge halb richtig und halb falsch.

Es wird da ein Bild der „Arbeiterklasse“ oder „der unteren Mittelschichten“ gezeichnet, das einer Karikatur sehr nahe kommt. Dass sie von Akademikern nicht repräsentiert werden könnten, weil die so kompliziertes Deutsch sprechen und, fucking hell, sogar nach der Schrift. Dass man daher in der Sprache der „normalen Leute“ sprechen muss, am besten Dialekt und so bisschen hingerotzt, wie das die Trinker an der Würstelbude tun. Dass man diesen Leuten nicht mit Kunst, Feminismus oder Antirassismus kommen dürfe. Dass man die irgendwo „abholen“ müsse, am besten von ihrer Wohnzimmercouch, wo sie, das Bier in der rechten, die Chipspackung in der linken Hand, vor dem Trashfernsehen hängen. Urteilsfähigkeit habe diese Arbeiterklasse eher weniger, dafür viele Vorurteile. Aber irgendwie doch das Herz am rechten Fleck. Einfache Leute eben, „the regular guys“, wie die Amis sagen. Man weiß eigentlich nicht so recht, wer diese „Arbeiterklasse“ ist, der man sich jetzt wieder mehr widmen müsse. Automobilarbeiterinnen in Stuttgart am Fließband? Hartz-IV-Empfänger in Chemnitz? Der Heizungstechniker beim Installateur? Prekär Beschäftigte beim Postshop um die Ecke? Regalschlichterinnen bei Kaisers? Gehören kleine Angestellte im Personalbüro bei, sagen wir, Siemens nicht auch irgendwie dazu?

Und vor allem weiß man nicht, ob die neuentdeckte Liebe zum Proletariat oder den „einfachen Leuten“ von deren Verachtung wirklich noch zu unterscheiden ist. Weil irgendwie wird immer so getan, als wären die doof. Oder jedenfalls nicht so klug und feinsinnig wie die Bobos aus der Innenstadt.

Meine Lebenserfahrung sagt mir das Gegenteil. Etwa: die Menschen sind alle unterschiedlich. Sie sind natürlich auch Produkt ihrer Umgebung, aber gerade deshalb ist der Arbeiter in der Großfabrik anders als der Bote beim Lieferservice, tickt die Friseuse am Dorf anders als die Bürofachkraft in der Stadt. Manche sind bildungshungrig, andere interessieren sich für nix. Manche gehen in ihrem Job auf und lieben ihn, andere packen schon um 14 Uhr langsam das Zeug zusammen und schleppen sich dann durch bis Dienstschluss. Die einen machen Party, die zweiten Ausflüge mit den Kindern, andere grillen gern mit den Kollegen und wieder andere lesen gerne oder haben einen Spleen, bei dem sie eine Kapazität sind, etwa, dass sie alte Jazzplatten sammeln. Stahlarbeiter sind auch Feministen, schließlich soll ihre Tochter keine Nachteile haben.

Klar sagen viele über irgendwelche Jungpolitiker, die direkt vom Hörsaal in die Parteifunktion gewechselt sind, die hätten vom Leben doch keine Ahnung und interessieren sich nicht einmal für uns „normale Leute“, die gleichen – oder andere – bewundern es aber wiederum, wenn es einer oder eine aus ihren Kreisen durch Fleiß und zweitem Bildungsweg nach oben geschafft haben. Manche reden kluges Zeug, andere vertrottelten Scheiß.

Das Karikaturbild, das gezeichnet wird, erschwert es, jene Gräben zu verstehen, die diese Milieus von den oberen Mittelschichten und den führenden Kadern der Linksparteien tatsächlich trennen. Man zählt letztere, nicht zu Unrecht, oft einer verfestigten Kaste Etablierter zu. In der „Arbeiterklasse“ und der „unteren Mittelschicht“ (die Amerikaner haben es übrigens leichter, die nennen beide „working class“, und das hat eine andere Bedeutung als „Arbeiterklasse“), gibt es auch heute noch weit verbreitete Vorstellungen des „Normalen“, und die Lebensstile der oberen Mittelschichten, in denen jeder und jede heute etwas Besonderes sein will und das auch ausstellen muss, empfindet man nicht nur als anders, sondern als Abwertung. Weil man spürt, dass man aus diesen Sphären auf alles „normale“ bestenfalls mitleidig, oft verächtlich herabsieht.

Aber niemand verachtet das Proletariat so wie die Wortführer des neuen Proletkultes.

Streichelt die Faschisten wo ihr sie trefft! – eine Satire

Eine bitterböse Satire. Ähnlichkeiten mit aktuellen Diskursen sind rein zufällig und unerwünscht: Wir haben ja heuer ein Gedenkjahr, hundert Jahre Republik, aber auch 80 Jahre „Anschluss“, und immer wieder wird gefordert, man müsse die Geschichte lebendig halten, um aus der Geschichte zu lernen. Aber was genau soll man aus der Geschichte lernen? Man darf Faschisten natürlich niemals als Faschisten bezeichnen und Feinde der Demokratie nie als Feinde der Demokratie, denn das könnte sie kränken, dann fühlen sie sich als Opfer, und nichts lieben sie so sehr, wie Opfer zu sein. Das war früher zwar anders, da wollten sie lieber Helden sein, aber heute wollen sie Opfer sein, woran man schon sieht, dass sich Geschichte nie exakt wiederholt. Aus der Geschichte kann man auch lernen, dass man nie Vergleiche aus der Geschichte bemühen soll, denn das kränkt die Faschisten besonders, was aber zugleich das Lernen aus der Geschichte erschwert. Die Geschichte der dreißiger Jahre lehrt auch, dass das Hauptproblem die böse Polarisierung ist, etwa die zwischen den Nazis und den Gegnern der Nazis. Hätte es diese fürchterliche Polarisierung nicht gegeben, hätten sich die Nazis nicht so gekränkt, und wahrscheinlich wären sie dann nicht so böse Nazis geworden, sondern irgendwie nettere. Das Hauptproblem war die Ausgrenzung der Nazis; hätte man ihnen rechtzeitig Ämter gegeben, in denen sie sich hätten nützlich machen können, wären sie nicht auf blöde Gedanken gekommen. Insofern waren in gewissem Sinne nicht die Nazis an den Nazis schuld, sondern die Gegner der Nazis. Auch das könnte man, wenn man wollte, aus der Geschichte lernen. Die Geschichte lehrt somit, dass man den Faschismus am besten bekämpft, indem man ganz lieb zu ihm ist und ihm am besten nicht widerspricht, denn das könnte ihn reizen und erst recht bestärken.

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Zu links? Zu rechts? Zu fad?

Dass die Sozialdemokratien in einer Krise stecken, darüber herrscht Konsens. Aber jeder hat eine andere Meinung dazu, warum das so ist. Monokausalen Erklärungen sollte man misstrauen.

Neue Zürcher Zeitung, September 2018

In Schweden sind die Sozialdemokraten noch einmal davongekommen, mit 28 Prozent der Wählerstimmen lagen sie zugleich auf einem ziemlichen historischen Tiefstand und doch deutlich über dem Ergebnis, das ihnen die Auguren voraussagten. In Österreich fiel die SPÖ bei den letzten Wahlen auf Platz zwei zurück und hielt nur mit Ach und Krach 27 Prozent. In Deutschland kämpft die SPÖ mit der AfD um den zweiten Platz in den Umfragen, weit unterhalb der 20-Prozent-Marke. In den Niederlanden ist die einst stolze Sozialdemokratie Splitterpartei, die französischen Sozialisten sind faktisch ausgerottet. Wirklich gut stehen nur die portugiesischen Sozialisten da, die einer stabilen, erfolgreichen Linksregierung präsidieren mit einem populären Regierungschef, Antonio Costa, an der Spitze. Die britische Labour-Party liegt, nach einem scharfen Linksruck, in den Umfragen seit einem Jahr bei rund 40 Prozent und damit meist hauchdünn vor den Torys, aber es spricht viel für die These, dass das hauptsächlich der Chaospartie von Konservativen-Chefin Theresa May zu verdanken ist.

Natürlich gibt es große Unterschiede in den jeweils nationalen politischen Kulturen. Aber eines ist doch klar: Überall haben die Sozialdemokraten mit massiven Problemen zu kämpfen und sehr oft ähneln sie sich auch. Und darüber gibt es heute eigentlich einen Konsens. Dann ist es aber auch schon vorbei mit dem Konsens. Als Ursache für diese Krise der Sozialdemokraten oder anderer lange dominierender Mitte-Links-Parteien werden heute eine Reihe von Gründen aufgezählt:

1. Die Migration ist das bestimmende Thema unserer Zeit und das ist für die Sozialdemokratien toxisch. Denn einerseits haben sie den Humanismus und die internationale Solidarität in ihrer DNA, andererseits hat ihre Wählerbasis ein Bedürfnis nach Sicherheit und erlebt Zuwanderer als Konkurrenten am Arbeitsmarkt, am Wohnungsmarkt und um Transferleistungen im Sozialstaat.

2. Die Sozialdemokraten haben beinahe überall eine Selbstdenunziation betrieben, sie haben sich an den wirtschaftsliberalen Zeitgeist angepasst, der Sündenfall ist jener Kurs, der mit den Namen Tony Blair und Gerhard Schröder verbunden ist. Sie haben selbst mitgewirkt daran, dass die Sicherheit garantierenden Netze des Sozialstaates löchrig wurden. Konkurrenzgeist und Angst hat sich in den Gesellschaften eingenistet, in denen Sozialdemokraten früher dominierend waren, und die Mitte-Links-Parteien sind keine glaubwürdige Alternative mehr für Menschen, die stets am meisten auf die Sozialdemokraten angewiesen waren. Sie haben doch keine Idee, wie die wachsende Ungleichheit in den westlichen Gesellschaften bekämpft werden könnte. Und wenn sie eine Idee haben, haben sie keinen Plan, wie sie durchgesetzt werden könnte. Auch das spüren die Menschen.

3. Unsere Gesellschaften differenzieren sich aus. Die industrielle Arbeiterklasse, früher das Rückgrat des sozialdemokratischen Organisationsnetzwerkes, stellt zahlenmäßig nur mehr eine kleine Minderheit, das prekarisierte „Neoproletariat“ in den Dienstleistungsbranchen ist dafür kein Ersatz. Es gibt eine breite Mittelschicht, die vom Geist des Individualismus geprägt ist, und eine Buntscheckigkeit an Lebensstilen. Die ethnische Diversity kommt dann noch dazu. Das macht es ohnehin nahezu unmöglich, noch „Volkspartei“ zu bleiben. Zu links? Zu rechts? Zu fad? weiterlesen

Es ist so gemein, Sebastian Kurz ins rechte Eck zu drängen…

Warum auch Barbara Kolm, die Nationalbank-Vizepräsidentin, ein alter weißer Mann ist. Warum Youtube mich zum Muskelprotz machen wird. Warum Johann Gudenus ohne Internet ein anständiger Mensch sein könnte. Warum es wirklich unnötig ist, Sebastian Kurz ins rechte Eck zu drängen. Warum nicht jeder so linksradikal wie Reinhold Mitterlehner oder Christian Konrad oder der Kardinal sein kann. Warum Sie sich keine Sorgen machen müssen, beim Afrikafeldzug der FPÖ mitmachen zu müssen.

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Preis der Keynes-Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik

In eigener Sache: 

Das ist eine sehr große Ehre und Freude: vor einigen Tagen teilte die John-Maynard-Keynes-Gesellschaft mit, dass sie mir den diesjährigen Preis für Wirtschaftspublizistik verleiht. Gerade als jemand, der gar nicht primär Wirtschaftsjournalist ist, und wahrscheinlich nicht einmal sekundär, sondern eben versucht, neben politischen und kulturellen Prozessen auch ökonomische zu verstehen (und möglichst verständlich zu beschreiben), freut mich diese Anerkennung von den wirklich Großen der Wirtschaftswissenschaften natürlich besonders. Nachdem ich ja schon mit dem Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet wurde fühlt sich das bisschen so an, wie wenn man Olympiagold in der Abfahrt und im Slalom gewinnt.

Schließlich ist das nicht irgendein Preis, sondern wird vom Vorstand der Keynes-Gesellschaft und einer Jury vergeben, in der weithin bekannte Koryphäen wie Peter Bofinger und Gustav Horn mitstimmen. Und vor mir erhielten beispielsweise Mark Schieritz, Ulrike Herrmann, Wolfgang Münchau und Harald Schumann diese Auszeichnung.

Kurzum: Ich freue mich und bin ein ganz klein wenig stolz. Der Preis wird dann bei der nächsten Tagung der Vereinigung im Frühjahr 2019 in Berlin verliehen.

Mit Rechten reden? Hat bisher ja prima geklappt…

„Mit Rechten reden!“, dieser Ruf schallt seit längerer Zeit durch den gesamten deutschsprachigen Raum und unterstellt, dass Radikalisierung und Polarisierung eine Folge davon seien, dass die Menschen zu wenig miteinander sprechen würden, oder gar eine Folge davon, dass Ressentiment und Ausländerfeindlichkeit aus den öffentlichen Diskursen verbannt würden. Wer Letzteres immer noch glaubt, dem hilft auch kein Blick ins Fernsehprogramm mehr. Im Grunde ist das Gegenteil wahr: Erst die Dauerpräsenz des rechten Wahns auf allen Kanälen ließ ein Klima entstehen, in dem ganz Europa zu kippen droht und das in Chemnitz eben eskaliert ist. Privat mit jedem reden Natürlich soll man mit jedem reden. Im Privaten ohnehin. Öffentlich ist das schon eine vertracktere Sache. Den durchgeknallten Meinungsmüll in die öffentliche Debatte einer Demokratie zu integrieren heißt zugleich, ihn zu legitimieren. Als eine Meinung, die man genauso gut haben kann wie jede andere. Aber vor allem hieß „mit Rechten reden“ zuletzt immer mehr „wie Rechte reden“. Die Gesamtheit dieser Diskurse findet so statt, dass der Eindruck entsteht, die Aufhusser und Ressentimentschürer haben irgendwie recht: Ja, wenn sie sich so Sorgen machen, dann müsse man ihnen schon irgendwie entgegenkommen, damit man sich in der Mitte treffen kann. Aber so funktionieren eben gesellschaftliche Gespräche nicht. Akzeptiert man das Themensetting, spielt man als nützlicher Idiot mit beim schönes Spiel des Klimavergiftens. Legitimierte Haltungen Auf diese Weise mit Rechten zu reden legitimiert Haltungen, statt sie zu bekämpfen. Es verschiebt die Grenze des Sagbaren. Es bedeutet, sich auf die Argumente der Radikalen einzulassen, ihnen Millimeter für Millimeter nachgeben. Es bedeutet, dass Demokraten schwächeln, sich selbst als defensiv erleben. Es untergräbt die Standfestigkeit und das Selbstvertrauen der liberalen Demokraten und lässt sie als zaudernd erscheinen. Kurzum: Es wird den Rechten nicht zu wenig entgegengekommen. Sondern viel zu viel.

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Der Nutzen und Nachteil vom Reden

taz, der Rote Faden, September 2018

Als ich vergangenes Wochenende die ersten Nachrichten aus Chemnitz aufschnappte, fühlte ich mich sofort an Rostock Lichtenhagen 1992 erinnert. Damals hörte ich auch die ersten Nachrichten von der Zusammenrottung im Radio und dachte mir sofort, da musst du hin. Das war auch eine gute Idee von mir, nur leider hat sich das bei der Polizei offenbar niemand gedacht. So stand ich dort mit meinem Fotografen und ein paar anderen Journalisten und ein paar verlorenen Polizisten. Der Fotokollege fotografierte, was den Nazis gar nicht gefiel. Ein großer Dicker, der seine Reichskriegsflagge wie ein Superman-Cape trug, nahm dem Fotografen dann die Kamera weg und riss den Film aus dem Apparat. Ich zog ihn dann an seiner Fahne, so wie einen Hund, den man mit der Leine wo wegzerren will, und das war eine nicht ganz so gute Idee. So begann übrigens die Randale an diesem Tag, weil die Polizei dann doch verhinderte, dass man uns zusammenschlägt, was wiederum die Nazis für keine gute Idee von der Polizei hielten.

Als dann ein paar Stunden später das Sonnenblumenhaus brannte, und immer noch viel zu wenig Polizei da war, rückten Polizei, Feuerwehr und Journalisten gemeinsam gegen das Haus vor, das schon ziemlich loderte und in dem sich vor allem vietnamesische Vertragsarbeiter befanden. Ich kann mich noch erinnern, dass ich damals meine erste – und bislang letzte – Tränengasgranate warf. Die Polizei warf sie auf die Nazis, die warfen sie zurück, und ich warf sie wieder rüber. In meiner Reportage beschrieb ich damals auch den 16jährigen Alex, der eine Schirmkappe auf hatte mit dem Schriftzug „Malcolm X“, also des radikalen schwarzen Bürgerrechtlers aus den USA der fünfziger und sechziger Jahre. Diedrich Diederichsen benützte diese Beobachtung dann zu einer Zeitdiagnose im „Spex“, nämlich dass die Codes der Coolness die Seiten gewechselt hätten. „The Kids are not alright“, hieß sein Stück damals. Durch Diederichsen verselbständigte sich meine nebensächliche Beobachtung und wenn man heute Lichtenhagen googelt, hat man den Eindruck, alle rechtsradikalen Jugendlichen hätten ein „Malcolm X“-Käppchen aufgehabt. Es war aber nur einer!

Aber das war damals doch eine andere Zeit, denn wenngleich es eine aufgeheizte Debatte über das Asylrecht gab, war der Diskurs doch nicht so gekippt. Heutzutage dominieren die Phrasen, man müsse „die Sorgen“ der Leute ernst nehmen, ihnen zuhören, „mit Rechten reden“ und all dieses Zeug, das unterstellt, dass ihr Hass irgendwie rational sei und ihr Zorn auch daher komme, dass ihnen niemand zuhört. Ich finde, dass das ein schwieriges Argument ist. Natürlich soll man mal grundsätzlich mit jeder und jedem reden, denn bevor man argumentiert, weiß man ja nicht, ob die Person mit Argumenten erreichbar ist. Außerdem soll man als Journalist ohnehin mit jedem reden. Wenn ich eine Reportage über Nazis mache, dann werde ich mit denen reden und wenn das eine gute Reportage werden soll, muss ich lange mit ihnen reden sodass sie anfangen mir zu vertrauen. Und im Eckwirtshaus rede ich auch mit jedem, schon um zu wissen, wie die Leute ticken. Aber das ist eine andere Geschichte.

Dieses „mit Rechten reden“ wird ja in der Öffentlichkeit, und nicht im Privaten gefordert, und gemeint ist auch, dass es öffentlich stattfinden soll. Und gemeint ist damit ja nicht nur, dass man denen klar die Meinung geigt, also kämpft, sondern eben das genaue Gegenteil, dass man einfühlsam mit ihnen spricht und öffentlich zur Schau stellt, man würde auch ihren Rant für plausibel halten. Dass „für“ oder „gegen“ Pogrome zu sein zwei mögliche Meinungen seien, über deren Für und Wider man sich unterhalten kann. Ein solches Reden verschiebt bekanntermaßen die Grenzen des Sagbaren. Aber schlimmer noch: Es führt dazu, dass selbst die Gegner des Rechtsradikalismus in diesem Gespräch bestimmte Postulate des Rechtsradikalismus übernehmen. Dass sich 2015 nicht wiederholen dürfe, dass die Massenzuwanderung die Gesellschaft überfordere, die Ausländer echt ein Problem seien etc. Doch was eine Gesellschaft überfordert ist eben nicht fix, sondern massiv von der Ordnung der Diskurse beeinflusst. In der Realität bedeutet, sich auf die Argumente der Bösmenschen einzulassen, ihnen Millimeter für Millimeter nachgeben und die eigene prinzipielle Position aufweichen. Schwäche zeigen, wo eigentlich Standfestigkeit nötig wäre. Mit Rechten reden meint viel zu oft wie Rechte zu reden.

Und das ist keine gute Idee.

Natürlich kann man auch mit Rechten reden. Aber in vielen Fällen wäre es doch besser, wenn das die Untersuchungsrichter besorgen würden und nicht die Talkshow-Moderatorin.

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Sollen weiße Männer die Klappe halten?

Häufig wird darauf bestanden, dass Betroffenheit ein Wissen ist, das durch andere Wissensarten nie aufgewogen werden kann und Nicht-Betroffene schweigen sollen. Aber die Argumente dafür stehen auf dünnen Beinen.

Falter, August 2018

Es gibt eine rhetorische Figur, die sich zunehmender Beliebtheit erfreut, etwa wenn es um Rassismus geht oder um sexuelle Übergriffe oder andere Diskriminierungen, die nicht „jede/r“ erfahren kann: dass jene, die nicht betroffen sind, die Klappe halten sollen. Diese rhetorische Figur ist nicht immer klar und sauber konturiert, sie verschwimmt gewissermaßen. Die meisten meinen damit: Wer nicht betroffen ist, soll den Opfern erst einmal zuhören, ihnen mit Empathie begegnen, nicht mit depperten Ratschlägen kommen. Aber diese Denkfigur geht gewissermaßen schleichend über in die rigidere Formel, dass Nicht-Betroffene überhaupt nicht mitreden sollen.

Auch diese These hat auf dem ersten Blick eine ganze Reihe guter Argumente für sich. Die Nicht-Betroffenen sind, nimmt man alles zusammen, die berühmten „weißen, alten, heterosexuellen Männer“. Die seien privilegiert und können die Lebenswelten der Betroffenen gar nicht verstehen, vor allem aber würden sie ohnehin auch auf der Ebene des Gehört-werdens privilegiert sein. Bist du weiß, bist du nicht von Rassismus betroffen. Bist du männlich, dann nicht von sexualisierter Gewalt. Allein, das Altersargument ist nicht völlig stichhaltig. Klar, Leute in Machtpositionen sind meist älter. Zugleich ist in einer Gesellschaft des Jugendkults Alter nicht mehr nur ein Privileg. Also, über die rhetorische Figur „alter“ kann man noch einmal gesondert diskutieren, aber man kann es auch bleiben lassen.

Die weißen Männer sind nicht nur privilegiert, weil sie von den vielfältigen Diskriminierungen nicht betroffen wären (auch wenn sie zB. als weiße männliche Kids aus unterprivilegierten Schichten von anderen Diskriminierungen betroffen sind), weiße Männer aus der oberen Mittelschicht oder Oberklasse sind vor allem noch in einer anderen Hinsicht privilegiert: in der medialen Öffentlichkeit (und anderen Öffentlichkeiten, von der politischen Öffentlichkeit bis den Öffentlichkeiten von Berufsverbänden, der Vereine etc.) sind es vor allem sie, denen das Privileg des Sprechenden und Sichtbaren zuteil wird.

Das Argument lautet daher auch: lasst einmal diejenigen, die nicht so privilegiert sind, sprechen. Gebt ihnen Platz. Macht die Unsichtbaren sichtbar. Räumt die Sprecherpositionen, damit endlich auch die anderen gehört werden.
Dafür gibt es nicht nur gute Argumente, diese guten Argumente sind überhaupt nicht bestreitbar. Dass die einen endlich mehr gehört werden sollen, und dass dafür die anderen mal bisschen mehr zuhören – wer bei Trost ist, wird dagegen kaum einen Einwand vorbringen können.

Vielleicht bin ich ja auch etwas zu verkopft, sodass ich versuche, Argumente immer in ihrer Radikalität durchzudenken, um zu überprüfen, ob sie überhaupt haltbar sind. Aber es liegt wohl nicht nur an dieser Charaktereigenschaft – man könnte die auch Macke nennen -, sondern auch daran, dass dieses Argument von einigen ja auch radikalisiert wird. Nämlich in die Richtung: Die, die nicht betroffen sind, sollen nicht nur nicht blöd daher reden, sie sollen überhaupt nicht mitreden.

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Dieses Postulat begegnet einem in den verschiedensten Milieus immer wieder. Ein Klassiker dieser Argumentation ist etwa die Forderung der Studierenden der Londoner School of Oriental and African Studies, die sich dafür stark machten, dass in ihrem Lehrfach nur mehr Philosophen unterrichtet werden, die „aus dem globalen Süden oder der Diaspora“ stammten. Sollte es gelegentlich unvermeidlich sein, dass auch „weiße Philosophen“ auf dem Lehrplan stünden, dann müsse ihr Werk „kritisch beleuchtet und der koloniale Kontext bedacht werden“. Nun wird es wahrscheinlich recht schwierig sein, Frantz Fanon, Stuart Hall, Gayatri Spivak ohne Hinweis auf Hegel, Marx, Gramsci oder Sartre zu unterrichten, sodass die Forderung etwas überspannt wirkt.

Aber wie kommt man überhaupt auf solche Ideen? Diese Haltungen gehen von Voraussetzungen aus und haben, wenn man sie ernst nimmt, fragwürdige Resultate – sogar dann, wenn man ihnen grundsätzlich sympathisierend gegenüber steht.

Erstens: Empathie nützt letztlich nichts.

Sie unterstellen, dass es grundsätzlich nicht möglich ist, sich wirklich in die Anderen hinein zu denken. Bin ich nicht von täglicher rassistischer Diskriminierung betroffen, dann kann ich mir das praktisch nicht vorstellen. Bin ich nicht von stetiger Sexualisierung betroffen, werde ich nicht regelmäßig als Objekt behandelt und oft sogar Opfer massiver Übergriffe, dann kann ich mir einfach nicht vorstellen, wie sich das anfühlt. Nun ist freilich genau das die Voraussetzung für sinnvolle Diskurse in pluralen Gesellschaften: Dass ich mich als Mann in die Frau, als Mitglied der privilegierten ethnischen Mehrheitsgesellschaft in jene, denen man täglich zu verstehen gibt, dass sie nicht dazu gehören, dass ich mich als 50something in die Teenagerin und dass ich mich als Angehöriger gut situierter Mittelstandsmilieus in die Gemeindebaubewohner in der Vorstadt hineinversetzen kann, denen man zu verstehen gibt, sie seien kulturell von vorgestern und so weiter. Und übrigens vice versa und kreuz und quer. Natürlich steht und fällt diese Fähigkeit zur Empathie damit, erst einmal zuzuhören. Aber auch damit, Einwände zu formulieren, nachzufragen, und noch einmal zuzuhören. Und außerdem: Die Erfahrung zeigt natürlich, dass das sehr wohl geht. Klar: Genügend Leute sind empathiebefreit. Genügend sind es aber auch nicht.

Zweitens: Sinnliche Erfahrung ist der wichtigste Schlüssel zum Wissen.

Letztendlich steht hinter dieser Haltung ein unausgesprochenes Postulat: dass sinnliche Erfahrung ein derart wesentlicher Aspekt von „Wissen“ ist, dass sie praktisch nicht ersetzt werden kann. Jemand kann zuhören, sich Videodokumentationen und Radiofeatures anhören, Bücher lesen und Interviews, sich über die Verletzungen informieren, die in all jenen Milieus grassieren, denen er oder sie nicht angehört – es wird den Mangel an Erfahrungswissen nie völlig ausgleichen, nein, nicht einmal signifikant aufwiegen. Das ist eine Konzeption von Wissen, die das Fühlen über das kognitive Wissen stellt. Denn niemals würde aus einer solchen Position formuliert werden, dass jemand, der Diskriminierung nur fühlt, aber ansonsten von Tuten und Blasen keine Ahnung hat, nicht sprechen soll. Er kann ja dann immer noch darüber palavern, wie er seine Diskriminierung empfindet und was ihm spontan so dazu einfällt. Das ist eine der Spielarten von Antiintellektualität, auch nicht viel anders, als von den FPÖ-lern in den Dorfwirtshäusern, die finden, die Gscheiterln aus dem Bobo-Cafés in der Stadt hätten keine Ahnung vom Leben. Es gibt diese Spielarten von Antiintellektualität eben auch in den Milieus, die sich kritisch vorkommen. Etwa in Künstlermilieus, die meinen, Kreativität käme primär vom „Fühlen“, vom „Spüren“, und allzu viel Nachdenken und Theoriewälzen sei eine Unart von verkopften Hirnwichsern, die nie der Wahrheit des „künstlerischen Empfindens“ begegnen werden. Meine Gegenthese wäre: Unwissenheit hat noch nie jemanden genützt.

Drittens: Nicht-Betroffene haben daher praktisch nichts Sinnvolles beizutragen

Diese ganzen rhetorischen Figuren leben von der impliziten Voraussetzung, dass die Nicht-Betroffenen praktisch nichts Sinnvolles beitragen können. Sie haben von nichts eine Ahnung, geben aber im Extremfall den Betroffenen noch blöde Ratschläge. Nun können Ratschläge blöder oder gescheiter sein, aber lasst uns einmal die These überprüfen, ob Nicht-Betroffene tatsächlich als Ratschlag-Geber unbrauchbar sind. Nun ist die gesamte Geschichte der Selbstermächtigung von Machtlosen auch durchzogen von den relativ Privilegierten, die sich auf die Seite der Schwachen gestellt haben: von Karl Marx bis Victor Adler bis zu Frantz Fanon oder Simone de Beauvoir. Natürlich kann man der Meinung sein, dass all das ein Problem aller bisherigen Emanzipationsbewegungen gewesen sei, aber ich würde diese Meinung nicht unbedingt teilen. Wollen wir nur einmal praktisch nachdenken: Dass jemand wegen seiner sexuellen Identität Diskriminierung erfährt, führt noch lange nicht dazu, dass er* oder sie* oder * sehr viel Ahnung davon hat, wie man solche Diskriminierung wirksam bekämpft. Jemand, der die Geschichte der deutschen Frauenbewegung oder der amerikanischen Black-Panthers kennt und auch noch eine juristische Ausbildung hat, aber Unterdrückung wegen sexueller Identität nicht persönlich erfährt, kann dazu vielleicht ein paar wertvolle Gedanken beisteuern. Also, auch dieses Argument hält einer Überprüfung nicht stand, die über das No-Na-Argument hinaus geht, dass man sich depperte Ratschläge eher spart, klügere vielleicht besser nicht. Was klüger und was depperter ist, lässt sich allerdings am besten diskursiv ergründen, steht also nicht vor dem Sprechakt schon fest.

Viertens: „Opfer“ haben nicht die Aufgabe, den „Privilegierten“ oder gar „Tätern“ etwas beizubringen.

Nun ist das gewiss wahr. Dass jemand, der gerade Opfer eines homophoben Übergriffs geworden ist, auch noch irgendeinem Trottel, mag der auch noch so gutwillig sein, lang und breit das ABC dessen erklärt, was stetige Diskriminierungserfahrungen mit dir machen, ist gewiss nicht die reine Freude – ganz zu schweigen von bockigen Trolls, die gar nicht gutmeinend sind, sondern sich auch noch nach Kräften bemühen, nichts zu begreifen. Gleichzeitig wissen wir auch, dass gesellschaftliche Fortschritte nicht allein dadurch erzielt werden, dass man eh nur mit jenen kommuniziert, die schon für die gemeinsame Sache gewonnen sind und über alles bestens Bescheid wissen.

Fünftens: Wie stellen wir uns Kommunikation in einer pluralen Gesellschaft überhaupt vor?

Das Postulat, dass Betroffenheit besonders zum Sprechen qualifiziert, steht also auf äußerst dünnen Beinen, wird aber durch einen Umstand gänzlich unhaltbar: denkt man es radikal zu Ende, würden wir in völlig segmentierten Sprech-Gesellschaften leben. Zu jeden x-beliebigen Thema dürften nur – einmal größere, einmal kleinere – Betroffenencommunities sprechen, die sich im schlimmsten Fall dann auch noch aussuchen, wer mitreden darf (nämlich, wer dem gerade vorherrschenden Common-Sense des betreffenden Submilieus am besten nach dem Mund redet). Am Ende stünde dann kein gesellschaftliches Gespräch, sondern wie am Jahrmarkt der Meinungen eine Community neben der anderen, die irgend etwas herausposaunt – und sich diskursive Einmischung in ihr je eigenes Feld verbitten würde. Der Verdacht liegt nahe, dass das die Luft nicht besser machen würde.

Nun kann man natürlich der Meinung sein, dass ein Argument, hart zu Ende gedacht, falsch sein kann, aber auf weiche Weise dennoch richtig. Sozusagen auf halbem Weg richtig, und erst in einem Unendlichen falsch, das ohnehin nie erreicht wird. Ich fürchte nur, dann ist es eben als Argument nicht nur angreifbar, sondern auch falsch. Es kann zwar positive Effekte zeitigen, nämlich beispielsweise bisher kaum gehörte Betroffene hörbar zu machen, aber es wird möglicherweise schon auf halbem Weg unerfreuliche Nebeneffekte haben, etwa, dass sich Nicht-Betroffene aus dem gesellschaftlichen Gespräch zurück ziehen, sich denken, diese Thematik sollen sich die in ihrer Nische ausmachen, ich habe damit nichts zu tun. Von der Art: „Bevor ich mich in die Nesseln setze, lasse ich die auf ihrer Spielwiese alleine.“

Realitätstauglicher dürfte auch auf halbe Sicht folgende Haltung sein: ein Machtgefälle, das den einen privilegierte Sprecherpositionen einräumt, gehört bekämpft – indem den Ungehörten zugehört wird. Indem sie sich nicht nur Plattformen erkämpfen, sondern man sie dabei auch unterstützt. Aber in einem gesellschaftlichen Diskurs darf jeder und jede mitreden. Sogar Unsinn ist erlaubt. Es gibt kein Wissen, das andere Wissensarten aussticht. Empfindungen haben keine größere „Wahrheit“ als Resultate intellektuellen Bemühens. Empathie ist keine Unmöglichkeit, sondern muss gerade als Voraussetzung eines sinnvollen gesellschaftlichen Gesprächs eingefordert werden. Eine Gesellschaft, die in Communitys zerfällt, ist eher Teil des Problems, nicht Teil der Lösung.

„Ein abscheuliches System“

Menschen sind auf Wettbewerb gepolt, nur Konkurrenz führe zu Fortschritt, wird behauptet. Dabei bringt uns nicht der Kampf aller gegen alle voran, sondern die Kooperation.

Der Freitag, September 2018

Jeder versucht sich selbst zu optimieren, sein Ich zu verbessern, und dieses optimierte Selbst auch im besten Licht erscheinen zu lassen. Von Instagram bis Facebook werfen wir uns in Pose, wir vergleichen und werden verglichen. Kaum öffnen wir morgens die Augen, stehen wir schon in diesem Wettbewerb, zu dem das zeitgenössische Leben geworden ist.

Die Selbsttechniken der Ich-Optimierung sind das eine, aber sie sind auch nicht zu trennen von einer Ideologie, die die Konkurrenz zur eigentlichen Conditio Humana, des menschlichen Wesens erklärt und auch zum Motor von Fortschritt. Wirtschaftliche Prosperität sei nur durch Konkurrenz zu haben, also dadurch, dass Menschen gegeneinander und für das kleine fiese Eigeninteresse agieren, und auch der technologische Fortschritt komme deshalb in die Welt, weil Einzelne andere Einzelne übertrumpfen wollen.

Von da ist es dann nicht mehr weit zu einem neoliberalen, kaltherzigen Konservativismus, der mit sozialdarwinistischen Plattitüden ausgerechnet das Sozialagieren des Herden- und Gemeinschaftstieres Mensch zum Krieg jedes gegen jeden phantasiert; und der den Sieg des Stärkeren als das feiert, was den langfristigen Erfolg der Gattung garantiere. Schwächlichkeit oder Humanitätsgesäusel würden letztendlich das Gegenteil dessen bewirken, was seine Fürsprecher anstreben, nämlich die Verbesserung der Welt.

Glücklicherweise ist die Welt nicht so. Die Konkurrenzfanatiker meinen zwar, dass in streng sozialdarwinistischer Manier, wie im Tierreich auch unter Menschen der harte Kampf ums Überleben herrscht und nur der „Stärkste“ überlebt. Doch das trifft nicht einmal auf das Tierreich zu. Darwin sprach nie davon, dass der „Stärkste“ überlebe – sondern vom „Survival of the fittest“. Das heißt aber etwas ganz anderes: Der ist am besten gerüstet, der sich am besten an seine Umweltbedingungen anpasst. Dies schließt nicht nur Konkurrenz ein, sondern auch kluge Kooperation. Erst recht gilt das für ein soziales „Tier“ wie den Menschen – dessen „Umwelt“ im Wesentlichen aus anderen Menschen besteht. Fast könnte man also sagen: Nicht der „Stärkste“ überlebt, sondern der „Freundlichste“, also der, der am besten kooperiert und der am meisten zur Entstehung einer kooperativen Ordnung beiträgt. Evolutionsbiologen sprechen neuerdings vom „Survival of the kindest“. Darwin selbst hat sich darüber Gedanken gemacht, warum in menschlichen Gemeinschaften der Kooperationsgeist sukzessive zugenommen hat, und äußerte die Ansicht, dass möglicherweise die kooperativeren frühen Menschengruppen in der Konkurrenz mit unkooperativen evolutionsbiologisch überlegen waren. Wie auch immer, all das soll natürlich nicht heißen, dass es nicht im zwischenmenschlichen Verkehr zu Gewalt, Mord, Totschlag und groben Gemeinheiten kommt – ohne Zweifel geschieht das. Es wäre lächerlich, das zu leugnen. Aber es ist doch ein Unterschied, ob man davon ausgeht, dass die Menschen quasi sozio-biologisch auf Konkurrenz und Kampf programmiert sind, wie das die Konservativen tun, oder ob man annimmt, dass sie sehr wohl auch zur Kooperation fähig sind, dass sie vielleicht sogar primär auf Kooperation gestimmt sind, dass sie zu Altruismus und Generosität fähig sind und dass sie möglicherweise auch das Leiden ihrer Mitmenschen bekümmert.

Doch wenigstens im Feld des Ökonomischen habe die Konkurrenz das Sagen und bürge für bessere Ergebnisse, wird dann gerne eingewandt. Aber selbst das ist sehr fragwürdig. Denn wesentliche Teile der kapitalistischen Ökonomie sind überhaupt nicht von Konkurrenz geprägt. Man kann beinahe sagen: Das Erfolgsgeheimnis der kapitalistischen Industriegesellschaft war von Beginn an viel mehr die Kooperation als die Konkurrenz. Immer größer wurden die Wirtschaftseinheiten, die Fabriken und Unternehmen, innerhalb derer viele tausende Menschen kooperieren. Und sehr bald wurde deutlich, dass die Vorteile dieser Kooperation nicht nur in der effizienten Kombination von Arbeitsschritten auf stetig höherer Stufenleiter liegen, sondern auch im eigensinnigen, wechselseitigen und kreativen Miteinander der Kooperierenden selbst, oder anders formuliert: im Teamgeist. Mit Karl Marx gesagt: „Abgesehen von der neuen Kraftpotenz, die aus der Verschmelzung vieler Kräfte in eine Gesamtkraft entspringt, erzeugt bei den meisten produktiven Arbeiten der bloße gesellschaftliche Kontakt einen Wetteifer und eine eigne Erregung der Lebensgeister (animal spirits), welche die individuelle Leistungsfähigkeit erhöhen.“

Diese „Erregung der Lebensgeister“ ist ja nicht der unwesentlichste Grund dafür, dass 10 Leute, die zusammen arbeiten, mehr weiter bringen werden als 10 Leute, die zeitgleich auf sich alleine gestellt arbeiten. Und zwar nicht nur, weil beispielsweise nur 10 Leute einen Felsen von einer Tonne Gewicht bewegen können, während das ein Einzelner niemals könnte, sondern weil diese 10 Leute vielleicht beim Austüfteln der besten Möglichkeiten, eine solche Aufgabe zu lösen, auf verschiedene Ideen kommen, die sie dann kombinieren, bis die beste Idee gefunden ist, die ein einzelner niemals finden hätte können. „Dies rührt daher“, so Marx, „dass der Mensch von Natur, wenn nicht, wie Aristoteles meint, ein politisches, jedenfalls ein gesellschaftliches Tier ist.“ Und weiter: „Im planmäßigen Zusammenwirken mit anderen streift der Arbeiter seine individuellen Schranken ab und entwickelt sein Gattungsvermögen.“ Indem er mit anderen gemeinsam tätig ist, erfährt er sich als Teil eines größeren und mächtigeren Ganzen – und gleichzeitig die Grenzen eines bloß individuellen Wirkens und Lebens.

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Jeder Reichtum im Kapitalismus ist gesellschaftlich produziert, alle arbeiten hier kooperativ miteinander, weder dem Unternehmer noch dem Kapitalgeber kommt hier grundsätzlich eine privilegierte Funktion zu. Die Kapitalisten tragen etwas bei, aber nichts außerordentlicheres als etwa die Schuldirektorin, die die Schule organisiert, und der Lehrer, der die Schüler unterrichtet, und der Vorarbeiter, der die Lehrmädchen einschult und der Arbeiter, der die Maschine bedient, oder die Buchhalterin, die die Bücher führt, und die Putzfrau, die die Büros wischt. Es ist dieser gesellschaftliche Charakter, dieses kooperative Zusammenwirken, das Reichtümer schafft, das in seiner Komplexität, wie Marx bewundernd schreibt, beeindruckender ist als das Zusammenwirken tausender Arbeiter beim Bau der Pyramiden im alten Ägypten (und der – unter Gerechtigkeitsaspekten – große Skandal dieser sozialen Ordnung besteht darin, dass der Unternehmer oder Kapitalbesitzer den größeren Teil der Reichtümer als seinen Privaten aneignet). „Ein abscheuliches System“ weiterlesen

Warum ist Putin im Westen populär?

Die FPÖ ist ohnehin begeistert von ihm, AfD und Front National sowieso, aber auch moderatere Konservative sehen den russischen Autokraten mittlerweile in einem rosigeren Licht – und unter amerikanischen Republikanern gingen seine Beliebtheitswerte schon hoch, bevor russische Hacker Donald Trump zur Präsidentschaft verhalfen. Bestimmte Spielarten von Linken finden ihn auch ganz toll. Kein Wunder, dass die Außenministerin Wladimir Putin bei ihrer Hochzeit haben wollte. Aber was macht den russischen Präsidenten, der Kritiker schon mal verschwinden lässt, Gewaltentrennung nervig findet und vor Brutalität nicht zurückschreckt, eigentlich so populär? Drei Gründe gibt es hierfür: 1. Er präsentiert sich als Fürsprecher traditioneller Werte, etwa Familienwerte, traditioneller Vorstellungen von Männlichkeit – und damit als Gegenspieler modischer liberalistischer Lebensentwürfe und Konventionen. Gerade weil er ein Autokrat ist, steht er für Ordnung gegenüber einer zunehmend als chaotisch empfundenen Welt. 2. Es wird ein liberaler Mainstream kritisiert, der mit der westlichen Hegemonie verbunden wird. So werden Schwulenrechte oder Feminismus (liberale gesellschaftliche Hegemonie) und die Nato (westliche militärische Hegemonie) und Wall Street zu einem Brei verrührt, zur fiktiven Einheit „westlicher Mainstream“, und Putin inszeniert sich geschickt zu einem Gegenmodell zu dem, was in den Augen vieler als „herrschende globale Macht“ erscheint. 3. Das eigentlich Erstaunliche ist: Bei alldem gelingt es ihm aber auch, als sympathisch herüberzukommen. Es hat keinen Sinn, davor die Augen zu verschließen: Putin spielt mit Selbstironie, wirkt gar nicht auftrumpfend, sondern eher scheu, er spielt auch mit sarkastischem Witz und kombiniert die autoritäre Herrschaft mit einer – im medial verbreiteten Bild – vollkommenen Abwesenheit von autoritärem Habitus. Ohne diese drei Elemente wäre es völlig unerklärlich, wie der russischer Autokrat durchaus populär werden konnte. – derstandard.at/2000086073678/Warum-ist-Putin-im-Westen-populaer

Kontrollverlust

Wie ein Begriff zur Catchphrase und Diagnosevokabel wurde.

Gegenblende, September 2018
„I’m About to lose Control and I think I like it“, singen die Pointer Sisters in „I’m so excited“. Meist ist der Kontrollverlust freilich nichts, was euphorisch bejubelt wird. Ja, neuerdings taugt er sogar zur Verächtlichmachung. „Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sagte vor einiger Zeit der sonderliche Modezar Karl Lagerfeld, dem seinerseits von manchen Leuten höhnisch vorgehalten wird, die Kontrolle über sein Leben verloren zu haben. Aber was heißt das eigentlich: Die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren?

Sich im Griff haben. Die Bälle, die man in der Luft hat, unter Kontrolle halten. Beim Drift durch die Existenz Spur halten und nicht aus der Bahn geworfen werden. Schläge wegstecken, ohne sich gehen zu lassen. Die Überforderung, die alle spüren, meistern, ohne einzuknicken. Fassade wahren vielleicht auch. Seine Existenz und sein Ich selbst zu modellieren, leben und nicht „gelebt werden“. Autor des eigenen Lebensskripts zu sein, oder zumindest Co-Autor. So Zeug halt.

Auch: Für sich selbst verantwortlich sein, und jeden Schlag einstecken – wie es der Zeitgeist einer hyperindividualisierten Wettbewerbsgesellschaft verlangt.
Zugleich geistert das Sprachbild vom Kontrollverlust durch viele Debatten. Im neoliberalen Kapitalismus, in dem stets alles auf Messers Schneide steht, in dem man nie langfristig auf etwas bauen kann, in dem Karrieren, Jobprofile, Arbeitsstellen, Mietverträge und Lebenspartnerschaften stets nur befristet und mit Ablaufdatum (aber oft eben keinem exakten) versehen sind, empfinden viele Menschen Kontrollverlust. Die Menschen wissen, „dass Morgen alles ganz anders sein kann“ (Hartmut Rosa).

Der Wahn, in jeder Situation unbedingt die Kontrolle über das eigene Leben zu bewahren und die allgemeine Diagnose des Kontrollverlustes – sie sind ganz offensichtlich zwei Seiten einer Medaille.

Überhaupt ist Kontrollverlust so eine Catchphrase geworden. In den Hochtagen des Flüchtlingssommers, als Tausende einfach so über Grenzen marschierten, haben viele Menschen, so wird jedenfalls behauptet, vor allem die Bilder vom „Kontrollverlust“ als verstörend erlebt.

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Und die Brexit-Befürworter in Großbritannien gewannen ihre Kampagne mit der Parole „Take Back Control“. Soll heißen: Statt Spielball supranationaler Kräfte und undurchschaubarer Institutionengeflechte soll wieder nationalstaatliche Kontrolle zurück gewonnen werden. Kontrollverlust weiterlesen

Termine im September: Marx, Graeber, Jacobin, Mouffe, Liebe und Co.

MARX

2. September 2018, 11 Uhr, Theater an der Josefstadt

Karl Marx verbrachte im Revolutionsjahr 1848 einige Wochen in Wien und hielt Vorträge, etwa in den Stäußelsälen, heute das Theater an der Josefstadt. Exakt 170 Jahre später gibt es aus diesem Anlass eine Matinee im Theater an der Josefstadt, bei der ich aus dem „Kommunistischen Manifest“ lesen und nachher unter anderem mit Nurten Yilmaz diskutieren werde.

ARBEIT IST UNSICHTBAR

6. September, 19 Uhr, Kreisky Forum

Harald Welzer und ich haben die Ausstellung „Arbeit ist unsichtbar“ im Museum Arbeitswelt Steyr kuratiert und auch den Reader zur Ausstellung – gemeinsam mit Christine Schörkhuber – erstellt. Wir präsentieren das Buch (erschienen im Picus-Verlag) und auch einige Elemente der Ausstellung, als Appetizer für alle, die es noch nicht nach Steyr geschafft haben.

EDELWEISS

11. September, 19 Uhr, Kreisky Forum

Der Journalist Günter Kaindslstorfer schreibt seine Romane unter dem Pseudonym Günter Wels. Seinen Roman „Edelweiß“ präsentiert er am 11. September. Die Ausgangsgeschichte: „Im Frühjahr 1945 springt Friedrich Mahr, Deckname Edelweiß, als Leiter eines Spezialkommandos aus einer zweimotorigen B-26 der U.S. Air Force über deutschem Reichsgebiet bei Salzburg ab. Der OSS-Agent hat den geheimen Auftrag, Informationen über die von Hitler angeblich geplante Alpenfestung einzuholen.“ Der Roman beruht auf realen historischen Geschehnissen.

MARX AGAIN

14. September, Wiener Neustadt

Am 14. September spreche ich in Wiener Neustadt zum 200. Geburtstag von Karl Marx. Details geb ich noch bekannt, sobald ich sie weiß.

GRAEBER

19. September, Büchereien Wien, 19 Uhr

David Graeber, der amerikanische linke Bestsellerautor, stellt sein neues Buch „Bullshit-Jobs“ vor – eine grandiose Untersuchung über viele Jobs, die erfunden werden, obwohl sie niemand braucht. So von der Art: Menschen, die in Sitzungen sitzen, die sich mit dem Sinn von Sitzungen beschäftigen. Ich habe die Freude, Graeber in ein Gespräch über sein Buch zu verwickeln.

JACOBIN

20. September, Kreisky Forum, 19 Uhr

Wie es der Zufall so will, ist gleich eine weitere Spitzenfigur der US-Linken zu Besuch: Bashkar Sunkara, der Gründer und Herausgeber des Magazins „Jacobin“, kommt nach Wien, um einen Reader mit den besten Texten von „Jacobin“ zu präsentieren, der demnächst bei Suhrkamp erscheint.

RECHTSRUCK

25. September, Kreisky Forum, 19 Uhr

In unserer Reihe, die eine aktualisierte Rückschau auf das Jahrhundert hält, widmen wir uns dem Thema: DIE ROHE BÜRGERLICHKEIT. Der österreichische Konservativismus auf Abwegen – vom „Untergang des Abendlandes“ bis Schwarz-Blau. Brigitte Bailer-Galanda, Willi Mernyi und Natascha Strobl werden sprechen, ich moderiere.

LIEBE IN ZEITEN DES KAPITALISMUS

26. bis 28. September – Innsbruck, Landeck, Kufstein/Wörgl?.

In drei Tiroler Städten präsentiere ich mein Buch „Liebe in Zeiten des Kapiutalismus“. Leider habe ich noch nicht den exakten Ablauf – was? wann? wo? -, Details gibt es sobald ich sie kenne.

CHANTAL MOUFFE

29. September, Chantal Mouffe, Wiener Humanities Festival, 15 Uhr

Beim Wiener Humanities Festival diskutiere ich mit Chantal Mouffe über ihr neues Buch „Für einen linken Populismus“. Ort: Stadtkino