Lebe, liebe, und tue beides intensiv!

Taz, der Rote Faden, vom März 2018

In seinem berühmten Buch „Das Ende der Geschichte“ formulierte Francis Fukuyama den eigentümlichen Gedanken, es wäre denkbar, dass die Geschichte wieder in Gang komme, wenn zu viel Langeweile um sich greife. Wir sind heute Zeugen von Geschehnissen, die diesen Gedanken verständlicher machen. Die liberale Demokratie, die auf marktwirtschaftlicher Ordnung basierte, etablierte einen Trott ohne Spannung, Regierungen wurden gewählt, abgewählt, neue gewählt, aber dieser demokratische Prozess war weitgehend ohne Intensität. Bis dann plötzlich mit einem Mal alles in einem seltsamen Moment aus dem Lot geriet und innerhalb weniger Jahre in verschiedenen Demokratien die pluralistische Demokratie selbst von ihren Feinden herausgefordert wurde. Vielleicht auch, weil zu viel Stabilität einfach langweilig ist?

Wir Menschen der Jetztzeit sind für den Trott nicht gemacht. Wenn nichts geschieht, sehnen wir uns danach, dass sich etwas ereignen möge.

Die amerikanische Großessayistin Susan Sontag, die man auch eine Ikone der Intensität nennen kann, hielt immer die Intensität des Erlebens hoch. Auch ein wüster, noch nie gedachter Gedanke kann diese Intensität bieten. Von „intellektueller Ekstase“ sprach Sontag. Das „Ideal der Intensität“ steht bei ihr gegenüber der Langeweile, der Abgedroschenheit, dem Alltäglichen, dem Zahmen. Lebe, liebe, und tue beides intensiv! weiterlesen

Donnerstag im Kreisky Forum: Präsentation von „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“

„Ein Wörterbuch der Gegenwart“, so nannte der „Deutschlandfunk“ mein Buch „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“. Der Autor erweist sich, so Christa Eder in Ö1-„Leporello“ als „feinsinniger Beobachter der Phänomene unserer Zeit“. Und Barbara Tóth schreibt im Falter: „Misiks Stichworte zur geistigen Situation der Zeit … ein unterhaltsames wie kluges Handbuch für kritische Zeitgenossen.“

Von Angst bis Integration, von Identität bis Verdruss, von Ironie bis Toleranz, von Liebe bis Tinderisierung bis Sex und Glück… mit Hilfe von 33 Schlagwörter versuche ich eine Zeitdiagnose entlang von Begriffen. In Summe sind das 23 Essays. Manche länger (wie „Freiheit“ oder „Gleichheit“), manche kürzer (wie „Erfolg).

Übermorgen, Donnerstag, präsentiere ich das Buch im Kreisky Form im Gespräch mit Rosa Lyon, bekannt unter anderem als Anchorwomen der Früh-ZiB im ORF. Kreisky Forum, 1. März, 19 Uhr. Armbrustergasse 15, 1190 Wien. 

Partei der Hoffnung werden

Selten war der Zustand der europäischen Linken so desolat wie heute. Höchste Zeit für einen fundamentalen Neuanfang. taz, 24. 2. 2018

Die Diagnose, dass die Linke in einer Krise sei, ist fast so alt wie alle heute lebenden Linken. Sie hat für sich genommen also keinen großen Neuigkeitswert mehr. Aber seien wir ehrlich: So desolat wie im Augenblick waren die politischen Kräfte links der Mitte noch nie in Europa. Sozialdemokratien schrammen an der Zwanzig-Prozent-Marke herum, wenn sie nicht gleich völlig untergehen, wie die einstmals glorreichen französischen Sozialisten oder die niederländische Partij van de Arbeid, die zuletzt gerade noch 5,7 Prozent der Wählerstimmen holte. Die griechische PASOK ist faktisch nicht mehr. Die österreichischen Sozialdemokraten könnten da auf ihre 27 Prozent bei der jüngsten Nationalratswahl noch stolz sein, wären sie nicht auf den zweiten Platz und in die Opposition gefallen, was zur Bildung einer rechts-ultrarechten Koalition führte, die das Land umpflügen will. Dagegen rangelt die SPD gerade mit der AfD um Platz zwei in den Umfragen.

Linke Parteien jenseits der Sozialdemokratie können dieses Vakuum nirgendwo auffüllen, die deutsche „Die Linke“ stagniert seit Jahren bei zehn Prozent und hat das Anti-System-Oppositionsmonopol an die extreme Rechte verloren. Allein im Sonderfall Griechenland gelang es der linken Syriza zumindest für einige Jahre, zur neuen hegemonialen Kraft zu werden.

Hatte man vor ein paar Jahren noch auf die Möglichkeit setzen können, eine neue Allianz sozialdemokratischer und linker Regierungen von Portugal über Griechenland bis Schweden, Österreich und Frankreich zu etablieren, ist heute von einer solchen Achse nur mehr ein Trümmerfeld übrig. Allein die britische Labour Party unter Jeremy Corbyn ist eine überraschende Erfolgsgeschichte. Partei der Hoffnung werden weiterlesen

Jede Kritik mundtot machen. Der Feldzug gegen den ORF

Die FPÖ führt, mit dröhnender Duldung der ÖVP, einen Feldzug gegen den ORF, aber in Wirklichkeit gegen jeden Journalismus. Denn der steht ihr im Weg beim Verbreiten ihrer Angstbotschaften. Grundiert wird die Kampagne mit dem Märchen vom linken, politischen Mainstreamjournalismus. Dabei haben die Mainstreammedien seit Jahr und Tag mehrheitlich den populistischen und rechten Parteien in die Hände gespielt, indem diese einfach ihr Agendasetting akzeptierten oder sogar betrieben – von Themensetzungen wie „Gefahr Islam“ bis zur Behauptung, der „Stillstand der großen Koalition“ sei das Schlimmste, was dem Land passieren kann, und bis zur Verkleisterung aller Debatten durch das Flüchtlingsthema. Aber das reicht der FPÖ offenbar nicht mehr. Andere Gesichtspunkte, andere Meinungen und Kritik sollen einfach nicht mehr vorkommen.

Heimat – ein gefährlicher Begriff

Heimat ist ein umkämpftes Wort geworden. Von der extremistischen Rechten gekapert, versuchte zuletzt auch die liberale Mitte, den Begriff zurückzuerobern. Aber es war von Beginn an ein kontaminiertes Wort, wie die Medienwissenschafterin Alena Dausacker zeigt. Als Gegenbegriff gegen die Stadt und die Moderne, oder auch aufgeladen mit reinster Nostalgie. Und dann von den Nazis auch noch ins Nationalistische gewendet, sodass mit einem Mal Heimat keine kleinteiligen Lebenswelten beschrieb, sondern die Nation als ganzes (die natürlich niemals eine erlebte Heimat sein kann). Dann fehlte nur mehr ein kleiner Schritt zum Heimatschutz, und von da ist es nur mehr einen Wimpernschlag entfernt, anderen die Köpfe einzuschlagen. Heimat ist also kein unschuldiges Wort. Heimat ist ein gefährliches Wort.

Die Deutschen. Ein Land am Rande des Chaos

Deutschland stolpert in die Große Koalition – wenn überhaupt. Angela Merkel ist seit dieser Woche eine Kanzlerin, deren Tage gezählt sind. Ihre Partei sieht sehr genau: Die Anführerin ist derart geschwächt, dass sie fast alles verschenken musste, um eine Koalition noch irgendwie zuwege zu bringen. Und danach stürzte noch das kongeniale Duo Martin Schulz und Sigmar Gabriel die SPD in kuriose Turbulenzen und liegen jetzt politisch mausetot auf der Bühne. Die SPD-Mitglieder müssen nun in einer Urabstimmung der Koalition zustimmen. Verweigern sie, steht das Land endgültig im Desaster: Dann sind Neuwahlen wohl unvermeidlich, und die beiden großen Parteien gehen völlig zerzaust in den Wahlkampf. Ein politisches System derart schnell demolieren – das muss man erst einmal hinbekommen.

Wo geht’s hier zum Widerstand?

Die Opposition zur rechtsrechten Kurz-Strache-Regierung gewinnt an Schwung. Das liegt im Moment aber eher noch am kuriosen Fehlstart der Regierung. Ein Beitrag für die Berliner Jungle World.

Als im Jahr 2000 die erste Regierung aus Konservativen und Rechtsradikalen antrat, damals noch vom Kanzler Wolfgang Schüssel und Populistenführer Jörg Haider ausverhandelt, gingen Bilder von Massenprotesten um die Welt. Tägliche Demos zogen durch Wien, zur Angelobung musste die Regierung durch unterirdische Gänge schreiten und wenige Tage nach Antritt der Koalition standen 250.000 Protestierende am Heldenplatz in Wien. Schlüsselbünde wurden geschwungen. „Widerstand. Widerstand“, hallte durch die Straßen.

Warum ist es jetzt so ruhig, fragen internationale Kommentatoren? Haben sich die Österreicher und auch die Gegner der Neuauflage der Koalition von ÖVP und FPÖ jetzt mit dem Status Quo abgefunden? Bilder von Massenprotesten jedenfalls sind selten.

Einerseits ist das schon wahr, andererseits auch nicht ganz: Auch diesmal waren bei der Angelobung der Regierung einige tausend Protestierende gekommen (und viel mehr waren es vor 18 Jahren auch nicht). Und zu einer eher schmalspurig angelegten Protestdemonstration, die vor allem von einem Bündnis linker Kleinzirkel organisiert war, strömten Mitte Jänner überraschend viele Leute – 30.000, vielleicht sogar 40.000 oder mehr.

Zugleich ist die Situation jetzt auch eine andere. Das gesamte gesellschaftliche Klima, die öffentlichen Diskurse sind nach rechts gekippt. Kanzler Kurz und sein Vize Heinz-Christian Strache von der FPÖ haben es in einer fast eineinhalbjährigen Kampagne geschafft – unterstützt von einem Großteil der Medien -, das Angsthema „Migration“ als das zentrale Problem, als Gefahr, zur Hauptissue der politischen Kontroversen zu machen.

Hinzu kommt: Vor 18 Jahren war die Bildung dieser Koalition ein überraschender Coup, den vor den Wahlen niemand am Zettel hatte. Damit hatte die Koalition im Grunde keine Legitimation durch die Wähler und Wählerinnen. Diesmal ist das anders: Zwar gab es vor der Wahl keine direkten Koalitionsaussagen, aber es war jedem klar, dass Sebastian Kurz eine Regierung mit der FPÖ bilden wird, wenn er dafür eine Mehrheit hat. Diesmal haben sie die Legitimation durch die Wähler. Wo geht’s hier zum Widerstand? weiterlesen

Buchpremiere: „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“

In den nächsten Tagen habe ich wieder eine Reihe von Veranstaltungen, zu denen ich herzlich einlade:

Buchtour: „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“

Montag, 19. Februar, 19 Uhr: Thalia Wien Mitte, Landstraßer Hauptstraße 2a. Ich lese und spreche über das Buch. 

Donnerstag, 1. März, 19 Uhr: Kreisky Forum, Armbrustergasse 15, 1190 Wien. Im Gespräch mit Rosa Lyon werde ich versuchen, ein paar zentrale Gedanken des Buches zu präsentieren. 

Mittwoch, 14. März, 19 Uhr: Präsentation im Thalia Mariahilfer Straße.

Was treibt uns an? Wie gelingt ein Leben? Welche Werte haben Bedeutung?

In seinem neuen Essayband entwirft Kreisky-Forum-Kurator Robert Misik eine Zeitdiagnose entlang von Begriffen und Stichworten. Was sind die Quellen der ANGST, die sich in unsere Gesellschaften hineinfressen. Was ist FREIHEIT? Gibt es einen guten PATRIOTISMUS? Wie verunstaltet der KAPITALISMUS die LIEBE? Vergiftet der Geist der unbegrenzten Auswahl auch unseren Sozialverkehr, sodass von einer regelrechten TINDERISIERUNG gesprochen werden kann? Der Autor greift allgemein als positiv betrachtete Konzepte frontal an: Gegen INTEGRATION, gegen IDENTITÄT, gegen ERFOLG, gegen IRONIE. „Die Sucht nach Erfolg stempelt weniger Erfolgreiche zu Losern und etabliert eine permanente Gehetztheit.“

„Denken ist das größte Abenteuer, ist Robert Misik überzeugt, und entschlüsselt rasant und amüsant den Geist unserer Zeit.“ (Klappentext).

Außerdem:

Am Dienstag, 20. Februar, habe ich um 19 Uhr im Kreisky Forum den deutschen Sozialforscher Philipp Staab zu Gast, Autor des Buches „Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus.“

„Die Digitalisierung von Arbeit und Wirtschaft ist derzeit in aller Munde. Die einen verbinden mit der disruptiven Kraft digitaler Innovationen die Hoffnung auf eine neue Quelle unbegrenzten Wachstums. Andere fürchten massive Beschäftigungsverluste und eine radikale Zunahme sozialer Ungleichheit. Philipp Staab bietet eine differenzierte Analyse der Leitunternehmen des Silicon Valley, die weltweit ein spezifisches Wirtschaftsmodell propagieren. Er beschreibt dessen historische Genese, beleuchtet die Ideologie des digitalen Kapitalismus und kontrastiert diese mit den ökonomischen Imperativen in der digitalen Ökonomie. Die Unternehmenspolitik von Google, Apple, Amazon und Co. beschreibt der Autor als ökonomisches Programm, das auf die Bearbeitung einer Sollbruchstelle des gegenwärtigen Wirtschaftssystems zielt. Seit dem Ende des Fordismus kann in den hochentwickelten Ökonomien der OECD-Welt die Entwicklung des Konsums nicht mit den Produktivitätssteigerungen in der Wirtschaft Schritt halten. Der digitale Kapitalismus bildet den Versuch, die systematische Nachfrageschwäche des gegenwärtigen Wirtschaftssystems durch die Rationalisierung der Konsumtionsapparate zu tilgen. Dabei erzeugt er jedoch Widersprüche, die das Problem, zu dessen Lösung er antritt, weiter verschärfen. Der digitale Kapitalismus der Gegenwart ist von einem Konsumtionsdilemma geprägt, das die Wachstumspotenziale der Digitalisierung in ihr Gegenteil verkehren könnte. Die Verheißungen des digitalen Kapitalismus könnten sich schon bald als falsche Versprechen entpuppen.“

Und am 12. März, im Kreisky Forum, um 19 Uhr ein kleiner Höhepunkt der Saison: Da spricht der griechische Minister und engste Weggefährte von Alexis Tsipras, Nikos Pappas, über die ersten 3 Jahre Syriza-Regierung. 

„Durchschummler“ – die verrohte Sprache der Entsolidarisierung

Wo der Sozialstaat zurückgebaut wird und seine Institutionen delegitimiert, wo das Kollektive in schlechten Ruf gesetzt und der Erfolg nie dem Gemeinsamen und stets der Anstrengung des Einzelnen zugeschrieben wird, da wird der Angsthemmer Sozialstaat durch den Angsttreiber „individuelles Risikomanagement“ ersetzt. Stets hängt alles vom Einzelnen ab, dass der keine Fehler macht, Gefahren frühzeitig erkennt, vorausblickend in sich selbst investiert, seine Kompetenzen aktiv sichert und ja nicht ausschert. Der weiß, wenn es nicht rund läuft, ist niemand anderer schuld als er selbst. Das neoliberale Selbst weiß stets, dass der Boden wankend ist, auf dem sein Hamsterrad steht. Es ist ein Ich, das von der Angst gebeutelt ist.

Einher damit gehen Rhetoriken der Verrohung und Diffamierung. Eine Einheitssprache hat sich durchgesetzt. „Erfolgreiche“ und „Loser“. Und damit werden sofort moralische Urteile verbunden. Der Erfolgreiche ist als ganzes ein gelungener Mensch, der Loser auf eminente Weise abgewertet. Wer arm oder bloß nicht ausreichend erfolgreich ist, dem wird unterstellt, dass ihm selbst das wenige, das er besitzt, nicht wirklich zusteht. Er hat sich zu schämen, und muss sein Armenleben in der Schamzone leben. Er wird unsichtbar gemacht. Es ist diese Ordnung der Diskurse, die es erst ermöglicht, das Anlegen von Daumenschrauben für die Schwächsten als vernünftige Politik auszugeben.

Erscheint am 12. Februar: „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“

In zwei Wochen ist es so weit: dann erscheint mein Essayband „Liebe in Zeiten des Kapitalismus“. Es ist eine Sammlung von Essays, Artikeln und Vorträgen, die extra für diesen Band bearbeitet oder ganz neu geschrieben wurden. Und eine Art Zeitdiagnose, an Begriffen entlang. Begriffen, die unsere Epoche prägen: Angst, Verdruss, Konsum, Liebe, Tinderisierung, Glück, Unsicherheit, Freiheit, Patriotismus, Integration, Identität, Ironie, und viele andere mehr. In Summe ergeben sie, so hoffe ich, ein wohlkomponiertes Panorama der Jetztzeit.

Falls Interesse für Rezensionsexemplare, Interviewanfragen oder Veranstaltungen besteht, bitte einfach an den Brandstätter-Verlag wenden (hier), oder mit ein Mail unter robert (at) misik.at senden.

Aus dem Klappentext: 

Was treibt uns an? Wie gelingt ein Leben? Welche Werte haben Bedeutung?

Denken ist das größte Abenteuer, ist Robert Misik überzeugt, und entschlüsselt rasant und amüsant den Geist unserer Zeit. Er erzählt von Konsum und Identität, von Liebe und Kapitalismus, von Ironie und Freiheit – und vom Glück.

„Brillant… Gnadenlos“ (Kurier)

Dieser Regierung gegenüber ist nur elementare Gegnerschaft angebracht

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz

Ich war mal wieder ein paar Tage in Deutschland unterwegs und habe eine Reihe deprimierter Leute getroffen. „Die Einschläge kommen näher“, sagte einer. Damit meinte er nicht nur, dass ihr Deutschen jetzt auch mit der AfD eine rechtsradikale Partei im Bundestag habt, sondern so das gesamtgesellschaftliche Klima. Die Gereiztheit, die Hassposter. Die Gespräche im Bekanntenkreis. Dieses Grundgefühl, dass es eine abschüssige Bahn gibt, auf der sich alles bewegt – und nicht zum Besseren. Die politische Gesamtkonstellation, mit einer Merkeldämmerung in der Union, einer gebeutelten SPD, die aber wohl beide wieder gemeinsam regieren müssen, da, wenngleich eine Groko schlecht ist, alles andere noch schlechter wäre. Diesen Verdacht, der eigentlich eine Gewissheit ist, dass „das Schlimmste verhindern“ auf absehbare Zeit die einzige Aussicht ist, bis es halt dann dennoch kommt, „das Schlimmste“.

Diese gewisse Deprimiertheit frisst sich dann überall hinein. Muss man mir nicht sagen. Hallo, ich kenn das. Ich komm doch aus Österreich. Wir sind da bloß diesen einen Wimpernschlag weiter.

Ich bin ja jetzt wieder Opposition, was gar nichts macht, weil da kenn ich mich aus. Als linker Autor bist du ohnehin immer Opposition. Ich hab auch so eine Art Oppositions-Gen. Es mag ja Leute geben, auch unter Linken, die sich als Regierende wohler fühlen. Als Autor musst Du aber ohnehin immer Opposition sein, wenn du wahrhaftig bleiben willst, aber außerdem fühle ich mich auch als Person viel besser wenn ich angreifen kann. Und mit der Regierung, die wir jetzt haben, bin ich ja noch in viel eminenterer Weise Opposition als ich das sonst bin. Dieser Rechts-Rechtsradikalen-Regierung gegenüber ist ja nur elementare Gegnerschaft angebracht und das ist schon etwas anderes als diese Art „normalen“ Oppositionsgefühls, das man beispielsweise gegenüber der Helmut-Kohl-Regierung in den achtziger und neunziger Jahren hatte.

Es ist herrlich, sage ich Ihnen. Nach nur einem Monat im Amt hat sich diese Regierung praktisch schon zerlegt. Ein Monat ist es her, als Sebastian Kurz, damals noch mit dem Image des Strahlemanns ausgestattet, seinen Koalitionsvertrag mit der rechtsradikalen FPÖ schloss. Und praktisch vom ersten Tag an begann es die Regierung zu schleudern. Entgegen all ihren Wahlversprechen wurde gleich einmal ein neoliberales Hartz-IV-Programm im Regierungspakt festgeschrieben, das Arbeitslose recht bald, also nach rund einem Jahr (Details sind noch umstritten), in die Mindestsicherung abstürzen lassen wird. Dann greift der Staat sofort auf Vermögen zu, also auf Sparbücher, Auto, etwaige Einfamilienhäuser. Die FPÖ brachte das natürlich sofort ins Trudeln, deren Wähler jetzt sagen, „ich wollte ja nur weniger Ausländer, jetzt nimmt mir die Regierung das Auto weg“. Nichts von diesen Plänen war im Wahlkampf angekündigt, Sebastian Kurz versprach ein wolkiges „Zeit für Neues“, ohne konkret zu werden. Hätten sie ihre Pläne angekündigt, wären sie nie gewählt worden. Man muss nicht sehr viel zuspitzen, um das „Wahlbetrug“ zu nennen. Die eigene Sozialministerin, die vehement gegen sozialen Kahlschlag ist, haben sie schon demontiert und degradiert, sodass man richtig Mitleid mit der armen Frau bekommt. Schön ist auch, dass die Regierung, um ihren Plan europarechtlich wasserdicht zu machen, das Kindergeld für Arbeitsmigranten zu kürzen, deren Kinder in der Slowakei oder Bulgarien leben, nun einfach das Kindergeld generell indexieren will – auch für Österreicher und Österreicherinnen. Das wird lustig, wenn den Friseurinnen im Waldviertel die Kohle gekürzt wird, und dafür die Banker in der Wiener Innenstadt mehr bekommen, weil da ja die Lebenshaltungskosten höher sind.

Ich darf ihnen im Geheimen verraten, dass ich manchmal zu Hause sitze und mir vor Vergnügen auf die Schenkel klopfe, angesichts der Ideen dieser Gurkentruppe.

Und dann kommen ja noch die täglichen Nazi-Skandale der Regierung dazu. Ein Innenminister, der Flüchtlinge in Lagern oder ähnlichen Anhaltezentren „konzentriert halten“ will, und sich dann wundert, warum er negative Schlagzeilen bis zur BBC und der New York Times produziert. Ein FPÖ-Spitzenkandidat bei den anstehenden Landtagswahlen, der einer Burschenschaft als Vize-Chef vorsteht, zu deren Liedgut Nazi-Songs mit Textzeilen zählen wie „Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million.“ Und und und. Die Desaster-Liste dieses ersten Monats allein ist schon endlos.

Sebastian Kurz ist nur fünf Wochen nach seiner Angelobung schon wieder rücktrittsreif. Das soll ihm mal jemand nach machen. Ein solches Maß an Unfähigkeit habe ich nicht erwartet. Es ist herrlich.

Sebastian Kurz – der Zauberlehrling in der Sackgasse

FS Misik diese Woche mit folgenden Themen: Michael Ludwig hat den Kampf um den SPÖ-Vorsitz in Wien gewonnen. Aber seine härtesten Aufgaben hat er jetzt erst vor sich. Die FPÖ hat innerhalb von sechs Wochen bewiesen, dass sie in einer Regierung nichts verloren hat. Sebastian Kurz ist der Zauberlehrling, der sich in eine Sackgasse manövriert hat und jetzt nicht mehr weiß, wie er herauskommen soll. Die SPÖ sollte ihm die Tolerierung einer Minderheitsregierung für eine bestimmte Zeitspanne anbieten, wenn er zum Wohl des Landes die FPÖ aus der Regierung entfernt.