Rendi-Wagner: Im Schlafwagen ins Kanzleramt?

Um die Mehrheit für die Ibizakoalition zu brechen, müsste die SPÖ rund 27 Prozent holen, die Grünen 14, die Neos 8. Das ist gar nicht so unrealistisch.

Dass die ÖVP gerade so hypernervös ist, liegt wohl daran, dass auch sie weiß: In der Politik ist schon oft Favoriten beim Marathonlauf auf den letzten Kilometern die Luft ausgegangen. Natürlich kann auch Pamela Rendi-Wagner noch Sebastian Kurz einholen. Mehr: sie muss das nicht einmal. Ein starker zweiter Platz, mit starken Grünen plus respektablen Neos reicht auch aus.

Rendi-Wagners Schwäche war zuletzt ihre Partei. Die SPÖ-Leute machten Schnitzer, was auch die Frontfrau verunsicherte. Eine Handvoll egozentrischer Männer machen sich wichtig, was damit zu tun hat, dass sich die SPÖ-Leute in den vergangenen Jahren viele Wunden geschlagen haben, wegen dem Faymann-Sturz, den Diadochenkämpfen um die Häupl-Nachfolge und im Zuge des Kern-Abganges. Manchmal scheint es in der SPÖ fast wie bei Asterix in Korsika zuzugehen: Man ist verfeindet, selbst wenn man sich nicht mehr daran erinnern kann, weshalb.

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Pamela Rendi-Wagner ist das große Atout ihrer Partei. Sie kann schließlich ziemlich glaubwürdig verkörpern, dass sie mit der Ego-Politik der machtgierigen, ICH-bezogenen Männer in allen Parteien nichts zu tun hat. Und sie hat als Person noch eine Stärke: Sie kommt im persönlichen Gespräch herzlicher und sympathischer als praktisch jeder andere Politiker rüber.

Deswegen tourt sie jetzt auch durch die Lande zum volksnahen Handschüttel-Wahlkampf. Weil das auch positive Energie bringt, wird sie auch wieder lockerer. Auffällig ist, dass sich Rendi-Wagner mit emotionalen, positiven, fast unpolitischen Botschaften präsentiert. Damit hält sie sich abseits vom Gezänk und dem Schmutz, während sich Sebastian Kurz völlig unverständlicherweise persönlich in das kleinliche Spiel wechselseitiger Anschuldigungen begeben hat. Rendi-Wagner wird wohl versuchen, das Kontrastprogramm zu geben: positiv, leise statt laute Töne, mehr Konsens statt Gegeneinander. Die Themenlage ist ohnehin günstig für die SPÖ.

Gesundheit, Jobs, anständige Löhne, bezahlbare Wohnungen, Schule, Klima rangieren ganz vorne als Probleme bei den Leuten, Kurz‘ Leibthema Asyl und Migration ist nur mehr unter ferner liefen.

Rendi-Wagners Lage ist viel weniger aussichtslos, als manche glauben. Gerade in einem Wahlkampf, bei dem alle auf den Favoriten starren, ist es schon häufiger vorgekommen, dass die Nummer zwei im Schlafwagen ins Kanzleramt fuhr.

Die ganze Welt als Feind – warum sich Sebastian Kurz echt als Opfer sieht.

In den vergangenen Wochen sind eine Reihe von Chefredakteuren und führenden Journalisten, die Sebastian Kurz äußerst gewogen waren, zu ihm auf Distanz gegangen. Die Gründe dafür, sofern sie ausgesprochen oder angedeutet wurden, scheinen immer die gleichen zu sein.

Da ist seine Dünnhäutigkeit, seine prinzessinnenhafte schnelle Beleidigtheit, kombinidert mit seinen autoritären Anwandlungen, also die Welt manichäisch in bedingungslose Freunde und Feinde unterscheiden zu müssen (Feinde, die dann mit allen Mitteln bekämpft werden). Kurzum: seine charakterliche Ungeeignetheit für ein hohes Amt. Seine penetrante Art, sich als Opfer wahrzunehmen, mag also primär Wahltaktik sein, aber sie ist es nicht alleine: Er sieht sich tatsächlich als Opfer. Es gibt da etwas, das einem immer wieder an Kurz auffällt, gerade dann, wenn die Maske fällt: Seine Larmoyanz.

Die schauspielerischen Fähigkeiten von Kurz und die Professionalität seiner Truppe haben das nur sehr stark verdeckt. Tatsächlich ist Kurz ja wirklich talentiert darin, vollkommen einstudierte Dinge zu sagen und dabei dennoch authentisch zu wirken. Aber gelegentlich geht der „echte Kurz“ mit ihm durch. Gestern habe ich hier ein Beispiel angeführt, ich bringe hier noch einmal die Originalquelle: Jener Kurz, der tatsächlich glaubt, dass er sich für uns opfert und das auch noch für ein Taschengeld, nämlich die Peanuts von 331.000 Euro jährlich. Falls wer die Originalquelle lesen mag – hier ein Ausschnitt aus dem „profil“ vom Juni.

In meinem Buch „Herrschaft der Niedertracht“, in dem ich in einem ganzen Kapitel Sebastian Kurz porträtiere („Der Mann mit dem gewissen Nichts“), habe ich über diese Seite von Sebastian Kurz – nämlich dem, der sich permanent und offenbar authentisch empfunden – immer „als Opfer“ sieht, folgendes geschrieben:

Bei den allermeisten Menschen, auch bei jenen, die im Lichtkegel der Öffentlichkeit stehen und verständlicherweise versuchen, ihr öffentliches Bild unter Kontrolle zu halten, kann man dennoch Spuren des Authentischen und echter Emotionen aufstöbern, wenn man sich nur lange genug durch das Material wühlt, wenn man Interviews ausführlich liest oder Selbstzeugnisse auf verräterische Stellen des Echten abklopft. Bei Sebastian Kurz ist man mit dieser Methode aber auf der Verliererstraße – beinahe. Aber eines springt dann irgendwann dann doch ins Auge, wenn man sich mit seiner Person beschäftigt.

Da ist eine bemerkenswerte Larmoyanz, die Behauptung, er habe es im Leben schwer gehabt. Allen Ernstes sagte er immer wieder in Interviews: „Ich habe härtere Phasen erlebt, als die meisten anderen in der Politik. Als ich mit nur 24 Jahren Staatssekretär wurde, war der Gegenwind so stark, dass es für mein Team, für meine Familie und für mich eine wirklich furchtbar schwierige Zeit war.“ Manche Leute, sogar in der eigenen Partei, hätten ihn gemieden. Kurz erzählt diese Geschichte so oft und stets mit dem Gefühl tiefer Gekränktheit, so dass man annehmen kann, dass er das in seiner Selbstbezogenheit tatsächlich so meint. Aber das muss man sich einmal vorstellen: Da wird jemand mit 24 Jahren Staatssekretär, also Regierungsmitglied, erhält einen Job, von dem die allermeisten Leute seiner Generation nur träumen können, eine Stelle, die mit hohem Sozialprestige verbunden und mit einem Salär von rund 15.000 Euro monatlich vergütet ist – und bringt gerade das als Exempel dafür, es im Leben nicht leicht gehabt zu haben.

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Nun kann natürlich auch so ein Aufstieg seine negativen Begleiterscheinungen haben, gerade wenn man, wie Kurz behauptet, dann im Feuer höhnischer Schlagzeilen steht. Auch der Autor dieser Zeilen lästerte 2011 über den neuen „Staatssekretär für Schnöselangelegenheiten“, darüber, dass „ein völlig Ahnungsloser, der in seinem Leben noch nichts Erkennbares geleistet hat, ein solch ein wichtiges Ressort“ anvertraut bekommt. Bloß: Innerhalb von einer Woche drehte sich damals der Wind. Sebastian Kurz stellte sich in der wichtigsten Nachrichtensendung des Landes, der „Zeit in Bild 2“ den harten Fragen des Anchorman Armin Wolf, machte eine hervorragende Figur, und die kritischen Stimmen verstummten schnell. Ich weiß zufällig ziemlich genau wovon ich spreche, denn ich war es, der Kurz damals aus der Schusslinie nahm. Eine Woche nach meinem kritischen Kommentar schrieb ich „Habe ich Ihnen Unrecht getan, Herr Kurz?“, räumte ein, einen Fehler gemacht zu haben, rühmte den jungen Mann dafür, „weitgehend vernünftiges Zeug zum Thema Immigration und Integration gesagt, und das auch noch eloquent auszudrücken vermocht“ zu haben, und resümierte: „Damit hat er den meisten anderen seiner Berufs- und Parteikollegen ordentlich etwas voraus.“ Fazit: „Das, was man in der vergangenen Woche vom Sebastian Kurz gehört hat, war das Vernünftigste, was man seit langer, langer Zeit von einem ÖVP-Regierungsmitglied zu diesen Fragen gehört hat.“

Mit diesem Kommentar war das höhnische Gerede über den jungen überforderten 24jährigen in der österreichischen Medienlandschaft zu Ende. Das heißt aber auch: Was Kurz bis heute andauernd im larmoyantem Gejammer als traumatisierendes Erlebnis, als Beweis dafür anführt, es im Leben schwer gehabt zu haben, waren ein paar schnippische und kritische mediale Begleitnotizen zu seinem Amtsantritt, die gerade einmal eine knappe Woche andauernden und dann ein schnelles, jähes Ende fanden. Wie wenig muss man vom echten Leben und dessen Problemen berührt worden sein, um das schon als schwere Phase, als „eine furchtbare Zeit“ (ja, so nennt er das wirklich!) zu bezeichnen?

Sebastian „Das Opfer“ Kurz macht gerade Fehler am laufenden Band

Zu den Eigenheiten von uns Menschen gehört es, dass wir Leute gleich attraktiver finden, wenn sie von anderen Menschen auch attraktiv gefunden werden. Wem Erfolg nachgesagt wird, dem fliegt er zu. Wenn Ihnen jemand einreden will, dass er in seinem Urteil nicht von der Umwelt beeinflusst wird – glauben Sie dem kein Wort. Wir alle sind Herdentiere. Wir wissen es letztlich auch.

Das beeinflusst uns beim Handykauf, aber auch in den politischen Urteilen. Wenn alle Welt behauptet, Sebastian Kurz stehe für „Erneuerung“ und sei „talentiert“, dann beeinflusst das das Urteil und die Wahlumfragen. Klar: Sebastian Kurz‘ Ibiza-Koalition ist im Chaos zerbrochen. Er selbst wurde abgewählt. Sein Medien-Kontroll-Räderwerk scheppert nur mehr, seitdem seiner Partei die vielen hundert Ministersekretärsposten abhanden gekommen sind. Immer mehr Skandale der Türkis-Blauen-Regierungszeit kommen ans Licht. Aber seine persönlichen Werte sind weiter beeindruckend. In der Kanzlerfrage liegt er bei 45 Prozent.

Bleibt es dabei, wird Kurz die Wahl gewinnen. Das stellt die konkurrierenden Parteien vor ein Dilemma. Eigentlich müssen sie alles tun, um Kurz von seinen hohen Zustimmungswerten herunter zu holen. Anderseits müssten sie sich dann dauernd auf die Person Kurz konzentrieren, was ihn erst recht zum Polit-König macht, um den sich alles dreht. Greifen sie ihn nicht an, bleibt er der nette Überflieger – greifen sie ihn an, dann stellt er sich hin und sagt, er sei das arme Opfer.

Zweifellos eine bequeme Ausgangsposition. Aber so ganz ungefährdet ist auch der Möchtegern-Wieder-Kanzler nicht. Die ÖVP wirkt im Augenblick hypernervös. Das liegt vielleicht nur daran, dass Kurz ein Kontroll-Freak ist, dessen Nerven schon flattern, wenn er nur ein bisschen die Kontrolle verliert – wie jetzt bei der seltsamen Affäre um einen Kanzler-Sekretär, der mutmaßlich illegal, weil unter Angabe eines falschen Namens, Festplatten schredderte und aussagt, er könne sich leider, leider nicht erinnern, wer ihm dafür die Anordnung gab, was man eigentlich nur aus schlechten Mafia-Filmen kennt.

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Menschen haben ein sensibles Gespür. Ja, Kurz ist populär, aber es weiß letztlich auch ein jeder, dass er ein spezieller Charakter ist, der durch Intrigantentum und schmutzige Tricks hoch kam. Fast jeder, der mit Kurz zusammen arbeiten musste – von Mitterlehner bis Kern bis Kickl – will mit ihm nie wieder etwas zu tun haben. Glaubt noch irgendwer, dass das immer nur an den Anderen liegt? Neuerding passieren ihm auch Schnitzer, wie die Aussage, dass die Politik nur etwas für Leute wäre, denen Geld nicht wichtig sei. Ein österreichischer Bundeskanzler verdient 331.000 Euro im Jahr. Das als Taschengeld anzusehen, zeugt von gefährlicher Abgehobenheit.

Ein Jahreseinkommen von 331.000 Euro hält Sebastian Kurz also ernsthaft für wenig Geld. Den hart arbeitenden, normalen Leuten zeigt er damit, dass er mit ihrer Welt nichts zu tun hat. 

Der Eindruck bestärkt sich jedenfalls, dass Sebastian Kurz gerade massiv überzieht und Fehler am laufenden Band macht. Dauernd wirft er sich in eine Opferposition, was so bizarre Auswüchse annimmt, dass er und seine Partei mit viel medialem Getöse Internetblogs irgendwelcher Verrückten verbreiten, in denen irgendetwas Hässliches über Kurz verbreitet wird, nur um sich als Opfer darstellen– und in Manier des Dreckskampaignings unterstellen zu können, die Konkurrenz stehe womöglich dahinter. Diese ungute Strategie ist mittlerweile so auffällig, dass selbst die meisten der treuesten Bewunderer des Kanzlers in der Medienwelt von Kurz mittlerweile abgefallen sind. Und auch den normalen Politikkonsumenten, die normalerweise Details nicht so wahrnehmen, fällt das auf.

Was, wenn weitere, sogar krasse Machenschaften ans Licht kommen oder die Leute einfach das Gegeneinander satt haben, ohne das Kurz nicht auskommt? Jeder Bauer kennt das Wortspiel von der Regentonne: dass irgendwann ein Tropfen das Fass zum Überlaufen bringt. Dann kippt alles, obwohl man vielleicht gar nicht weiß, warum gerade jetzt. Die größte Stärke von Kurz ist eigentlich nur mehr, dass sich viele Menschen bisher schwer jemanden von der Konkurrenz als Kanzler(in) vorstellen können.

Die Generalisierungsfalle

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz. Juli 2019

Die „New York Times“ sucht dieser Tage einen Afrikakorrespondenten, und die Stellenanzeige las sich wie eine Klischeeannonce. Das brachte, um im Klischeebild zu bleiben, beispielsweise viele Kenianer „auf die Palme“, wie die „Süddeutschen Zeitung“ sarkastisch schrieb und dabei auf die Satire „Wie man über Afrika schreibt“ des kürzlich verstorbenen Schriftstellers Binyavanga Wainaina verwies: „Behandle Afrika in deinem Text, als wäre es ein Land. Es ist heiß und staubig mir hügeligen Graslandschaften und riesigen Tierherden, mit großen schlanken Menschen, die hungern. Oder es ist heiß und schwül, mit kleinen Menschen, die Primaten essen.“

Mit Generalisierungen kenne ich mich auch aus: ich komme aus einem Land, das vor allem aus Bergen besteht, dessen Bewohner hauptsächlich die Zeit in patinierten gemütlichen Kaffeehäusern verbringen, in denen der Geist des alten Kaisers weht, die stets bisschen grantig, aber immer charmant sind, und die alle über ihre Mitbürger die gleiche Meinung haben wie Thomas Bernhard: „In jedem Österreicher steckt ein Massenmörder.“

Gern sagt man auch, die Österreicher seien „strukturell konservativ“, womit sich so mancher auf Wahlergebnisse einstimmt und sie hinnimmt – statt dass man versucht, andere Wahlergebnisse zu ermöglichen. Ich finde ja, es gibt kein Naturgesetz, das festlegt, dass Herr Kurz die Wahlen im September gewinnt. Nicht einmal in Österreich.

Aber zurück zum Klischee. Wenn alles, was wir über einen Sachverhalt wissen, mediale Stereotypisierungen sind, umso selbstverständlicher akzeptieren wir sie als wahr.

Wie absurd das ist, spüren wir erst, wenn es uns im weitesten Sinne selbst betrifft. Bahman Nirumand hat diese Logik einmal mit dem Beispiel eines abscheulichen Verbrechens in Deutschland illustriert. Damals hatte in Bremen ein heroinsüchtiger Mann sein Kind umgebracht und eingefroren. Das war „in Teheran Tagesgespräch“, berichtete Nirumand. „Dann heißt es: ‚Das ist die westliche Kultur. Gott sei Dank haben wir unsere islamische Moral.‘“
Dass nicht alle Deutschen ihre Kinder töten und in der Gefriertruhe lagern, kann man ja in Persien nicht so genau wissen, zumal ja die knapp 80 Millionen Deutschen, die ihre Kinder nicht umbringen, keine Meldung wert sind.

Damit sind wir schon bei einer der oft beklagten Eigenart unserer medialen Welt, dem Sensationalismus und dem Hang zum Negativismus. Jetzt kann man natürlich beklagen, dass zum Beispiel junge, männliche afghanische Flüchtlinge medial heute ein Zerrbild abgeben. Natürlich gibt es auch so etwas wie mediale Hetze, aber ganz generell ist auch klar, dass ein junger Afghane, der eine Frau vergewaltigt und tötet, verständlicherweise eine mediale Story ist, ein junger Afghane, der keine tötet, es aber naturgemäß schwerer in die Zeitung schafft. Vom hohen Ross aufklärerischer Medienkritik kann man das immer leicht kritisieren, dass aber das Abnormale eher mediale Repräsentanz erfährt als das normale Alltägliche, liegt in der Natur des Nachrichtenwesens.

Aber es gibt noch ganz andere Generalisierungen, die wahr und falsch zugleich sind, die notwendig sind, um in einer komplexen Welt überhaupt etwas sichtbar zu machen, die aber die Komplexität zur Karikatur reduzieren.

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Ein Beispiel dafür ist der Versuch, bestimmte Milieus zu beschreiben, wie etwa die heutzutage häufig untersuchte „weiße Arbeiterklasse“. Da heißt es gerne: die ist kulturell nicht mehr repräsentiert, fühlt sich politisch verlassen, ökonomisch verunsichert, weshalb sie wütend ist und deshalb besonders anfällig dafür, rechtsextreme Parteien zu wählen.

Nun ist das wahr – und falsch zugleich. Für einen Teil trifft das zu. Für einen anderen aber auch nicht. Sie ist ja schon ökonomisch heterogen. Da sind die klassischen Industriearbeiter in untergehenden Industrien, dann gibt es jene, in prosperierenden, es gibt die alten Arbeiter und Arbeiterinnen, dann die jungen, manche leben in Großstädten, andere in Kleinstädten, manche auch im Dorf. Manche sind zufrieden und empfinden ihre ökonomische Lage als gesichert und prosperierend, andere spüren wachsenden Stress und schwankenden Boden unter den Füßen. Bei dieser sowieso nicht vollständigen Aufzählung der harten soziologischen Faktoren haben wir „sanfte“ lebenskulturelle Charakteristika wie unterschiedliche Werthaltungen und die Individualität der Einzelnen noch gar nicht berührt. Und diese Unterschiede sind beträchtlich. Weshalb Sozialforscher ja durchaus nachweisen können, dass das oben gezeichnete Zerrbild gerade einmal für rund ein Drittel des beschriebenen sozialen Großmilieus zutrifft – für zwei Drittel aber gar nicht.

Das Dilemma: Ohne Generalisierung wäre unsere Welt gänzlich unübersichtlich, mit Generalisierungen sieht man systematisch falsch.

Die Klimakatastrophe – auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit

FS Misik Folge 592: CO-2-Steuern müssen nicht die Kosten für die einfachen Leute hochtreiben.

Wenn sie regieren, sackeln sie die einfachen Leute zwar aus, aber wenn es um den Kampf gegen die Klimakatastrophe geht, dann entdecken die Neoliberalen und die Rechtsextremen plötzlich scheinbar wieder ihr Herz für den kleinen Mann. Eine CO-2-Steuer würde das Benzin verteuern und besonders jene Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen treffen, die auf das Auto angewiesen sind. Überhaupt würde man dem einfachen Volk die Freude am Auto vermiesen, ihnen die Flugreisen schlecht machen und ihnen dann vielleicht auch noch das Heizen verteuern. Aber das ist natürlich unsinnige Propaganda. All das geht ganz einfach auch sozial gerecht, und zwar so, dass es sich für die, die das Auto wirklich brauchen, nicht verteuert – aber dennoch die gewünschten Steuerungseffekte einsetzen. Denn eines ist klar: Wir leben alle zusammen auf Kosten der Welt und all das, was unseren Planeten unbewohnbar macht, muss teurer werden und das, was Ressourcen schont, muss billiger werden. Dass die Fahrt mit der Bahn nicht signifikant billiger ist als Flugreisen ist absurd – und dass schon Strecken mittlerer Länge, wenn man zu zweit oder mehrt unterwegs ist, mit dem Auto billiger ist als mit dem Zug, ist auch ein typisches falsches Anreizsystem. All das geht auch öko-sozial.

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Und eines sollte auch nicht vergessen werden: Die Klimakatastrophe ist als ganzes ja eine Frage von brennender sozialer Gerechtigkeit. Denn es sind die Superreichen und die Multis, die für einen Großteil der Emissionen verantwortlich sind. Und es sind die normalen Leute, die die Folgen tragen müssen. Denn die haben keine Penthäuser mit Air Conditioning und keine Villen im Grünen.

Tsipras verdient Respekt

Der Freitag, Juli 2019

In Griechenland sitzt nun wieder das alte Regime im Sattel, das Klientelsystem, das kaum von jemandem besser repräsentiert werden könnte als von Kyriakos Mitsotakis, dem Prinzling aus der konservativen Politikerdynastie. Abgewählt wurde damit Europas erste Regierung, die von einer neuen, radikalen Linken gestellt wurde – Alexis Tsipras und seine Syriza-Partei. Aber ist das ein Scheitern? Vielleicht etwas von der Art, das man erfolgreiches Scheitern nennen kann.

Griechenland war vor sieben, acht Jahren praktisch bankrott, musste unter EU-Kuratel, ihm wurde ein hartes Austeritätsprogramm auferlegt, das das Land für Jahre zurück warf. Der Syriza-Wahlsieg 2015 war so gesehen eine Rebellion an der Urne. Und es wurde, anfangs, auch im Rebellenstil regiert. Tsipras Truppe war nicht besonders gut darin, sich im EU-Umfeld die nötigen Verbündeten zu verschaffen. Aber isoliert kannst du im Euro-Netzwerk kaum agieren, besonders, wenn du als Schuldner von deinen Gläubigern letztlich abhängig bist. Syriza musste Lehrgeld zahlen und am Ende viele der Vorgaben der Austeritätsfanatiker akzeptieren.

Tsipras Regierung schaffte zwar in gewisser Weise eine Trendwende – die Arbeitslosigkeit sank, das Land ist aus der totalen Talsohle heraus. Aber es ist eine Erholung auf niedrigstem Niveau. Dennoch wurde Tsipras bis zuletzt als einer gesehen, der wenigstens kämpft wie ein Löwe. Er wandelte sich zu einem Staatsmann und Sozialdemokraten, aber einem ohne den Ballast typischer SP-Kleinmütigkeit und Apparatschikkultur. Längst beherrscht er die Kunst des Möglichen.

Das zahlte sich sogar bei den Wahlen aus. Mit über 31 Prozent holte Syriza ein Ergebnis, von dem die meisten Mitte-Links-Parteien nur träumen können. Syriza und die sozialdemokratische Ex-Pasok haben rund 40 Prozent, mit den Kommunisten und der Partei von Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis bringt die griechische Linke sogar knapp 49 Prozent auf die Waagschale. Gescheitert ist nicht Tsipras, sondern die europäischen Progressiven, die es nicht einmal in Ansätzen schaffen, Mehrheiten für eine gerechte Wirtschaftspolitik zu gewinnen. Gegen den Rest der EU-Partnerstaaten kann man am Ende heutzutage in der Eurozone kaum mehr erfolgreich regieren.

Unter Opfern. Eine Theaterrevue.

Den vergangenen Juni verbrachte ich in Linz, um mit Theaterstudierenden und dem Regisseur Peter Wittenberg gemeinsam eine Diskurstheater-Revue zum Mitreden zu inszenieren. Dazu verfertigte ich eine Textgirlande, Wort- und Satzfetzen, die in den Bühnenraum geschrieen, gefetzt, geflüstert wurden – und durch Szenen unterbrochen wurden. Hier gibts den Text zum Nachlesen. 

Als ich am nächsten Tag erwachte, wusste ich, dass ich viel geträumt hatte. Ich wusste nur nicht mehr, was.

Durch die Stadt marschierten Gruppen von Mädchen

und Gruppen von Jungen,

und die Eltern, die die Lügen glauben, die ihnen vorgebetet werden.

Und die sie nicht glauben, marschieren ebenfalls mit.

Divisionen von Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten. Im gleichen Schritt und Tritt.

Und ich mache auch mit. Wenn kein Charakter mehr geduldet wird, sondern nur mehr Gehorsam, geht die Wahrheit, und die Lüge kommt.

Ich spreche die Sätze, die alle um mich herum sprechen. Ich spreche sie unbedacht, wer denkt denn schon beim Sprechen? Also, natürlich, denke ich beim Sprechen, jeder denkt beim Sprechen, aber ich denke auch nicht beim Sprechen, jeder denkt beim Sprechen auch nicht.

Die Sprache ist ja eine Gewohnheit,
wohnt im Unbewussten,
so wie das Radfahren,
wenn du es einmal erlernt hast,
ist es eine Motorik,
ohne dass man darüber nachdenken muss.

So ähnlich ist es mit dem Sprechen ja auch.

Ich habe Vorstellungen von DENEN, wie die sind. Es sind MEINE Vorstellungen, aber natürlich nicht MEINE ALLEINE, es sind die Vorstellungen von UNS, unsere Vorstellungen, die wir über DIE haben.

Wer WIR sind, wer dieses UNS ist fragen sie?

Na nicht die. Nicht die da.

Die hier sind
die da
und alles was nicht
die da ist
ist UNS.

NICHT WIR

DIE DA

Eine Welt aus WIRs

und NICHT WIRs

Wobei das Wir die

NICHT WIRs

braucht. OHNE

DIE NICHT WIRs

wüsste das WIR ja gar nicht, wer es ist.

Wer nirgends dazu gehört hat einen Gehörschaden, einen Dazugehörschaden. Nur dass man keine Dazugehörgeräte im Elektroshop kaufen kann.

Ich weiß wie die sind. Die gehören nicht zu uns.

Wenn du sagst, dass ich nicht hier her gehöre, dass ich nicht dazu gehöre, brauchst du dich nicht wundern, wenn ich zu euch gar nicht gehören will.

Niemand will wo dazu gehören, wo man ihm sagt, dass er nicht dazu gehört. Dann gehöre ich eben zu uns – und nicht zu euch – und du gehörst nicht zu mir.

uns

euch

Dazugehören

Wer Gehör finden will, der gehört jemandem. Wer nirgends dazu gehört hat einen Gehörschaden, einen Dazugehörschaden.

Unter Opfern. Eine Theaterrevue. weiterlesen

Nimm’s persönlich

Spitzenpolitiker müssen heute „Personenmarketing“ betreiben und einen klaren „Markenkern“ haben. Welche „Brand-Identity“ haben Kurz, Rendi-Wagner & Co.?

DIE ZEIT, Juni 2019

Das politische Klima ist von Systemverdrossenheit geprägt, vom Grundgefühl: „So geht es nicht weiter, das System ist am Ende“, klopften die Spin-Doctoren Sebastian Kurz‘ in die Tasten. Mehr noch: die Menschen „hassen ‚das System'“. Die Atmosphäre: „Es muss sich etwas ändern“. Einzige Möglichkeit, in dieser Situation politisch erfolgreich zu sein, „ist eine Position einzunehmen, die diese Stimmung bedient.“ Parole: „Anders sein – Anti-Establishment“. Sebastian Kurz müsse als „personifizierten Hoffnung“ verkauft werden, und dafür mit Charakterattributen wie „bescheiden“, „fleißig“, „anders“ versehen werden. Es war im Jahr 2016, als die Kampagnenplaner die Details des Personen-Marketings festklopften – das Skript gewissermaßen, an das sich ihr Frontmann bis zur Wahl rund 14 Monate später höchst diszipliniert halten sollte.

Alles für das „Personal Branding“ der Spitzenfigur war beisammen. Ohne das geht es heute schließlich nicht mehr. Der Politiker muss zur „Marke“ werden, mit der jeder schnell ein, zwei Dinge verbindet.

Im April davor hatten Leute rund um Christian Kern begonnen, ähnliche Gedanken zu entwickeln. Schon im April 2016, ein paar Tage vor dem desaströsen 1. Mai, war klar geworden, dass aus dem Gossip und ewigem Gerede möglicherweise doch bald ernst werden – und Kern auf den Sessel des SPÖ-Chefs und Kanzlers gehievt werden könnte. Wer heute als progressiver Kandidat Erfolg haben will, muss verkörpern es „ehrlich zu meinen“, muss Klartext sprechen – und nicht die Wortgirlanden der Apparatschiks. Botschaft: „Wir machen das Fenster auf und lassen frische Luft herein.“ Der Kandidat muss auch in persönlichem Habitus Erneuerung und den Willen verkörpern, das Alte, das alle satt haben, aus dem Weg zu räumen; muss Dynamik ausstrahlen, Entschlossenheit. Da geht es um die richtigen Formulierungen und Botschaften, aber auch um die Bildsprache. Man kennt das von so unterschiedlichen Politikern wie Justin Trudeau aus Kanada, Barack Obama sowieso, aber auch von radikalen Linken wie Alexis Tsipras und seinen Leuten.

„Ich will nicht Ihre Ängste nähren, ich will ihre Hoffnung nähren“, sagte Christian Kern zum Amtsantritt.

„Zeit für Neues“, plakatierte Sebastian Kurz eineinhalb Jahre später.

In diesen Wochen des beginnenden heißen Sommers kann man davon ausgehen, dass die Strategen in Parteien und Marketingagenturen sich wieder die Frage stellen, wie das „personal Branding“ – also, grob gesagt: die Markenidentität – der konkurrierenden Spitzenkandidaten angelegt werden soll. Denn es ist längst eine Binsenweisheit: Heute kann man ohne Frontfigur, die die Botschaften wie in einem Brennglas verkörpert, kaum mehr eine Wahl gewinnen. Man kann die Nase über diesen zeitgenössischen Zwang rümpfen, alles personalisieren, Politiker zu „Marken“ mit einer „Brand-Identity“ verwandeln zu müssen.

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„Unter Opfern“ – Eine Theaterrevue zum Mitreden beim Linzer Schäxpir-Festival

Beim diesjährigen Linzer Schäxpir-Theaterfestival für junge Leute bin ich mal wieder mit einer Bühnenproduktion am Start. Gemeinsam mit dem Regisseur Peter Wittenberg und Schauspielstudierenden der Bruckner-Universität haben wir ein Stück erarbeitet. „Unter Opfern.“ – Realitätstheater zum Mitreden.

Es thematisiert den Reigen an Beschämungen, den Kreislauf der Abwertungen, die unsere Gesellschaft prägen und lauter beschädigte Individuen zurücklassen. Zusammengebunden ist das durch große Textflächen, illustriert durch kleine Szenen, die Sexualisierung, Mobbing, rassistische Abwertungen, Wir-Gegen-Sie-Mentalitäten, Gruppendruck und endemische Respektlosigkeiten thematisieren.

Hier ein paar Takte des Textes:

Wie kommt nur die Rohheit in die Welt? Und diese Gereiztheit? Hart musst du sein in unserer Welt. Hier herrscht, wie in der Sprache, eine Grammatik der Härte /

und über die Sprache kommt die Härte noch einmal mit Wucht in die Welt. selbst. /

Wenn ich nicht selber ein Arschloch werde, dann werde ich selber zum Opfer.

So einfach ist das.

Arschloch

oder

Opfer.

Kannst wählen.

Fällt mir die Entscheidung nicht schwer bei dieser Auswahl.

Weil die Schwächsten nicht rebellieren, machen sie die Allerschwächsten fertig.

 Gib dir keine Blöße! – Zeige keine Schwäche!- Zeige niemals Schwäche!

Eine Welt der Verwundeten und Beschädigten, die mit der Verarbeitung ihres Leids beschäftigt sind.

Die Hauptfiguren der Produktion sind aber das Publikum selbst – und die Gäste, die wir uns zu den verschiedenen Aufführungen unserer Revue einladen. Denn zentrales Ziel ist es, in der Gesprächsanordnung „Theater“ die Menschen selbst sprechen zu lassen – in diesem Fall die Jugendlichen, die unsere Aufführungen besuchen. Über das Leben in einer Welt, die von Kampfesstimmung durchzogen ist. Und dazu haben wir uns auch noch eine Reihe von Gästen eingeladen, die durch Inputs und durch ihre Expertise einen wichtigen Beitrag zur Debatte leisten werden.

Aufführungstermine:

DI, 25.06 | 11:00
Gäste und Expert*innen: Laura Wiesböck (Soziologin, Universität Wien), Richard Schneebauer (Männerberatungsstelle Linz), Wolfgang Kitzmantel (Betreuungslehrer NMS 17)

MI, 26.06 | 15:00
Gäste und Expert*innen:Tom Pohl (Pro Mente), Petra Reinthaler-Resch (Soziale Stadtteilarbeit, Leitung Stadt Linz), Dr. Andreas Rabl (Bürgermeister Wels, FPÖ)

DO, 27.06 | 19:00
Gäste und Expert*innen:Berivan Aslan (Ex-Nationalratsabgeordnete, Die Grünen), Josef Landerl (Neustart), Iris Hanousek-Mader (Diakoniewerk Gallneukirchen, Theatergruppe MALARIA)

FR, 28.06 | 11:00

Gäste und Expert*innen: Dagmar Andree (Vorsitzende Frauenhaus Linz), Muamer Becirovic (Blogger, Buchautor und Ex-Vorsitzender der JVP-Wien 15), Petra Reinthaler-Resch (Soziale Stadtteilarbeit, Leitung Stadt Linz)

Aufführungsort: Anton Bruckner Privatuniversität, Studiobühne

DarstellerInnen: Lukas Franke, Maja Grahnert, Sophie Kirsch, Nikolaj Klinger, Nicolas Laudenklos, Lorraine Töpfer, Stella Wiemann.

Choreografie: Aleksandar Acev

Regie: Robert Misik, Peter Wittenberg

Alles Ständische und Stehende verdampft

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz. Juni 2019

Bis 2008 ging der Neoliberalismus mit dem Versprechen hausieren, alles bleibe im Grunde gleich, würde nur sukzessive besser. Seither ist die Botschaft, mit der er daherkommt: Alles bleibe in etwa gleich, es werde nur immer schlechter. An dieser Pointe ist etwas dran – ich habe sie aus Paul Masons neuem Buch „Klare, lichte Zukunft“ geklaut. War die erste Botschaft gelogen, aber immerhin beruhigend, ist die zweite schon näher an der Wahrheit, aber nicht gerade erbaulich. Bei den einen löst sie Panik aus, bei den anderen einfach Frustration, und bei den dritten wieder eine Kampfesstimmung alle gegen alle. Wenn man sich um die Krümel raufen muss, dann will man in dieser Rauferei wenigstens der Gewinner sein, kann man gut verstehen.

Neoliberale Subjektivierung – das „neoliberale Selbst“ ist ja in aller Munde -, heißt Winnermentalität, Kult des Erfolges, Anbetung irgendwelcher Alpha-Males. Neoliberale Subjektivierung gibt es aber auch ganz unten, dort, wo die Gemeinschaften zerbröseln. Hier gibt es eine Art „resignativer Neoliberalisierung“. Verdichtet ist das in dem traurigen Satz: „Ich kümmere mich nur um mich selbst.“ Diese Antwort – und die Variationen, die man zu hören bekommt -, drückt keine stolze Unabhängigkeit aus, sondern ein Gefühl der Resignation und der Enttäuschung. Individualisierung unten heißt egozentrischer Kampf ums Überleben und kein Blick nach links und rechts.

„Resignative Neoliberalisierung“ verdichtet sich in dem traurigen Satz: „Ich kümmere mich nur um mich selbst.“ Diese verbreitete Stimmung drückt keine stolze Unabhängigkeit aus, sondern ein Gefühl der Resignation und der Enttäuschung.

Gesellschaftlichkeit, die nach und nach zusammen bricht. Währenddessen bricht auch das gewohnte politische System zusammen. Bei mir daheim ist die Zusammenbruchsspirale gerade in der nächsten, beschleunigten Drehung angelangt. Zusammenbruch des Gesellschaftlichen hat uns zunächst eine zunehmende populistische Verschärfung eingebrockt, einen Aufstieg des Rechtsextremismus, dann eine nach rechts gewendete Christdemokratie, die die harten Rechten kopierte, und danach 17 Monate „Herrschaft der Niedertracht“.

Bis dieses Rechts-Rechts-Bündnis aus Partnern, die sich wechselseitig in Fiesheit nur mehr zu überbieten trachteten, in einem großen Knall zerbrach. Video killed the Radical Star. Gefühlt geht’s so jetzt täglich Zack-Zack-Zack weiter. Nach dem Regierungskollaps der erste Mißtrauensantrag gegen einen Regierungschef, der eine Mehrheit findet. Regierungssturz, ein Care-Taker-Government muss übernehmen, das fast so wie eine „Regierung der nationalen Einheit“ zusammen gesetzt ist. Solche Regierungen gibt’s ja üblicherweise eher nach Revolutionen, verlorenen Kriegen oder einer Staatspleite.

Nun ja, es ist wie ein Kippbild. Einerseits ist alles wunderbar, vor allem, dass man die Kurz-Strache-Regierung der Gefühls- und Herzensrohheit los ist; andererseits ist dieses Regieren im Notmodus und das hektische Herumgehample, das hilflose Taktieren der Parteipolitiker, denen die Felle davon schwimmen, wiederum selbst Teil des Bildes eines allmählichen Zusammenbruchs. Man weiß nicht recht, wo all das enden soll. Ja, es gibt neue Stabilitäten, aber es gibt auch grundlegende Instabilitäten, nicht mehr als prekäre Balancen, auf die man besser nicht bauen will.

So ein Kippbild sieht man ja auch, wenn man nach Deutschland blickt. Die SPD, langsam zur Splitterpartei zertrümmert, die ihre glücklose Vorsitzende so schwer verwundet, dass ihr gar nichts mehr übrig bleibt, als hinzuwerfen; nunmehr geführt von einem Trio, das die Trümmer über die Monate schleppen soll – aber wohin genau? Eine Christdemokratie, der es nur mehr unwesentlich besser geht. Und Grüne, die – sensationell – in den Umfragen erstmals auf Platz eins liegen. Das ist ja durchaus eine erfreuliche Konsequenz dieser allmählichen Kernschmelze aller Gewissheiten. Aber eben auch nur eine prekäre Balance.

Alles Ständische und Stehende verdampft.

Was man gestern diskutierte, gerät heute schon wieder in den Hintergrund. Zuletzt war ja der dernier crie der politischen Debattenwelt, dass die klassischen Mitte-Links-Parteien die berühmten „einfachen Leute“ zu verlieren drohen, die alte weiße Arbeiterklasse, die neuen Unterschichten, die Wütenden und Abgehängten. Seit den Europawahlen stellen die dortigen „Strategen“ mit Panik fest, dass noch etwas Schlimmeres passieren kann: Dass sie auch die neuen progressiven Mittelschichten verlieren können und dass die ein viel relevanterer Wählerstock sind. Simpel gesagt: Ohne die Schwundformen der alten Arbeiterklasse fällst du von 40 auf 30 Prozent zurück, ohne die liberalen Mittelschichten aber dann so grob gesagt von 30 auf 10 Prozent. Wer gestern noch einen „rechten“ Peppone-Sozi darstellen wollte, macht jetzt panisch auf Greta Thunberg, um die progressive Jugend zu umgarnen.

Man kann diese Wendungen herrlich skurril finden. Aber sie zeigen auch, wie gerade überall alles wackelt.

Kleiner Mann, was nun?

Von der „Arbeiterklasse“ bis zu den „einfachen Leuten“: Wer ist das Volk und was zeichnet es eigentlich aus?

Neue Zürcher Zeitung, Juni 2019

Zu den Seltsamkeiten, an denen unsere Zeit ohnehin nicht arm ist, gehört die Tatsache, dass wir nicht recht wissen, wie wir zu den Leuten da draußen vor unserer Türe überhaupt sagen sollen. Klar, wir sind alle Bürger und Bürgerinnen unseres Gemeinwesens, und zusammen bilden wir die Bevölkerung. Aber gerne wird auch vom Volk gesprochen, und da beginnen die Probleme schon. Denn das Volk ist mit Projektionen aufgeladen, der Begriff selbst umkämpft, und es ist unklar, wer dazu gehört. Selbst in seiner unschuldigsten Schwundform schwingt im Begriff „Volk“ eine Homogenität mit, die „Bevölkerung“ gerade nicht hat.

Neu ist das natürlich keineswegs. „We, the People“, „wir, das Volk“, wie es von der amerikanischen Verfassung schon vor 300 Jahren angesprochen wurde, hat das Volk nicht bloß beschrieben, sondern konstituiert, zusammen geschmiedet, indem es benannt wurde. Erfunden, indem es bezeichnet wurde. Mit Sieyès‘ „Le tiers état est une nation complète“ – „Der dritte Stand ist die gesamte Nation“, wurde in der französischen Revolution ein Teil der Bevölkerung zum Rückgrat der Nation ernannt. Es schwang da immer mit: Manche sind mehr Volk als andere.

Heute ist das wieder aktuell, aus verschiedenen Gründen: die berühmte „Arbeiterklasse“ ist den Linken zwischen den Fingern zerronnen, also das Subjekt der Geschichte, das Verkörperung des „einfachen Volkes“ sein sollte, und zugleich erlebten die „normalen Leute“ ihren rhetorischen Aufstieg (oft verbunden mit Abstieg in Statushinsicht), die von den Rechtspopulisten angesprochen wurden. „Der kleine Mann“, die „einfachen Leute“, das „normale Volk“, oder wie die Phrasen heißen. Vom „regular guy“ reden die Amerikaner.
Nun kann man sagen: Es gibt kein Volk, sondern nur eine Bevölkerung. Das ist zwar einerseits richtig, wird aber nicht alle überzeugen – vor allem die nicht, die sich aus Gründen, die sie oft wahrscheinlich nicht allzu präzise angeben können, als das „normale Volk“ betrachten.

Es lohnt sich, einen Augenblick zurück zu blicken. Gerne wird ja behauptet, früher wären die Dinge noch einfacher gewesen. Zunächst gab es früher die Arbeiterheere, danach die „nivellierte Mittelschichtsgesellschaft“, und erst mit der Ausdifferenzierung von Schichten und Milieus hätten die Verkomplizierungen begonnen.

Dabei war es schon mit der Arbeiterklasse so eine Sache. Würden Historiker in die Zeitmaschine steigen und sich die Details ansehen, würden „sie feststellen, das es nirgendwo eine Klasse gibt. Sie werden nur eine Vielzahl von Menschen mit unterschiedlichen Berufen finden, verschiedenen Einkommen, Status und so weiter“, schrieb der legendäre Historiker E.P. Thompson über „die Entstehung der englischen Arbeiterklasse“. Die Kompaktheit, die die industrielle Arbeiterklasse im Rückblick hatte, hatte sie in der Realität nie. Zunächst waren da Handwerker, Gesellen, Gewerbetreibende, Leute, die einen Job in den Geschäften und den Werkstätten hatten, dann ungelernte Arbeiter in den Fabriken, Facharbeiter, Werkmeister, aber weiter kleine Angestellte in Werkstätten und Geschäften, Lehrlinge, Kontoristen, Bedienstete bei den Wohlhabenden, Vorstadtjungs, die sich durchschlugen, Näherinnen, Wäscherinnen, Hausfrauen, Taglöhner, gefragte Leute und Elende, Menschen in den Werkswohnungen, Familien in Elendsquartieren, kurzum, ein buntes Völkchen, das in großen oder kleinen Städten lebte, und aus Verhältnissen kam, in denen unterschiedliche Werte herrschten (städtische Pauper tickten anders als Landvolk, das in die Metropolen schwemmte, die Handwerker hatten andere Werthaltungen als die jungen ungelernten Arbeiter etc.).

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Der schäbige Stil von Sebastian Kurz

Jemand, der selbst in einer solchen Krise nur an seinen kleinlichen Vorteil denkt, ist im Grunde nicht regierungsfähig.

FS Misik Folge 591: Sebastian Kurz ist ein Meister der Ränke, Schliche und der pfiffig-schlauen Drehungen. Er zermürbte erst Reinhold Mitterlehner, intrigierte sich an die Macht, diffamierte die Opposition, vergiftete das Land mit seinen Politik der miesen Gefühle und macht jetzt, nachdem seine Ibiza-Koalition im Chaos unterging, auch noch weiter in diesem Stil. Er hat sich stets als intrigenfähig und als kampagnenfähig erwiesen, aber nicht als regierungsfähig, wenn unter „regieren“ noch etwas anders verstanden werden soll, als ein Amt zu erobern und es auch zu behalten.

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