Aufreizende Vertrotteltheit

Das System Kurz: Gigantomanisches Selbstbild des Anführers, der Führerkult der Günstlinge und kriminelle Energie der gesamten Bande.

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz, Oktober 2021

Manche Leute haben Pech beim Denken. Christoph Ploß, der Hamburger CDU-Vorsitzende und Bundestagsabgeordnete, pries gerade im ARD-Fernsehen Sebastian Kurz und seine ÖVP als leuchtendes Vorbild für die Union an. Richtung „rohe Bürgerlichkeit“ habe es zu gehen. Pech für Ploß, dass Sebastian Kurz‘ Herrschaft nun wie ein Kartenhaus zusammenbricht. Die nächsten Tage wird er kaum mehr überstehen.

Mittwoch wurden wir mit der Schlagzeile vom Frühstück hochgeschreckt, dass gerade Hausdurchsuchungen im Bundeskanzleramt und in der ÖVP-Zentrale stattfänden. Klar, wir Ösistaner*innen heben bei solchen Nachrichten gerade noch die Augenbrauen. Ein gewisser Gewöhnungseffekt lässt sich nicht leugnen.

Mittlerweile ist Sebastian Kurz in einigen unterschiedlichen – aber miteinander verbundenen – Verfahren als Beschuldigter geführt, die Delikte, deretwegen gegen ihn ermittelt wird, reichen von falscher Zeugenaussage vor einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss nun auch über Beihilfe zur Bestechlichkeit bis zur Untreue. Für die „Zerstörung der ÖVP“ braucht es bei uns keinen Rezo, das erledigt schon Sebastian Kurz selbst. Der hat auch die Haare schön. Aufreizende Vertrotteltheit weiterlesen

Das Orakel von Germany

Die Sozialdemokraten haben diese Wahl gewonnen, und zwar gar nicht so undeutlich. Gemessen an der Ausgangslage ist das ein mittelmäßiges Wahlwunder.

taz, Oktober 2021

Zu den paradoxen Charakteristika unserer Zeit zählt: Je bedrohlicher die Lage und umso verunsichernder die Polykrisen sind (Corona, Wirtschaft, Klimakatastrophe), desto zentraler wird das Sicherheitsbedürfnis der Menschen. Eigentlich braucht es radikale Änderungen, aber gerade deshalb ist es verständlich, dass die Bürger und Bürgerinnen beim Wählen vorsichtig sind, denn wer will schon riskante Experimente, wenn sowieso schon überall alles kracht und kollabiert? Wer etwas verändern will, muss zugleich versprechen, dass alles schon ganz gemäßigt und solide angegangen werde. Auch das ist eine Lehre des deutschen Wahlsonntags.

Die SPD hat gewonnen, aber nicht triumphal. Die Union ist gerade noch mit einem blauen Auge davongekommen. Auch sonst blieb alles im Rahmen, und bei der berühmten Links-Rechts-Achse steht es eher Fifty-Fifty. Die Wähler haben gesprochen, aber was wollen sie uns sagen damit?

Zunächst: Die Sozialdemokraten haben diese Wahl gewonnen, und zwar gar nicht so undeutlich. Schließlich liegen sie nicht nur knapp 1,6 Prozentpunkte vor der Union, die Union hat rund zehn Prozentpunkte verloren, die SPD fünf gewonnen, und nimmt man die Umfragen der vergangenen Jahre, hat sie sogar zehn Punkte zugelegt. Gemessen an der Ausgangslage ist das ein mittelmäßiges Wahlwunder.

Es wäre zu billig, das alleine auf Zufälle oder auf Personen zu reduzieren. Was heißt denn „Sozialdemokratie“ für den Großteil der Wähler und Wählerinnen? Auf Seite der normalen Leute stehen, für die Arbeiter sein, dafür sorgen, dass es gerecht zu geht, garniert mit etwas gesellschaftspolitischer Modernisierung. Wenn Sozialdemokraten nur ein wenig den Eindruck erwecken, in diesen Hinsichten ein wenig glaubwürdiger zu werden, dann werden sie zur Zeit gewählt. Die Deutung, dass die SPD bloß einen guten Wahlkampf gemacht habe, die Union eben einen schlechten, greift schon etwas gar kurz. Olaf Scholz ist maßvoll, aber markant nach links gerückt, der „linke“ und der „rechte“ Flügel der Partei zog an einem Strang, mit den Botschaften „Mindestlohn“, „Respekt“ und ein „investierender Staat“ gab es ein kongruentes Bild, das die SPD zeichnete, mit dem sie sogar ihr Hartz-IV-Trauma vergessen machte. Der Kandidat verkörperte die Botschaft: Scholz kann’s, der wird das solide machen. Das Orakel von Germany weiterlesen

Ein rotes Jahrzehnt?

Sozialdemokraten können jede Wahl gewinnen, wenn sie nur wollen – und die richtigen Lehren aus Erfolgen von Scholz & Co. ziehen.

Bei Wahlen ist es ja oft so: Sie finden statt, haben dann hinterher irgendein Ergebnis und danach fragen sich alle Kommentatoren, Politiker und Interpreten: Was wollten uns die Wähler und Wählerinnen damit sagen?

Nach den jüngsten Wahlgängen in den verschiedensten europäischen Ländern haben die ersten schon ein neues „sozialdemokratisches Jahrzehnt“ ausgerufen. Olaf Scholz hat mit den Sozialdemokraten die deutschen Bundestagswahlen gewonnen. Verglichen mit den stabil schlechten Umfragen der SPD der letzten Jahre haben Scholz und seine Truppe flotte zehn Prozentpunkte zugelegt. Ein mittelgroßes Wahlwunder.

Auch in Norwegen haben die Sozialdemokraten unlängst gewonnen, sie regieren jetzt in ganz Skandinavien. In Dänemark führen sie die Regierung an, in Spanien auch, und in Portugal sowieso, wo der beeindruckende charismatische Kümmerer Antonio Costas sogar eine große Mehrheit erringen kann und phantastische Politik macht.

Es gibt eine Sehnsucht nach „echten Sozis“, selbst der Erfolg der Grazer Kommunisten ist dafür ein Symptom: Die werben ja nicht mit Lenin und Gulag, sondern damit, dass sie volksnah, bescheiden und immer auf der Seite der Benachteiligten sind.

Ein paar Lehren können wir aus all dem schon ziehen:

Wir leben in extrem verunsichernden Zeiten, eigentlich in einer dauernden Krise. Die Finanzkrise und deren fürchterliche Folgen wie Massenarbeitslosigkeit haben wir erst seit ein paar Jahren überwunden, dann kam jetzt die Corona-Krise, die damit verbundene Wirtschaftskrise. Sehr viele Menschen haben Existenzangst, genügend Menschen hat es schon hart getroffen. Und die Klimakatastrophe, die auf uns zukommt, kann auch keiner mehr leugnen. In solchen Zeiten haben die Bürgerinnen und Bürger ein Bedürfnis nach Sicherheit. Da wünscht man sich keine riskanten Experimente und „Spompanadln“, wie wir Wiener sagen, sondern Leute, die solide regieren und auf der Seite der ganz normalen Leute stehen, die es sowieso nicht leicht im Leben haben.

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In das Leben vieler Menschen hat sich aber schon länger mehr Druck, mehr Stress eingeschlichen, selbst die Menschen in der Mittelschicht wissen oft nicht mehr, wie sie die nächste Rechnung zahlen sollen. Viele Menschen arbeiten hart, sind aber in Prekarität gefangen, von chronischer Unsicherheit befallen, werden schlecht bezahlt für wichtige Arbeit und dazu auch noch wie Nummern behandelt, werden herumkommandiert. Es ist mies, Leute schlecht zu bezahlen, es ist aber genauso mies, sie dauernd mies zu behandeln. Wenn Sozialdemokraten nur einigermaßen glaubwürdig als Verteidiger dieser Menschen dastehen, dann gewinnen sie auch. Olaf Scholz hat über den ganzen Wahlkampf „Respekt“ getrommelt und sich für einen höheren Mindestlohn eingesetzt, der SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil hat gegen üble Arbeitsbedingungen gekämpft, etwa in der Fleischindustrie.

Olaf Scholz ist zwar ein Mann der Mitte, aber er ist in den vergangenen Jahren markant „nach links“ gewandert. Ohne dem wäre sein Wahlsieg gar nicht möglich gewesen. Dabei erinnert er an US-Präsident Joe Biden: auch der ist ein Mann des „rechten Flügels“ seiner Partei, die aber kämpferischer und sozialistischer geworden ist – und auch Biden ist als Präsident linker als er als Senator jemals war.

Und noch etwas sieht man: Leute, die gegeneinander arbeiten, wird niemand vertrauen. Aber wenn die roten Spitzenleute an einem Strang ziehen, geht plötzlich viel mehr, als man gedacht hätte.

Sozialismus für die Reichen

Jetzt ist es offiziell: die Unternehmen wurden reichlich beschenkt, die Beschäftigten hatten Einbußen.

Oft nehmen wir Statistiken mit einem Achselzucken zur Kenntnis, weil wir gar nicht so leicht begreifen, was uns die Daten eigentlich sagen. Schließlich sprechen die Zahlen nicht offen zu uns.

Die Arbeitnehmerentgelte – also Löhne und Gehälter – in Österreich sind im Krisenjahr gesunken, und zwar um etwa 2,5 Milliarden Euro.

Zugleich sind die Gewinne und Unternehmenseinkommen gestiegen, und zwar so ziemlich um den gleichen Betrag.

Sehen wir uns einmal an, was das heißt: Zunächst einmal ist vor allem die zweite Zahl höchst überraschend. Wir hatten ja eine Krise, was heißt: massive Umsatzeinbrüche. In der Krise sinken normalerweise immer die Gewinne und Unternehmensprofite, und zwar stärker als die Einkommen der Beschäftigten und außerdem schneller.

Das ist leicht zu erklären: In der Krise brechen die Umsätze ein, aber viele Unternehmen versuchen ihre Belegschaft zu halten, weshalb die Summe aller Arbeitnehmerentgelte üblicherweise weniger sinkt als die Gewinne. Außerdem beginnt jede Krise mit Umsatzeinbrüchen, worauf die Unternehmer erst mit Einsparungen beim Personal reagieren, kurzum: das eine folgt dem anderen. Sozialismus für die Reichen weiterlesen

Krise? Welche Krise?

Die Wirtschaft brummt wieder. Aber die gesellschaftliche Krise ist nicht vorüber. Die ist durch wachsende Ungleichheit, Prekarität, oftmals stagnierende Einkommen und durch die drohende Klimakatastrophe gekennzeichnet. Diese Krise muss jetzt bekämpft werden.

Wir sind gerade in einer ganz eigentümlichen Phase, als Staat, als Gesellschaft, aber auch als einzelne Bürger und Bürgerinnen. Wir haben eineinhalb Jahre Krise hinter uns, Ausnahmezustand. Eine Pandemie brach über uns ein, was erst ein Schock war, aber uns nicht nur in Angst versetzte, sondern auch in Staunen. Doch irgendwann machten die Belastungen nur mehr müde. Parallel dazu Lockdowns und Wirtschaftseinbruch, viele Menschen wurden arbeitslos, viele verloren an Einkommen, und noch viel mehr waren von Existenzangst gebeutelt. Jetzt haben wir das Gefühl, dass wir das Ärgste hinter uns haben und zugleich die Ahnung, dass das vielleicht eine trügerische Hoffnung ist. Fünf Milliarden Impfungen wurden mittlerweile auf dem gesamten Planeten verabreicht. Die Pandemie grassiert weiter, aber wie sehr wird sie unser Leben noch beeinträchtigen? Vierte Welle, nächster Lockdown – wird es uns noch einmal hart treffen? Es fühlt sich an, als würde sich alles langsam wieder normalisieren, aber zugleich haben wir unsere Zweifel, ob das nicht gerade nur eine trügerische Entspannung ist, bevor es wieder übler wird.

Bei jeder Normalisierung die leise Angst, dass das alles nur ein fauler Zauber sein könnte. Krise? Welche Krise? weiterlesen

Politik der Ablenkung

Österreichs Problem beginnt schon einmal damit, dass Irrelevantes die Schlagzeilen beherrscht und die wirklich wichtigen Dinge ignoriert werden.

Es gibt zwei Arten von Politikern. Die einen fragen sich: Was ist gut für das Land und für die Menschen? Die anderen fragen sich: Was nützt mir am meisten, was bringt die meiste Zustimmung in den Umfragen? Zugegeben, das ist eine etwas zu grobe Vereinfachung. Denn selbst die großartigsten Politiker und Politikerinnen werden bei der Suche nach den besten Lösungen immer gern dazu überlegen, wie sie bei Wahlen Mehrheiten bekommen. Logisch: Auch der visionärste Staatsmann würde nicht viel bewirken, wenn er nicht gewählt würde.

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Philosophie der Einsamkeit

Martin Hecht hat einen klugen Großessay über „die Einsamkeit des modernen Menschen“ geschrieben.

Falter, August 2021

Einsamkeit ist schon seit einigen Semestern der letzte heiße Scheiß. Sie sei eine „Epidemie im Verborgenen“ wird konstatiert, Sozialpsychologen schreiben populäre Bücher darüber, es wird beschrieben, dass sie unter Studierenden genauso grassiert wie unter alleinlebenden Rentnern und Rentnerinnen, sogar in schlecht funktionierenden Paarbeziehungen macht sie sich breit, wenn sich Menschen nur mehr anschweigen. Existenzielle Einsamkeit kann das ganze Dasein unterminieren und Mediziner haben nachgewiesen, dass sie Herz-Kreislauf-Erkrankungen und viele andere Pathologien auslösen kann. Kaum eine Zeitung, die sich nicht dem „Lebensgefühl unserer Zeit“ („profil“) gewidmet hat. In Großbritannien haben sie sogar eine Regierungsbeauftragte gehabt, die dann als global erste „Einsamkeitsministerin“ für Schlagzeilen sorgte, und durch die Corona-Maßnahmen wurde das Thema noch einmal virulenter. Ende Juni waren dem „Spiegel“ die verschiedenen Aspekte der Einsamkeit eine fette 6-Seiten-Story wert.

Man kann also getrost das Urteil abgeben, dass zum Thema „Einsamkeit“ schon viel gesagt ist. Und Dennoch ist es dem deutschen Sachbuchautor und Journalisten Martin Hecht gelungen, ein Buch über „Die Einsamkeit des modernen Menschen“ zu schreiben, das über das tägliche Geplapper hinaus geht. Denn mit soziologischen Kategorien alleine, etwa über die Zunahme von Single-Haushalten, die heutige Mobilität, die sehr viele Leute in Städte verschlägt, in denen sie niemanden kennen, über den Zerfall der Familie und die daraus folgende Einsamkeit der Alten ist es bei dem Thema nicht getan. Hecht hat eine Art „Philosophie der Einsamkeit“ geschrieben. Einsamkeit, so konstatiert er, ist „eine Art soziales Virus, das kollektiv über die gesamte Gesellschaft gekommen ist“.

Die Moderne ist eine Geschichte der Individualisierung und das heißt zunächst: das entwickelte Individuum, das seine Freiheit lebt, seine Talente entwickelt, wird zu einem hohen gesellschaftlichen Wert. Zugleich werden alte traditionelle Bindungen zersetzt, im Dorf, in überschaubaren Kollektiven, in der Familie. „Alles Ständische und Stehende verdampft“, hatte schon Karl Marx proklamiert. Zunächst entstehen damit noch neue Bindungen und Solidaritäten, in den Stadtvierteln, durch die Arbeiterbewegung, in Parteien, Vereinen, was auch immer. Aber mit den zweiten Individualisierungsschüben gehen auch diese Bindewirkungen verloren. „Mach Dein Ding“, wird zum Zeitgeist. All das ist hochgradig ambivalent. Der legendäre Soziologe Georg Simmel hat schon vor hundert Jahren beschrieben, wie uns etwa die moderne Geldwirtschaft befreit: Wir müssen uns mit dem Bäcker nicht mehr anfreunden, er gibt uns Brot, wenn wir ihm für ein „Bitte“ und „Danke“ ein paar Münzen auf dem Tresen legen. In den modernen Städten können wir nebeneinander her leben, sind befreit von sozialer Kontrolle.

Die alte Enge in der kuhwarmen Küche, sie war bedrückend, und die Menschen hatten ihre Gründe, aus ihr auszubrechen. Millionen Menschen haben bewusst die Freiheit der Individualisierung gewählt, und über Millionen andere kam sie, gewissermaßen via sozialen Wandel, von selbst. Der Preis ist aber existenzielle Einsamkeit. Philosophie der Einsamkeit weiterlesen

Das Fiasko des Westens

Zwanzig Jahre Besatzung in Afghanistan endeten in einem Debakel. Aber was ist die Lehre daraus?

Seit dem Fiasko des Westens in Afghanistan und der Machtübernahme der Taliban im ganzen Land begegnet man einer bemerkenswerten Seltsamkeit: Viele Leute, die ansonsten den „US-Imperialismus“ oder die westliche „Weltpolizei“ kritisieren, werfen nun den Amerikanern vor, dass sie aus Afghanistan abgezogen sind. Also was jetzt? Wenn die Amerikaner einmarschieren, ist es schlecht, wenn sie raus marschieren aber auch? Ganz logisch ist das nicht, aber dieser Mangel an Logik ist auch Ausdruck eines realen Dilemmas.

Zunächst: Das Debakel ist vor allem dem verrückten Ex-Präsidenten Donald Trump zu verdanken. Er hat mit den Taliban den Abzug verhandelt und ist der Terrortruppe auch noch absurd entgegengekommen. Er hat den Abzug der letzten US-Soldaten mit 1. Mai verfügt. Der gegenwärtige Präsident Joe Biden hat das Fiasko also geerbt. Schwer zu sagen, was er noch machen hätte können: Schließlich waren, als er antrat, nur mehr ein paar wenige tausend US-Soldaten im Land, hätte er den Abzugplan noch einmal umstoßen wollen, hätte er wohl zehntausende Militärs zusätzlich nach Afghanistan entsenden müssen. Aber er wollte das ja gar nicht. Denn von Details abgesehen war er ja durchaus der Meinung, dass es Zeit ist, den Einsatz in Afghanistan zu beenden. Zwanzig Jahre Krieg sind genug. Man kann nicht ewig bleiben. Das ist die Haltung der neuen US-Regierung von Joe Biden. Mehr noch: Es ist wohl die Meinung der meisten Amerikaner. Da sind sich sogar die ganz Linken und die ganz Rechten einig. Das Fiasko des Westens weiterlesen

Ohne Anstand

Nicht einmal zu ein paar emphatischen Worthülsen können sich Nehammer und Co. durchringen.

Afghanistan fällt nach zwanzig Jahren mühsamem Aufbau einer moderneren Gesellschaft zurück in Chaos, Gewalt und islamistische Despotie. Junge Menschen, die die Freiheit kennen gelernt haben, Frauen, junge Mädchen, Künstler und Künstlerinnen, Journalistinnen und Wissenschaftler, sie alle stehen vor den Trümmern, ohne Zukunft, bangen um ihr Leben.

Aber der österreichische Innenminister ist offenbar der Meinung, wir hier wären die eigentlichen Opfer der Taliban. Ohne Anstand weiterlesen

„Freiheit“ als sinnloses Gelaber und Geschwätz

Wir hätten die Pandemie bald hinter uns, wenn die Impfverweigerer und Seuchenfans sie nicht verlängern würden.

Unser imposanter Herr Bundeskanzler, der vor einem Jahr verkündete, Österreich habe die Pandemie überstanden, hat vor ein paar Wochen mitgeteilt, die Pandemie sei „für alle vorbei, die geimpft sind“. Wie mit den meisten seiner Einschätzungen lag der Kanzlerdarsteller auch diesmal falsch.

Man hat eine gute Richtschnur: Wenn der Kanzler etwas prophezeit, ist üblicherweise das Gegenteil richtig.

Die Pandemie ist nicht vorbei, auch nicht für die Geimpften. Aus zwei Gründen. Erstens: Wenn 35 Prozent der Menschen nicht geimpft sind, dann reicht das für ein derart erhebliches Infektionsgeschehen, sodass das natürlich wieder den Alltag massiv einschränken wird – auch wenn die Geimpften weitgehend geschützt sind. Zweitens: Natürlich ist der Anteil der Geimpften an den Infizierten verschwindend gering – aber er ist nicht null. Nimmt man einen Berechnungszeitraum seit Beginn der Impfkampagne, dann ist der Anteil der Geimpften an den Infizierten gerade einmal 1,5 Prozent, legt man die Berechnung etwas komplexer an, kann von einer Impfeffektivität von mindestens 87 Prozent ausgegangen werden. Im schlechtesten Fall können sich etwas mehr als zehn Prozent der Geimpften dennoch anstecken. Das ist schon etwas mehr als nichts. Die Inzidenz in Wien liegt gegenwärtig bei den Ungeimpften bei 209, bei den Geimpften bei 17.

Die Delta-Variante ist nicht einfach etwas infektiöser als die früheren Varianten – sie ist es in einem unfassbar höheren Ausmaß. Dadurch werden sich die bisher Ungeimpften äußerst schnell anstecken. Und diese Geschwindigkeit spielt natürlich eine Rolle. Würde sich das Infektionsgeschehen bei den Impfverweigerern langsam abspielen, dann wäre das für die Gesellschaft als Ganzes ein kleineres Problem. Aber damit ist nicht zu rechnen: Wer nicht geimpft ist und weiter die Impfung verweigert, wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in den nächsten Monaten infizieren. „Freiheit“ als sinnloses Gelaber und Geschwätz weiterlesen

Plumpes Denken ist das Denken der Großen

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz

Es sind ja gerade Olympische Sommerspiele, und ich muss eingestehen, dass mich diese Tatsache nicht sonderlich elektrisiert, das liegt aber an Sportarten wie Tauziehen, Pistolenschießen, Dressurreiten oder Golf. So erfuhr ich von der Existenz Anna Kiesenhofers und ihrem fulminanten Ritt zum Olympiagold im Fahrrad-Straßenrennen erst, nachdem es schon – nunja, die Metapher hinkt etwas – „gelaufen“ war. Kiesenhofer ist eine 30jährige Frau aus Niederösterreich, die schon eine extrem bemerkenswerte Person ist. Wahrscheinlich ist sie auch ein wenig ein Nerd. Kiesenhofer fährt in keinem Team, hat keinen Coach, ist im allerengsten Sinne eine „Amateursportlerin“, sie fährt noch nicht einmal bei internationalen Rennen mit, weil sie sich das ohne Sponsoren wohl auch gar nicht so leicht leisten könnte. Daher hatten sie ihre Konkurrentinnen auch nicht am Zettel, denn sie kannten sie schlichtweg nicht. Kiesenhofer fuhr bei dem Rennen zunächst im Führungspulk, setzte sich dann aber sehr schnell ab, eilte allein davon und fuhr den Sieg heim. Das hatte sie wahrscheinlich alles penibel berechnet, denn in ihrem anderen Leben ist sie Spitzenmathematikerin, beschäftigt sich mit undurchschaubaren Differentialgleichungen, bei denen wir Durchschnittsleute wohl nicht einmal die Fragestellung verstehen würden. Sie hat an der Technischen Universität studiert, in Cambridge und Barcelona Master und PhD gesammelt und forscht und unterrichtet gegenwärtig in Lausanne. Sie gibt auf Englisch phantastisch gute und sympathische Interviews. Die Frage, wie sie ihren Triumph jetzt feiern werde, beantwortet Frau Doktor Kiesenhofer lachend mit dem Hinweis, dass sie sich jetzt in Niederösterreich in ihrem ehemaligen Kinderzimmer intensiv auf die Vorlesungen des Herbstes vorbereiten müsse, da sie im Vorfeld zu Olympia dafür ja keine Zeit hatte. Plumpes Denken ist das Denken der Großen weiterlesen

Der Steinzeit-Kanzler

Wer meint, es würde sich nichts ändern, wenn wir nichts ändern, der erzählt den Menschen ein Märchen.

Während das Klima Kapriolen schlägt und der ganzen Welt längst klar wird, dass wir schleunigst etwas unternehmen müssen, macht sich unser Bundeskanzler Sebastian Kurz dafür stark, dass alles so bleibt, wie es ist – dass wir nichts ändern, wir den Kopf in den Sand stecken. Das ist schon etwas bemerkenswert, denn schließlich handelt es sich bei unserem Bundeskanzler um einen jungen Mann knapp über Dreißig, aber im Kopf ist er offenbar uralt. Klima- und Umweltschutz, das wäre „zurück in die Steinzeit“, sagte er, dass wir wieder leben „wie im vergangenen Jahrhundert“.

Nun ja, schon im vergangenen Jahrhundert war die Steinzeit eine Zeitlang vorbei, aber wollen wir jetzt nicht pingelig sein. Der Steinzeit-Kanzler weiterlesen