Die Wahrheit, die SIE unterdrücken wollen

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz

Wir in Österreich starten diese Woche ein heiteres virologisches Experiment, bei dem wir – also die normalen Leute – die Versuchskaninchen sind. Die Regierung verkündete Lockerungen der Anti-Seuchen-Maßnahmen, obwohl die Infektionszahlen seit Wochen nicht mehr sinken, sondern teilweise sogar steigen, obwohl sich die infektiöseren Sars-CoV-19-Variationen gerade explosionsartig verbreiten. Die Modellrechnungen sind naturgemäß unexakt, wie das ausgehen wird, die Möglichkeiten reichen von „schlimm“ bis „ganz katastrophal“. Bemerkenswert daran ist, dass die Regierung genau weiß, dass ihr Beschluss falsch ist, sich aber dazu gezwungen fühlte, diesen falschen Beschluss zu fällen, weil angeblich „die Bevölkerung“ nicht mehr mitgeht.

Das muss dieses Leadership sein, von dem sie uns immer erzählen.

Wir könnten hier natürlich die Frage aufwerfen, warum Sebastian Kurz, der vor ein paar Monaten noch überzeugt war, die Menschen würden ihm selbst dann zujubeln, wenn er vom Balkon des Kanzleramtes pinkeln würde, sich heute außerstande fühlt, „die Bevölkerung“ mit Vernunftargumentationen gewinnen zu können.

Für ihre Entscheidung hat sich die Regierung ein paar lustige Überlegungen zurechtgelegt. Eine lautet, dass die Maßnahmen nicht mehr befolgt werden, wohingegen lässigere Regeln eher akzeptiert würden, was im Ergebnis dann womöglich sogar besser wäre. Das erinnert ein wenig an die Laffer-Kurve, die nach einem Ökonomen benannt ist, der die Reagan- und Thatcher-Ära prägte. Die Legende sagt, der Mann habe seine Kurve bei einem Abendessen mit rechten Politikern auf eine Serviette gemalt. Seine These war: Wenn die Steuern für Reiche hoch sind, werden sie Steuervermeidung betreiben. Senkt man die Steuern, werden sie brav zahlen, sodass das faktische Steueraufkommen sogar höher wäre. Selbstredend ging die Sache in der Realität anders aus als im Märchenland des Ökonomen. Zu befürchten steht, dass es mit der Kurz-Kurve nicht sehr viel besser ausgehen wird.

Zu den Überlegungen der Regierung gehört auch die Behauptung, dass „die Bevölkerung“ gegen die Maßnahmen rebelliere, wofür 10.000 Menschen als Indiz herhalten müssen, die gegen die Maßnahmen demonstriert haben plus viel anekdotischer Evidenz von Leuten, die keppeln, weil sie – wie wir alle – erschöpft sind. Dass „die Bevölkerung“ gegen die Maßnahmen sei, dafür gibt es aber keinerlei belastbare Evidenz, im Gegenteil, alle Umfragen zeigen, dass zwischen 75 und 80 Prozent im Grundsatz jene Anti-Pandemie-Maßnahmen für unumgänglich halten, die ja faktisch alle Regierungen in Europa verhängen. Wirklich dagegen sind gerade einmal zwanzig Prozent, die aber sind laut.

Ist ja nett, wenn man Wünsche von Minderheiten berücksichtigt, aber man könnte auch die der Mehrheit achten, nur so als Anregung. Die Wahrheit, die SIE unterdrücken wollen weiterlesen

Ein Spinner nimmt sich aus dem Spiel

Der irrwitzige Kickl-Kurs in der FPÖ schwächt auch die Machtposition von Sebastian Kurz.

Eine der Seltsamkeiten der österreichischen Politik war seit Jahren, dass die ÖVP, egal wie Wahlen ausgehen, in der Regierung war. Und dass sie, egal wie Wahlen ausgehen, immer am stärksten Ast saß und ihren Koalitionspartnern ihre Wünsche aufzwingen konnte. Das hat einen simplen Grund gehabt. Sie konnte theoretisch sowohl mit der FPÖ als auch mit der SPÖ und auch mit den Grünen eine Regierung bilden. Damit konnte sie sowohl linke als auch rechte Koalitionspartner erpressen, nach dem Motto: Wenn ihr euch nicht total beugt, regieren wir eben mit den anderen.

Aber in den vergangenen Monaten hat sich etwas verändert, was noch nicht ausreichend gesickert ist. Der ÖVP gehen die Optionen aus. Ein Spinner nimmt sich aus dem Spiel weiterlesen

„Zeit für Neues“

Der Regierungsapparat ist zerrüttet, nichts funktioniert, außer die PR-Show. Was für ein Trauerspiel.

Österreich, 2. Februar 2020

In der legendären US-Serie „House of Cards“ lässt der fiktive amerikanische Präsident Frank Underwood, als es in Umfragen für ihn schlecht steht, einen Krieg beginnen. Wenn es bei uns mit den Umfragen der Sebastian-Kurz-Regierung bergab geht, lässt Karl Nehammer Kinder abschieben. Im Fernsehen wird dann die dreiste Unwahrheit verbreitet, dass die Gesetze keine andere Wahl gelassen hätten.

Letztendlich zeigt all das auch die Verachtung der ÖVP für ihre Wählerinnen und Wähler. Sie hält sie für dumm genug, dass sie diese unverfrorene Schwindelei glauben, und sie hält sie für schlichte, leicht manipulierbare Depperln, die man mit Kinderabschiebungen vom katastrophalen Debakel der Regierung ablenken könnte. Wäre ich ÖVP-Wähler, mich würde ja schon wütend machen, dass man mich wie einen naiven Trottel behandelt. Dass die abgeschobene Gymnasiastin die Landessprache besser beherrscht als der Innenminister, der sie deportieren ließ, ist nur mehr eine erheiternde Pointe dieser Geschichte.

Während der heikelsten Krise seit Menschengedenken sind wir mit einer Regierung gestraft, in der Minderleister das Land anführen, die es in der freien Wildbahn kaum über den Grüßaugust hinaus schaffen würden. Was für ein groteskes Personal. Da ist der Innenminister, der bei Pressekonferenzen das Publikum dauernd anschreit. Er ist für ein Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung verantwortlich, das von seinen Parteifreunden jahrzehntelang als Endlager für Protektionskinder missbraucht und dann von einem irrwitzigen Koalitionspartner – Herbert Kickl nämlich – völlig zerstört wurde. Österreichs Verfassungsschützer gehen mittlerweile häufiger in Untersuchungshaft als ins Büro. Mit der Reorganisation des Chaosdienstes hatte man es nicht sonderlich eilig, was am Ende vier Menschen das Leben kostete. Schade, dass die österreichischen Sicherheitsbehörden immer nur Terroristen übersehen, die sich mit Munition eindecken wollen, aber nie hier geborene Kinder, die man abschieben könnte. „Zeit für Neues“ weiterlesen

Die Rückkehr der SPÖ

Die Sozialdemokratie hat in diesem Jahr acht Prozentpunkte zugelegt. Plötzlich ist sogar ein Überholmanöver vorstellbar.

In unserer medialisierten Welt – zu der längst die sozialen Medien genauso gehören wie professionelle Medien wie Zeitungen und Fernsehen – gibt es so etwas wie einen Herdentrieb, der sich selbst verstärkende Effekte hat. Ist eine laute Minderheit von Kommentatoren einer Meinung, wird sich die stillere Mehrheit der Kommentatoren dieser Meinung anschließen und das allgemeine Urteil des Publikums wird dann diese Meinung auch noch bestätigen. Dieses Publikum ist heute durch soziale Medien nicht einfach Medienkonsument, sondern trägt via Social Media eben zur Meinungsbildung bei, was aber in vielen Fällen einfach zur Verfestigung von Meinungen führt. Das macht es unendlich schwierig, allgemein verbreitete negative und positive Urteile wieder zu korrigieren. Anders gesagt: Der eine wird hoch-, die andere niedergeschrieben.

In unserer medialen Debatte haben sich ein paar solcher Urteile herausgebildet. Etwa dass Sebastian Kurz „talentiert“ sei, als Kanzler die „geschickte Zentralfigur“ des Landes und dass die Konkurrenz gegen ihn nun einmal keine Chance hätte, und es namentlich die Anführerin der größten Oppositionspartei, Pamela Rendi-Wagner „nicht kann“ – wobei seltsam unklar bleibt, was mit „es“ gemeint ist. Meint „es“ das Showelement von Politik? Meint „es“ die Machttrickserei? Meint „es“ das mafiöse Strippenziehen im Hintergrund? Meint „es“ regieren? Letzteres kann es ja wohl nicht sein, denn erstens hat sie ja noch keine Regierung angeführt und zweitens kann man ja wohl nicht sehr viel schlechter regieren als Sebastian Kurz.

Wenn ein Meinungsbild einmal verfestigt ist, wird man auch ein bisschen blind für die Realität.

Denn was wir in den letzten Monaten erleben, ist eine beeindruckende Rückkehr der Sozialdemokratie und auch ihrer Anführerin persönlich. Vor einem Jahr lag die SPÖ in den Umfragen bei 16 Prozent und wurde sogar von den Grünen überholt. Heute liegt sie bei 24 Prozent, damit hat sie acht Prozentpunkte dazu gewonnen. Eine solcher Wählerzuwachs in elf Monaten ist in einer normalen Demokratie in normalen Zeiten verdammt selten. Die Rückkehr der SPÖ weiterlesen

„Natürlich“ ist der frühe Tod

Vor 150 Jahren waren die Kickls ihrer Tage gegen Eisenbahnen, weil die „unnatürlich hohen Geschwindigkeiten“ gefährlich seien.

Unlängst fragte mich ein Handwerker und Gewerbebetreibender. „Herr Misik, warum ist unsere Politik so verrückt?“ – Da ich nicht wusste, worauf er hinaus wollte, fragte ich nach. „Na, wieso ist bei uns die Opposition so deppert?“ Das fragen sich viele Menschen. Wir haben zwar eine Regierung, die haarsträubende Fehler macht, aber eben auch eine Opposition, die haarsträubend blöde Forderungen aufstellt. Den Vogel schießt hier immer die FPÖ ab. Die ist gegen Tests, sie ist gegen Lockdowns und schürt jetzt auch die Impfskepsis. „Die Österreicher sollen Versuchskaninchen sein“, wettert Herbert Kickl, der Horrorclown des Parlaments. Man fragt sich, was der eigentlich will. Pandemie für ewig? Durchseuchung, bis halt 100.000 Leute tot sind?

Dass diese skurrilen Phrasen auf fruchtbaren Boden fallen, hat aber auch mit der Wissenschaftsskepsis zu tun, die wir uns – teilweise aus guten Gründen – antrainiert haben. Wissenschaftler haben schließlich nicht nur für phantastische Fortschritte gesorgt, sondern auch die Atombombe entwickelt, die Medizin hat fürchterliche Krankheiten besiegt, aber wir wissen auch, dass die Pharmaindustrie primär auf ihre Profite schaut. „Natürlich“ ist der frühe Tod weiterlesen

Die Krise der Vernunft

Warum gehen auch Linke und Grüne den Verschwörungstheoretikern auf dem Leim?

Es gibt Polarisierung, Gereiztheit und das Gegeneinander, aber natürlich gibt es ein paar Dinge, die eigentlich weitgehend Konsens sind. Erstens haben wir alle den Lockdown satt. Den einen fällt die Decke auf den Kopf, die anderen sind einfach einsam, die dritten völlig überfordert von Homeoffice und Distance-Learning, wieder anderen können nicht mehr schlafen wegen der wirtschaftlichen Sorgen. Zweitens rauft man sich die Haare angesichts einer Regierung, die dauernd schlampt, wie etwa bei der Impfung. Drittens sinkt die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, sich weiter an Maßnahmen zu halten, wenn es nicht gerecht zugeht. Man selbst soll nicht einmal seine Freunde treffen, in den Gondeln in den Skigebieten dürfen sich zwanzig Leute drängeln – diese Bilder waren wirklich fatal.

Daher ist total verständlich, dass viele Leute die Maßnahmen einfach weg haben wollen. Aber wenn wir jetzt aufgeben, haben wir Ende Februar wohl die nächste echte Katastrophe.

Aber da hört die Einigkeit schon auf und der Hader fängt an. Es gibt Leute, die die Krankheit zwar nicht leugnen, aber die Maßnahmen dennoch weg haben wollen. Dann würden zwar einige zehntausend Menschen sterben, aber sie hoffen eben, dass sie nicht darunter sein würden – und auch ihre Oma nicht. Natürlich glauben diese Menschen dann auch ganz fest daran, dass es schon nicht so schlimm kommen würde. Und an diesem Punkt nähern sich diese „Wütenden“ dann den „Corona-Leugnern“ und völligen Spinnern an. Man klammert sich einfach an absurde Hoffnungen. Die Krise der Vernunft weiterlesen

Die Wut der Vernünftigen

Alle reden von der kleinen Gruppe der Corona-Spinner. Aber es gibt auch den Zorn der Vernünftigen – und er ist ein stiller Zorn.

Es gibt die kleine Gruppe an Egozentrikern und auch total Verrückten, die meinen, dass es die Corona-Seuche gar nicht gibt, dass das Virus eine Erfindung von düsteren Strippenziehern sei, dass die Impfung fürchterliche Nebenwirkungen habe, die viel schlimmer wären als das „kleine Gripperl“ und dass wir in einer Diktatur leben würden, die böswillige Herrschende über uns errichten. Es sind im Endeffekt moralisch verkommene Egoisten oder weltfremde Spinner, die glauben, etwas Unangenehmes würde weggehen, wenn man es nur ignoriert, so wie die Kinder, die sich die Augen zuhalten und meinen, das Ungeheuer könne sie dann nicht sehen.

Diese Gruppe ist laut.

Es gibt aber auch die stille Wut in unserer Gesellschaft, sie bekommt überhaupt keine Aufmerksamkeit und wird daher stark unterschätzt. Der deutsche Autor und „Spiegel“-Kolumnist Sascha Lobo hat sie den „Zorn der Vernünftigen“ genannt.

Es ist der Zorn über Regierende, die in der Pandemie nicht einfach ihre Arbeit tun, sondern eine Show nach der anderen abziehen. Die nur an Umfragen denken und in elf Monaten Pandemie mal „alles wieder gut“ verkünden und wenn sich dann herausstellt, dass das keineswegs der Fall ist, Zuwanderern die Schuld geben, das Virus „eingeschleppt“ zu haben. Es ist der Zorn über Politiker in Bundesregierung und in den Ländern, die keine Vorbereitungen treffen. Die Wut der Vernünftigen weiterlesen

Freiheit und Egoismus

Wer meint, er habe das Recht, Andere zu gefährden, ist ein ichbezogener Egozentriker – und kein Freund der Freiheit.

Ich mochte das Wort „Querdenker“ ja nie besonders gerne. Es stand früher für „unkonventionell“ und „frisch“, aber auch ein wenig für „originell“ nur der Originalität wegen. Und es wurde auch oft einfach nur für Leute verwendet, die gedacht haben und sich nicht auf das Nachplappern von billigen Vorurteilen beschränkten, weshalb auch so mancher „Denker“ einfach „Querdenker“ genannt wurde. Aber jetzt ist der Begriff „Querdenker“ sowieso für obskurantische Wirrköpfe reserviert, die alles glauben, was ihnen vegane Köche oder Schlagersänger so via Social Media zusenden. Kein Mensch, der seine sieben Sinne beisammen hat, wird sich heute noch gerne als Querdenker bezeichnen lassen.

Kritisches Denken zeichnet sich eben nicht dadurch aus, jeden Unfug zu glauben, nur weil dieser den Erkenntnissen der Wissenschaft entgegensteht oder justament das Gegenteil von dem behauptet, was Regierungspolitiker so von sich geben. Kritisches Denken bedeutet, alle verfügbaren Informationen zu sammeln, diese gegeneinander abzuwägen, sich im Rahmen der eigenen Fähigkeiten (heißt: soweit wir als Laien dazu in der Lage sind) der Erkenntnisse der Wissenschaft zu bedienen und dann ein eigenes Urteil als mündiger Bürger und Bürgerin zu treffen.

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Hoffnung für 2021

Die Zwanzigerjahre könnten ein Jahrzehnt voller Lebensappetit werden. Optimismus kann jedenfalls nicht schaden.

Das Jahr, das nun zu Ende geht, hat uns eines gelehrt: Wie zerbrechlich unsere Normalität ist. Innerhalb von nur wenigen Tagen kann sich unser Leben vollständig ändern, es kann auf den Kopf gestellt werden. Auch das zeigt dieses Jahr: Wie sehr wir auf unsere Normalität vertrauen, und wie absurd dieses Vertrauen dann im Nachhinein wirkt, dann nämlich, wenn die Abnormalität in unser Leben eingebrochen ist.

Wir unterliegen als Gesellschaft einer Art von „Kontrollillusion“: Ist alles normal, haben wir das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Umso erschütterter sind wir, wenn wir die Erfahrung des Kontrollverlustes machen. Wir sehen jetzt: Wir haben nicht alles unter Kontrolle.

Im Lichte dieser Erfahrung sind wir auch etwas demütiger, was Prognosen für die nächsten Monate betrifft. Was wissen wir schon? Wir wissen noch nicht einmal, wie in etwa das Infektionsgeschehen im Februar sein wird.

Und dennoch können wir auch mit etwas Optimismus ins Jahr 2021 sehen. In einer phantastischen internationalen Kraftanstrengung haben geniale Forscher, entschlossene Regierungen und Pharmaunternehmen innerhalb weniger Monate eine Reihe von Impfstoffen entwickelt. Einige basieren auf einem relativ neuartigen Verfahren, andere auf der klassischen Impftechnologie. Mittlerweile sind bereits Millionen Menschen geimpft und viele zehntausende Menschen sind seit Juni in den Testgruppen geimpft worden. Unter diesen vielen Zig-Tausenden sind praktisch keine nennenswerten Nebenwirkungen aufgetreten. Hoffnung für 2021 weiterlesen

Vorankündigung: Mein Buch „DIE NEUE (AB)NORMALITÄT

Im Februar erscheint mein Buch „Die Neue (Ab-)Normalität. Unser verrücktes Leben in der pandemischen Gesellschaft“ (Picus Verlag, 160 Seiten, 16.- Euro). Rezensionsexemplare oder das PDF der Druckfahnen können auch hier über den Verlag bestellt werden. 

Hier schon ein paar Takte aus dem Buch, um einen kleinen Eindruck zu gewinnen: 

In Charles Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ gibt es das Gedicht „À une Passante“ („Auf eine Vorübergehende“). Tobender Straßenlärm, städtische Menge. Die Erzählerposition hat ein Mann der Menge inne, die Ich-Figur, an ihm geht eine Passantin vorbei, Blicke, die sich treffen, kurz, wie ein Blitz. „Werd ich in Ewigkeit dich erst wiedersehen? / (…) Ich weiß nicht, wohin du gehst, du nicht, wohin ich / Dich hätte ich geliebt und du hast es gewusst.“ Für Walter Benjamin war Baudelaire der erste große Dichter des großstädtischen Lebens, einer neuartigen Existenzform, die sich durch Eigenarten auszeichnet wie: Lautstärke, Lebendigkeit, ein Feuerwerk der Eindrücke und flüchtiger Wahrnehmungen, Blicke, Sehen, Gesehenwerden, anonymer Begegnungen, Überreizung der Sinne.

Modernes Leben, das sind Begegnungen, Kennenlernen und vergebene Möglichkeiten, Phantastereien über andere. Geräusche, Maschinengetöse manchmal, das Gerumple der Tramways, Gehupe der Autos, schnurrende Motoren, das Quietschen, wenn einer zu schnell um die Ecke fährt, der Geruch aus der Bäckerei, Gewurl der Leiber, die Menschentrauben vor den Lokalen, die Raucher in den Hauseingängen. Hunderttausende, die zu Freunden werden könnten, aber Unbekannte bleiben, weil wir an ihnen vorüber eilen. So lebten wir.

Im Jahr der Ansteckung war dieses städtische Leben zeitweise völlig still gestellt, und auch ansonsten schmerzhaft ausgedünnt.

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Heldenzeit

Dieses Jahr hat uns viel abverlangt. Aber es war nicht alles schlecht.

Fürwahr, das war kein einfaches Jahr. Die Seuche hat die Welt im Griff, bisher sind knapp zwei Millionen Menschen an Covid-19 gestorben, und das sind nur die fix dokumentierten Fälle. Ohne massive Eingriffe ins öffentliche Leben wären weltweit zig-Millionen gestorben.

Wir alle haben sehr viele Opfer bringen müssen: unzählige Menschen haben Angst um Zukunft und Arbeitsplatz, und können abends nicht richtig einschlafen, andere arbeiten rund um die Uhr und wissen nicht, wo ihnen der Kopf steht. Wiederum andere sind von chronischer Einsamkeit geplagt, haben Depressionen – und uns allen geht das Sozialleben ab, all die Dinge, die Spaß machen und jetzt verboten sind.

Aber wir können auch stolz darauf sein, wie wir bisher durch dieses Desaster gekommen sind. Heldenzeit weiterlesen

Die Spritze, Objekt der Begierde

Unser altes Leben werden wir erst mit der Impfung zurückbekommen.

Unsere beste Chance, diese Pandemie hinter uns zu lassen, ist die Impfung. Langsam dämmert uns aber, dass wir trotzdem noch harte Monate vor uns haben. Bis April wird sich an unserer Situation nur wenig ändern. Das ist keine Freude, aber auch nicht zu ändern. Mit einem Virus kann man nicht verhandeln.

Die Regierung hat jetzt angedeutet, dass in den ersten Monaten des neuen Jahres bestenfalls das medizinische Personal geimpft werden wird, vielleicht noch Teile der absoluten Risikogruppen, etwa Bewohner von Seniorenheimen. Mehr ist offenbar kurzfristig nicht zu schaffen. Im Frühjahr bis zum Sommer können dann vielleicht alle älteren Personen und Menschen mit Risikoerkrankungen geimpft werden. Alle anderen, die Sechzigjährigen, Fünfzigjährigen, die Jüngeren – sie kommen dann nacheinander dran. Das wird sich bis weit in den nächsten Herbst hineinziehen, wenn nicht bis in den Winter.

Ja, das ist ernüchternd. Denn das heißt: Wir haben noch rund ein Jahr vor uns, in der die Seuche unser Leben bestimmt.

Viele Menschen sehnen sich nach einem normalen Leben zurück, und das bekommen wir nur mit der Impfung. Die Spritze, Objekt der Begierde weiterlesen