Fortysomethings

Zur Anatomie einer verlorenen Generation. Gazette, April 2005

 

 

 

Es weht etwas streng durch’s deutsche Feuilleton. Die Rede ist vom Ton: von einer Schärfe, bei der zunächst unklar ist, woher sie kommt; von einer Unduldsamkeit gegen Rebellengesten, gegen alle Anflüge des Radikalen; vom Spott über alte Kämpen und junge Revoluzzer; von der großen liberalen Affirmationsgeste, einer erregten Coolness, die mit schnoddriger Intoleranz gegenüber jeder Spielart von Gesellschaftskritik einher geht; vom großen Abrechungsgetue vis-a-vis den kleineren und größeren Verirrungen der Linken; den Verirrungen in der Vergangenheit – und allen Spielarten von Restkritik gegenüber.

 

Wie es ein grassierendes Unbehagen in der kapitalistischen Kultur gibt, so gibt es ganz offenkundig auch ein Unbehagen am Unbehagen.

 

Ein paar Exempel aus jüngster Zeit: Die charmante Antiglobalisierungskomödie "Die fetten Jahre sind vorbei", von der Kritik allgemein mit warmen Worten aufgenommen, provozierte bei Gustav Seibt, der Zentralfigur des Feuilletons der "Süddeutschen Zeitung", Anfang Februar einen regelrechten Wutanfall. Für ihn ist der Erfolg dieses Filmes Teil einer Symptomatik, zu der der Che-Guevara-Roadmovie "The Motorcycle Diaries" (dt:" Die Reise des jungen Che") ebenso zählt wie die globalisierungskritische Jugendszene im allgemeinen, aber auch die Schau "Zur Vorstellung des Terrors" in den Berliner KunstWerken, eine Ausstellung, die unter dem Arbeitstitel "Mythos RAF" für Erregung sorgte. "Der Kommunismus und seine vielen revolutionären Ableger mögen tot sein, was lebt, ist der Revolutionspop, der ein Täter-Pop ist", schrieb Seibt in einer großen Abrechnung[1].

 

Während in Berlin überlegt wird, nach Rudi Duschke ("einen armen politischen Wirrkopf") eine Straße zu benennen, stehe in den Kinos die "vitalistische Feier jugendlichen Tätertums" auf dem Programm, erregt sich Seibt. Darin kann sich das Publikum über zwei junge Männer und eine junge Frau amüsieren, die in Villen einbrechen um die Reichen zu necken und die in ihrem Unglück einen Manager kidnappen. Der wird ulkig zusammengeschnürt durch die Lande gekarrt und stellt sich als ganz nett heraus. Daraus ergeben sich allerlei Verwicklungen. Dass Menschenraub eigentlich etwas Böses ist und dass man Leute nicht einfach so in Todesangst versetzen soll, wird in dem Film für Seibt nicht deutlich genug gesagt (in der Tat ist der Film ein Film und kein Leitartikel und insistiert deshalb nicht ausdrücklich darauf, dass man zu allen Menschen lieb sein soll). "Ärgerlich bis widerwärtig", so Seibts strenges Verdikt. Was hier propagiert werde, sei ein trüber Tat-Sinn und diene einzig "der moralischen Wellness junger Menschen im politischen Triebstau", maskiert mit dem "uninformiert-uniformierten Gedankenschrott ahnungsloser Antiglobalisierungskinder".

 

Selbstverständlich ist es Seibt nicht darum zu tun, einfach einen Film zu kritisieren, der ihm nicht gefällt. Aus einer Kritik wird erst eine Rundumabrechnung, wenn sie in eine Art von Zeitdiagnose eingebettet ist. Der Befund: Es gibt eine neue totalitäre Versuchung. Moralisch bemäntelt, brechen sich wieder Kampf- und Umsturzphantasien Bahn, eine Sehnsucht nach dem echten Leben, der, wie gehabt, jedes Mittel recht ist, weil sie ja "alles" will ("Wir wollen alles", hieß ja schon in den siebziger Jahren eine beliebte Parole jugendlich-leichtsinniger Heißsporne). Moralisches Humanitätsgesäusel schlage wieder um in Inhumanität. "Moral unterstützt, erleichtert, enthemmt in der nachchristlichen Welt die nietzscheanischen Lebenstriebe, vor allem die Freude an der Machtausübung", zieht Seibt eine scharfe Linie von Bolschewismus und Terrorismus vergangener Tage zum heutigen Täter-Pop.

 

Nun steht der schrille Alarmismus natürlich in auffälliger Diskrepanz zu allen Realitäten. Kein Umsturz steht bevor, es ziehen auch keine gewaltbereiten Anarchohorden durch die Städte (selbst der berüchtigte "Schwarze Block" beschränkt seine Aktivitäten heutzutage ja auf ein paar hohe Feiertage, auf Kreuzberger 1. Mai-Rituale und auf G-8-Gipfel wie den in Genua im Jahr 2001) und selbst die irrlichternden Desperados der RAF haben nun auch schon vor zehn Jahren aufgehört, Staats- und Wirtschaftsführer zu entführen oder zu erschießen. Aber das tut dem Abrechnungs-Gefuchtel keinen Abbruch. Keine Gelegenheit wird ausgelassen.

 

Einen festen Platz in diesem Chor hat Jörg Lau, heute Feuilletonist bei der "Zeit", in seinen früheren Tagen als taz-Mann selbst Teil des Syndroms, an dem er sich jetzt abarbeitet. Sei es der erstaunliche Erfolg der Globaltheorie "Empire" von Antonio Negri und Michael Hardt, seien es die schrägen Thesen des slowenischen Philosophie-Stars Slavoj Zizek, sei es die Renaissance des Pariser Großdenkers Michel Foucault: wenn immer sich die Möglichkeit bietet, in einem autoritären Kommandoton über nonkonformistische Szenen jedweder Spielart herzuziehen, ist Lau zur Stelle, der sich gerne vom Heroismus des antitotalitären Streiters umwehen läßt, der Marktwirtschaft und westliche Werte verteidigt. Seine Lieblingswaffe in diesem Ringen ist das Ressentiment.

 

Schon lange "hat es ein vergleichbares Radical-Chic-Happening nicht mehr gegeben, in dem sich Popkultur, juveniler Linksradikalismus und die Sehnsucht nach der großen, allumfassend welterklärenden Theorie durchdringen", urteilte Lau in Hinblick auf dem Welterfolg des Theorie-Wälzers "Empire"[2].  Darin erkennt er "neue millenaristische Träume von einer totalen ‚Befreiung’", die sich mit "einer offenbar verbreiteten geistigen Regressionslust" paaren. Bei Zizek und seinen Lesern wiederum wird "ein saurer Kitsch der Negativität" geortet, "der aus dem Sich-Entziehen … einen Kult macht."[3]

 

Wovor es Seibt, Lau und ihren Mitstreitern ekelt, ist eine Frivolität, mit der eine neue Generation von Autoren, vor allem aber von Lesern (oder Kinogängern) und damit von Un-Einverstandenen, eine Zeichensprache linker Protestgeschichte aufgreift und transformiert, ohne in jedem Augenblick den Kopf zur Ehre der Opfer linken Terrors, von Gulag und Säuberungen zu senken. Zwar gibt es heute keine Terroristen und somit auch keine Sympathisantenszene mehr, die Träger zeitgenössischer Gesellschaftstheorie werden auch nicht als Wiedergänger der Terroristen charakterisiert, aber als Wiedergänger der sogenannten Unterstützerszene: Terrorsympathisanten ohne Terroristen, gewissermaßen. Nicht zufällig heißt Laus Stück über Zizek "Auf der Suche nach dem guten Terror".

 

Dem entsprechend geht es auch in einer der obskureren Debatten der an obskuren Debatten auch ansonsten nicht armen Feuilletonistenwelt  um die Bereitschaft eines linken Juste Milieu, die Selbstlegitimation des Terrors anzuerkennen. Nur vordergründig handelt die Auseinandersetzung, die das Büchlein "Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF" von Jan Philipp Reemtsma, Wolfgang Kraushaar und Karin Wieland entfachte, um Geschichte. Der "anerkennende Blick" des "verständnisvollen Dritten" (Jan Philipp Reemtsma[4]) auf die RAF, typisch für seinerzeitige linksliberale Zirkel, ist natürlich von universaler und zeitloser Verdammenswürdigkeit. Während Kraushaar in einem grotesk ungestalten Text, der mit Fakten und Zitaten so überfrachtet wie an Gedanken arm ist, Rudi Dutschke zum Urvater der deutschen Stadtguerilla und damit zum Ideengeber der RAF zu stilisieren versucht, unternimmt Reemtsma eine subtilere Operation. Er versucht, "die Geschichte der RAF zu verstehen", und das heißt: "die Attraktivität zu verstehen, die sie für andere hatte". Abgerechnet wird nicht mit dem terroristischen Kern, sondern mit dem Weichbild der Linken – und deren "Gewaltlockungen". Die Attraktivität lag, so Reemtsma, in der heroischen Existenz der "Lebensform RAF". Noch posthum werden die Pistoleros zu "Ikonen der Authentizität", fährt Reemtsma fort, was ja nicht überraschend ist, ist die Linke doch seit jeher infiziert von "der Idee eines nichtentfremdeten, authentischen Lebens", das im Kampf verwirklicht werden will. Das ist alles nicht ganz falsch, doch angesichts des schrillen, denunziatorischen Tons, der sich durch das Büchlein zieht, fragt man sich bald, was die Autoren eigentlich treibt. 

 

Der schmale Band ist strategisch geplant gewesen als Angriff auf die Schau in den Berliner KunstWerken über die künstlerische Rezeption des Phänomens RAF. Reemtsmas "Hamburger Institut für Sozialforschung", ansonsten lobenswert engagiert, wann immer es um kritische Geschichts- und Gesellschaftsanalysen geht, ist aus der Vorbereitung der Ausstellung mit großer Geste ausgestiegen und hat sie damit beinahe unmöglich gemacht. Als dies nicht gelang, wurde versucht, mit dem Band den Diskurs zu bestimmen, der sich rund um die Schau entspannte. Diese wird nun als Symptom einer Mythenbildung gedeutet, als Indiz für das bedrohliche, ewige Wiedergängertum dessen, was die RAF erst ermöglicht hat: die Lockungen, den Hang zum Thrill, die Umsturzsehnsüchte derer, "die das bürgerliche Leben nicht aushalten, weil es sie überfordert". Man beachte den Dreh: Das bürgerliche Spießerleben wird nicht deshalb nicht ausgehalten, weil es etwa unerträglich wäre, sondern weil einigen die innere Größe fehlt, sich in dasselbe zu fügen.

 

Die "Sehnsüchte nach Authentizität, unentfremdeten Leben" sind, so Reemtsma, nur andere Begriffe für "Undifferenziertheit und Dummheit" und heute so virulent wie zu den Zeiten, als Herbert Marcuse noch über den "eindimensionalen Menschen" schwadronierte. Nicht der, der sich gegen seine Zeit stellt, zeigt aus dieser Perspektive Größe. Wirklich erhaben ist der, der Mittut. Nonkonformismus ist Dummheit, der Kluge ist der Einverstandene. Es geht also, kurzum, bei all dem nicht um Geschichte. Es wird etwas eingefordert: Das Sich-Fügen in die Realität, die heroische Akzeptanz der Komplexität des Lebens in der Moderne, in die Verkomplizierungen, wenn man will, die "Kulturversagung" von der Freud sprach, der wußte, dass die Abwehr der Aggression "ebenso unglücklich machen kann wie die Aggression selbst"[5]. Damit wird aber ebenso eingefordert: Die Akzeptanz des Höhepunkts aller bisherigen Kulturentwicklung, der liberalen, demokratischen, kapitalistischen Moderne, die den Subjekten alle Eigentlichkeit versagt, ihnen Triebverzicht auferlegt, was freilich die Bedingung des Zusammenlebens und des Funktionierens komplexer Gemeinwesen ist. Diese Kultur produziert Ausbruchsphantasien und, da sie die Freiheit des Subjektes einerseits zur allgemein akzeptierten Ideologie erhebt, die allseitige Verstrickung der Subjekte aber ihr unausweichliches Resultat bleibt, ewig wiederkehrende Selbstermächtigungs-Energien.

 

Und diese Idee der Selbstermächtigung ist der geheime Schlachtruf der Linken – Selbstermächtigung nämlich gegen das subjektlose Prozessieren der kapitalistischen Struktur, aber auch Selbstermächtigung gegen die Neutralisierungen politischer Leidenschaften im normalen demokratischen, parlamentarischen Verfahren. Dem gegenüber stellt die Linke seit jeher das Bild von der Geschichte, die machbar sei, die Imagination von der Macht der Subjekte, ihre Geschicke selbst zu bestimmen.   

 

Noch gegen die letzten schattenhaften Reflexe dieser Traditionsgeschichte wird jetzt angeschrieben – von einer Autorenkohorte, die sich heroisch dem "Kapitalismus als Schicksal"[6] unterwirft. 

 

II.

 

Es ist womöglich kein Zufall, dass die allermeisten Autoren, die, wenn auch in unterschiedlicher Tonlage, in dieses Lied einstimmen, einer Generation angehören. Was immer sie sonst auch trennen mag: Sie sind alle über vierzig und noch deutlich unter sechzig.

Nun ist natürlich jeder Mensch zunächst für sich verantwortlich, aber wir wissen doch auch, um das mit Gustav Seibt zu sagen: "Schicksalhaft ist die Teilhabe an einer Generation: Zunächst durch das Geburtsdatum, an dem kein Mensch rütteln kann… Zusammen mit seiner Alterskokorte muß jeder Mensch durch die Zeit reisen".

 

Was also eint die Angehörigen dieser Generation? Sie waren zu jung, um Achtundsechzig dazuzugehören, doch sie waren alt genug, um ihr halbes Leben lang im Schatten der Achtundsechziger zu stehen. Die großen Irrtümer hat die Kohorte vor ihnen begangen und ihnen keine (oder doch zumindest keine grandiosen) übriggelassen. Sie traten nicht mit optimistischem Revolutionspathos ins Leben, im Gegenteil, depressive Angstlust bestimmte ihre prägenden Jahre. Nicht im Glauben an das Paradies auf Erden, sondern in dem an die Apokalypse wurden sie groß: Von Atom-GAU bis Atomkrieg bis Waldsterben engagierten sie sich nicht für eine neue Welt, sondern gegen den Weltuntergang. Diese Lockungen der Katastrophe waren zwar nicht weniger überdreht als die Hoffnung ihrer Vorgängergeneration auf die Etablierung der Diktatur des Proletariats schon am jeweils nächsten Mittwoch, dafür entschieden freudloser. Sie haben nicht weniger Blödsinn verzapft, doch im Ausgleich nie ein Gefühl der Erhabenheit verspürt. Sie waren weder in Berlin 67ff. dabei noch im Mai ’68 in Paris und auch Woodstock kannten sie nur aus dem Film, doch Bonn – Chiffre für den pragmatischen Liberalismus der westlichen Bundesrepublik – fanden sie in ihrer Jugend auch nicht so toll. Die Älteren hatten gewissermaßen allen Witz verbraucht, ihnen aber doch noch eine große Portion Dummheit vererbt. Der große Aufbruch war vorbei, als sie ins Leben traten, dafür war das Rebellische in Rigidität und Moralismus erstarrt. Als die Kommunarden freien Sex erprobten, waren sie noch halbe Kinder, und als ihre Zeit gekommen war, war schon der Aidstod mit im Spiel. Und das bißchen Spass, was noch geblieben wäre, ruinierten – sofern es sich bei unseren Helden um Männer handelt, und es handelt sich weitgehend um Männer – die Feministinnen. Statt Spaßguerilla war Political Correctness angesagt. Kurzum: Die Fortysomethings hatten eine schwere Jugend. 

 

Aber damit nicht genug, kamen sie ein zweites Mal zu spät. Als die Aussöhnung mit den Verhältnissen anstand, waren ihnen die Achtundsechziger schon wieder eine Nasenlänge voran. So klammheimlich, wie sie zuvor mit Baader und Genossen sympathisierten, gliederten diese sich nämlich ein in die moderne, liberale Republik. Ohne Kotau ließen sie ihr Irrlichtern dem Vergessen anheimfallen, ja, noch beim Mittun durften sie sich ein paar Rebellengesten erlauben – versinnbildlicht ist das in dem Mann, der sich in Turnschuhen zum Minister angeloben ließ und es ein Jahrzehnt später zum Vizekanzler brachte. Die Generation der ewig Zuspät-Gekommenen stand wieder am Wegesrand, zunehmend schlechterer Stimmung. Und als sie ins Berufsleben drängten, waren die Aufstiegskanäle verstopft. Auf den schönen Posten saßen – erraten: – die Achtundsechziger. Die hatten ihnen fünfzehn Jahre zuvor noch Flausen von Herrschaftsfreiheit und Kommuneleben in den Kopf gesetzt und begegneten den jungen Strebern nun, glaubt man Gustav Seibt, als "erbarmungslose Chefs".

 

Um originell zu sein, blieb den Fortysomethings nur mehr die gnadenlose Affirmation. Die Achtundsechziger, grau geworden, hatten Rot-Grün verwirklicht, ein schlichter Regierungwechsel, den sie zum Zeitenwechsel stilisierten, ihrem seit Jugendtagen gepflegten Hang zum Ereignishaften entsprechend. Den Fortysomethings bleibt da, wollen sie den allgemeinen Distinktionsbedürfnissen entsprechen, nur die Koketterie mit Schwarz-Grün. Fischer geht ihnen längst auf die Nerven, dafür finden sie den faden Schwarzen Christian Wulff neuerdings total Spitze.

 

Gegen den Moralismus ihrer Jugend haben sich als Gegengift die Totalironie entdeckt – was nicht heißt, daß man sie nicht an einer gewissen Muffigkeit leicht erkennen könnte. Nichts ist nämlich vertrackter als der Verhältnis der Fortysomethings zur Ironie. Alle paar Tage rufen sie die neue Ernsthaftigkeit und das Ende der Spaßgesellschaft aus. Hat jemand den westlichen Liberalismus nicht lieb, verstehen sie keinen Spaß. Andererseits können sie die biedere alternative Ernsthaftigkeit ihrer Teenie-Tage nicht einfach ins Bürgerliche drehen – schließlich müssen sie sich von dieser ja auch distanzieren. Darum bleibt ihnen dann und wann nichts als ein Rösselsprung ins Ironische.

 

So sie noch ein Bedürfnis nach Exzentrik verspüren, leben sie es aus, indem sie Heino oder Udo Jürgens gut finden – das, so meinen sie, sei jetzt der Gipfel der Schrägheit. Aber diese Exzentrik ist gewissermaßen doppelt codiert. Sie tarnt sich ironisch (so ist man immer auf der sicheren Seite), ist in Wahrheit aber ganz ernst gemeint. Es ist nämlich das schlichte Bedürfnis der Fortysomethings, sich mit allem zu versöhnen, was sie als junge Leute verachtet haben: Kapitalismus, Heino, Freedom & Democracy. Die Überdrehtheitsspirale einen Schwung weiter gedreht, landen sie wieder bei Großmutters Wertesystem. Der Konformismus kommt dann aber nicht als Konformismus daher, sondern als Totalrebellion. Haben die Achtundsechziger die Abweichung zur Norm gemacht, besteht ihre Eigenart nun darin, "in Abgrenzung von der Abgrenzung bei der Norm zu landen – als Abgrenzung, versteht sich", analysierte Diederich Diederichsen unlängst dieses Phänomen[7]. So gelingt es ihnen in einer Welt, in der niemand Mainstream sein will, "einen Distinktionsgewinn daraus (zu) ziehen, wieder bürgerlich zu werden". Diederichsen: "Man ist jetzt etwas ganz Verbotenes: ein Bürger, härter als jede Avantgarde. Und doch eigentlich sehr bequem. Man kann sich also, indem man den Avantgarden vorhält, Mainstream zu sein, zu einem noch viel globaleren Hauptstrom bekennen, einer wie auch immer zu füllenden Bürgerlichkeit und einer umfassenden Restauration – und sich dennoch als Rebell und Dissident fühlen".

 

III.

 

Nur eines nervt noch mehr als die alten Veteranenerzählungen der Achtundsechziger: die Lamoyanz, mit der die Fortysomethings über die Achtundsechziger herziehen. Das einzige, was diese Generation zuwege gebracht hat, ist gleichzeitig ihre Lieblingsobsession: Abarbeiten an 68. "Wer souverän über 68 reden will, muß sich erst einmal identitätspolitisch von 68 lösen", schrieb Dirk Knipphals in diesem Zusammenhang unlängst in der taz[8]. Dabei soll man nicht übersehen: Aus der ewigen neurotischen Fixierung an die vorangehende Kohorte haben die Fortysomethings immerhin eine Rolle gemacht. Einzelne unter ihnen bastelten sich daraus eine Unique Selling Proposition, USP, wie das die Marketingleute nennen. Sie geben die revoltierenden Spießer, daß es kracht – und Krach ist schließlich wichtig in der Mediengesellschaft mit ihrer Aufmerksamkeitsökonomie. Sie hätten also im Schatten ganz gut zu leben vermocht, zumal sie langsam auf die biologischen Realitäten bauen hätten können. So übermächtig können nicht einmal die Achtundsechziger sein, als daß sie nicht irgendwann den Abgang machen müssen. So verwandelte sich das Gefühl des ewigen Zukurzkommens der Fortysomethings langsam in stoische, skeptische Zuversicht, von der Art, mit der selbst Prinz Charles darauf vertrauen kann, irgendwann doch noch König zu werden. Zumindest eines schien sicher: So lange jedenfalls wie bisher muß man nicht noch einmal warten.

 

Doch nun trat eine neue Generation auf den Plan. Die Achtundsechziger bedeuten ihr wenig, sie bedient sich aber aus der Zeichenwelt, für die diese gesorgt hatten. Die jungen Leute, für die etwa der Filmemacher Hans Weingartner, Regisseur der "Fetten Jahre", steht, oder das Publikum, das die Theorien von Negri oder Zizek verschlingt, sind keine Wiedergänger. Sie paaren die Tugend der Ironie mit Kapitalismuskritik, Widerständigkeit mit leichtgängiger Inkonsequenz. In ihrer fröhlichen Kreativität sind sie sowohl Kontrast wie Herausforderung für diese Truppe an Fortysomethings, in denen plötzlich die Ahnung aufkommt, sie würden alt, ohne jemals wirklich jung gewesen zu sein. Immer hatten sie zu den Älteren hochgeblickt, ohne sich mit ihresgleichen zu versuchen.

 

Doch nun sind plötzlich die Jungen Rivalen im Kampf um knappe Güter wie Aufmerksamkeit, mehr aber noch bedroht deren kritische Lässigkeit den Kern der Identität der Fortysomethings mit ihrer schmallippigen Affirmation. Gerade haben sie erst erlernt, einigermaßen sicher die Lobeshymnen auf das Gegebene zu singen, da drängen schon wieder neue Sounds in die Charts. Plötzlich scheinen sie nicht mehr als kläffende Nachrücker-Generation, die die Beine der Achtundsechziger umkreist, sondern als Sandwich-Generation: eingezwängt zwischen zwei souveränen Kohorten, gefangen im Dazwischen. Kein Wunder, daß sie das "ärgerlich bis widerwärtig" finden.

 

Sie spüren es, auch wenn sie es nicht recht zu begreifen vermögen: Bevor sie noch etwas gewinnen konnten, erweisen sie sich schon als verlorene Generation.



[1] Gustav Seibt: Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein. SZ, 12./13. Februar 2005

[2] Jörg Lau: Biomacht und Kommunismus. Die Zeit, 22/2002

[3] Jörg Lau: Auf der Suche nach dem guten Terror. Merkur, 3/2003

[4] Alle Zitate in diesem Abschnitt: Jan Philipp Reemtsma: Was heißt "die Geschichte der RAF verstehen"? In: Kraushaar, Wieland, Reemtsma: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF. Hamburg, 2005

[5] Sigmund Freud: Das Unbehagen in der Kultur. Seite 188.

[6] So lautete ein wirkmächtiger Titel einer Sondernummer der Zeitschrift "Merkur" Mitte der neunziger Jahre.

[7] Diederich Diederichsen: Der Mainstream und seine Masken. In: Theater Heute. Jahrbuch 2004.

[8] Dirk Knipphals. Nach den Projektionen. Taz, 23. Februar 2005

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