Ideengestöber

Die Romantik. Als „deutsche Affäre“ beschreibt sie Bestseller-Autor Rüdiger Safranski in seinem neuen Buch. Dabei spielte das finale Kapitel der Romantik im katholischen Wien. Und die Sehnsucht nach dem Romantischen hat sich längst globalisiert. profil, 1. Oktober, 2007

 

 

„Glotzt nicht so romantisch“, ruft der Kriegsheimkehrer Kragler in Bertolt Brechts frühem Stück „Trommeln in der Nacht“. Doch die Drama-Zeile führt längst ein eigenes Leben. Man findet sie schon auf Postkarten, als romantisch-ironischen Einspruch gegen das Romantische. Bestimmt wirbt sogar eines der vielen „Romantik-Hotels“, die dieser Tage aus den Boden schießen, mit dem kalten Brecht-Satz.

 

„Die Romantik ist eine Epoche. Das Romantische eine Geisteshaltung, die nicht auf eine Epoche beschränkt ist“, schreibt Rüdiger Safranski, der große Popularisierer der deutschen Philosophie und Geistesgeschichte, im Vorwort zu seinem neuen Bestseller: „Romantik. Eine deutsche Affäre.“ Die Romantiker wandten sich gegen die Formenstrenge der Klassik, aber der Begriff „romantisch“ ist selbst ein schlampiger Begriff, mit dem man ein Gedicht ebenso charakterisiert wie das Candle-Light-Dinner im der gehobenen Restauration. 

 

Die Romantik als Epoche war eine zuvorderst deutsche Angelegenheit, brach sich irgendwann Ende des 18. Jahrhunderts Bahn und war um 1820 auch schon wieder fast zu Ende. Sie war ein zweiter Sturm und Drang, ein Ideengestöber, in dem das „Leben“, der Vitalismus hochgehalten wurde, ein, so Safranski, „lärmender Kult um die sogenannten ‚Kraft-Genies’“. Das „Ich“ wurde gefeiert, ein Enthusiasmus um das „Geheimnis“ gemacht, kurzum: Es war eine einzige religiöse Empfindung, die da in Literatur, Philosophie, Malerei und Musik durchbrach. Das Irr- und Transrationale wurde gefeiert, was eine Reaktion auf die Vernunftreligion der Aufklärung war, und man ästhetisierte den Taumel, als Abgrenzung zur Klassik. Worum es ging: Poetentum, Suche nach einem „neuen Zauber“, so Safranski, gegen die Entzauberung. „Staunen vor der Vielfalt der erscheinenden Welt.“ Die Romantiker riefen den Pathos des Bewahrens aus, waren aber nur vordergründig konservativ, sondern sehr modern. Irgendwie waren die Romantiker die erste Avantgarde.  Man gab sich volkstümlich, grub die alten Traditionen aus – ein Ersatz-Nationalismus, angesichts der Zersplitterung der deutschen Nation in viele kleine Fürsten- und Königtümer. Der Philosoph Johann Gottfried Herder steht am Beginn, die großen Romantiker waren die Gebrüder Friedrich und August Wilhelm Schlegel, die Philosophen Fichte und Schleiermacher. Und natürlich: Der Dichter Novalis, der Zauberer, Magier, Religionsstifter. Hölderlin. Der Staatstheoretiker Adam Müller. E.T.A. Hoffmann. Die Liste ließe sich fortsetzen.

 

Eine sehr deutsche Affäre? Ja, aber nicht nur. Denn die eigentümliche Energie, die die Romantiker antrieb, diese Sehnsucht nach den starken Gefühlen, nach Geist und Leidenschaft, die Verachtung der bloß verwalteten Welt, die Panik vor der Langeweile, die Gier nach dem „eigentlichen“ Leben – sie findet sich auch in anderen Kulturen und Epochen. Es gibt französische Romantiker und auch britische Romantiker. Vor allem aber kam zur deutschen Affäre noch eine österreichische G’spusi hinzu. Die Romantiker saßen in Jena, in München, aber auch in Wien. Kulturhistoriker sprechen deshalb nicht nur von der „Jenaer Romantik“, sondern längst schon von der „Wiener Romantik“.

 

Die deutschen Romantiker und Österreich. Das war eine Art Liebe auf dem ersten Blick, die sich erst beim zweiten, dritten Hinschauen als Missverständnis entpuppte. Die Schlegel-Brüder zogen samt Familie nach Wien und wirbelten durch die Salons der Hauptstadt. August Wilhelm Schlegel hielt 1808 Vorlesungen über „dramatische Kunst und Literatur“, Friedrich Schlegel 1812 über „Geschichte der alten und neuen Literatur“. Auch Adam Müller, guter Freund Heinrich von Kleists, zieht hier her und tritt in die Dienste Metternichs. Friedrich von Gentz, Staatsschriftsteller und Metternichs rechte Hand, war so etwas wie die gesellschaftliche Drehscheibe der Wiener Romantiker. Kurzzeitig schlug auch der deutsche Diplomat und Publizist Karl August Varnhagen seine Zelte in Wien auf. Gemeinsam mit seiner Frau Rahel Varnhagen übrigens, jener „deutschen Jüdin aus der Romantik“, der Hannah Arendt ein grandioses literarisches Denkmal gesetzt hat.

 

Die Romantiker hatten einen Narren gefressen am Haus Habsburg, weil das, als übernationale Vielvölkermonarchie, noch die christliche Reichsidee hochhielt – anders als Preußen. Die Wiener Gesellschaft wiederum war hoch interessiert an den Romantikern, denen der Ruf vorauseilte, bei ihnen würde es sich auch um lauter romantische Ichs handeln, um exzentrische Figuren, voller Lebensgier und Menschenappetit, Figuren, die keinen Exzess und keine Liebschaft ausließen. Leider blieb der persönliche Eindruck etwas hinter den Erwartungen zurück, wie Caroline Pichler, eine damals berühmte Wiener Salondame notierte. War schon Schlegel selbst weniger elektrisierend als gedacht, so war seine berühmte Frau Dorothea Schlegel eine herbe Enttäuschung: Auffallend, schrieb Pichler, „war der Kontrast zwischen dem Bilde, das wir uns hier von seiner Frau entworfen, in der jedermann das Urbild der schönen, lüsternen, freien Lucinde zu finden dachte, und dem Eindrucke, den die wirkliche Erscheinung dieser Frau machte. Es war eine längst über alle Jugend und alle Schönheit – wenn je eine dagewesen war – hinausgerückte Gestalt.“

 

Für die deutschen Romantiker, religiös überspannt, fasziniert von katholischer Formenpracht und volksfrömmelnder Tradition, war das katholische Österreich mehr und mehr zu einem idealisierten Phantasieland geworden, vor allem nachdem Preußen und die anderen deutschen Splitter gegen Napoleons Truppen untergegangen waren. Wien war das Zentrum des Widerstandes gegen Napoleon. So wurde, wie es im Vorwort zu dem im Vorjahr erschienen, opulenten Sammelband „Paradoxien der Romantik“ heißt, Österreich „zum obskuren Objekt romantischer Begierde“*. Doch wie das nicht selten vorkommt, will das Objekt des Begehrens nicht so, wie man sich das vorstellte. „Die erste Avantgarde trifft auf den Geist einer späten und jahrhundertealten vormodernen Popularkultur.“

 

Es muss ein ziemliches Tohuwabohu gewesen sein. „Das war Anziehung und gleichzeitig Abstoßung“, sagt der Kulturtheoretiker Wolfgang Müller-Funk: „Der katholische Mystizismus der Romantiker stößt gerade unter den Intellektuellen im katholischen Wien auf wenig Zustimmung.“ Die Romantiker hatten sich verkalkuliert. In Deutschland war ihre Religiosität eher „Enthusiasmus“ (Novalis), eine gegenkulturelle Spiritualität, nonkonformistisch wie später die Guru-Kulte der Hippies. In Österreich wurden daraus eine „unheilige Allianz von Geist, Macht und Kirche“, so der Germanist Johann Sonnleitner, von der das Gros der Wiener Intelligenz nichts wissen wollte.

 

Es hängt eben auch ein bisschen davon ab, wo man gerade katholisch ist und wo man poetischen Formenreichtum gegen klassische Strenge in Stellung bringt. Was in Jena ein Aufstand der Empfindsamen war, wird in Wien Obrigkeitsfromm. Schlegel „duselt und frömmelt“, witzelte Franz Grillparzer über den „Tausendsassa“ (Safranski). Die Romantiker, daheim in jungen Jahren Kulturrevolutionäre, stellen sich in Wien in den Dienst der Restauration. Schlegel übernimmt 1811 die Schriftleitung des von Metternich ins Leben gerufenen „Österreichischen Beobachters“ und wird Legationsrat und Hofsekretär. Adam Müller wird Landeskommissar in Tirol, in den Adelsstand erhoben und Mitarbeiter der Hof- und Staatskanzlei unter Metternich. Die Romantiker wollten das unmögliche Dritte sein zwischen Aufklärung und Reaktionärem Roll Back, aber das war zum Scheitern verurteilt. Von den rebellischen Impulsen der deutschen Romantik war da nichts mehr übrig geblieben. Aber dennoch nimmt Wien viel auf von den Romantikern. „Die schriftstellerischen Intrigen, die Kultur der Literaturzeitschriften, all das haben die Romantiker importiert“, sagt Müller-Funk. Auch wenn man durchaus sagen kann, die deutsche Romantik habe in Wien ihr ziemlich trostloses Ende gefunden.

 

Die Romantik rinnt aus, aber sie hinterlässt eine breite Erinnerungsspur. In Deutschland, aber auch in Österreich. Die frühen Romantiker mögen den Kopf hängen lassen, das Romantische als Geisteshaltung hält die Stirn hoch. Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, das sind für Safranski legitime Erben der Romantik, aber auch die Mystiker um den Lyriker Stefan George. Rilke, Heidegger, überall macht Safranski romantisches Treibgut aus.

 

Und auch die Wiener Moderne des Fin-de-siecle, der vorletzten Jahrhundertwende, ist janusköpfig. Einerseits feiert sie Fortschritt, Wissenschaft und Rationalität, schafft sie ein Klima, in dem Sigmund Freud und Karl Kraus gedeihen, andererseits geht es viel um Gefühl, Anschauung, Seele, um Anspannung, ein Leben, das sich selbst spürt. „Romantisieren ist nichts als eine qualitative Potenzierung“, hatte Novalis geschrieben. Man findet all das auch bei Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr und anderen der Wiener Moderne, einer Epoche, deren Merkworte ja lauten: Hysterie, Decadence, Leben, Ich, Befreiung von Neurosen.

 

Der Romantiker ist gegen das Banale der bürgerlichen Existenz, und das macht das Romantische so gefährlich, wenn es sich mit der Politik paart. Die Geschichte des Romantischen ist für Rüdiger Safranski darum auch ein Lehrstück darüber, „dass Romantik von der Politik besser ferngehalten werden sollte.“ Politik braucht pragmatische Vernunft, während Romantik von „Abenteuerlust, Wille zum Extrem, Intensitätshunger, Liebe und Todeslust“ getragen sei. So ist Romantik die „Vorgeschichte des Unheils“, Hitler für Safranski eine Figur „wie aus einem romantischen Alptraum“, aber auch die 68er mit ihrer Entfremdungskritik und ihrem Selbstverwirklichungspathos knüpfen an die „tieferen Traditionen der romantischen Abwehr der Industriegesellschaft“ an. Safranskis leicht philiströses Resümee: Das Romantische gehört zu einer lebendigen Kultur dazu, romantische Politik ist aber gefährlich.

 

Der Romantiker würde antworten: aber Leben ist nun einmal gefährlich, echtes Leben jedenfalls. Denn wer die gefahrlose Vollkaskoversicherungsexistenz bevorzugt, an den geht das Leben vorbei. Und damit haben die Romantiker nicht so unrecht. Deshalb gibt es ja, wo immer die Rationalität das Leben dominiert, die ewigen Ausbruchsversuche, die Esoterik-Trips, die exaltierten Borderliner, die interessanten Genies und genialen Versager, die Radikalen, die die Welt aus den Angeln heben wollen und die Spiritualisten, die das Geheimnis der Welt umnebelt – und die, sei’s mit Weihrauch, sei’s mit Räucherstäbchen, beim Nebelmachen kräftig mithelfen. Was sie verbindet, ist das, was Safranski so schön „das Unbehagen an der Normalität“ nennt.

 

Das Romantische hat eine große Zukunft.

 

Das Buch:

 

Rüdiger Safranski: Romantik. Eine deutsche Affäre. München, Hanser, 415 Seiten, 25,60.- €

 

Das Buch:

 

Christian Aspalter, Wolfgang Müller-Funk, Edith Saurer, Wendelin Schmidt-Dengler, Anton Tantner: „Paradoxien der Romantik. Gesellschaft, Kultur und Wissenschaft in Wien im frühen 19. Jahrhundert“. Wiener Universitäts-Verlag, 475 Seiten, 2006, 37, 90 .- €

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