Was Kraus wirklich sagte

Henryk M. Broder, zugleich Kasperl und Krokodil der deutschen Publizistik, wäre ja gerne ein Karl Kraus. Deshalb zitiert er fast täglich den großen K.K. mit dem Satz: „Es genügt nicht nur, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken.“ Wie im Sektenwesen üblich, schreiben die Jünger vom Guru ab, was dazu führt, dass heute kaum mehr ein Eintrag in Broders Achgut-Netzwerk ohne dieses Zitat auskommt. Da Kraus es nicht verdient hat, für einen Satz berühmt zu werden, den irgendein Analphabet, der nicht abschreiben kann, erfunden hat (das muss nicht Broder selbst gewesen sein, das Falschzitat kursiert schon lange), sei hier ein für alle mal die korrekte Kraus-Wendung referiert. Sie stammt aus Das Berufsgeheimnis: „Viele würden in Redaktionen rennen, bedürfte es nicht die spezialste der Gaben. Es genügt nicht keinen Gedanken zu haben: man muß ihn auch ausdrücken können.“ (Fackel 697, Seite  60)

 

Ist ja auch viel krausianischer. Kraus scherte sich ja nicht so sehr um Leute, die auf holpernde Weise Blödsinn von sich gaben, er spießte vielmehr die journalistische Eigenart auf, mit großem Getue Unsinn zu sagen.

 

Ob die krause Falschlektüre, die den Satz in sein Gegenteil verkehrt, vielleicht gar symptomatisch ist?

Ein Gedanke zu „Was Kraus wirklich sagte“

  1. „Es genügt nicht nur …“ Wenn auch Herr Broder besagten Satz nicht selbst erfunden hat, hätte er beim Abschreiben doch stutzig werden müssen, denn das „nur“ legt sich jedem sprachlich Sensiblen wie Säure auf die Magenschleimhaut. Oder hat in diesem Falle Robert Misik von Broder falsch abgeschrieben? Wie auch immer, Broder ist ein Schlimmer. Und beim Karl Kraus im Text ist ein Komma mehr (hinter nicht). Das muß sein, schon aus Achtung vor einem Autor, der geschrieben hat:
    „Die Fülle meines Werks ist ungemein:
    mir fällt zu jedem Dummkopf etwas ein (ebd., S. 61).
    Aber Kasperl und Krokodil, ja.

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