Zicke im Krieg

Ann Coulter ist die schrillste Kampfrednerin unter den amerikanischen Rechten. Unklar ist, ob man die ebenso geschäftstüchtige wie begnadete Polemikerin eher für eine Faschistin oder eine Komödiantin halten soll. profil, 14. April und taz, März 2008

 
Kann hassen richtig Spaß machen? Können ultrakonservative, fundamentalistische Tiraden lustig sein? Und der „Kampf der Kulturen“ Entertainment? Wer diese Fragen instinktiv mit „Nein“ beantworten würde, der hat Ann Coulter noch nicht kennen gelernt. Die Frau ist das lauteste Mundwerk der amerikanischen Rechten, und sie entspricht überhaupt nicht dem Bild, wie man es sich von einer Stockkonservativen macht, die vor verbiesterten Evangelikalen in Megakirchen predigt. Blonde Mähne, charmantes Lächeln, enge Kleider, endlos lange Beine, ist sie ein polemisches Feuerwerk, das regelmäßig auf die Linken und die Liberalen niedergeht. Wobei Ann Coulter so ziemlich alles für gefährlichen Liberalismus hält, was links vom Ku-Klux-Klan steht.
 
Sie ist bissig und witzig wie Michael Moore, nur hübscher, und deshalb hat man sie auch schon die Paris Hilton der Konservativen genannt. Wobei das natürlich gemein ist, da Paris Hilton abseits des Paris-Hilton-Seins über keine Kompetenzen verfügt, während die 46jährige Ann Coulter auf ihre Weise richtig gut ist. Jetzt ist sie wieder in ihrem Element, weil jetzt Wahlkampf ist. Unlängst sorgte sie richtig für Schlagzeilen, weil sie ankündigte, sie werde Hillary Clinton wählen, würde John McCain Präsidentschaftskandidat der Republikaner. Nicht, weil sie Clinton mögen würde, sondern aus Empörung darüber, dass die Republikaner diesmal nicht mit einem raubeinigen Fundi ins Rennen gehen. McCain ist ihr zu liberal. Der hat ja schließlich an der Irak-Strategie von George W. Bush lange herumgemäkelt und ist auch dagegen, dass man gefangene Terroristen foltert. Und Barack Obama, den sie nur „B. Hussein Obama“ nennt, hält sie ohnehin für einen Verbündeten der Terroristen, Islamisten und Sozialisten, was für Coulter ziemlich auf das selbe hinausläuft.
 
Coulter, Bestsellerautorin („Wenn Demokraten Verstand hätten, wären sie Republikaner“), Kultkolumnistin, vielgebuchte Rednerin auf konservativen Konventen, tickt da ganz anders und würde ihre Stimme deshalb aus Protest einer Frau geben, über die sie eben noch geschrieben hat: „Hillary Clinton will die erste Frau als Präsidentin sein, was sie auch zur ersten Frau in einer Clinton-Regierung machen würde, deren Platz hinter dem Schreibtisch im Oval Office ist – statt unter dem Schreibtisch. Meinungsumfragen zufolge glaubt die Mehrheit der Amerikaner, das Land ist bereit für eine Frau als Präsidentin. Erfreulicherweise zeigen diese Umfragen aber auch, dass die meisten Amerikaner Clinton gar nicht als Frau ansehen.“ Clintons Vorteil sei, so Coulter weiter, dass sie bereits First Lady war, ihr Nachteil, dass sie nicht gemerkt habe, dass es auch eine zweite, dritte, vierte und fünfte Lady gäbe. So bitterböse und verletzend geht es zu, wenn Ann Coulter sich Mittags in Unterwäsche an den Schreibtisch setzt und ihre Polemiken in die Tastatur hackt.
 
Ihr Invektiven-Stakkato machte Coulter zu einer Celebrity. Das Time-Magazine widmete „Ms. Right“ eine Coverstory, und die selbst moderat konservative Tageszeitung „Washington Post“ fragte sich in einem umfangreichen Porträt des „konservativen Pin-Up Girl“, ob Coulter all das denn ernst meine, was sie von sich gäbe, oder ob sie sich nur am Meinungsmarkt positioniert, weil das „vom Marketinggesichtspunkt gut funktioniert“. Jedenfalls, wie man Aufmerksamkeit erregt, das weiß Coulter: Mit einem stetigen Hagel an Tiraden zur Pflege des USP, der „Unique Selling Proposition“, dessen Gleichförmigkeit durch gelegentliche Skandal-Sätze unterbrochen wird. Als Bill Clintons Lewinsky-Causa hochging merkte sie an, dass sich doch eigentlich nur die Frage stelle, ob Amtsenthebung oder ein Attentat die angemessene Reaktion seien. Unmittelbar nach dem 11. September 2001 schrieb sie in einer ihrer Kolumnen: „Wir sollten in ihre Länder einfallen, ihre Führer töten und sie zum Christentum konvertieren.“ Zudem sollte man „verdächtigen, dunkelhäutigen Personen“ verbieten, in Amerika Flugreisen zu buchen. Auf die Frage, wie sie denn dann reisen sollten, erwiderte sie schlagfertig: „Sollen sie fliegende Teppiche nehmen.“ Straffällige Jugendliche will sie „öffentlich auspeitschen“ lassen.
 
Eine Konservative sei sie geworden, weil es in ihrem Leben keine neurotisierenden Vorfälle gegeben habe, die sie zu einer Liberalen gemacht hätten. Denn, selbstverständlich, „Liberalismus ist ein geistiger Defekt“. Coulter sieht sich selbst als Projektil im Krieg gegen den Terror, der ist ihr am zweitwichtigsten. Ihr liebstes Vergnügen freilich ist der Krieg gegen die Demokraten. Ronald Reagan war ihr Lieblingspräsident, als ihren Helden bezeichnet sie aber den früheren Senator Joseph McCarthy, den antikommunistischen Hexenjäger der fünfziger Jahre. „Ku-Klux-Coulter“, nennen sie ihre Feinde, oder eine „Teufelin“ (Ex-Präsidentschaftskandidat John Edwards). Man hat sie auch schon die „Eva Braun des Frühstücksfernsehens“ geheißen.
 
Coulter ist ein Fall für sich aber doch auch symptomatisch für das gegenwärtige Amerika. Die einstige Anwältin, die eine steile Medienkarriere hinlegte, nachdem sie beim Microsoft-Sender MSNBC als flotte Polemikerin begann, sieht die US-Medien von „Liberalen“ dominiert. Konservative Meinungen werden systematisch unterdrückt, so das auftrumpfend-beleidigte Lamento in diesen Kreisen – dass Coulter selbst längst auf allen Kanälen funkt und nicht nur beim ultrapatriotischen Fox-TV gern gesehener Gast ist, tut da nichts zur Sache. Libertinage, Abtreibung, Gottlosigkeit, Homosexualität, Patriotismusvergessenheit, all das hätten die Linken, die Liberalen, die Demokraten, die Hippies, die Hollywood-Celebrieties, die Teddy Kennedys und Clintons über das Land gebracht. Ann Coulter präsentiert sich als das Sprachrohr der „normalen Amerikaner“, die ihr Land und die normale Familie lieben, und die man mundtot gemacht habe. Ann Coulter ist ein Produkt der Belagerungsmentalität, des aggressiven Lagerdenkens und des Tunnel-Blicks, die sich in der US-Rechten in den vergangenen 25 Jahren breit gemacht haben. Allein, sie ist das amüsanteste Produkt dieser Mentalität. In Kombination mit der Talking-Head-Kultur des Müll-Fernsehens, das schnelle Soundbites schätzt und Sätze, die mit einem harten Punch enden ergibt das das „Coulter-Phänomen“, wie der britische „Guardian“ formulierte, eine „Polemik-Kultur“, die die politische Debatte zu einer „Massenaktivität“ machte. Während der Sachbuchmarkt in Europa von Kochbüchern und Happy-Gardening-Ratgebern dominiert wird, sind in den USA politische Kickboxer wie Coulter auf den Top-Rängen der Bestseller-Listen. 50.000 Doller nimmt sie mittlerweile für einen ihrer Auftritte.
 
Man kann auch sagen: Coulter ist ein perfektes Exempel dafür, wie Rechtsradikalismus unter den Bedingungen der Hollywood-Kultur aussieht. Verdammt anders als, sagen wir, Eva Braun. „Die wirkliche Ann Coulter“, wollte „Time“ in seinem opulenten Porträt zeigen. Aber wie sie wirklich tickt, die Blondine, die im liberalen New York von ihrem schicken Appartement aus ihr Rechts-Geschäft betreibt, das konnte auch „Time“ nicht endgültig klären. Vielleicht liegt das daran, dass es in der Entertainment-Politik schwierig geworden ist, Faschisten von Stand-Up-Comediens zu unterscheiden.

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