„Leben heißt Partei ergreifen“

GramsciViele bekannte Spuren hat der legendäre Denker und Kommunistenführer Antonio Gramsci in Wien nicht hinterlassen. Dabei hat er 1923/24 ein halbes Jahr lang in der Stadt gelebt. Diese und andere Episoden kann man jetzt in der endlich wieder aufgelegten Biographie Giuseppe Fioris nachlesen. Langfassung eines Essays über Antonio Gramscis Leben und Denken für die „Wiener Zeitung“ (11./12. April 2015)

„Die Straßen sind verschneit und die Landschaft besteht nur aus weißen Hügeln. … Wien ist viel trostloser und deprimierender als Moskau. Hier sieht man keine Schlitten, die fröhlich klingelnd durch die weißen Straßen fahren, nur die Straßenbahn rasselt vorbei. Das Leben geht seinen tristen und monotonen Gang.“

So richtig glücklich war der italienische Kommunist Antonio Gramsci ganz offensichtlich nicht, als er in den zwanziger Jahren ein halbes Jahr in Wien lebte. „Ich bin sehr isoliert“, schreibt er an seine Gefährtin Julia Schucht in Moskau. Und in einem anderen Brief heißt es: „Ich bin immer zu Hause… allein, lese und schreibe. Ich friere oft; nachts schlafe ich wenig.“

Nichts weist heute in der Stadt darauf hin, dass einer der wichtigsten Denker und kommunistischen Aktivisten des 20. Jahrhunderts hier einige Monate verbracht hat. An Stalins Aufenthalt erinnert eine Gedenktafel, Leo Trotzkis Exiljahre in Wien sind noch immer mit einer Fülle an Anekdoten präsent, von denen nicht wenige im Café Central spielen. Aber Gramsci in Wien? Davon weiß man wenig.

„In der leichten Luft Wiens lag Blut und Verzweiflung“

Ein paar der Wiener Episoden aus dem Leben des sardischen Revolutionärs kann man jetzt in der nach langen Jahren endlich wieder aufgelegten Biographie Giuseppe Fioris nachlesen. Gramsci war während seines Wien-Aufenthaltes zwischen 1923 und 1924 schon einer der wichtigsten Anführer der italienischen Kommunisten, war ihr Vertreter in der Führung der Kommunistischen Internationale, gleichzeitig aber doch so etwas wie ein Dissident in seiner eigenen Partei. Die war seit Jahren Richtung Sektierertum abgedriftet und damit isolierter als es sein musste. Nach der Machtübernahme Mussolinis war sie zudem wachsender Verfolgung ausgesetzt und Informationen über die politische Lage in Italien drangen nur mehr tröpfchenweise nach draußen – und bis nach Moskau schafften sie es nur mehr mit erheblichem Zeitverzug. Das war der Grund für Gramscis Aufenthalt in Wien: Er sollte so nah wie möglich an Italien „heranrücken“. Nach Italien selbst konnte er damals freilich nicht, da das Mussolini-Regime gegen ihn einen Haftbefehl erlassen hatte.

blogwertEin bunter Strauß politischer Emigranten tummelte sich damals in der Stadt, wie der Historiker Luigi Reitani 1992 in der bislang einzigen Detailstudie über „Antonio Gramsci in Wien“ in den Wiener „Geschichtsblättern“ schrieb. Georgi Dimitroff, der bulgarische Kommunistenführer, war zur selben Zeit wie Gramsci in der Stadt, und auch der legendäre Victor Serge war hier, der lebenslange unorthodoxe, eigensinnige kommunistische Denker, der sich nie einer Parteilinie unterwarf. Mit Georg Lukacs, dem ungarischen kommunistischen Philosophen, gingen sie im neunten Bezirk spazieren. Es gibt sogar ein Foto, das Gramsci und Serge vor der Votivkirche zeigt. Serge’s Autobiographie „Erinnerungen eines Revolutionärs“ verdanken wir eine hübsche Skizze des jungen Gramsci, der damals gerade Anfang Dreißig war: „Antonio Gramsci lebte in Wien als arbeitsamer Emigrant und Bohemien, ging spät zu Bett und stand spät auf, er arbeitete mit dem illegalen Komitee der kommunistischen Partei Italiens zusammen. Er hatte einen schweren Kopf mit hoher und breiter Stirn, schmallippigem Munde auf einem schwächlichen Körper mit breiten Schultern, aber eingeknickt, wie bei einem Buckligen. … Ungeschickt im Alltagsleben, verirrte er sich abends in wohlbekannten Straßen, nahm die falsche Straßenbahn und kümmerte sich wenig um die Bequemlichkeit des Nachtquartiers…. In der leichten Luft Wiens lag Blut und Verzweiflung.“

Hauptsächlich per schriftlicher Korrespondenz und mit Hilfe von Boten versuchte Gramsci die italienischen Kommunisten anzuleiten. Mit den sozialdemokratischen Stadtpolitikern des Roten Wien scheinen die kommunistischen Untergrundaktivisten nur indirekten Kontakt gehabt zu haben. Die sagenumwobene Angelika Balabanoff, die damals auch in Wien Hof hielt, war gut vernetzt und besorgte für Gramsci offenbar die Meldeformalitäten – was heißt, sie kümmerte sich darum, dass sich die Sozialdemokraten für ihn bei den Polizeibehörden einsetzten, sodass er in Ruhe gelassen wurde. Gramsci wohnte zur Untermiete in kleinen Zimmern, erst weit draußen in der Schönbrunnerstraße, später dann in der Florianigasse hinter dem Rathaus.

Gramsci stammte aus kleinbürgerlichen, aber ökonomisch angespannten Verhältnissen. Zeitweise konnte sich die Familie nicht einmal leisten, den blitzgescheiten Jungen ans Gymnasium zu schicken. So bildete er sich nach der Volksschule erst einmal daheim mit Lektüre weiter, und erst nach zwei Jahren war es möglich, den Jungen wieder an eine Schule zu schicken. Da Gramsci zeitlebends kränklich war, war der Bildungserfolg immer wieder unterbrochen. Er war schwächlich, und schon als Kind wuchs ihm ein Buckel. Die ersten politischen Rebellionsideen, mit denen Gramsci in Kontakt kam, waren eine Art sardischer Regionalismus oder Sezessionismus. Dem Sozialismus näherte er sich erst später an, vor allem als Student in Turin, wo sich der von Depressionen geplagte junge Mann aber auch immer wieder tief in sich zurück zog.

Gegen die Gleichgültigkeit

An Philosophie, Theorien, Kunst und Kultur interessiert, wurde Gramsci in den 1910er Jahren erst eine Art aktivistischer Journalist bis er später dann mehr zum journalistischen Aktivisten wurde. Er schrieb gelegentlich Artikel für gesellschaftskritische Zeitungen, und zunehmend auch für die sozialistische Parteizeitung „Avanti“, deren damaliger Chefredakteur der spätere Faschistenführer Mussolini war. Gramscis Politischwerden vollzog sich in einem Kreis junger intellektueller Gleichgesinnter, und in der kleinen Turiner sozialistischen Zelle hatten sie auch zunehmende Kontakte mit den Industriearbeitern der Stadt. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg entstand in Turin eine Rätebewegung, die von Gramsci mit Verve unterstützt wurde – wenn ihn seine körperlichen Schwächen nicht außer Gefecht setzten. Gramsci, der Aufsätze über Marx‘ Kapital ebenso schrieb wie Satiren und Essays über das Theater Pirandellos, war immer auch „ein völlig unabhängiger Einzelkämpfer“ (Fiori). Schon damals entwickelte er – mehr instinktiv – die Überzeugung, „dass jeder Revolution eine intensive kritische und kulturelle Arbeit vorausgehen muss“. Gramsci sog Literatur aller Zeiten und aller Sprachen auf, was sich in den Satz verdichtete, den er zu dieser Zeit als Bekenntnisformel schrieb: „Wie Friedrich Hebbel glaube ich: ‚Leben heißt Partei ergreifen‘ … Gleichgültigkeit ist ein mächtiger Faktor in der Geschichte… Deswegen hasse ich die, die nicht Partei ergreifen, die gleichgültig sind.“

Gramsci hatte nie die Kraft, wie ein Berserker 16 Stunden am Tag „für die Revolution“ zu arbeiten und das Zeug zum Volkstribun hatte er auch nicht – so war er auf seltsame Weise Zentral- und Randfigur zugleich, erst in der Sozialistischen Partei, dann in der kleinen linksradikalen Kommunisten Partei Italiens. Die Partei driftete schnell unter dem Einfluss des charismatischen Heißsporns Amadeo Bordiga ins sektenhaft-linksradikale ab, so weit, dass es sogar Lenin und den Moskauer Kommunisten zu weit ging. So war Gramsci ein paar Jahre lang de facto Lenins Mann in Italien und so wurde er auch zum Führungsmitglied der Kommunistischen Internationale in Moskau. Dass Gramsci dann Moskau verließ dürfte aber durchaus auch damit zu tun haben, dass er sich den Fraktionskämpfen und dem zunehmenden Stalinismus in Moskau entziehen wollte. Er ging, bevor die dunkelste Stunde des Kommunismus anbrach.

Gramscis Wiener Episode nahm ein überraschendes Ende: Mussolinis Machtübernahme etablierte ja nicht sofort einen Totalfaschismus, es gab weiter Wahlen und auch ein Parlament. Gramsci wurde in Abwesenheit ins Parlament gewählt und hatte damit parlamentarische Immunität. Gramsci ging nach Italien zurück und war ein paar Monate lang der wichtigste Gegenspieler Mussolinis – wenngleich er natürlich von Beginn an auf verlorenem Posten stand. Ende 1926 wurde jede Opposition zerschlagen und Gramsci inhaftiert, und es begann ein Leidensweg, der für sein heutiges Bild als Märtyrer des Widerstandes und des freien Denkens verantwortlich ist. Gramscis Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide bis er völlig verfiel und sterbenskrank war. Gnadenlos wurde er praktisch schleichend ermordet. Doch währenddessen arbeitete Gramsci mit Besessenheit an seinem intellektuellen Nachlass, der Begründung seiner eigenen politischen Theorie, die er in seinen legendären Gefängnisheften aufschrieb – von Beginn an getragen von der Absicht, „dass man etwas für ewig tun müsste“.

Theorie der Hegemonie – Gramscis „Gefängnishefte“

Ein monumentales Werk, das in der deutschen Ausgabe viele tausend Seiten und zehn Bände füllt. Unter den denkbar widrigsten Umständen verfasst, machte es den schreibenden, sterbenden Kerkerinsassen zum „originärsten Denker, den es seit 1917 im Westen gegeben hat“ (Eric J. Hobsbawn). Von den kommunistischen Theoretikern des 20. Jahrhunderts ist der Gramsci der Gefängnishefte der einzige, der uns heute noch Relevantes zu sagen hat, doch seine Arbeiten sind nicht nur zentral im zeitgenössischen linken Denken, sie sind heute Kanon der gesamten politischen Philosophie.

Scheinbar ungeordnete Notate, eine wahre Schatzkammer. Gramsci hat dem kritischen Denken einen neuen Kontinent eröffnet – den der Kultur, des Politischen, der Ideen – und gleichsam wie nebenbei alle ökonomistischen, deterministischen Verzerrungen des Marxismus seiner Zeit intellektuell vernichtet. Dass die geistigen Strömungen des „Überbaus“ nur eine simple Abbildung der Ökonomie seien, mit diesen Platitüden räumte Gramsci gänzlich auf. Solche Vereinfachungen hätten nur zur Folge, so Gramsci, dass der Marxismus „einen Großteil seiner kulturellen Ausstrahlung unter intelligenten Personen“ verliere, und beschränkte Intellektuelle anziehe, die glaubten, „sie könnten billig und ohne Mühe die gesamte Geschichte und die gesamte politische Weisheit in der Tasche haben.“

Gramsci hat erkannt, schreibt Hobsbawn in seiner bereits zitierten Würdigung, „dass Politik mit mehr als nur Macht verbunden ist… Er vergaß niemals, dass Gesellschaften mehr sind als Strukturen ökonomischer Herrschaft und politischer Macht, dass sie einen bestimmten Zusammenhalt haben, auch wenn sie durch Klassenkämpfe gespalten sind.“ Anders gesagt: dass sie von Institutionen, Traditionen und Konventionen bestimmt werden, die auf einer anderen Ebene wirksam sind als der bloße staatliche Zwangsapparat. Gramsci besteht darauf, „dass man unter Staat außer dem Regierungsapparat auch den ‚privaten‘ Hegemonieapparat oder die Zivilgesellschaft verstehen muss“. Dies kumuliert in der berühmten Formel aus den Gefängnisheften: „Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang“. Gramsci war klar, dass „die Linke“ politische Konsequenzen aus dem Umstand zu ziehen habe, dass Herrschaft auf einer „Kombination von Zwang und Konsens“ gründet. Kurzum: In der modernen Gesellschaft ist es nicht so, dass eine kleine Gruppe „Herrschender“ mit Zwang unterdrückt, sondern dass eine „herrschende Ordnung“ ihre Stabilität daraus zieht, dass eine Mehrheit an sie glaubt. Wolle man also die herrschende Ordnung verändern, müsse man diesen Glauben brechen, was heißt: einen neuen entwickeln. Politischer Kampf ist der Kampf um die Hegemonien an Ideen, spontanen Weltverständnissen und so weiter.

Gramsci ist sich der Macht der Ideen bewusst, der Religion, ja der Philosophie, besonders, wenn sie in den „Alltagsverstand“ des Volkes eingeht, den er die „Folklore der Philosophie“ nennt („Jede philosophische Strömung hinterlässt eine Ablagerung von ‚Alltagsverstand‘; diese ist das Zeugnis ihrer historischen Leistung“). Für ihn sind Ideologien nicht Schein, auch kein raffiniertes Mittel zur Niederhaltung der Unterdrückten, sondern sie haben schlicht „objektive und wirkende Realität“.

Pointe am Rande: Das Wort „Zivilgesellschaft“, heute in aller Munde, ist eine von Gramsci geprägte Vokabel, die selbst schon in den „Alltagsverstand“ hinabgesunken ist.

Noch und gerade in ihren einfachsten Bildern erweisen die ideologischen Bodensätze ihre Wirksamkeit („Gesetz ist Gesetz“, „Jeder ist seines Glückes Schmied“). Dass auch die Unterprivilegierten an diese Erzählungen „glauben“, ist mehr als Folge einer Übertölpelung in herrschaftlicher Absicht, dies zu verändern im Umkehrschluss nicht schlichte Aufgabe einer „Aufklärung“ über „falsches Bewusstsein“. Und genauso wie in solch alltäglichen Sedimenten des Alltagsverstandes wie etwa Sprichwörtern noch die Akzeptanz von Herrschaft aufspüren kann, genauso gibt es zugleich Ablagerungen, Schwundformen des Subversiven, die Gramsci punktgenau aufspüren lässt, etwa in der Tatsache, dass „der Bauer den Beamten hasst, nicht den Staat“.

Gramsci war jemand, der zeitlebends hinsah, der die einfachen Leute, deren spontanen Weltsichten genauso spannend fand wie Alltagsrituale oder philosophische Konzepte, der im hohen Ansehen der Naturwissenschaften das Kultische wahrnahm, der sich bei Hegel-Lektüre genauso wie bei Populärliteratur, etwa bei den „drei Musketieren“ fragte, welche Weltbilder sich in ihnen verdichten und gleichzeitig verbreitet werden.

Ideologische Hegemonien zu durchbrechen braucht, so können wir im Anschluss an Gramsci zeitgemäß formulieren, andere Erzählungen, die umso machtvoller sein werden, je mehr sie selbst in Traditionen, im Alltagsverstand, in Gewohnheiten zu ruhen vermögen, eine „hegemoniale Strategie“. Diese ist, so Gramsci, „eine komplexe ideologische Arbeit, deren erste Bedingung die genaue Kenntnis des Feldes ist“. Darum auch Gramscis Interesse für die volkstümlichen Sedimente der Theorien, die er die „spontane Philosophie“ nennt, „die ‚jedermann‘ eigen ist“.

Deshalb, und weil die Ideologien „die Massenseite jeder philosophischer Auffassung“ sind, weist Gramsci den Intellektuellen eine herausragende Rolle im Kampf um den Konsens zu. Er führt den Begriff der „organischen Intellektuellen“ ein, die die „organischen Intellektuellen einer Klasse“ (entweder der herrschenden oder subalternen) seien.

Was ist eine Gesellschaft? Welcher Konsens hält sie zusammen und die bestehende Ordnung aufrecht? Wie wird dieser Konsens organisiert? Welches ist die Bedeutung der Tradition, der Intellektuellen, der Ideen in diesem Feld? Wie wird eine Weltauffassung, eine bestimmte Vorstellung von Gesellschaft dominant? Gramsci buchstabiert das durch, an Hand von Romanen aber auch von Phänomenen wie Modernisierung, Amerikanisierung, Religion, Sprichwörtern. Jede Zeitungsnotiz ist ihm Quelle. Welch gefundenes Fressen wäre etwa für Gramsci eine deutsche Bundeskanzlerin, die ihre Austeritätspolitik mit dem Bild der „sparsamen schwäbischen Hausfrau, die nur ausgibt, was sie einnimmt“ unter die Leute bringt? Oder ein Finanzminister, der die Renationalisierung in Europa mit dem Goethe-Wort schönredet, „ein jeder kehre vor seiner eigenen Tür und sauber ist das Stadtquartier“?

Der kleine zarte Mann hinter Kerkermauern war isoliert und hat das atemberaubendste politisch-philosophische Gesamtwerk des 20. Jahrhunderts hinterlassen. Ja, es ist sogar eine unbestreitbare und zugleich unerhört klingende Tatsache, dass Gramsci wohl nie dazu gekommen wäre, ein solches Werk zu verfassen, wenn er nicht von Mussolini eingekerkert worden wäre. Es ist immer noch bemerkenswert, wie weit er den philosophischen Doktrinen seiner Zeit voraus war, beispielsweise wenn er schreibt: „Die Menschheit ist noch ganz aristotelisch. Dass das Erkennen ein ‚Sehen‘ statt eines ‚Tun‘ sei, dass die Wahrheit außer uns sei, bezweifelt niemand, und man riskiert, für verrückt gehalten zu werden, wenn man das Gegenteil behauptet.“ Dass das Wissen eher eine Praxis als ein Erkennen ist, unterschiedliche Narrative verschiedene „Wissen“ produzieren, all das, was später die Postmoderne durchbuchstabierte, blitzte bei Gramsci schon auf. Gedanken, wie sie dann etwa Jean-Francois Lyotard in seinem „Das postmoderne Wissen“ populär machte, sind ferne Echos, die erst 50 Jahre danach en vogue wurden.

„Sektiererische Abkapselung“, schreibt Fiori knapp und punktgenau, „war Gramsci zuwider“. Wer für den Fortschritt kämpfen will, muss sich mit der Realität abgeben, auch mit den Vorurteilen der Leute. Sozialismus wird man in modernen Gesellschaften keinen errichten, wenn man putschistische kommunistischen Miniparteien aufbaut – das war Gramscis sichere Gewissheit. Es ist ein lustiges Apercu der Geschichte, dass in den vergangenen Monaten in der internationalen Presse mit deutlichem Erstaunen berichtet wird, dass ein erheblicher Teil der griechischen Syriza-Führung beispielsweise bei „Gramscianern“ wie Ernesto Laclau an der Universität Essex studiert haben. Dabei ist es aber genau besehen kein so großes Wunder, dass die erste unabhängige Linkspartei, die es im Westen schaffte, die Mehrheit in ihrem Land zu erringen, ihren Gramsci sehr genau gelernt hat. Gramsci ist zudem ja der einzige kommunistische Denker, den auch Sozialdemokraten seit den achtziger Jahren für sich adoptierten – nicht zuletzt die Sozialdemokratie des früheren Roten Wien, das ja selbst in einem gewissen Sinne „gramscianisch“ avant la lettre war. Auch so eine Paradoxie der Geschichte, bedenkt man, dass sich doch Gramsci, als er in diesem Roten Wien wohnte, ganz offenbar überhaupt nicht für dasselbe interessierte, jener Gramsci, der heute in der internationalen Literatur nicht selten in einem Atemzug etwa mit Otto Bauer genannt wird. Victor Serge, mit dem Gramsci damals durch die Wiener Gassen stapfte, schrieb später, was die Kommunisten zuviel an revolutionärer Leidenschaft hatten, das hatten die Wiener Sozialdemokraten zu wenig. Deren Schwäche lag darin, „dass sie durch Bildung und Gewissen die besten Europäer dieser Zeit, dass sie der Demokratie des 19. Jahrhunderts am tiefsten verbunden waren, dass ihnen unmenschliche Gewalttätigkeiten am allerfernsten lagen“. Das war schon eine sehr sympathisierende „Kritik“, die die Schwäche in der politischen und menschlichen Größe verortet.

Der sterbende Märtyrer

Gramsci, dem seltsamen, zarten Revolutionär, hätten diese Sätze wohl gefallen. Als Politiker von großer Urteilskraft, hatte er zugleich einen literarischen, philosophischen und auch poetischen Blick auf die Welt, und er warf ihn auch auf sich selbst, als sich sein „ich“ im Gefängnis schon zu desintegrieren begann. Er denke, schrieb er an seine Schwägerin Tanja Schucht, an einen Schiffbrüchigen, den die Umstände so verformen, dass er ein Menschenfresser werde. Als moralischer Beobachter oder späterer Richter würde man zu klären haben, wie diese Menschen zu Kannibalen werden konnten. „Aber sind das wirklich dieselben Menschen?“, fragte Gramsci. Gibt es ein „ich“ jenseits der Umstände? Ein normaler Mensch kann es sich nicht vorstellen, einen anderen zu essen, ein Schiffbrüchiger nach einiger Zeit sehr wohl und „zwischen den beiden Zeitpunkten … hat sich ein Prozess der ‚molekularen‘ Transformation vollzogen“; zu sagen, „dass es sich noch um dieselben Menschen handelt“, ist womöglich bloße Konvention.

Ohne Zweifel erkannte Gramsci sich da schon in diesen Schiffbrüchigen wieder. Die Zähne fielen ihm aus, er hatte fortschreitende Lungentuberkulose und eine tuberkulöse Wirbelsäulenentzündung. Seine Wirbel lösten sich nach und nach auf, und auf dem ganzen Rücken bildeten sich Abzesse. Gramsci befand sich in einem Prozess des langsamen Sterben, was ihn nicht daran hinderte, noch diesen Prozess der Selbstauflösung literarisch-philosophisch zu kommentieren.

Giuseppe Fiori: Das Leben des Antonio Gramsci. Rotbuch-Verlag, Berlin, 2013. 416 Seiten. 25,70.- Euro.

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