Horst Seehofer muss sich zu „unseren Werten“ bekennen

Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz vom vergangenen Wochenende

Es ist ja eine der verstörendsten Aspekte der gegenwärtigen Flüchtlingsthematik: Die vielen Gerüchte, die Tag für Tag erfunden und verbreitet werden. Plünderungen, Sachbeschädigungen, Übergriffe, Respektlosigkeiten, sogar Vergewaltigungen – all das würden Flüchtlinge tun, hat irgendwer von irgendwem gehört. Keiner dieser Vorfälle ist wahr. Alle werden dementiert, sei es von der Polizei oder den angeblich geplünderten Supermärkten. Täglich werden dennoch neue erfunden. Die Dementis machen diese Gerüchte in den Augen derer, die fest an sie glauben, allerdings noch wahrer: Daran sehe man, wie brutal die Wahrheit unterdrückt wird…

„Warum“, fragt nun die Wiener Autorin Sibylle Hamann, „haben so viele Menschen offenbar das dringende Bedürfnis, Flüchtlingen Missetaten anzuhängen, die sie nicht begangen haben?“ Und dann fährt sie fort: „Die vordergründige Analyse würde lauten: Aus Bösartigkeit.“ Das aber greife zu kurz: Den Menschen fällt es schwer, andere leiden zu sehen. Sie spüren die Verpflichtung, Leidenden zu helfen. Wenn sie ihnen aber nicht helfen, dann können sie sich schwer eingestehen, dass sie zu faul, zu egoistisch, zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Sie müssen das für sich legitimieren. Ergo: Sie lieben es dann, Sachverhalten Glauben zu schenken, die scheinbar beweisen, dass der Leidende ohnehin keine Hilfe verdient hat.

Ist jedenfalls eine interessante These, und wenn sie auch vielleicht nicht alles erklärt, so erklärt sie doch vielleicht die Motivation so mancher, die bereit sind, das Absurdeste zu glauben. Ja, und nicht nur die Bereitschaft – das geradezu Aggressiv-Obsessive dieses Glaubens.

Robert Misik: Was Linke denken. Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas und Foucault. Picus Verlag, 14.90 €
Robert Misik: Was Linke denken. Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas und Foucault. Picus Verlag, 14.90 €

Ein ganz klein weniger paranoid als die Gerüchtegläubigen sind die Anhänger der These, dass die Flüchtlinge „unsere Werte akzeptieren“ müssen. Nun ist das ja einerseits eine äußerst banale Aussage, denn selbstverständlich müssen sie das in gewisser Weise (Einschränkungen: Wenn einer „unserer“ Werte gerade der Wertepluralismus ist, dann ist das natürlich auch wieder verdammt tricky). Aber lassen wir das beiseite. Denn die Aussage ist ja nur oberflächlich banal und selbstverständlich, der Subtext sagt ja etwas anderes. Er unterstellt ja, dass die Flüchtlinge damit ein Problem hätten. Der Satz, beispielsweise, „Horst Seehofer muss unsere Werte akzeptieren“, unterstellt ja, dass er es nicht täte.

Nun macht es mich natürlich etwas zappelig, wenn Leute, mit denen ich wohl kaum irgendwelche Werte teile, von „unseren Werten“ sprechen. Aber wenn sie unbedingt wollen, dann werde ich jetzt hier mal einen kleinen Katalog „unserer Werte“ aufzählen:

Voranzeige: Im Januar 2016 erscheint mein Buch "Kaputtalismus - Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen?" im Aufbau-Verlag.
Voranzeige: Im Januar 2016 erscheint mein Buch „Kaputtalismus – Wird der Kapitalismus sterben, und wenn ja, würde uns das glücklich machen?“ im Aufbau-Verlag.

1. Ein jeder soll nach seiner eigenen Facon glücklich werden. 2. In einer diversen, pluralistischen Gesellschaft gebührt jeden und jeder Respekt. 3. Ein jeder darf anziehen, was er will. 4. Keiner darf von jemanden anderen zu etwas gezwungen werden, sofern ein solcher Zwang nicht durch Gesetze, die gut begründet sein müssen, erlaubt ist. 4. Religion ist Privatsache. 5. Auch die Moral ist Privatsache, aber nicht nur, da moralische Vorstellungen ja auch das Zusammenleben mit anderen in Blick haben. Aber jede Moralvorstellung, die auch auf andere wirken soll, muss begründet sein, weil diese niemanden aufgezwungen werden kann – für sie kann man nur werben. 6. Wir sollen Notleidenden helfen. 7. Verleumdung, Verhetzung und das Streuen von Gerüchten widerspricht unseren Werten diametral. 8. Angst schüren vor Schwächeren widerspricht unseren Werten ebenso diametral. 9. Du sollst die Mächtigen kritisieren und kontrollieren, und nicht nach unten treten. 10. Wer Ängste vor Schwächeren schürt, ist ein unmoralischer Falott. 11. Die Werte unserer Gesellschaft sind die Solidarität, die Toleranz, die Vielfalt und die prinzipiell friedfertige Austragung, sofern es zu Konflikten kommt. 12. Männer, Frauen, überhaupt jedes Individuum hat die gleichen Rechte, ist gleich zu behandeln und ist von gleicher Würde.

blogwertSo, das sind nur ein paar von „unseren Werten“. Nun fürchte ich, dass gerade diejenigen, die heute so schneidig einfordern, die Muslime müssten sich zu „unseren Werten“ bekennen, einen Großteil „unserer Werte“ nicht teilen, was natürlich sofort die Frage aufwirft, wieso es dann eigentlich „unsere Werte“ sein sollen, wenn doch ein beträchtlicher Teil der hiesigen Bevölkerung (jene, die dauernd von Werten schwadronieren), sie nicht teilen. Oder aber sie bekennen sich zu „unseren Werten“. Dann sollen sie aber schleunigst aufhören, Leuten, die sie nicht einmal kennen, zu unterstellen, sie würden „unsere Werte“ nicht teilen. Denn fiese Unterstellungen verstoßen auch gegen „unsere Werte“.

2 Gedanken zu „Horst Seehofer muss sich zu „unseren Werten“ bekennen“

  1. Hallo Herr Misik,

    in Ihrem treffenden Artikel fehlen noch zwei wesentliche Begründungen für das Verhalten der Menschen:

    1.
    Die seit Adenauer bis zum heutigen Tag bewährte, vorsätzliche und erfolgreiche Verdummung der Menschen.
    ( siehe bzw. höre die Arie des Basilio aus dem „Barbier von Sevilla“ :
    La calunia e un venticello > Die Verleumdung sie ist ein Lüftchen )
    https://www.youtube.com/watch?v=A41pvDpZKLM
    und
    2.
    Die wahre Erkenntnis von Albert Einstein:
    Das Universum und die menschliche Dummheit sind unendlich, aber beim Universum bin ich mir nicht ganz sicher…“

    Zum „Voll-Horst I. von Nord-Tirol“ hier eine „akademische“ Frage:

    Welche Organisation hat sich u.a. diese Ziele gesetzt ?
    a. UNICEF
    b. FIFA
    c. CSU

    Jeder Mensch ist einmalig. Das begründet seine unveräußerliche Würde. Alle Menschen haben Anspruch auf die gleichen Freiheiten und Rechte und auf Gleichheit vor dem Gesetz, unabhängig von Herkunft, Sprache und Hautfarbe, unabhängig von Geschlecht oder Religion, unabhängig von körperlichen oder geistigen Stärken und Schwächen.
    Wir treten für Glaubens-, Gewissens- und Religionsfreiheit ein
    Wir sind für alle offen, unabhängig von ihrer persönlichen Glaubensüberzeugung.

    Wir treten für öffentliche Wirkungsmöglichkeiten von Religionsgemeinschaften und Kirchen ein

    Wir wollen einen wirksamen Schutz des menschlichen Lebens von seinem Anfang bis zu seinem Ende.

    Die Menschenwürde und das Recht auf Leben stehen allen Menschen zu

    Wir stehen zum Schutz des Lebens auch in Grenzsituationen, unabhängig davon, ob der Mensch schwach, krank oder behindert ist. Im Mittelpunkt steht immer der Mensch in seiner personalen Würde.

    Jede Unterscheidung zwischen „lebenswertem“ und angeblich „lebensunwertem“ Leben ist für uns ein Verstoß gegen die Menschlichkeit und wird von uns mit allen politischen und rechtlichen Mitteln bekämpft.

    Der Schutz des Lebens hat für uns Vorrang gegenüber jedem Nützlichkeitsdenken.

    (Die 10 Gebote würden fürs Heucheln ja eigentlich auch schon reichen…)

    Mit FReundlichen Grüßen aus „Süd-Norwegen“ ( Hamburg)
    Ihr aufmerksamer TAZ-Leser
    Rainer Marwede
    71, Rentner, mehr und mehr „Wut-Bürger“,
    allerdings aus ganz anderen Gründen als die „Mitte der Gesellschaft“

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