Realpolitik und andere Übersetzungsfehler

Der rote Faden, meine Kolumne aus der Berliner „tageszeitung“, 28. November 2015

Es gibt ja ein paar deutsche Lehnworte, die den Eingang in viele Sprachen gefunden haben. Wenn der gebildete Englischsprachler von einer paranoiden, obsessiven Art der Furcht sprechen will, dann sagt er gerne „Angst“. Die „German Angst“ in im Englischen so bekannt wie „Blitzkrieg“. Ganz beliebt ist, in vielen Sprachen, die „Realpolitik“. Das Wort wird wieder sehr häufig benützt in diesen Tagen. Kaum kommen in Brüssel ein paar Technokraten oder Sicherheitspolitiker zusammen, knödeln sie schon in ihren jeweiligen Sprachfärbungen von „Realpolitik“.

Es ist eine der seltsamen Eigenarten des Sprachtransfers, dass das Wort „Realpolitik“ gerne von jenen Politikern oder Kommentatoren hochgehalten wird, die von der Realität recht wenig Ahnung haben. Etwa von jenen, die noch nie einem syrischen Flüchtling begegnet sind, aber sich in ihrer obsessiven „Angst“ sicher sind, dass Europa völlig überfordert ist und schon gar nicht weitere Muslime aufnehmen kann (die gelten ja in den Kreisen derer, die noch nie einem Flüchtling begegnet sind, als besonders „integrationsunwillig“). Für die ist das Festhalten am Asylrecht humanistische Realitätsverweigerung, wohingegen „Grenzen zu, Zäune hoch“ Realpolitik wäre.

Als eine Art Realpolitiker sieht sich wohl auch der rechtssozialdemokratische französische Regierungschef Manuel Valls. Der sorgte diese Woche für zusätzliche Übersetzungsprobleme, lieferte er doch zunächst mit der Aussage Schlagzeilen, dass Europa „keine Flüchtlinge mehr aufnehmen“ könne – nur um anderntags dementieren zu lassen, er habe „nicht mehr so viele Flüchtlinge“ gemeint. Was er überhaupt mit „so viele“ meinen kann, ließ er ein wenig im Dunkeln – Frankreich hat ja bisher gerade einmal 30.000 Asylbewerber, das ist kaum mehr als eine Stadt wie Wien recht problemlos betreut. Der tiefere Sinn von all dem: Lost in Translation.

Die Realpolitiker sind es schließlich ja auch, die glauben, mit ein bisschen Bombardieren in Syrien könne das Problem des „Islamischen Staates“ in den Griff gebracht werden (ich weiß schon, man sagt jetzt Daesh, damit sich die Terrorsektierer grämen und vor Gram kapitulieren). Wenn Realpolitiker etwas bombardieren wollen, ist der Ulkigste deutsche Realpolitiker nie weit, Josef Joffe von der „Zeit“. In Syrien, seiner „Terrorhöhle“, sei er „zu jagen, zu schlagen“. Das klingt schneidig und macht ganz warm ums Herz. Und ich hab ja auch gar nichts dagegen, ich wäre ja glatt und gern dabei beim Terrorhöhlenausräuchern. Das sie mich da nicht falsch verstehen.

Es ist nur lustig, dass „Realpolitik“ ja immer verbunden wird mit einer nüchternen, kühl abwägenden Politik, die den Vorteil hat, „dass sie funktioniert“. Das Problem an den Realpolitiker ist nur, dass sie dauernd etwas als Realpolitik verkaufen, von dem jeder klar denkende Mensch weiß, dass es nicht funktionieren kann.

blogwertRealpolitiker haben vorgeschlagen, in Afghanistan einzumarschieren und im Irak einen Regimechange durchzuführen und diese Länder zu besetzen – um den Terrorismus zu bekämpfen, aber auch um der muslimischen Welt ganz generell Fortschritt, Demokratie, endlich eine Perspektive zu bringen. Hat ja prima funktioniert. Boots on the Ground? Eine Koalition schmieden, die in Syrien einmarschiert? Nun, es ist sehr unwahrscheinlich, dass das diesmal besser funktionieren würde.

Zumal ja, wie wir alle wissen, die Konfliktlinien in Syrien mittlerweile kreuz und quer laufen. Da gibt es das Assad-Regime, dann gibt es Daesh (IS), die anderen Dschihad-Milizen wie etwa die al-Qaida, die heute schon als moderat gilt (wahrscheinlich würden sich die Realpolitiker glatt mit ihr verbünden), Kurden und Turkmenen, und die verschiedenen Reste der Free Syrian Army. Dazu: Russland, dass mit Assad verbunden ist, um zu zeigen, dass es immer noch eine Weltmacht ist, der schiitische Iran, der in Syrien einen Stellvertreterkrieg mit der sunnitischen Großmacht Saudi-Arabien führt, dann noch die Türkei, die ein bisschen gegen den IS ist, aber primär für den IS, weil er einerseits heute die vereinigende Kraft der Sunniten im Irak und in Syrien ist, und andererseits, weil die Flüchtlinge in der Türkei irgendwann in Nordsyrien angesiedelt werden könnten, was diese Gebiete aus türkischer Sicht ethnisch „entkurdisieren“ würde. Und so weiter.

Und dazu als weiterer Vektor im Kräftespiel: viel zu viele identitätssuchende pubertierende junge Muslime im Westen, die Daesh unterstützen, weil das einfach Pop und Punk ist, die Möglichkeit, auf maximal provokante Weise „Nein“ zu sagen. Wer hätte gedacht, dass es noch einmal eine Jugendbewegung geben könnte, die uns schocken würde.

Warum in einem solchen Kräftewirrwarr einfache Lösungen „Realpolitik“ sein sollen? Na, da kann es sich nur um einen Übersetzungsfehler handeln.

Robert Misik: Was Linke denken. Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas und Foucault. Picus Verlag, 14.90 €
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