Der Abwehr-Kampf

Stadt versus Provinz: Wie das „andere Österreich“ gerade noch einen rechtsradikalen Bundespräsidenten verhinderte. Zeit-Online, 23. Mai 2016

Es war ein wenig wie bei einem Langstreckenrennen, bei dem der Zweitplatzierte mit einer Runde Rückstand aus der Boxenstraße startet, dann immer mehr aufholt, und in der Zielgerade zum Überholmanöver ansetzt. Mit 21 Prozent der Stimmen lag der Grüne Präsidentschaftskandidat Alexander van der Bellen nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl noch deutlich hinter dem rechtsradikalen Anwärter Norbert Hofer, der 35 Prozent einfuhr. Bei der Stichwahl am Sonntag war der Grüne dann nur mehr hauchdünn im Rückstand, sodass das Land auf die Auszählung der Wahlkarten warten musste. Immer weniger Stimmen trennten die beiden, bis der Grüne Kandidat dann am Nachmittag an dem Spitzenreiter vorbei zog. Mit rund 31.000 Stimmen Vorsprung gelang es van der Bellen dann doch noch, einen den harten Rechten Hofer zu verhindern. Ein Wahlfinish im Schnappatmungs-Modus.

In den Wochen davor lag Österreich wieder einmal im Lichtkegel der globalen Aufmerksamkeit. Schnell machte ein satirisches Internetbildchen die Runde, mit dem Satz: „Österreich ist wieder in den internationalen Schlagzeilen? – Wurde eine Frau aus einem Keller befreit? – Nein, das andere.“ Denn in dem Land ist man es seit der Präsidentschaft Kurt Waldheims und dem Aufstieg von Jörg Haider zum – seinerzeit – erfolgreichsten Rechtspopulisten Europas schon gewohnt, dass die Welt nur dann Notiz nimmt, wenn wieder irgendetwas mit Rechten und Nazis passiert – oder ein scheußliches Verbrechen in einem Keller aufgedeckt wird.

Aber natürlich gibt es auch das andere Österreich, und das kommt schon seltener vor: Das Österreich, das es jetzt beispielsweise geschafft hat, den Vorsprung des rechtsradikalen Präsidentschaftskandidaten noch aufzuholen.

Nahezu das gesamte Land hat sich hinter den grünen Präsidentschaftskandidaten Alexander van der Bellen gestellt: vom Tatort-Kommissar Harald Krassnitzer über den ehemaligen konservativen Parteichef Erhard Busek, vom dessen Parteifreund, dem Ex-EU-Kommissar Franz Fischler bis zum neugewählten sozialdemokratischen Kanzler Christian Kern. Mit wenigen organisatorischen und verschwindend geringen finanziellen Mitteln wurde eine Grassroots-Zivilgesellschaftskampagne aus den Boden gestampft. Es war ein wirklicher Uphill-Battle. Van der Bellens Kampagne hatte im zweiten Wahlgang gerade einmal 500.000 Euro zur Verfügung, während die gut geölte FPÖ-Maschine aus vollen Rohren schießen konnte. In den kleinen Städten und Dörfern, in der Provinz, waren diese Nachteile am ärgsten zu spüren. Hier tauchte nie ein grüner Wahlkämpfer auf, nicht einmal Plakate hingen in diesen Regionen. Am Land war buchstäblich nur ein Kandidat präsent.

Dennoch gelang es, das Ergebnis zu drehen. Wie gespalten Österreich nicht nur politisch, sondern politisch-kulturell ist, zeigen genauere Blicke auf die Ergebnisse: Nahezu überall im ländlichen Raum hatte der Kandidat Hofer satte 60-Prozent-Mehrheiten, oft bis zu Zweidrittelmehrheiten. In den Städten dagegen sah es umgekehrt aus: Hier holte Alexander van der Bellen oft 60 Prozent und mehr. Auch in klassischen ländlichen Kleinstädten mit üblicherweise starker Mehrheit für die konservative ÖVP wählten oft 60 Prozent den grünen Kandidaten. Dafür macht Wahlforscher Christoph Hofinger vom Sora-Institut nicht nur kulturelle Differenzen zwischen Stadt und Peripherie verantwortlich: „Viele ländliche Regionen verlieren ihren Optimismus: Die Jungen – und hier vor allem die jungen Frauen – ziehen weg, es gibt weniger Kinder, Geschäfte und Ämter sperren zu. In Wirklichkeit macht Auswanderung viel mehr schlechte Stimmung als Zuwanderung.“

Es waren vor allem die gut ausgebildeten jungen Menschen, die sich diesmal erstmals in einen Wahlkampf ins Zeug warfen. In jeder Kneipenrunde junger Leute, vor allem unter jenen, die vom Dorf in die Stadt gezogen sind, machten Geschichten die Runde, wieviele ihrer ehemaligen Schulkollegen sie schon angerufen haben und zum Grün-Wählen animierten. Nicht wenigen Omas und Opas wurde mit leisem Nachdruck klargemacht, dass sie das nächste Mal Weihnachten alleine feiern können, wenn sie nicht für van der Bellen stimmen.

Selbst das ländliche Oberösterreich stimmte so mit knapper Mehrheit für van der Bellen, in Graz beispielsweise holte der Grüne Kandidat sagenhafte 62 Prozent, und selbst die großen Wiener Arbeiterbezirke, in denen das zornige Proletariat zuletzt schon mit großer Mehrheit FPÖ gewählt hatten, sorgten für Überraschungen: In Favoriten, klassischer Arbeiterbezirk, holte der Grüne Kandidat über 53 Prozent. Auch der Bezirk Donaustadt wurde überraschenderweise gewonnen. Das legendäre „Rote Wien“ hielt am Ende mit etwas über 63 Prozent der Stimmen zum nunmehr gewählten Präsidenten. Auch in der Stadt Wels, die unlängst noch als erste größere Stadt einen FPÖ-Bürgermeister gewählt hat, stimmte die Mehrheit für den Grünen Kandidaten. Um 29 Prozent legte van der Bellen hier im zweiten Wahlgang zu.

Das ist alles deshalb durchaus bemerkenswert, da ja für viele Wählermilieus auch heute noch ein Grüner nahezu unwählbar ist. Im Arbeitermilieu sind die Grünen Bio-Oberschichts-Bobos, die in ihren schicken Vierteln vor Getränken mit seltsamen Farben sitzen und die Unterschicht verachten. Für viele konservative Milieus im ländlichen Raum, aber auch in den mittelgroßen Provinzstädten, sind die Grünen noch so etwas wie sinistre linke Chaoten. Kurzum: Es war natürlich nicht nur so, dass viele Wähler van der Bellen gewählt haben, um Hofer zu verhindern – es haben auch viele Wähler Hofer gewählt, um van der Bellen zu verhindern.

Während die ganze Welt auf den schlagzeilenträchtigen „Aufstieg des Rechtsradikalismus“ starrte, hat sich also auch sehr viel anderes getan in den vergangenen Wochen. Nicht übersehen werden darf auch, dass sich in der vom bisherigen Kanzler Werner Faymann heruntergewirtschafteten Sozialdemokratie zuletzt eine regelrechte Revolution ereignete. Unter dem impliziten Motto „so kann es nicht weiter gehen“ wurde der Kanzler und Parteichef gestürzt und durch den 50jährigen Bahnmanager Christian Kern ersetzt, der aus der alten Tante SPÖ wieder eine kämpferische progressive Partei machen will. „Ich will nicht ihre Ängste und Sorgen nähren, ich will ihre Hoffnungen nähren“, sagte er in seiner Antrittsrede.

Mit solchen und anderen Botschaften („Machen wir die Fenster auf und lassen frischen Wind herein“) stimmte er das Land schon ein wenig auf einen neuen Ton von „Hope & Change“. Es ist völlig klar, dass es ohne den Wechsel von Faymann zu Kern nahezu unmöglich gewesen wäre, Hofer zu verhindern.

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