Der Staatssekretär

Vor ein paar Jahren versuchte ich mich an einer Art Theaterstück – einen Schwank. Es handelt von einem Staatssekretär ohne Moral, vergiftet vom Geist der Erfolgsgesellschaft. Ähnlichkeiten mit Figuren aus den Kabinetten Schwarz-Blau I waren weder zufällig noch unerwünscht. Die Kurz-Kickl-Strache-Regierung machte den Text auf erschreckende Weise aktuell, weshalb ich ihn hier mal einstelle. 

(c) Robert Misik, Verwendung nur nach Absprache.

 

1. Szene

Der Staatssekretär Konrad Oberhauser in seinem Büro

Der Staatssekretär: Ich bin ein toller Hecht
Der Staatssekretär
Ohne den hier nichts läuft in dieser kleinen Republik
Ich bin ein toller Hecht
Ich muss mir das täglich sagen
Den Morgen beginnen
Indem ich mich meiner Tollheit versichere
Das ist mein kleines Ritual
Morgens, dass ich mich aufpumpe
mit Ego
Eigenblutdoping
Ich bin ja geboren für diese Erfolggesellschaft
ein Erfolgsmensch, wie man das so nennt
Es wird Dir ja nichts geschenkt
In dieser Konkurrenz
Ein Erfolgsmensch unter Erfolgsmenschen
Unter Möchtegernerfolgsmenschen
Aber ich hab dieses gewisse Erfolgs-Gen
Optimistisch, tatkräftig, entscheidungsstark
Mir sieht man meinen Erfolg schon von Weitem an
Erfolg hat ja der, der
erfolgreich scheint
Der erfolgreich erfolgreich scheint
Erfolg muss man Dir ansehen
Erst aus diesem Ansehen folgt er, der Erfolg
Sieht man ihn Dir an, bist Du angesehen
In jedem Moment muss man Dir ansehen
Dass Du der bist
dem er zufliegt, der Erfolg
Die Bewunderung vollbringt Wunder
Du darfst da nicht zu bescheiden sein
Bescheidenheit ist keine Zier
Bescheidenheit ist die Mutter des Misserfolgs
Bescheidenheit bringt Dich an den Rand des Abgrunds
Selbstzweifel stürzen Dich hinab
Aber ich hab ja eh keine
Na, Selbstzweifel sind mir nicht in die Wiege gelegt
Oder in die Wiege vielleicht
Aber ich habe mich
erfolgreich
rausgerappelt aus der Welt, die mir in die Wiege gelegt war
rein in die Welt des Erfolgs
des echten Erfolgs
nicht des kleinen Erfolge
wie das, was man in der Väterwelt schon Erfolg genannt hat

So, wollen wir den Tag beginnen
Die Energie ist da, die Spannkraft ist da
Noch ein bisschen Energie für den erfolgreichen Tag
IM BÜRO
Samira, meine Pille.

Samira, die Assistentin des Staatssekretärs (bringt die Pille, der Staatssekretär wirft sie ein)

Der Staatssekretär:
Was steht an heute?

Samira:
Der Termin mit dem Baumeister Aschbauer.

Der Staatssekretär: Ach ja, wegen des Jenseits-Projekts. Ich muss ja immer lachen, über diese Ortsnamen. Diesseits, dazwischen ist ein Fluss, und auf der anderen Seite ist Jenseits. Im Harz gibts ein Dorf das heißt Elend. Da hat mal einer ein Buch darüber geschrieben, das hieß Kindheit im Elend.

Samira: Ja, da gibts lustige Namen. Bad Fucking. Ich muss immer noch lachen, wenn ich daran denk.

Staatssekretär: Ja, Bad Fucking. … Was es da für Namen gibt: Tittenkofen! Oberhäslich! Kotzen! Wann kommt er denn, der Aschbauer?

Samira: Eigentlich sollte er schon da sein.

Erwin Aschbauer, Bauunternehmer, tritt auf:

Aschbauer: Verzeih, ich bin zu spät.

Staatssekretär: Kein Problem, Erwin. Ich hab mich eh erst in den Tag schrauben müssen, Du kommst im optimalen Moment.

Aschbauer: Ja, dafür hab ich einen Instinkt, für den optimalen Moment.

Staatssekretär: Wir sind aus dem gleichen Holz.

Aschbauer: Den richtigen Moment zu erkennen
und dann hellwach sein,
die Chancen erspüren,
in dem richtigen Moment
Am Sprung zu sein
Und der Konkurrenz den einen Augenblick voraus
den einen Wimpernschlag
Wie die Hochfrequenztrader
mit ihren Hochleistungsrechnern
Und Hochleistungskabeln
Die ihnen die eine Nanosekunde
Vorsprung verschaffen
vor der Konkurrenz
Immer wach, immer lauernd

Staatssekretär: … immer unter Strom

Aschbauer:
Ja, immer unter Strom

Staatssekretär:
Stets in Kampfeslaune. Der zeitgenössische Erfolgsmensch ist eine anthropologische Mutation.
Sieh mich an:
Früher war man einfach Politiker.
Aber heute musst Du eine
Marke sein
Unverwechselbar
Konrad Richard Oberhauser,
KRO
Dir kann ich ja gestehen
Richard habe ich mir als zweiten Namen
nur aus Marketinggründen zugelegt,
eigentlich heiße ich ja Ludwig
mit zweitem Vornamen
doch da hätten die Initialen ganz schlecht funktioniert
Konrad Ludwig Oberhauser
K.L.O. wie Klo,
Das wäre keine Marke gewesen
sondern buchstäblich scheiße
Aber
KRO
– Crow –
das hat einen Klang!
Das ist eine Marke!
Eine Marke
die jeder kennt
Ich bin der Markenartikler meiner selbst
jeden Augenblick
im Auftrag dieser Marke unterwegs
im Auftrag meiner selbst.
Und stets geb ich 110 Prozent

Aschbauer:
Wir sind gemacht für diese Zeit
Deshalb ist es auch unsere Zeit
Der Wille zum Erfolg
Und die Zeit, in der der Erfolgreiche sich nicht verstecken muss
Wo er sich auch nicht verstecken muss
hinter Phrasen
Phrasen vom Gemeinwohl
Ist ja eh klar
Wenn wir etwas leisten,
für unseren Erfolg
Dann kriegen alle was ab
vom gesteigerten Sozialprodukt
Unser Erfolg und die Innovation
Die fallen in Eins zusammen
Der Fortschritt ist die notwendige Nebenfolge
Unseres Erfolges
Aber nicht umgekehrt
Nein, nicht umgekehrt
Wir denken an uns
Und der allgemeine Vorteil ist die Nebenfolge
Aber an erster Stelle stehen schon Wir.
Also ich.
Ich bei mir.
Du bei Dir.
Weil wir Partner sind
halt wir.
Wie mal ein kluger Mann sagte:
Es reicht mir nicht, Erfolg zu haben.
Andere müssen scheitern.

Ist Ihnen dieser Blog etwas wert? Robert Misik, IBAN AT 301200050386142129 / BIC= BKAUATWW

Staatssekretär: Meine Rede… Nur keine falschen Sentimentalität. Moderne Ökonomie ist Krieg. Fokusiert sein, das ist das Wichtigste. Problem – Lösung. Aufgabe – Ergebnis. Entscheidung – Plan – Ausführung. Zack zack. Grade Linie. Das ist Management. Politik ist heute auch Management. Nichts für Sesselfurzer. Ein Ministerium ist auch nur ein Unternehmen. Und ich bin der Vorstandsvorsitzende. So seh ich das. Moderne Politik. Ein unternehmerischer Staat. Der Vorstandsvorsitzende, prozessorientiert, klare Benchmarks, schlanke Verwaltung. Kostenbewusst. Return of Investment.

Aschbauer: Du bist kein Staatssekretär, Du bist ein Geschäftspartner. Ein Mann der Wirtschaft. Der FREIEN WIRTSCHAFT!

Der Staatssekretär: DER FREIEN WIRTSCHAFT!

Aschbauer: Ich weiß das zu schätzen. Aber das weißt Du eh, Konrad.

Der Staatssekretär: Ja, es ist ein Vergnügen, mit Dir Geschäfte zu machen. Also, wie schaun wir aus?

Aschbauer: Das Projekt ist übergabereif. Wir haben eine Justizvollzugsanstalt gebaut, die auf der Höhe der Zeit ist.

Viel Glas!
Panzerglas natürlich.
Lindgrün als Corporate Identity
Blickachsen
für effiziente Abläufe
Vollautomatisierte Securitymaßnahmen.
Ausbruchsicher.
Alle baupolizeilichen Auflagen erfüllt
Alles in Zeit
Unter Beachtung der verhandelten Budgets
Und für uns zwei ist auch noch etwas
übrig geblieben
Außerhalb der Bücher
Unterhalb des Nachweisbaren
Noch ein paar Korrekturen dort und da
dann sind wir fertig.
Ich schlage also vor
Dass die Vergabe für den Betrieb
der Einrichtung
Jedenfalls steht aus unserer Sicht dem nichts mehr im Wege
sich jetzt um die Vergabe für den Betrieb zu kümmern

Staatssekretär: Wie Du ja weißt
Wollen wir den Betrieb aus der normalen
Justizverwaltung ausgliedern
Und einem privaten Unternehmen überantworten
Das ist einfach kosteneffizienter
Und flexibler als die Justizwache
Public-Private-Partnership
Private!
Partnership!
Ich habe bereits Vorgespräche geführt
eine formale Ausschreibung braucht es natürlich
Aber das ist ja nur eine Formsache
Wie wir wissen
Mit dem Kolschewsky
das ist der von
Knast4You
Kennst den eigentlich?
Also, mit dem Kolschewsky hab ich schon Vorgespräche geführt
die sind äußerst konstruktiv
Sollten wir zu einer Einigung kommen
Wovon ich ausgehe
Dann könnten wir also zeitnah eröffnen

GELEGENTLICH
ABER NUR GELEGENTLICH
FRAGTE SICH DER STAATSSEKRETÄR
WIE ER ZU DIESEM EXZESSIV VON SICH SELBST EINGENOMMENEN
INNERLICH ENTHEMMTEN ICHIDIOT
EGOMAN VERKRÜPPELT
GEWORDEN WAR
DAS STECKTE IN IHM
GANZ GEWISS
ABER WIE KAM ES DA HINEIN
DOCH DIESE GEDANKEN
WAREN SCHNELL VERRÄUMT
UND WEGGESPERRT
DENN ALLEN GEFIEL DAS
ÜBERALL KAM DER NEUE EGOSTIL GUT AN
UNSYMPATHISCH
ANGEBERHAFT
GROBIANISCH
SELBSTGEFÄLLIG DRÖHNEND
DAS WAR DER SOUND DER ZEIT
WETTBEWERB
WETTBEWERB
UND WENN DER WETTBEWERB
NUR DARUM GING
WER SEINE DRÖHNEND VERLOGENE
HERZLICHKEIT
LAUTER DRÖHNEND UND
OFFENER VERLOGEN
VORFÜHREN KÖNNTE

Parallelaktion A

In einer Ecke eines eher bohemehaft eingerichteten Zimmers, auf einer Matratze, sitzt Leander, Typus junger Hipster, Dreadlocks, was auch immer.

Leander:
Betrieb, Betriebsamkeit, Welt voller Betrieb
Dauernd wird getan, aber nichts geschieht.
Man müsste eine Tat setzen.
Irgendetwas tun
Irgendetwas Lebendiges
Ein Geschehnis
Dass etwas geschieht
passiert
Ein Ereignis
Diese Welt ist unbewohnbar geworden
Ohne Vergangenheit
Ohne Zukunft
nur voll öder Gegenwärtigkeit
Eine Zukunft müsste man haben
abseits der Büromenschenhaftigkeit
mit ihrem Weiter so
Tag für Tag
Aber dafür müsste man etwas tun
Ich werde etwas tun
irgendwann
Handeln
ich weiß nur noch nicht wie.

Szene 2.

Konferenzraum des Ministerium

Kolschwsky. Der junge Werner Weber, sein Mitarbeiter. Samira Blechschneider, die Assistentin des Staatssekretärs. Der Staatssekretär. Der Staatssekretär lehnt betont lässig im Stuhl. Am Tisch ist ein Teller mit Keksen.

Der Staatssekretär: Wie Sie wissen
Steht die Justizvollzugsanstalt Jenseits
diesseits der Fertigstellung
Weswegen nun
für uns die Frage des Betriebs der Einrichtung
in die Nähe der Beschlussreife rückt
Sie haben ihrerseits von uns die offiziellen Ausschreibungskriterien erhalten
wir unsererseits von Ihnen die offizielle Bewerbung
um den Betrieb der Einrichtung
in Jenseits
Ihrerseits unsererseits Diesseits
Sie kennen alle Fakten.
Ihre Kalkulation liegt,
wie ich den Papieren entnehme
noch etwas jenseits unserer Kalkulation

Kolschewsky:
Wir haben mit einem Betreuungsverhältnis von 1:100
kalkuliert,
was das Sicherheitspersonal betrifft
Dazu Verpflegung über ein
ausgelagertes Cateringunternehmen
Das Reinigungspersonal würden wir selbst stellen
Dazu, was man sonst noch braucht
ein schlanker psychosozialer Dienst
Wir kalkulieren extrem wirtschaftlich.
Was uns natürlich nicht daran hindert,
großzügig zu sein wo es angebracht ist.
Großzügig sein, wo es angebracht ist,
das ist ja besonders wirtschaftlich,
wenn Sie mich verstehen.

Der Staatssekretär: Das freut mich sehr
Als Staatssekretär,
und als Privatperson.
Als privater Staatssekretär
was zugleich heißt
Als staatlicher Privatsekretär
meines eigenen Kontostandes
Dennoch müssen wir mit den Kosten noch runter
Vielleicht kann das Cateringunternehmen
( der Staatssekretär zieht den Keksteller lässig in seine Richtung und isst mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, der weiß, was ihm zusteht )
ja auch noch die Verpflegung in der örtlichen Schule übernehmen
und die Kantine im Finanzamt der nahegelegenden Bezirkshauptstadt
ich kann da ja mal mit meiner Kollegin sprechen
auf dem kleinen Dienstweg, gewissermaßen
Vielleicht kann man damit
Kosten reduzieren, indem man den Output steigert
Economics of Scale
Sie wissen schon.

Kolschewsky: Das ist gewiss eine Möglichkeit. Herr Weber wird das durchkalkulieren. Herr Weber ist ganz gewieft im kalkulieren. Voraussetzung ist natürlich eine ausreichende Belegung, Auslastung, der Anlage. Kurzum: Dass uns die Sträflinge nicht ausgehen!

Der Staatssekretär: Darauf können sie sich verlassen. Garantiere, es wird keine Justizreform geben, die etwa unbedingte Haftstrafen seltener macht oder gar Diversion, Resozialisierung, Vergebung,

Kolschewsky: Die Schreckensidee der gefängnislosen Gesellschaft!!!

Der Staatssekretär: … begünstig. Keine Sorge, da können Sie sich darauf verlassen. Mit dem Justizminister ist fix vereinbart, dass nichts unternommen wird, was ihre Gewinnausssichten eintrüben könnte!!!

Kolschewsky: Nichts eintrüben!

Der Staatssekretär: Überdies haben Sie im örtlichen Bezirksrichter einen verlässlichen Partner, für kleine Zuwendungen ist er gerne bereit, unbedingte Haftstrafen auch in Bagatellfällen zu verhängen und auch was die Strafdauer von Delinquenten betrifft, durchaus Ihre Bilanzierungsnotwendigkeiten im Auge zu haben!

Kolschewsky: Haftstrafen, Bagatellfälle, Strafdauer, Bilanzierungsnotwendigkeiten – meine Aktionäre werden die Botschaft mit Freude hören! Die Börse wird das beruhigen! Die Anleger! Investoren! Das Kapital, das scheue Reh!

Der Staatssekretär: Nein, das wollen wir nicht verschrecken, das scheue Rehlein! Ha! Nein, das ist ja ganz üblich, dass die Richterschaft bei solchen Public-Private-Partnerships die Wünsche unserer Vertragspartner berücksichtigt! Und! Bei! der! Urteils! Straf! Zumessung! Straf! Höhe! Länge! BERÜCKSICHTIGT! Keine Gnade, harte Strafen, tough on Crime! Keine Sorge, im Notfall füll ma die Zellen mit Haschbrüdern an.

Kolschewsky: Ja, ohne das Drogengeschäft könnten wir kaum mehr Geschäfte machen!

Der Staatssekretär: Gut. Wir müssen freilich noch ein paar Millionen weiter runter, weil, Sie kennen ja die Usancen. Wir agieren mit knappen Budgets, im Lichtkegel der Öffentlichkeit und unter genauer Kontrolle des Rechnungshofes. Wir haben uns vorgestellt, und hier spricht nicht der Staatssekretär, sondern der Privatsekretär, dass drei Millionen der laufenden jährlichen Kosten, also 10 Prozent, wieder…

Kolschewsky: Das ist das Übliche, das Selbstverständliche. Kein Geschäft ohne Provision. Ich habe die Wirtschaftlichkeit der Großzügigkeit ja schon angesprochen, und ihre privaten Worte wohl verstanden…

Der Staatssekretär: Ich weiß ihre Unkompliziertheit zu schätzen.
Frau Blechschneider, ich weiß nicht, wie ich ohne ihre Expertise auskommen werde
Frau Blechschneider hat sich, zu meinem Bedauern,
entschieden, ihren Sondervertrag mit dem Ministerium nicht mehr zu verlängern
Ihren Spezialvertrag
Frau Blechschneider ist sehr speziell, unterschätzen Sie sie nicht,
ich weiß, man neigt
sie zu unterschätzen,
aber sie ist sehr speziell,
Nun, sie hat beschlossen, ihren speziellen Vertrag nicht mehr zu verlängern
Und sich ganz ihrer Consultingfirma Mindgap zu widmen.
Ich schlage deshalb vor, dass Mindgap mit Ihnen einen Beratungsvertrag schließt
Consulting!
Evaluierung!
Powerpoint!
E-Government!
iKnast!
McKitchen!
Digital Jail! Irgendwas, was modern klingt.
Richtwert drei Millionen Euro jährlich
Samira und ich sind ein gutes Team
Sie und ich sind praktisch ununterscheidbar
Sie ist ich und ich bin Sie
Einen Vertrag, den Sie mit ihr haben
Das ist so, wie wenn Sie ihn mit mir hätten.
Wenn Sie verstehen.

Kolschewsky: Eine Selbstverständlichkeit.

Der Staatssekretär: Ich schlage vor, dass sich Herr Weber und Samira um die Details kümmern. Den Deal wasserdicht machen.

Szene 3.

Ein Hotel in der Provinz, etwas jenseits der modischen Erfolgswelt

Der Bürgermeister: …wie Du unsere Partei wieder aufgebaut hast, aber nicht nur die Partei, die Gemeinde. Wie Du den Gemeinsinn hochgehalten hast. Das Berufsleben von Dir, Siegfried, stand ja im Zeichen der Partei und des Gemeinwesens. Dass unsere Gemeinde so gut dasteht, das haben wir Dir zu verdanken, lieber Siegfried. Was Du angepackt hast, das ist etwas geworden. Alles hat Hand und Fuß gehabt. Ja, und auch Deine Familie, da hat auch alles, was Du geschafft hast, Hand und Fuß gehabt. Der Konrad, na, der hat zwei Händ‘ und zwei Füß gehabt, haha, hat er immer noch, aber jetzt sind sie selber schon große erfolgreiche Hände, und die Füß‘, die sind in die Fußstapfen vom Vater getreten. Stolz kannst Du sein auf deinen Buben, ich weiß, Du bist stolz auf ihn, wir alle sind stolz auf Ihn, ein Oberbacher als Staatssekretär in der Hauptstadt, der Sohn unseres Altbürgermeisters, einer der die neue Zeit verkörpert, einer, der den Erfolg verkörpert. Schau Dir unsere Gemeinde an Siegfried, wie die heute da steht, schau Dir Deinen Sohn an, da frag ich mich, zu was soll ich Dir noch gratulieren, zu Deinem achtzigsten Geburtstag! Das Leben ist es, das Dir gratuliert! Die Früchte Deines Schaffens, sie sind die beste Gratulation! Alles Gute und ich hebe mein Glas auf Dich Siegfried!

Die Gratulantenschar zerstreut sich in kleinen Runden, Siegfried und Konrad setzen sich zusammen.

Siegfried: Eine schöne Feier!

Konrad: Ein bisschen von gestern. Der Bürgermeister strahlt auch einen Charme aus, als wären wir noch in den 70er Jahren. Als gäbe es noch diese kuschelige Welt.

Siegfried: Nur weil er nicht dauernd die Ellbogen ausfahrt?

Konrad: Der Biss fehlt ihm. Der Wille zum Erfolg. Schau Dir seine Schuhe an. Die Schuhe senden ein Signal, das siehst auf einen Kilometer Entfernung. Die sagen: Ich will nichts. Ich bleib in meinen kleinen Verhältnissen. Ich bin kein Mover und Shaker. Das sagen allein die Schuhe. Und seine Körperhaltung sagt es auch.

Siegfried: Dafür hast Du keine Freund. Auf Dich wird nie jemand so eine Rede halten. Oder wenn, wird er’s zumindest nicht ernst meinen.

Konrad: Was immer jemand tut, niemand meint es ernst. Niemand meint irgendetwas ernst. Begreif das einmal, Vater. Es geht um nichts, als um Erfolg. Entweder Winner oder Loser. Ich bin lieber Winner.

Siegfried: Ich wär nicht glücklich so. Ich wär sogar unglücklich.

Konrad: Du würdest glauben, irgendwelche Ideale zu verraten. Und der Verrat macht dich unglücklich. Aber natürlich würden Dich nur die Ideale unglücklich machen, deine weltfremden Ideale. Ich hab keine Ideale, die ich verraten könnte. Deswegen bin ich glücklich.

Siegfried: Geh, Du bist doch net normal.

Konrad: Das wär ja ohnehin das Schlimmste überhaupt: Normal sein. Wer normal sein will, der hat schon verloren. Niemand will heut mehr normal sein. Normal sein, das ist doch abnormal. Jeder will ein Winner sein, und wer ein Winner ist, der nimmt sich, was ihm zusteht. Und dem Winner steht alles zu, denn die Winner bringen die Welt voran. So einfach ist das, Vater. Komm endlich an in der Gegenwart. So ist die Welt. Es ist völlig unerheblich, ob ich das gut find oder ob Du das gut findst. Das ist die Zeit, und ich bin einverstanden mit ihr, also surf ich auf ihr. Ich bin ein guter Surfer. Ich mach die Zeit nicht. Ich bin nur einverstanden mit ihr. Und ein guter Surfer. Das ist das einzige, was zählt. Alles andere sind Sentimentalitäten. Die Vergangenheit ist vergangen, Zukunft gibt es keine, denn sie ist nichts anderes als die Gegenwart ins Künftige verlängert. Nichts als Gegenwärtigkeit, sodass der Geistesgegenwärtige nichts anderes zu tun hat, als an sich selbst zu denken.

DAS BÜRO IST EIN KRIEGSZONE
DIE GESCHÄFTSWELT EINE ARENA
DIE SCHLACHT IN UNSEREN STÄDTEN
WIR SIND GLADIATOREN
UND WIR VERSTEHEN
UNSER GESCHÄFT
HELDEN DER JETZTZEIT
THE WINNER TAKES IT ALL
DU BIST EIN LOSER BABY
ICH KILL DICH
DU MUSST DER SEIN
DER HAT
DANN WIRD DIR GEGEBEN
DIE BEACHTUNG
GEBIERT BEACHTUNG
DER TEUFEL SCHEISST AUF DEN GRÖSSTEN HAUFEN
WOHINGEGEN
WER DEN SCHADEN HAT
AUCH DEN SPOTT HAT
SO IST DAS BEI UNS
IN UNSERER KLEINEN ERFOLGSKULTUR
IN UNSERER KLEINEN REPUBLIK
DIE AUCH NICHT MEHR IST
ALS EIN KLEINER PATZEN FLIEGENSCHEISSE
IM GROSSEN MEER DER
GLOBALISIERUNG
WER GEWINNT, DER HAT RECHT
UND WER IM UNGLÜCK IST
SETZT SICH INS UNRECHT
TÄGLICHE SCHLACHT
WIR SIND DIE KRIEGER
IN DIESEM KRIEG
DER NIEMALS PAUSE MACHT

Parallelaktion B
Leander:
Die Finger auf die Korruption
dieses Systems zu richten
Holzweg
Wenn es unsere Zeit
zu rechtschaffener Korruption brächte
Wenn
Wenn es noch ordentliche Verbrechen gäbe
So richtige
Jenseits der Büromenschenkriminalität
Kontoführungskriminalität
Früher gab es noch die organisierte Kriminalität
mit ihrer Mafia-Ruchlosigkeit
Heute nur mehr die verdammt gut organisierte Kriminalität
mit ihren ausgefeilten Kickback-Zahlungen
mit mausgrauen Zahlenkolonnen
auf netzbasierten Konten
mausgrauer Anzugträger
Selbst Minister
sind nichts anderes als Angestellte
in ihrer Angestelltenhaftigkeit
Woran die Herren leiden
An den geistigen Folgen ihre
Angestelltentums
Was tun müsst man
Aufraffen
Irgendeine Entscheidung treffen
Was tun
damit wenigstens irgendetwas geschieht
Egal, was folgte
aus dem Geschehen
es wäre wenigstens einmal ein Geschehen
inmitten all dieses Nicht-Geschehens
Aber wir haben das Handeln verlernt
Wie Hamlet
nein, wir sind keine Zögerer
Hamlet zögert nicht
er hat das Handeln verlernt
Wie der Computerfachmann,
dem man sagt
er solle einen Holztisch bauen
er kann es einfach nicht mehr
Nein
Er zögert nicht
Er kann es bloß nicht mehr
Wie kann man handeln
wenn man einfach nicht weiß
WIE?
Ich würde mich ja gerne
AUFRAFFEN
Aber wie wahrscheinlich ist
dass Handeln irgendeine Folge hat
und ist nicht viel wahrscheinlicher
dass Handeln irgendeine
negative Folge hat
von der ich heute noch nichts weiß?
Das ist es, was ich weiß
dass ich nicht weiß
welche Folgen mein Handeln hätte
würde ich handeln
Täte ichs
Würde ich es tun
Ich tue es eh nicht
Denn woher soll ich denn die Energie
zum Handeln nehmen
eingedenk dieses Wissens!!!???
Deshalb bin ich
Unentschlossen
Ein Unentschlossener
Noch
Aber ich werde etwas tun
morgen vielleicht
übermorgen wahrscheinlich
nächstes Jahr
ganz bestimmt

Szene 4:

Ein Schlafzimmer. Oberhauser und Samira Blechschneider nackt, ihre Körper ineinander verknotet.

Oberhauser: Meine Droge heißt Erfolg.

Blechschneider: Die Siegesgewissheit räumt alle Zweifel aus dem Weg

Oberhauser:
Ich müh mich, dass man mir den Erfolg
ansieht
Und müh mich, dass man mir
nicht ansieht
dass ich mich müh
dass man mir den Erfolg ansieht
Der Erfolg muss sichtbar
die Mühe unsichtbar sein
Den Erfolg soll man Dir ansehen
Aber nie darf man Dir Mühe ansehen
Ich kann alles haben
Weil man mir ansieht
dass ich alles haben kann

Blechschneider: Nur deshalb
kannst Du auch mich haben

Was auch heisst:
Nur solange kannst Du
auch mich haben.

Oberhauser: Nicht meine Männlichkeit
ist mein Erfolg
Sondern mein Erfolg
ist meine Männlichkeit

Blechschneider: Aber die Männlichkeit
und den Erfolg
kann man ja gar nicht mehr
auseinanderhalten
Mein Körper ist
ein erfolgreicher Körper
weil der der Körper
einer Erfolgreichen ist
Und sich folglich
nur mit erfolgreichen Körpern
VEREINIGT

Oberhauser: Ich trinke San Pelegrino
und pisse Cabernet Sauvignon

Und meine Geschäftsdokumente
unterzeichne ich
mit einem hingekritzelten Penis

Blechschneider: Mit einem Penis, ja!

Oberhauser: Die Erfolgskultur
ist penisgesteuert
Und der Penis
ist erfolgskulturgesteuert

Blechschneider: Was ich mich frage.
Ist
Wo ist nur unsere Scham hin?
Irgendwo da drin
tief im Untergrund meines ichs
Und auch Deines ichs
schlummert doch irgendetwas
was uns Scham empfinden lassen sollte
Wann wurde das abgestellt?

Oberhauser: Da wir uns
von allen Sentimentalitäten
gelöst haben
nehmen wir uns
was uns zusteht
Scham ist etwas
für Sklavengemüter
für Loser
Der Winner
hat die Scham abgestreift

Blechschneider:
Meine Droge heißt Erfolg

Oberhauser: Wir sind
Natural Stoned

Blechschneider: Nichts daran ist
natürlich
das ist die Welt
die wir gemacht haben.

Oberhauser:
Ich habe 5000 Facebook-Freunde!

Blechschneider: Wie der Drogensüchtige
ist auch der Erfolgsmensch
gierig nach dem nächsten Kick
dem stärkeren Kick
Steigerung
Überbietung
Die Welt ist ein Spiel
Und wir sind Gambler
Die Welt ist ein Roulettetisch
Welcher so beschaffen ist
Dass die Kugel immer in unser Feld fällt

Oberhauser:
Wenn ich Dir ins Gesicht sehe
dann sehe ich darin
wie gut ich bin.
Und da mag mir jemand mit Scham kommen?
Lächerlich!
Wir führen den Staat
nun nach ökonomischen Gesichtspunkten
das hat man von uns doch verlangt
wir führen den Staat
nach den Regeln der freien Wirtschaft
Wofür also
sollen wir uns schämen?

Blechschneider: Wir verfolgen unseren
Nutzen
und so begehre ich auch Dich
Denn Du bist mir nützlich

Oberhauser:
Du nützt mir auch.

Blechschneider:
Nutz mich!

Oberhauser:
Du mich auch!

Blechschneider: Das Band zwischen uns
ist stärker
als es Liebe
je sein könnte
Und das schöne ist
Dass es sich wie Liebe anfühlt

Oberhauser: Der Erfolg
fühlt sich wie Liebe an.

Szene 5:

Gerichtssaal.

Konrad Oberhauser, ehemaliger Staatssekretär, wird wegen Vorteilnahme, Bestechlichkeit und Untreue zu drei Jahren Haft verurteilt. Der Richter verkündet den Spruch.

xxxxxx

Szene 6:

Justizvollzugsanstalt Jenseits. Der Gefängnisdirektor empfängt Oberhauser, der gerade ins Gefängnis eingeliefert wird. Oberhauser hat Gefängniskleidung an.

Gefängnisdirektor: Herr Staatssekretär, das ist jetzt für uns beide keine erfreuliche Situation. Setzen Sie sich.

Oberhauser versinkt in einer Couch

Wir müssen da jetzt beide durch, und schauen, dass wir das gut hinter uns bringen.

Oberhauser: ( blickt an seiner Gefangenenkleidung hinab) Schauen Sie sich das an.
Schauen Sie sich mich an.
Das bin doch nicht ich.

Gefängnisdirektor: Da muss ich Sie leider korrigieren.
Das sind Sie.
Das sind, zumindest für die nächsten paar Jahre, Sie.
Sie tun gut daran, sich mit sich anzufreunden.
Aber Sie werden sich selbst schon kennen lernen.
Sie werden sich daran gewöhnen.
Es fühlt sich schlimmer an, als es ist.
Schauen Sie, sehen wir es so:
Ich hab mir nicht ausgesucht,
Sie hier zu empfangen.
Sie haben sich nicht ausgesucht,
hier her zu kommen.
Ich kann Ihnen das Leben schwer machen.
Sie können mir auch das Leben schwer machen.
Ich kann Sie piesacken.
Sie können mich aber auch nerven
Das können Sie.
Wenn Sie mir das Leben nicht schwer machen
Mach ich Ihnen das Leben auch nicht schwer.
Deal?

Oberhauser: Unter Deals hab ich bisher was anders verstanden.

Gefängnisdirektor: Ihr Humor, seh ich, ist Ihnen noch nicht vergangen.

Oberhauser: Ich hab keinen Humor. Ich hab bisher keinen gebraucht. Und ich weiß auch jetzt nicht, was er mir helfen sollt‘.

Szene 7.

Zelle im Meinl-Trakt der JVA-Jenseits. Baumeister Aschbauer und Staatssekretär Oberhauser in der Zelle. An der Wand ein Foto von der Eröffnung des Gefängnis, man sieht, wie Oberhauser das rote-weiß-rote Band durchschneidet und Aschauer leicht versetzt hinter ihm steht.

Oberhauser: Ich bin der erste Staatssekretär, der in einem Gefängnis sitzt, das er selbst eröffnet hat.

Aschbauer: Und ich bin der erste Baumeister, der in einem Gefängnis sitzt, das er selbst gebaut hat.

Oberhauser: Jeder ist seines Glückes Schmied, das hab ich mir auch anders vorgestellt.

(wirft sich wieder ein die Gewinnerpose)

Aber wir dürfen uns nicht hängen lassen.
Das Schlimmste ist, wenn Du Dich hängen lässt.
Jede Faser des Körpers Erfolg,
Wenn Du den Misserfolg
Die Episode des Misserfolges
hinter Dir lassen willst.
Wir dürfen uns hier nicht ummontieren lassen.
Wir hatten Pech
Aber wir dürfen uns hier nicht
zu Verlierern machen lassen
Die Welt hier drin
ist von der Welt da draußen
nicht so sehr unterschieden
Vergiss nicht, wir haben das Erfolgs-Gen
Es wird uns auch hier nützlich sein

Aschbauer:
Aber der Wettbewerb hier drinnen
Wird anders ausgetragen als der draußen
Hier helfen uns unsere Netzwerke nicht
Nicht, dass es hier nicht auch
Netzwerke gäbe
Die gibt es bestimmt,
Aber es sind andere als die Unseren
Wir sind hier auf verlorenem Posten
Wir haben keine Posten mehr
Und ohne Posten sind wir nichts
Wir waren doch nur Schauspieler
deren Leben einem Skript folgte
Und das Skript haben wir halt gespielt
Aber hier gibts ein anderes Skript
Und da ist für uns keine große Rolle vorgesehen
Hier ist uns die Rolle des Wurms auf den Leib geschrieben

Oberhauser:
Zum Wurm wirst Du nur, wenn Du Dir
wurmhaftes Bewußtsein aufdrängen lässt
Wehr Dich dagegen!
Pump Dich auf!
Adrenalin!
Das haben wir doch so gut gekonnt.
Das verlernen wir nicht.

Der Wärter kloppt an der Tür. Bringt Essen herein. Oberhauser will sich aufpumpen, in Staatssekretärs-Pose, der Wärter verfällt sofort in Wärter-Pose. Als Oberhauser einen normalen Habitus einnimmt, nimmt der Wärter auch einen normalen ein.

Der Wärter: Gute Nacht miteinand.

Oberhauser: Gute Nacht!

Aschbauer: Schönen Gruß an die Familie!

Oberhauser: Ja, an die Familie! Schönen Feierabend!

Tür geht zu:

Oberhauser: Eigentlich ganz nett, so normale Leut.

8. Szene:

Hofgang. Ein paar Häftlinge sitzen in einer Ecke und spielen Würfel. Zwei spielen Basketball. Oberhauser und Aschbauer drehen ihre Runden.

Oberhauser: Warum wir?

Aschbauer: Das weißt Du so gut wie ich. Das System hat zwei opfern müssen, um weiter funktionieren zu können. So wie die Deutsche Bank den Madoff brauchte, um den Anschein zu erwecken, als wären ihre Geschäfte nicht kriminell, als gäbe es eine Grenze zwischen legalem Banking und kriminellen Banking, so brauchte eben die moderne Politik und das moderne Bauwesen uns, um ihre Geschäfte zu decken. Wir sind nur zufällig die, die es erwischt hat, um den Druck abzulassen. Hätten andere auch sein können. Kismet. Pech. Blöd gelaufen.

Oberhauser: Ich weiß eh. Aber der Club wird uns nicht fallen lassen, wie ich ihn immer nenne. Alle wissen, dass wir dazu gehören, man riecht es, wer dazu gehört, man riecht, dass wir dazu gehören.

Aschbauer: Jetzt riechen wir nach Knast, und wir schauen auch aus nach Knast. Aber auch, wenn wir irgendwann nicht mehr ausschauen nach Knast werden wir immer riechen nach Knast. Kannst vergessen. Wir haben ab jetzt den Leichengeruch. Die Krätze.

Oberhauser: Gerade, weil ich weiß, dass Du recht hast, will ich nicht, dass Du so etwas sagst.

Drehen weiter stumm ihre Runden. Nach einiger Zeit reden sie weiter.

Oberhauser: Aber weißt Du, was mich überrascht? Ich bin irgendwie entspannt. So gelassen. Ich kenn das gar nicht mehr.

Aschbauer: Ja, man kann das überleben hier. Wenn man das mal begriffen hat, fällt vieles von einem ab.

Oberhauser: Aber das Wort überleben hat
fast etwas Unangemessenes
Ich steh erstmals seit ich denken kann
nicht mehr unter Strom
Muss mich nicht mehr beweisen
Muss nicht alles was ich mach super
optimal machen
Muss nicht mehr
am Ende des Tages sagen
„Heut war ich wieder der Beste“
Hier ist das total wurscht
Erstmals hab ich nicht mehr
das Gefühl
in jedem Augenblick in einem Wettbewerb zu stehen
In der Erfolgswelt
da draußen
Im Diesseits und dahinter
Jenseits dieser Mauer
Meinerseits Diesseits Jenseits
Da gab es immer welche,
die noch eine Spur erfolgreicher waren als ich
Getrieben hats mich
die einzuholen
Getrieben
Es beweisen
Punkte zu sammeln für den imaginären Punktestand
Mit dem der
Spielstand gemessen wird

Und es gab noch mehr,
die versucht haben, mich einzuholen
Stets war da jemand
Rückseits
im Rückspiegel
im Windschatten
und ich unter Strom
dass der nur ja nicht rankommt
Ein Kampf jeder gegen jeden

In der Freiheit
da war freie Wildbahn
Ein Gefangener der Wildbahn war ich
draußen in der Freiheit
Was anders als Konkurrenz um Erfolg
das war gar nicht denkbar
Ich hab ja gar nichts anderes gekannt
Meine Kinder haben manchmal gesagt
Irgendwas sei chillig
Ich hab gar nicht gewusst, was chillig ist.

Die dunkle Seite des Erfolgs
ist die Angst
Die Angst vor dem Scheitern
Insgeheim
Niemand hat das gemerkt
Und auch ich hab das nicht gewusst
Insgeheim
war diese Angst der Treibstoff,
der mich am Laufen hielt
Zerfressen war ich von Angst
Und die wurde nicht weniger
eher mehr
je mehr ich der Erfolgreiche war
desto größer wurde die Angst
Die eigentlichen
Gefangenen des Systems
das sind doch wir.
Die Erfolgsgesellschaft
wird bewohnt
von gefangenen Befreiten.
Sie ist jene Form der Unterdrückung
die als Freiheit empfunden wird

HINTER DEM ERFOLGSGETUE
VERBIRGT SICH DIE ANGST
NICHT MITHALTEN ZU KÖNNEN
REINKRIECHEN
REINFRESSEN
TUT SICH DIE ANGST
KEIN POSITIVES VERSPRECHEN HAT UNSERE ZEIT MEHR
MAN WIRD NUR MEHR DURCH DIE NEGATIVE
BOTSCHAFT
BEI DER STANGE GEHALTEN
DURCH DIE ANGST
STETS WINKT DER ZAUNPFAHL
UND NOCH DER ERFOLGREICHSTE
IST GETRIEBEN VON DER PANIK
MORGEN SCHON ALS DER DÜPIERTE
ÜBRIG ZU BLEIBEN

In gewisser Weise,
simma hier freier als da draußen,
das ist das, was mich verstört
Wir mussten in den Knast
Um frei durchatmen zu können
Der Knast, der einzige Ort,
an dem sich noch leben lässt

Aschbauer: Ja, Gefangene, das warn wir
Gefangene der Erfolgskultur.

Oberhauser: Vielleicht ist es ja so,
die Leute würden am liebsten
einfach nur normal sein
Aber sie wissen halt einfach nimmer
wie das überhaupt geht

Ich hab mir immer dacht
Hier drinnen gibts eine Gehirnwäsche
Aber der Gehirnwäsche
bist ja eher draußen ausgesetzt
Ummontiert, haben wir uns
Und ich weiß gar nicht
wie das begonnen hat
Weil wir waren ja nie anders montiert
Die Freiheit
Ist eine große Klappsmühle
unter freiem Himmel
Nichts anderes als ein Riesenknast

Hier ist alles Trott
Und gezwungen bist
normal zu sein
Wie ein Urlaub kommt mir das fast manchmal vor

Aschbauer:
Ha, wir werdn resozialisiert.

Oberhauser:
Manchmal frag ich mich,
wenn Resozialisierung heißt
an das Leben draußen
resozialisiert zu werden
Ob ich überhaupt noch resozialisiert werden will.

Aschbauer:
Geh, Du zynischer Depp
red keinen Blödsinn
Wennst mal draußen bist
willst sofort wieder eine Villa
die größer ist als die Villa
von dein Nachbarn

Oberhauser:
Eben.

Parallelaktion C

Leander:

9. Szene

Büro des Gefängnisdirektors

Der Gefängnisdirektor. Samira Blechschneider. Der Oberförster. Aschbauer steht in der Tür.

Gefängnisdirektor: Herr Aschbauer, ich habe Sie rufen lassen
eines etwas delikaten Ansinnens wegen
Frau Blechschneider kenn Sie ja
und den Herrn Oberförster auch

Aschbauer: Ja, wir haben…

Der Oberförster: Ich habe mich bei
einigen Geschäften des Herrn Baumeisters
als eine hilfreiche Hand erwiesen
das ist mein Beruf. Leute zusammenbringen. Hindernisse aus dem Weg räumen. Das ist mein Beruf. Meine Kunst. Mein Kapital.

Gefängnisdirektor: Also, es ist…

Samira Blechschneider: Herr Direktor, Sie gestatten,
Herr Aschauer,
es ist so, dass uns einiges zu Ohren gekommen ist
im Zusammenhang mit dem
Herrn Staatssekretär
Und Sie wissen,
der Herr Staatssekretär und ich
wir haben eine sehr symbiotische Beziehung gehabt
Wir waren mehr als nur Kollegen
Er war mein Lehrer
Und väterlicher Freund
Und Geschäftspartner
Und wir haben uns blind verstanden
Wir brauchten keine Verträge
wir brauchten nicht einmal Worte

Wir wussten wie die Dinge laufen
Worauf Erfolg beruht und wie
aus Erfolg Erfolg wird
und noch mehr Erfolg wird
Uns ist aber jetzt zu Ohren gekommen
der Herr Staatssekretär sei in einer schweren
Krise
einer Identitätskrise
er wüsste nicht mehr
wer er ist

sodass wir uns nicht mehr
darauf verlassen können
dass wir nicht mehr darauf bauen können
Herr Baumeister
dass wir nicht mehr darauf bauen können
dass,
wie soll ich mich ausdrücken
dass
er nicht mehr unsere Werte teilt
dass er es nicht mehr als den höchsten
aller Werte ansieht
dass die Werte,
zwischen uns aufgeteilt werden,
nur zwischen uns
die größten Werte und auch die Kleinen
kurzum,
wir haben unsere Zweifel,
dass unsere Werte noch die Werte
des Herrn Staatssekretärs sind
Und sie werden verstehen
dass uns das beunruhigt
Der Herr Staatssekretär verfügt über sehr viel Wissen
Wir verfügen auch über sehr viel Wissen
zum Beispiel über Sie
Und wir finden, der Herr Staatssekretär
sollte sein Wissen für sich behalten
Und dann würden auch wir
unser Wissen für uns behalten
Wir würden unser Wissen über Sie
für immer für uns behalten
Wenn Sie dafür sorgen
dass der Herr Staatssekretär
sein Wissen für sich behält.
Für immer.
Wenn Sie verstehen,
was wir meinen.

Aschbauer: Aber der Staatssekretär ist mein Freund.
Hier drin mehr als er es draußen war! Ihr habt da draußen doch gar keine Ahnung, was das ist, Freundschaft.

Blechschneider: Aber sie haben auch Familie. Und die Zeit hier drinnen geht irgendwann zu Ende. Und dann wollen sie noch immer eine Familie haben. Und eine Zukunft wollen sie auch haben. Sie reden von Freunden, dabei könnten Sie eine Zukunft haben.

Aschbauer: Was erwarten Sie von mir?

Blechschneider: Sie müssen sich keine Sorgen um die praktische Seite der Angelegenheit machen, Sie müssen nur ein bisschen mithelfen. Wir haben alles vorbereitet. Es wird wie ein Unfall aussehen.

10. Szene

Oberhauser und Aschbauer in der Zelle.

Oberhauser: Ich mach mir noch einen Tee. Tee, hab ich auch nie getrunken. Tagsüber nur Kaffee, abends dann die guten Rotweine, die besten Whiskys, das, das hat alles dazu gehört. Ich dachte, das sei ein Leben, dabei war es nur Kulisse, nichts als Accessoires, Accessoires eines Lebens, das nicht ich geführt hab, sondern das mich geführt hat. Ich hielt es für Erfolg, aber was war es für ein leeres Leben, ein lebloses Leben. Ein lebloses Leben, das ist in vollkommener Raserei gelebt hab, in einem Takt, der nicht mal ein Zeitfenster, Time Window hab ich immer gesagt, der nicht mal ein Zeitfenster gelassen hat für ein Burnout, ich hab nicht mal für ein Burnout Zeit gehabt, ich war sogar fürs Burnout zu gestresst.

Oberhauser hantiert mit dem neuen Wasserkocher. Als er ihn einschaltet, explodiert er, Oberhauser ist im Stromkreis, stirb. quallmt kokelnd vor sich hin.

Aschbauer: Burnout. Wissen konntest Du nicht, wie treffend dieses Wort im nächsten Moment sein würde. Your Time Window has closed. Es tut mir leid.

11. Szene:

Aschbauer wird aus dem Gefängnis entlassen. Der Oberförster holt ihn ab.

Aschbauer tritt aus dem Gefängnis, im schönsten Anzug, er sieht etwas verwegen aus, zündet sich eine Zigarette an.

Der Oberförster: Gut sehn Sie aus! Sie sind noch ganz der Alte!

Aschbauer: Ich weiß nicht, ob das ein Kompliment ist.

– Ende –

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.