Warum sich Österreich bei der Lieferung von Beatmungsgeräten jetzt hinten anstellen muss

Deutschland orderte am 13. März 10.000 Beatmungsgeräte. Österreichs Bundesregierung kannte zu diesem Zeitpunkt offenbar nicht einmal noch den Bestand.

SPÖ-Vorsitzende Pamela Rendi-Wagner sagte gestern im „Report“-Interview einen Satz, der mich aufhorchen ließ: „Wir wissen, dass Deutschland am 13. März tausende Beamtungsgeräte bestellte, und wir erst, eine Woche später, der Gesundheitsminister eine Bestandsaufnahme machte.“ Und jetzt müsse man sich eben hinten anstellen, weil es am Weltmarkt Lieferprobleme gibt.

Mich machte das sprachlos. Kann das denn sein? Schon seit spätestens Mitte Februar konnte jeder wissen, was auf uns zukommt; man wusste, dass das Corona-Virus sich bei den schweren Fällen besonders auf die Lunge schlägt und deshalb ein Mangel an Beatmungsgeräten das schlimmstmögliche Szenario ist. Ich kann mich auch noch erinnern, was ich selbst in einer TV-Diskussion Anfang März sagte: „Jeder Politiker tut jetzt gut daran zu bedenken: Niemand wird einem jemals vorwerfen, wenn man eine halbe Milliarde Euro zuviel für Gerätschaft ausgegeben hat, aber wenn man jetzt zu wenig tut, dann wird das vorgeworfen werden.“ Ist es also vorstellbar, dass nicht schon seit Anfang März alle politisch Verantwortlichen alles taten, um potentiell nötige Gerätschaften zu erwerben – noch dazu auf einem Lieferantenmarkt, dessen Angebot mit der Nachfrage nicht mehr Schritt hielt? Wo also klar war, da muss nicht nur schnell agiert werden, sondern man muss alle Möglichkeiten nutzen.

Recherchiert man in öffentlich zugänglichen Quellen die Zeitachse, dann stellt sich die Lage so dar: Deutschland bestellt am 13. März Beatmungsgeräte. „Der deutsche Medizintechnikkonzern Drägerwerk mit Sitz in Lübeck hat von der deutschen Bundesregierung einen Großauftrag zur Lieferung von 10.000 Beatmungsgeräten erhalten.“ (APA, 13.3.2020).

Am 15. März stellt Claudia Reiterer im ORF dem Gesundheitsminister die Frage, ob zusätzliche Beatmungsgeräte bestellt wurden? „Nein, wenn es morgen die Bestandsaufnahme gibt, können wir noch keine bestellt haben, aber selbstverständlich wird das passieren.“ Die Bestandsaufnahme scheint sich gezogen zu haben. Später berichtet der „Spiegel“ in einem Gespräch mit dem Medizingerätehersteller, der auch an die deutsche Bundesregierung liefert. „Vorhin war der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz am Telefon, der benötigt 1000 Beatmungsgeräte, er kann jetzt nur noch 50 bekommen.“ Sebastian Kurz äußert am 30. März, dass schon in rund zwei Wochen Engpässe an den Spitälern auftreten könnten.

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Nun ist es natürlich so, dass das Gesundheitswesen in Österreich sehr föderal organisiert ist, was nicht nur dem Gesundheitsminister formal die Hände bindet – sondern auf der anderen Seite auch Landesbehörden überfordert, die auf eine globale Pandemie oft überhaupt nicht vorbereitet sind. Provinzpolitiker wie in Tirol machen viel falsch, und zwar nicht nur, weil sie am Gängelband der Tourismusindustrie hängen, sondern weil eine Katastrophe dieser Art sie überfordert.

Zentrale Beschaffung gibt es keine, die den Namen verdient. Hinzu kommt, dass die FPÖ-Gesundheitsministerin das Ministerium in Trümmer legte und die Bundesregierung erst im Jänner ins Amt kam – und sich während der Einarbeitungszeit praktisch schon mit der ärgsten Pandemie der vergangenen Jahrzehnte konfrontiert sah. Und vielleicht haben wir ja Glück – so, wie die Kurven gerade verlaufen, könnten wir, wenn wir sehr viel Glück haben, mit den Intensivkapazitäten gerade auskommen.

Aber dennoch: dass offensichtlich der Bundeskanzler nicht schon Anfang März hier zentral zu agieren begonnen hat, die Verantwortlichen der Länder an einen Tisch geholt hat, ist unbegreiflich. Warum hat man von der Regierungsspitze nicht schon darauf gedrängt, einmal die absurden Normen des Föderalismus beiseite zu lassen? Ist ja nicht so, dass man als Bundeskanzler gar kein Gewicht hat und Landesgesundheitspolitiker zu einem Krisenteam zusammen schweißen kann. Deutschlands Föderalismus ist noch viel ausgeprägter, Deutschland hat außerdem in vielen Bereichen eine Woche nach Österreich reagiert, war auch nicht so früh derart massiv betroffen wie wir – und war dennoch schneller damit, die wichtigste Gerätschaft zu ordern.

Klar, durch so eine Krise kommt niemand ohne Fehler. Aber das ist, nach dem Desaster in Tirol, jetzt schon der zweite Fehler, der sich als derart massiv herausstellen kann, dass man sich fragt, wie man den überhaupt begehen kann. Sebastian Kurz ist offensichtlich ziemlich gut darin, Pressekonferenzen zu bestreiten. Aber unter Leadership würde man sich als Bürgerin und Bürger in so einer Situation doch etwas anderes vorstellen.

5 Gedanken zu „Warum sich Österreich bei der Lieferung von Beatmungsgeräten jetzt hinten anstellen muss“

  1. Ohne Personal das diese beatmungsmaschinen bedient ist es fast nebensächlich wie wenig wir zukaufen können, lg eine intensivkrankenschwester

    1. Bin mir sicher, dass sie recht haben. Aber hätte man dafür nicht auch innerhalb eines Monats irgendwelche Lösungen entwickeln können, also was weiß ich: assistentenpflegpersonal, das intensivpflegepersonal einiges an arbeiten abnimmt, sodass dieses wieder mehr Ressourcen zur Verfügung hat. Ich bin da jetzt wirklich kein Spezialist, aber Spezialisten hätten dafür doch womöglich eine smarte Lösung entwickeln können…

  2. “ der Bundeskanzler nicht schon Anfang März hier zentral zu agieren begonnen hat “ naja , was verlangt man da von einem Maturanten, der zwar ein bisschen ins Aussenministerium hineinschnuppern durfte, aber sonst nur das “ Geilomobil “ als Eigenkreation vorzuweisen hat. Seuchen und Pandemien sind für Ihn Fremdworte aus dem Gesundheitsbereich, die Ihm nichts sagen. Die einzige im Politgeschehenin Wien, die zufälligerweise sogar in diesem Fachgebiet der Medizin ausgebildet ist, Pamela Rendi-Wagner ist in Oposition und kann daher ganz sicher nichts mitreden. Leider Leider . . . . ..

    1. Na kann man dann ENDLICH mit der Gebetsmühle Rendi Wagner aufhören? Sie ist ganz sicher NICHT die einzige Exoertin in diesem Bereich in Österreich. Und so weit ich weiss sind auch weder sue noch Sebastian Kurz Jesus – die wundersame Teilung der Beatmungsgeräte und der qualifizierten Pflegekräfte wurd also vermutlich mal nix.
      Was aber geht ist endlich mal geschlossen daheim zu bleiben und das Virus so weit es geht auszuhungern.
      Aber DAS is ja wieder zuviel verlangt (Donauinsel, Parks, Garagenparties…) und weil die heilige Kuh Wirtschaft dann über Nacht in die Steinzeit zurückfällt.
      Was man von Unterbehmen halten muss, die so wenige Rücklagen haben, dass sie nach 2-3 Wochen Stillstand in der unausweichlichen Pleite sind, ist eine andere Frage.

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