Der Sommer der Menschlichkeit

Vor fünf Jahren hat sich Österreich von seiner besten Seite gezeigt.

Man hört jetzt von den Fürsprechern der Hartherzigkeit, 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Ja, was denn eigentlich? Dass Wiener Familien syrischen Kindern am Westbahnhof Teddybären schenken? Als wären diese Tage, Nächte und Wochen der Hilfsbereitschaft nicht eine der größten Stunden von uns allen gewesen. 

Fünf Jahre ist das jetzt schon wieder her, dass tausende Kriegsflüchtlinge in Ungarn gestrandet waren und dann weiterreisen konnten, vor allem nach Österreich, Deutschland und Schweden. Vor allem die Bahnhöfe wurden Orte der Erstaufnahme, tausende Österreicherinnen und Österreicher haben die Menschen hier mit dem erstmal Nötigsten versorgt. Familien bekamen ein provisorisches Dach über den Kopf und viele unserer Landsleute halfen in ihrer Freizeit. Die einen brachten Hilfsgüter oder stellten einfach Wohnraum zur Verfügung. Freiwillige organisierten Deutschkurse. Rentner und Rentnerinnen halfen den Kindern in der Schule. Seit diesem Sommer der Menschlichkeit haben diese Freiwilligen Großartiges geleistet.

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Man liest oft von den Problemen mit der Integration, auch vom Scheitern der Angekommenen und auch von Kriminalität unter jungen Flüchtlingen. Und natürlich gibt es das auch: die haarsträubenden Verbrechen und die kleine, alltägliche Kleinkriminalität. Es ist aber ein bisschen zu üblich geworden, die Rückschläge zu betonen. Besonders perfide ist, wenn man jetzt hört, 2015 dürfe sich nicht wiederholen. Ja, was denn eigentlich? Dass Wiener Familien syrischen Kindern am Westbahnhof Teddybären schenken? Als wären diese Tage, Nächte und Wochen der Hilfsbereitschaft nicht eine der größten Stunden von uns allen gewesen.

Viele derer, die vor fünf Jahren erstmals die Grenze zu Österreich überschritten haben, können mittlerweile perfekt deutsch, viele junge Leute haben die Schule fertig, studieren oder haben das Studium sogar schon abgeschlossen. Etwas weniger als die Hälfte derer, die vom AMS in den Arbeitsmarkt integriert zu werden versuchten, haben mittlerweile einen Job. Damals haben wir gesagt, wir können zufrieden sein, wenn wir nach fünf Jahren so weit sind. Das haben wir erreicht. Zum Feiern ist das natürlich nichts: Das Glas ist halb voll und halb leer zugleich. Aber immerhin.

Die große Mehrheit hat einen Job, macht eine Ausbildung, geht zur Schule, oder sie kümmern sich um ihre Familie. All das funktioniert sehr viel besser als das mediale Bild meist vermittelt, das durch unsere Schlagzeilen-Kultur gezeichnet wird. Die allermeisten unserer Landsleute haben sich von ihrer besten Seite gezeigt: Wer Hilfe braucht, den treten wir nicht an der Grenze zurück. Dass unsere Regierung meint, wir können heute nicht einmal 100 Kinder und ihre Eltern aufnehmen, die in Flüchtlingslagern im Dreck vegetieren, ist zum Schämen.

Insider, September 2020

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