Tod in Venedig

David Graeber, Anthropologe, Intellektueller, Anarchist und Revolutionär ist überraschend mit nur 59 Jahren gestorben.

Die Zeit, September 2020

Wenn er mit seinem Gilet daherkam und seiner Ledertasche, ein bisschen die Beine schleifen ließ, den Kopf ein wenig nach vorne gebeugt und dabei immer dieses Lachen im Gesicht, da hatte er etwas von einem älter gewordenen Jungen, der viel jünger wirkte als er war. Und jetzt diese Schocknachricht: David Graeber ist überraschend gestorben, in Venedig. 59 Jahre wurde er alt. Eine Nachricht wie ein Hammerschlag.

Es gibt ja nicht viele Linksradikale, die den Linksradikalismus nicht zur Clownerie verkommen lassen, sondern ernst meinen, und die zugleich zu globalen Superstars und Bestsellerautoren werden. „Anarchist“ nannte er sich – oder wurde er genannt –, aber ob er wirklich einer war, das kann man diskutieren. Er war einfach der Meinung, dass Menschen ein solidarisches Miteinander pflegen und aufeinander achtgeben würden, wenn sie nicht in repressiven Strukturen eingepfercht wären – und er war überzeugt „dass Macht korrumpiert“. Anderen linken Strömungen oder gar Parteien fühlte er sich nicht richtig zugehörig, so war er vielleicht eher ein Anarchist mangels besserer Alternative. Aber so wichtig ist das auch nicht, das sind ja letztlich nur Labels.

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Er hatte noch etwas von dem Habitus früherer Revolutionäre und Intellektueller, die wichtigtuerische Aufgeblasenheit mancher akademischer Linker war seine Sache nicht, er war da viel bescheidener. Vielleicht hat das auch mit seinem Herkommen zu tun. Graeber wuchs in einer linken, jüdischen Arbeiterklassen-Familie auf, sein Vater kämpfte im Spanischen Bürgerkrieg.

Weltberühmt und zu einer Figur der internationalen Linken machte den US-amerikanischen Anthropologen, der seit Jahren in London lehrte, die Finanzkrise vor zehn Jahren, und zwar aus zweierlei Gründen.

Erstens: Sein Buch „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“ war ein Ereignis, und natürlich auch deswegen, weil zockende Banken, notleidende Kredite, Budgetdefizite von Staaten gerade das Thema der Stunde waren. Der Anthropologe Graeber zerlegte ein paar Mythen und blickte auf scheinbare Selbstverständlichkeiten mit einem neuen scharfen Blick. Sozialverhältnisse, die von Geld bestimmt werden, produzieren Gewalt, Entmenschlichung, Sklaverei. Zahlungsverhältnisse etablieren hierarchische Verhältnisse von Macht und Ohnmacht. Wo alle verschuldet sind, rennen viele nur mehr um das Überleben. Ursprungsmythen, wie sie die Ökonomie so liebt, wie das Märchen, dass frühere Gesellschaften einfach Gebrauchswerte tauschten, wischte Graeber vom Tisch: solche Gesellschaften gab es nie. Immer schon nützten Menschen Äquivalente zur Vereinfachung des Tausches. Geld aber – in Form von Banknoten und Münzen – war bis in die frühe Neuzeit sehr selten. Man brauchte nicht viel davon, wenn alle anschreiben ließen und höchstens zwei Mal im Jahr wechselseitig abrechneten. Graeber zeigte auch auf die moralischen Fragwürdigkeiten, die mit Schulden einher gehen. Bis heute meinen wir, ein Schuldner wäre irgendwie „moralisch verpflichtet“ seine Schulden zurück zu bezahlen. Aber warum überhaupt? Schließlich hat der Gläubiger ihm Geld geliehen, hofft auf eine Rendite – den Zins –, weiß aber zugleich um das Risiko des Kreditausfalls. Warum aber wird primär der Schuldner von uns mit moralischen Nachstellungen bedacht? „Ein herrliches und hilfreiches Buch“, eine „Befreiung“ feierte Frank Schirrmacher seinerzeit in der FAZ auf einer ganzen Seite das Buch, was nicht unwesentlich zu Graebers Ruhm hierzulande beitrug. Revolutionen, Kriege, Umstürze – fast immer haben sie mit Überschuldung zu tun. Natürlich konnte man gegenüber Graeber einwenden, dass Schuldverhältnisse in vormodernen Gesellschaften nicht mit dem Investmentkredit vergleichbar sind, der im Kapitalismus zu exponentiellen Wirtschaftswachstum führte. Über all das konnte man mit ihm herrlich diskutieren und dabei sprach er gefühlt fünfzehntausend Worte pro Minute in seinem New Yorker Arbeiterklassen-Akzent, was dem Gesprächspartner leicht die Ohren wackeln ließ.

Zweitens: Praktisch zeitgleich mit Erscheinen seines Buches gewann von New York City ausgehend die „Occupy Wall Street“-Bewegung an Fahrt, und man könnte formulieren, dass Graeber ihr herausragendes Gesicht wurde, wäre es nicht die hervorstechenste Eigenart dieser Bewegung, dass sie auf prominente Gesichter und herausgehobene Sprecher verzichtet hat. Der Aktivist Graeber warf sich ins Getümmel, unterstütze die Forderungen der Bewegung, organisierte Generalversammlungen, war der Fürsprecher ihres Menschenbildes – dass einfache, normale Menschen ihre Geschicke in die Hand nehmen können, in langen basisdemokratischen Prozeduren etwas in Gang setzen, eine Gesellschaft und sich selbst verändern können. Jenseits aller Apparate und etablierter politischer Kräfte. In dieser Basisbewegung sah er die Kraft, die sich den „Kamikaze-Kapitalismus“ (Graeber) entgegen setzen könnte. Sektierer war er dabei keiner. Von Bernie Sanders bis zu Corbyns-Labour-Party, konnte auch die institutionalisierte Linke auf seinen Support setzen.

Üblicherweise hat einer wie er keinen leichten Stand im Mainstream, der Abweichungen nur in homöopathischen Dosen verträgt oder wenn der „Querkopf“ wenigstens ein gut verwertbares Rebellen-Bild pflegt. Doch als Autor, Essayist und Wissenschaftler war Graeber ein immens origineller Kopf mit Witterung für Themen. Auf einen kleinen Magazin-Artikel über Jobs, die kein Mensch braucht, gab es so viele zustimmende Rückmeldungen (und Erfahrungs- und Leidensberichte), dass daraus Graebers letzter Bestseller wurde: „Bullshit-Jobs“. Graebers These: ein erheblicher Teil der White-Collar-Jobs, also der Angestelltenjobs von heute, ist völlig unnötig. Garnisonen von Private-Equity-Managern, Lobbyisten, Public-Relations-Leute, Unternehmensberater, Medien-Consultants, mittlere Angestellte, Broker, Rechtsanwälte, Kuratoren, Sales Manager, App-Programmierer haben Jobs, die völlig nutzlos sind, und das wissen die meisten sogar. Sie sitzen tagsüber viele Stunden in Besprechungen, in denen es nie um irgendetwas Bedeutendes, sondern nur um den Status innerhalb der Firma geht, und sie arbeiten an Dingen, die kein Mensch braucht. Für diese Entfremdung werden sie üblicherweise mit ordentlichem Einkommen belohnt, woraus sich in unserer Gesellschaft die Regel ergibt, „dass eine Arbeit umso schlechter bezahlt wird, je offensichtlicher sie anderen Menschen nützt.“ Die Abteilungen wichtiger Manager werden mit Angestellten aufgebläht (nicht weil die benötigt werden, sondern weil die Kopf-Zahl ein Indikator für die Wichtigkeit des Managers ist), während beim Pflegepersonal gespart wird. Natürlich wäre vorschnelle Kulturkritik unangebracht, wenn es ein Wirtschaftssystem schafft, mit nutzlosen Jobs Millionen Leute in die Lage zu versetzen, ihre Familie zu ernähren. Aber wenn Millionen Leute Dinge tun, die keinen Sinn haben, dann führt das zu moralischem und seelischem Elend – über das man noch nicht einmal sprechen darf.

Graeber wirkte immer ein wenig gemütlich und müde, dabei sauste er um die Welt, schlief wenig, hatte etwas ruheloses. Zwei mal hatten wir öffentliche Debatten, einmal in Freiburg, zuletzt in Wien. „Wir sehen uns wieder, wo immer auf der Welt“, lachten wir beim Abschied. Daraus wird jetzt nichts mehr.

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