„Schleich di, du Oaschloch“

Terror, nur Stunden vor dem Lockdown. Eine bizarre Koinzidenz.

taz, November 2020

In Wien war es am Montag für einen Novemberabend absurd warm mit knapp unter zwanzig Grad, zugleich waren es die allerletzten Stunden vor dem neuerlichen Lockdown, der um Null Uhr beginnen sollte. Tausende nützten die letzten Stunden noch, um in den Gastgärten ein paar Gläser zu trinken, bevor man sich wieder in wochenlange Isolation begibt. Das allein hatte schon die absurde Anmutung eines „letzten Walzers“ – vor allem angesichts der explosionsartigen Zunahme der Infektionen.

Währenddessen machte sich ein Attentäter (ein 20jähriger in Wien geborener IS-Fan mit österreichisch-mazedonischer Staatsbürgerschaft), bereit: Mit automatischer Waffe, Unmengen an Munition, einer Sprengstoff-Gürtel-Attrappe. Auf Feiernde wurde geschossen, auf Passanten, auf junge Leute, die vor den Kneipen eine Zigarette rauchten. Die Innenstadt Kriegs- und Sperrzone. Aus den anderen Gegenden der Stadt versuchten alle so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Verlassen Sie ihre Wohnungen nicht, so der Aufruf des Innenministers.

Diese absurde Kombination von Corona und Terror ist auch eine ebenso absurde Metapher auf unsere Zeit. Das Virus, der Terror – schon eines würde reichen, eine Gesellschaft und urbane Gemeinschaft einem immensen Stresstest auszusetzen.

Das eine verstärkt das andere: Das Grundgefühl, dass der urbane Raum, das „da draußen“, ein gefährlicher Ort ist. Und es addiert sich zu einem Gefühl der Überforderung.

Terror und die jihadistische Kriegserklärung gegen eine heterogene Gesellschaft der Freiheit erregen den spontanen, emotionalen Wunsch, gemeinsam aufzustehen, ein massives Zeichen zu setzen, sich aber damit als Gesellschaft auch wechselseitig psychisch zu stützen. In Zeiten der Ansteckung wird es das aber nicht geben können. Wie schrieb eine Wiener Journalistin auf Twitter? „Zusammenstehen nach Terroranschlag – isolieren wegen Lockdown. Es ist alles zu viel.“

Schöne Momente in all dem? Gab es auch. Zwei austrotürkische Jungs stürmten in Todesverachtung im Kugelhagel in die Gefahrenzone um einen schwer verletzten, angeschossenen Polizisten zu bergen. Ein Passant rief dem Attentäter im breitesten Wienerisch nach: „Oaschloch“, oder „Schleich di, du Oaschloch“ („Hau ab, du Arschloch“). Ganz genau ist das nicht zu hören, wird aber längst – ob völlig akkurat oder nicht – zur Parole des Tages in den sozialen Netzwerken.
Schleich di, du Oaschloch: Viel besser kann man den unverwüstlich-sturen Geist von Wien schwer einfangen als in dieser Wendung.

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