Der Steinzeit-Kanzler

Wer meint, es würde sich nichts ändern, wenn wir nichts ändern, der erzählt den Menschen ein Märchen.

Während das Klima Kapriolen schlägt und der ganzen Welt längst klar wird, dass wir schleunigst etwas unternehmen müssen, macht sich unser Bundeskanzler Sebastian Kurz dafür stark, dass alles so bleibt, wie es ist – dass wir nichts ändern, wir den Kopf in den Sand stecken. Das ist schon etwas bemerkenswert, denn schließlich handelt es sich bei unserem Bundeskanzler um einen jungen Mann knapp über Dreißig, aber im Kopf ist er offenbar uralt. Klima- und Umweltschutz, das wäre „zurück in die Steinzeit“, sagte er, dass wir wieder leben „wie im vergangenen Jahrhundert“.

Nun ja, schon im vergangenen Jahrhundert war die Steinzeit eine Zeitlang vorbei, aber wollen wir jetzt nicht pingelig sein.

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Wir sehen hier sowieso eine sehr komische Eigentümlichkeit von Konservativen. Eigentlich sind sie ja der Meinung, dass früher alles besser war – warum aber will er dann nicht ins vorige Jahrhundert zurück? Vor allem aber sind sie stets der Meinung, dass sich nie etwas ändern möge.

Das Problem ist nur: Es ändert sich sowieso alles. Zu glauben, man könne die Dinge unverändert lassen, der erliegt nur einer Phantasie. Man kann das gut am Autoverkehr sehen, der ja der Anlass für Sebastian Kurz‘ Wortmeldung war. In Wien waren im Jahr 1970 rund 300.000 Autos unterwegs, heute sind es mehr als 700.000. Das ist ja eine „Änderung“, und zwar eine erhebliche, die damit zu tun hat, dass die Menschen wohlhabender werden, dass mehr Menschen in Wien leben usw.

Es ist für jeden leicht verständlich, dass das eine „Änderung“ ist, die irgendwann an ihre Grenzen stößt: der Platz wird eng, wir müssten, wenn wir an dieser Dynamik nichts ändern, immer mehr Straßen bauen. Und hinzu kommt dann noch, dass wir immer mehr Benzin verfeuern und damit die Atmosphäre aufheizen, und dass immer mehr Asphaltwüsten entstehen, die die Hitze speichern und ihrerseits in die Atmosphäre abgeben. Ändern wir nichts, ändert sich also viel. Die Alternative dazu ist, den öffentlichen Verkehr so auszubauen, dass er für immer mehr Menschen attraktiv wird.

Das heißt ja nicht, dass gar niemand mehr mit dem Auto fahren soll. Aber dann werden wir alle so etwas wie einem Mobilitätsmix haben: Kurze, innerstädtische Wege mit dem Rad, mal auch ein wenig etwas zu Fuß, der Berufsverkehr wo immer möglich mit den Öffis, und dazu auch Wege mit dem Auto. Je nach Lebenslage wird das unterschiedlich sein: Wer in abgelegenen Gegenden ohne gute Anbindung lebt, wird mehr mit dem Auto fahren, wer schon gebrechlicher ist, ebenso. Wer den Terminplan von drei Kindern schaukeln muss, wird vielleicht ein paar Jahre verstärkt auf das Auto setzen.

Ja, wir müssen „verzichten“, aber das muss ja kein „Verzicht“ sein im Sinne von Verlust an Lebensqualität. Wenn wir die Heizungs- und Mobilitäts-Infrastruktur in Richtung erneuerbare Energien umbauen, wenn die Öffis super sind und viel weniger Menschen Privatautos haben, weil die Angebote für Carsharing bequem und billig sind, dann haben wir ja nichts verloren, sondern etwas gewonnen: Wir sparen uns Kosten, wir sparen uns Stress im Stau und wir benötigen weniger Parkplätze und können Bäume in den Straßen pflanzen, in denen sich jetzt die Hitze staut. Verzicht ist das keiner.

Aber wer glaubt, es würde sich nichts ändern, wenn wir nichts ändern, der erzählt den Menschen ein Märchen. Denn dann werden wir oder unsere Kinder die Quittung für das Nichtstun bekommen. Und das wird dann wirklich üble Auswirkungen auf die Lebensqualität haben.

Ein Gedanke zu „Der Steinzeit-Kanzler“

  1. Mein Beitrag aus Österreichischer Sicht:
    Unser Anteil wäre bei beispielhafter Umsetzung der Klimaziele wie die Beseitigung von einem Fliegenschiss am Stephansplatz

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