Hartes Pflaster, zarte Herzen

Favoriten wird gerne dargestellt, als wäre es das Gaza von Wien. Aber wie ist es wirklich? Eine Welt- und Zeitreise in den Zehnten.

Die Zeit, Juli 2021

„Die Gitta ist noch beim Bert Brecht auf dem Schoß gesessen“, erzählt Thomas. „Ja, der hat mich halt mögen“, sagt Gitta Tonka. Ihre Mutter Oswalda, die alle „Ossy“ nannten, hat nach dem Krieg im Theater Scala gearbeitet, wo auch Brecht ein paar Jahre inszenierte. Heute ist Gitta 68 Jahre alt, schaut aber noch immer mädchenhaft aus mit ihrem Pferdeschwanz und dem Lachen im Gesicht, wenn sie begeistert erzählt. Sie war Lehrerin, 17 Jahre lang dann sogar Volksschuldirektorin. Mitten in Favoriten, wo sie seit eh und je lebt.

Aber irgendwie ist Gitta Tonka auch eine paradigmatische Figur für den gigantischen Arbeiterbezirk Favoriten – denn wenn sie erzählt, dann blickt sie auf eine unglaubliche, 170jährige Familiengeschichte zurück, die sich in der Favoritner Arbeiterklasse und Arbeiterbewegung abspielt.

„Favoriten“, oder, wie die Wiener sagen, „der Zehnte“, der Bezirk steht heute oft in den Nachrichten – „wenn bei uns was umfallt, gibt’s eine Schlagzeile“, wie das ein Gesprächspartner formuliert. Mal gibt es kleine Randalen, Kriminalität und Handgreiflichkeiten, gelegentlich auch ethnische Konflikte – und auf den Titelblättern wird das Bild eines Gewaltbezirks gepinselt. Der Innenminister zeigt sich dann im Fernsehen „erschüttert“. Als wäre Favoriten die Bronx, oder gar das Gaza von Wien. Kurvt man dann durch die Straßen, sieht man Familien, die vor dem Tichy ihr Eis schlecken. Aber wie ist es wirklich in Favoriten?

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Gitta Tonkas Urgroßvater, Jakob Sokopp, kam in den 1870er Jahren nach Wien. 16 Jahre war er alt, als er seiner Mutter nachfuhr, die aus Böhmen nach Wien gezogen war, um hier das kleine Glück zu suchen. Metalldrucker lernte er, er war schon in der allerersten Generation der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften aktiv, lange bevor der legendäre Sozialistenführer Victor Adler die Arbeiter vereinigte. „Der 19jährige Jakob war sogar beim berühmten Neudörfler Parteitag dabei“, erzählt Gitta Tonka. Jakob Reumann, später der erste Bürgermeister des Roten Wien, war einer seiner engsten Freunde. Unter des Kaisers Despotie wurde Sokopp für ein paar Jahre aus Wien „verbannt“. Die Familie lebte in Elendsquartieren, bis sie in einer kleinen Wohnung mit Werkstatt in der Buchengasse 100 unterkam.

„Buchengasse 100. Geschichte einer Arbeiterfamilie“, heißt das Buch, das Gitta Tonka herausgab, es sind die Lebenserinnerungen ihrer Mutter Ossy Tonka. Zugleich ist ein phantastisches Porträt eines Arbeiterbezirkes, aber auch einer ganzen Lebenswelt.

Revolutionäre, Schutzbündler später, illegale Sozialisten, todesverachtende Konspirateure gegen die Nazis, sie alle gingen ein und aus in der Buchengasse 100. Verbotene Literatur lag unter den Matratzen, heimlich wurden ausländische Radiostationen gehört, ein dutzend Leute drängten sich in Zimmer und Kabinett bei geheimen Versammlungen. Ossy wird Kommunistin, betreibt Sabotage in der Fabrik, schlägt sich zu den Partisanen nach Jugoslawien durch, wird von den Nazis gefangen genommen, gefoltert, dann wieder von den Partisanen befreit, später macht sie einen Englischkurs in Cambridge, tippt für den Professor dort, Ludwig Wittgenstein des Namens, Manuskripte ab, und irgendwann landet sie bei Brecht in der Scala. Was für ein Leben.

Das ist die Welt von Gestern in Favoriten. Und heute? Das Haus in der Buchengasse 100 ist jetzt schön renoviert. Gründerzeitfassade, die immer schon eine Art Tarnung war, Außenherum-Eleganz, hinter der sich Arme-Leute-Wohnungen versteckten. Im Erdgeschoß ist ein Installateurbetrieb. Die heiße Junisonne brennt auf den Asphalt. In der engen Gasse kommen sich Radfahrer und Lieferwägen in die Quere. Durch den ganzen Bezirk zieht die Straße ihre Schneiße, von der Triesterstraße im Nordosten über die Laxenburger Straße bis in den Südwesten zum Laaer Berg.

In den Backsteinfabriken rund um die frühere Tonka-Wohnung sind Handwerksbetriebe eingezogen, Kindergärten, die Gebietsbetreuung, Softwareunternehmen, Musikproduzenten. Kurvt man einmal um die Ecke, kommt man in die Troststraße. Prinzess Kebap, Cafe Drahdiwabal, Espresso Edi heißen hier die Wirtshäuser und Bistros. Dazwischen Gemeindebauten, der Pernerstorfer-Hof etwa. Der Liedermacher Fritz Nussböck hat hier bis vor ein paar Jahren einen Uhrenladen gehabt. Mit Sigi Maron hat er legendäre Lieder geschrieben und gesungen. Auch der Troststraße hat er ein Denkmal gesetzt: „Trostlos-Strossn“. Ein anderer Song heißt: „Des Lem is hoart in Favoritn“.

Favoriten, eine Zeitreise und eine Weltreise. Im Norden, am Hauptbahnhof, entstand in den letzten Jahren eine ganze neue Stadt in der Stadt, das Sonnwendviertel, mit Bildungscampus, verkehrsberuhten Grünzonen, Baugruppen. Die gehobene und die mittlere Mittelschicht zieht zu, junge, gut ausgebildete Familien. Dazwischen die dicht bebauten städtischen Zinskasernen, die früheren Elendsquartiere von „Innerfavoriten“, in denen auch heute noch die Ärmsten wohnen, Migranten aus allen Ländern. Weiter im Süden dann die großen Gemeindebauten und noch weiter im Süden die Schrebergärten und Einfamilienhäuser.

Ein, zwei Straßenzüge und aus der Betonstadt und Asphaltwüste wird grüne Idylle.

Oben am Laaer Berg, im Wald schon, der Böhmische Prater. „Servas Bürgermeister“, ruft ein Gast aus dem Eiscafe. „Bürgermeister gibt’s hier kan, ich bin der Bezirksvorsteher“, lacht Marcus Franz. „Na, wir sind doch die drittgrößte Stadt von Österreich“, gibt der Gast zurück. Seit 2017 ist Marcus Franz „der Vorsteher“ von Favoriten, er ist von der SPÖ. Favoriten ist SPÖ, auch wenn die Freiheitlichen den Sozialdemokraten schon einmal gefährlich nahe kamen. „207.000 Menschen leben in Favoriten, das sind mehr als in Linz. Wären wir eine Stadt, wäre nur Wien und Graz größer.“ Das betont der jungenhafte Bezirksvorsteher gerne. Leutselig ist er, wie ein modernerer Peppone. „Vor 25 Jahren waren es noch nicht einmal 150.000, Favoriten wächst rasant.“ Das schafft Probleme, ganz unabhängig von dem hier dauernd präsenten Thema „Ausländer“. Weil überall gebaut wird. Weil es laut ist. Weil hier viele junge Leute leben und überall auf der Welt sind es eher die jungen Männer zwischen 15 und 25 Jahren, die Unfug machen. Weil es eng wird und Grünraum verschwindet.

Hier im Böhmischen Prater ist die Welt noch ein bisschen stehen geblieben. Die Heurigenlokale wie „Der Werkelmann“ schauen noch fast so aus wie vor 100 Jahren, viele sind seit Generationen im Eigentum der selben paar Schausteller- und Budenbetreiber-Familien.

„Wer neu in die Stadt kam und gar nichts hatte, der konnte sich am ehesten in Favoriten ein Zimmer leisten. Dadurch war das aber immer schon ein hartes Pflaster, nach Kreta traute sich keiner hinein“, erzählt Franz.

Kreta? Wie? Was? Wieso Kreta?

„So wird seit hundert Jahren das Viertel zwischen Laaer Berg und Simmering genannt, weil in Kreta damals der Aufstand der Griechen gegen die Türken tobte, da ging es auch brutal zu. Noch wie ich jung war, war klar: Mit den Kreta-Buam legst du dich nicht an.“ Gerade hat in „Kreta“ die „Central European University“ ihre temporäre Zentrale aufgeschlagen, die Universität von George Soros. „Das nächste große Problem wird neben der Armut die Gentrifizierung sein“, sagt Marcus Franz. „Der Norden wird aufgewertet und die ehemaligen Zinskasernen von Innerfavoriten werden Investorengebiet. Aber wo sollen die Menschen mit wenig Einkommen denn hin?“

Über Favoriten glauben viele Bescheid zu wissen – aus der Entfernung. Kommt man dem Bezirk nahe, wird alles viel unklarer. Hier gibt es Armut und Betonwüste und Lebensqualität und Wohlstand. Hier gibt es einheimische Trankler und Frühpensionisten, Eigenheimidylle, ausländische Jugendbanden und eine migrantische Mittelschicht, hier gibt es Heurigen und Spitzengastronomie, Eckwirten, den Tichy, die räudigen Puffs, das Anarcho- und Linksradikalen-Zentrum vom Ernst-Kirchweger-Haus, die globale Kunstszene in der Anker-Brotfabrik, die kleinen Krämer und die erfolgreichen Geschäftsleute. Einwanderer, die arm sind, und Einwanderer, die wohlsituiert sind, und Alteingesessene, die kaum über die Runden kommen.

Je genauer man schaut, umso unübersichtlicher wird das alles.

Die türkischstämmige Jungmännergruppen mit ihrer lauten und körperbetonten Raumnahme und die türkischstämmigen Gymnasiasten und Gymnasiastinnen, denen dieses Gehabe auch auf den Senkel geht. Österreichische Pensionisten, die sich schon Mittags an ihrem Bierglas in den Stehbeiseln am „Viktor Adler Markt“ festhalten, und türkische Unternehmer wie Sezai Özyer, der an diesem zentralen Markt von Favoriten Oberliga-Gastronomie einführte mit seinem Fischlokal. Frauen mit teuer zurecht gemachten Ober- und Unterlippen, Kids, die am Roller herumsausen, ein paar FPÖler, die Flugzettel verteilen und besseren Zeiten nachtrauern, als man mit HC Strache hier den Platz regelmäßig für Wahlkundgebungen füllte. Und in diesen dicht besiedelten Gegenden zwischen Adler-Markt, Quellenstraße, Gudrunstraße ist immer überall Hochbetrieb, das Gewurrle von Bombay ist hier näher als die Josefstadt.

Und wie überall wird das „Zusammenleben“ beschworen und wie überall in Städten, leben die Menschen natürlich nicht zusammen, sondern nebeneinander her.

Vom Böhmischen Prater geht es in die Löwygrube. Einst war das wie alles hier zwischen Laaer Berg und Wienerberg Ziegelgruben und Fabriken, wo die Ziegelarbeiter und „Sandler“ – die den Sand in die Ziegelformen füllten – ihre paar Kreuzer verdienten, die Untersten der Unterklasse. Die Leute arbeiten sich buchstäblich tot, um das Rohmaterial für Gründerzeitviertel und Ringstraße aus dem Boden zu holen.

Heute beginnt hier der Stadtwanderweg 7. Es geht malerische Weinberge entlang, durch Wohngebiete mit schicken Eigenheimen, bis nach Oberlaa, runter zum Liesingbach. Der Kurpark Oberlaa, der heute wild verwachsen ist. Viele Kilometer lang kann man hier durchs Grüne gehen und es wirkt mehr wie Wachau-Urlaub als nach Raub und Totschlag.

Was ist das Schönste hier, frage ich Mikail Özen. „Oberlaa“, antwortet der 26jährige wie aus der Pistole geschossen. „Hier bin ich gern.“ Scheu und vorsichtig blickt Mikail mit einem Lächeln, und das passt gar nicht zu seinen furchteinflößenden Kampfsportler-Muckies. Wir treffen uns im Restaurant Günay am Keplerplatz. Von außen sieht es ein bisschen wie eine Dönerbude aus, aber drinnen ist es ein prachtvolles Cafe, eine Art türkisches Cafe Central, mit hohen Räumen und Gemälden und Ornamenten.

Vergangenen November wurde Mikail mit einem Schlag weltberühmt. Als am 2. November im Bermuda-Dreieck ein islamistischer Terrorist wahllos Menschen ermordete, zeigte ein verwackeltes Handyvideo, wie Mikail mit seinem Freund Recep über den Schwedenplatz sprintete und robbte. Erst hielt man sie für Terroristen, aber dann stellte sich schnell heraus: Die beiden bargen einen schwerstverletzten Polizisten aus dem Kugelhagel, nachdem sie vorher eine alte Dame in Sicherheit brachten. Mit einem Mal waren sie die „Terror-Helden von Wien“. Die zwei wurden gefeiert, aber nach einiger Zeit wurde auch mokiert: Mikail ist doch auch so ein Straßenjunge, Kampfmaschine, Türken-Nationalist. Auf Instagram schrieb er später, ja, er habe auch Unsinn in seinem Leben gemacht, aber nach dem 2. November habe er erstmals in seinem Leben „Anerkennung gespürt“. Als hätte das Land, in dem er aufwuchs, ihn erstmals nicht als Fremdkörper angesehen, sondern etwas toll gefunden an ihm. „Wildfremde Passanten haben mich erkannt, und umarmt, trotz Corona, trotz Lockdown.“ Mikail hat ein wenig Tränen in den Augen, als er das erzählt. Mikail hat sicher auch Ansichten, die man nicht teilen muss und sicher schon Unfug gemacht und wurde dann doch im entscheidenden Moment zum Helden, und fühlt sich plötzlich mehr als Österreicher, weil er für die Österreicher jetzt plötzlich nicht mehr nur „der Türke“ ist.

Mikails Großvater kam in der ersten Gastarbeiter-Welle aus der Türkei nach Österreich, sein Vater war damals elf Jahre alt. Oben am Arthaberplatz ist Mikail aufgewachsen, „aber eigentlich überall hier in Favoriten. Heimat ist halt dort, wo man jeden Baum und jeden Stein kennt. Wenn ich ein Monat in der Türkei bin, hab ich Sehnsucht nach hier.“ In die Schule ging er in Meidling, „weil meine Eltern nicht wollten, dass ich in die Freundeskreise meines Bruders gerate“, erzählt er schmunzelnd. Erst Volksschule, dann Hauptschule. „Ich war eh gut in der Schule, Physik habe ich geliebt“, sagt er.

Man glaubt ihm das sofort, wenn er von seinem Beruf erzählt. Mikail hat Installateur gelernt und sich auf „Leckorter“ spezialisiert. Also, wenn wo Wasser oder Gas aus den Leitungen strömt, ist er Experte. „Meine Eltern hätten sich schon gewünscht, dass ich die Schule weiter mache, vielleicht Ingenieur werde.“ Aber bei den Jungs, die in den Käfigen Fußball spielen und durch die Straßen ziehen ist Schule nicht „cool“, Geld verdienen und auf eigenen Beinen stehen, das ist cool. Vom ersten Lohn kaufte er sich eine Mitgliedschaft im Kampfsportverein. Heute ist Mikail Mixed-Martial-Arts-Kämpfer und hat schon Championships gewonnen und er schaut furchteinflößend aus. „Als kleiner Junge war ich streitlustig“, sagt er. „Rocky Balboa hat mich inspiriert.“

Und wie sieht Mikail Favoriten? „Die letzten 10 Jahren haben den Bezirk ziemlich verändert. Auch wegen den vielen Flüchtlingen. Was heißt denn Integration? Dass man die Sprache kann, einen Beruf erlernt und sich an die Gesetze hält. Aber diese Jungs haben oft keine Perspektive. Sie brauchen eine Ausbildung. Es passieren schon wirklich paar oarge Sachen.“

Die nächste Generation ist „noch vielfältiger“, und das hat auch seine guten Seiten erzählt er. Man hört das auch in den Parks. Die Lingua Franca ist viel häufiger deutsch unter den Kindern als vor zehn, fünfzehn Jahren, weil es einfach die einzige Sprache ist, die sie alle sprechen, egal ob sie aus türkischen, serbischen, syrischen, afghanischen oder pakistanischen Familien kommen.

„Man fühlte sich schon unwohl am Reumann-Platz“, sagt auch Gitta Tonka. „Wenns dunkel war und uneinsehbar. Jetzt ist der neu gestaltet, da fühlt man sich besser.“ Als Volksschuldirektorin hat es sie geärgert, erzählt sie, wenn die neunjährigen Jungs sagten, die österreichische Fahne ist nicht ihre Fahne, die türkische Fahne ist ihre Fahne – obwohl sie längst österreichische Staatsbürger waren. „Und dann hast Streitereien in der Klasse, ob Mohammed besser als Jesus ist. Ich hab dann gesagt, wir gehören hier alle zusammen, Aus, Schluss!“

Tonkas Tochter, die Ur-Ur-Enkelin von Jakob Sokopp, trägt die Familienstaffel weiter und ist Pädagogin im Kindergarten, „die macht dann manchmal aus Spaß ‚Wienerisch für Ausländer‘ und übt mit den Kindern Worte wie ‚Hascherl‘ oder ‚Zwutschgerl‘“, lacht sie. „Dieser Kampfgeist, dieses Engagement, diese Liebe“, sagt Tonka, wenn sie über ihre Vorfahren spricht. Und dann ist sie ganz schnell wieder in der Jetztzeit und meint: „Wenn man ein paar Leute hat, dann kann man viel machen.“

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