Eine „gespaltene“ Gesellschaft?

Wir starren auf eine laute Minderheit von Schreihälsen – aber auch die Mehrheit hat Rechte.

Dieser Tage wird von allen Seiten die „gespaltene Gesellschaft“ beklagt und besonders putzig ist das, wenn das von denen kommt, die Tag und Nacht an der Spaltung der Gesellschaft arbeiten, weil eine gespaltene, erregte, erbitterte Gesellschaft ihre politische Geschäftsgrundlage ist.

Wir sollten sowieso nicht von der „Spaltung“ der Gesellschaft sprechen, denn das tut so, als stünden sich irgendwelche Pole gegenüber, die beide die Spaltung der Gesellschaft betreiben. Dabei sind auf der einen Seite ganz normale, verantwortungsvolle Bürger und Bürgerinnen, die die Pandemie gerne hinter sich hätten, die sich impfen lassen, um sich und ihre Nächsten zu schützen, aber auch, weil sie wissen, dass nur damit diese immer neuen Infektionswellen vermieden werden können. Weil sie wissen, dass sich diese Infektionswellen auf alle fürchterlich auswirken, etwa auf die überlasteten Beschäftigten in den Spitälern, aber auch auf alle anderen, die wieder in die Kurzarbeit Null müssen, auf die Kinder, die vereinsamen, die leiden, weil ihnen ihre sozialen Kontakte fehlen. Und auf der anderen Seite sind Leute, denen das einfach egal ist, die ja sämtliche (!) Anti-Pandemie-Maßnahmen sabotieren. „Spaltung“ klingt da nach geteilter Schuld. Die vernünftige Mehrheit sollte sich kein schlechtes Gewissen einreden lassen, als wäre sie auch irgendwie Mitschuld an der Spaltung, die Agitatoren und Ichsüchtige angerichtet haben.

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Außerdem ist die Gesellschaft gar nicht so gespalten. Mittlerweile sind 70 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft, dazu kommen noch die Kinder, die zum Großteil sowieso nicht in dieser Statistik mitgezählt werden können. Im Grunde ist das Verhältnis Achtzig zu Zwanzig. Wir haben eine Mehrheit, die immerzu Rücksicht auf die Minderheit nimmt, und eine Minderheit, die nie Rücksicht auf irgendetwas nimmt. „Spaltung“ ist dafür nicht das richtige Wort.

Das Problem ist nicht die Spaltung, sondern dass die Mehrheit von einer kleinen Minderheit terrorisiert wird, die von Übergeschnappten aufgehusst wurde, also selbst zu einem erheblichen Teil Opfer der Manipulateure ist. Das wirklich Heikle an der gegenwärtigen Situation ist, dass die Freiheit einer Minderheit normalerweise die Mehrheit nicht einschränkt, in diesem Fall die Ichsucht der Minderheit aber direkte freiheitseinschränkende Wirkungen auf die Mehrheit hat. Auch deswegen führte an der Impfpflicht jetzt kein guter Weg vorbei, da die schweigende Mehrheit mittlerweile ziemlich sauer auf die Minderheit ist, die sie jetzt wieder in einen Lockdown zwingt. In einer liberalen Demokratie muss man die Minderheit immer achten, aber es wird eine schwierige Balance, wenn das letztendlich auf die Missachtung der Interessen der großen Mehrheit hinausläuft.

Die Impfpflicht ist daher nichts anderes als eine Entscheidung zwischen zwei schlechten Alternativen, nämlich Infektionswellen ohne Ende auf der einen Seite und die Verpflichtung von Menschen, etwas zu tun, was sie nicht tun wollen auf der anderen Seite. Wir sollten nicht übersehen, dass es bei den Ungeimpften die gewissenlosen Agitatoren gibt und auch einfach dekadente Egoisten, die meinen, „mich wird es schon nicht treffen, und die anderen sind mir egal“, aber darüber hinaus auch Menschen, die wirklich Angst vor Impfungen haben. Kurzum, das ist kein homogener Block, sondern da sind auch viele liebe Leutchen drunter, die Empathie verdient haben.

Ein Gedanke zu „Eine „gespaltene“ Gesellschaft?“

  1. Ja, und ich wünschte, es würde endlich auf die Angst um die eigene Gesundheit und die anderer eine Phase der Zuversicht folgen, unterstützt von Politikern, die ihre pandemiebedingte Machtfülle wieder vollständig reduzieren. Mit der Einführung der Covid-Impfpflicht wird sich das aber – so ist zu fürchten – nicht machen lassen. Es laufen bereits Petitionen gegen sie.
    https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVII/SN/SN_02151/index.shtml#

    ISYKONSENS International
    Institut für Systemisches Konsensieren
    Tel.:+43 (0)650 3848592
    erich.visotschnig@sk-prinzip.at

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