Die kleinen Leute

Die arbeitenden Klassen halten all das aufrecht, was die Bedingungen unserer Existenz ausmacht, die Urbedingungen unseres Seins. Wo steht das Denkmal für die Krankenpflegerin, wo ist eine Straße benannt nach Ibrahim, den Briefträger?

Banksy, der berühmte Graffiti-Künstler, mit seiner neuesten, großartigen Arbeit.

Wenn die Welt verrückt spielt kann man sich gut in alte Bücher in andere Zeiten flüchten. So lese ich dieser Tage in der legendären „Weltbühne“, dieser berühmten Zeitschrift aus Berlin, die vor hundert Jahren ihre besten Zeiten hatte. Und da fand ich eine feine Kolumne des ebenso legendären Alfred Polgar. Der war ein Wiener Schriftsteller, Journalist und Glossenschreiber. In seiner Kolumne aus dem Jänner 1918 schrieb Polgar über „die kleinen Leute“. Der erste Weltkrieg war gerade zu Ende, Europa lag in Ruinen, die spanische Grippe wütete, die Monarchien wurden hinweggefegt und durch wackelige Demokratien ersetzt, in Österreich, in Deutschland. Dennoch ginge, schreibt Polgar, „das Leben seinen Gang weiter. Die Anständigkeit der kleinen Leute bewirkt solches Wunder.“ Der Hausmeister liegt auf den Knien und scheuert das Stiegenhaus, Straßenbahnfahrer, Rauchfangkehrer, alle tun weiter, als wäre nichts, „der Briefträger schleppt sein Postsäckchen treppauf, treppab“. Die kleinen Leute weiterlesen

Ein bescheidener Vorschlag zur Rettung von Unternehmen und Arbeitsplätzen

Kurz und Blümel haben weder Plan noch Konzept. Also wird es an der Opposition liegen müssen, funktionierende Maßnahmen zur Rettung von Unternehmen und Beschäftigten zu entwickeln. Ein 9-Punkte-Plan.

Ein Foto machte dieser Woche in den sozialen Medien die Runde: die Regierung im Kreis ihrer wirtschaftspolitischen Berater, allesamt Männer übrigens. Die Chefs der Wirtschaftsforschungsinstitute, also WIFO, IHS etc. Durchaus patente Ökonomen. Flankiert von neoliberalen Ideologen, wie Franz Schellhorn und dem Kremser Wirtschaftsprofessor Gottfried Haber, der immer gefragt ist, wenn die ÖVP irgendwo einen Posten mit jemanden zu besetzen hat, der nicht von der Parteilinie abweichen soll.

Man starrte dieses Bild an und es wurde einem Angst und Bang.

Während sich der deutsche Finanzminister Olaf Scholz mit den geballten ökonomischen Kapazitäten seines Landes und darüber hinaus umgibt und einen Stab auch unorthodoxer Denker zusammen stellt, die in einer nie dagewesenen Krise über nie dagewesene Maßnahmen nachdenken, wird die österreichische Regierung von  Schmalspurideologen umkreist. Dabei hätte gerade sie profunde Expertise nötig, macht der Finanzminister ja den Eindruck, dass das einzige Stück wirtschaftstheoretischer Fachliteratur, mit dem er sich je auseinander gesetzt hat, sein eigener Kontoauszug ist.

Das Konto hatte er, wie er einmal als besondere Qualifikation für seinen Beruf anführte, noch nie überzogen.

In solch einer Krise brauchst du die höchste makroökonomische Expertise am Tisch. Aber dazu auch noch ein paar mutige Denker, die Out-of-The-Box-Ideen ausbrüten, da bei Geschehnissen, die noch nie da waren der gängige Instrumentenkasten nicht ausreicht. Ich muss hier immer an Franklin D. Roosevelt denken, der im Zweiten Weltkrieg die amerikanische Wirtschaft auf Kriegswirtschaft umstellen musste und sich dann Leute wie John K. Galbraith holte, der geniale planwirtschaftliche Elemente entwickelte, weil in einer Ausnahmesituation der Markt sowieso noch weniger „regelt“ als er sonst regelt. Ein bescheidener Vorschlag zur Rettung von Unternehmen und Arbeitsplätzen weiterlesen

Die alten und die neuen arbeitenden Klassen

Industriekultur und Strukturwandel in den vergangenen fünfzig Jahren.

Politik und Kultur, Zeitschrift des deutschen Kulturrates, Mai 2020

„Misiks Buch ist ein rhetorischer Schutzschild für die ‚unteren Klassen'“ – Franz Schuh in „Die Zeit“

Kultur ist das, worauf wir aus einer historischen Distanz zurück blicken. Die „Kultur“ der Gegenwart ist meist zu amorph, zu widersprüchlich, zu ungeklärt, um sie auf einen Begriff zu bringen. In diesem Sinne ist auch der Begriff der „Industriekultur“ einer, der den Verdacht nahe legt, diese wäre Vergangenheit. In der Hochphase des industriellen Zeitalters mit seinen Bezugspunkten – Großfabrik, industrielle Arbeitsbeziehungen, Industrieproletariat als scheinbar relativ homogene Bevölkerungsgruppe –, hätte wohl kaum jemand von „Industriekultur“ gesprochen.

Der Begriff der Industriekultur evoziert auch eine Reihe von Vorannahmen: dass mit einer Produktionsweise und den mit ihr verbundenen sozialen Beziehungen auch eine „Kultur“ einher geht. Eine Lebenskultur etwa, aber auch ein Set an Gerechtigkeitsnormen und Werten, und auch eine materielle Kultur, etwa die Ästhetik der Fabriken. Große Backsteinkomplexe in den Städten, die heute entweder abgerissen sind oder einer anderen Verwendungsweise zugeführt, die großen Fabrikschlote, die Hochöfen in den Stahlwerken außerhalb der großen Städte usw.

Industriekultur ist daher auch etwas, was heute ausgestellt wird: in den Arbeitsweltmuseen, im Rahmen der Industrierouten. Industriekultur, das ist heute bisweilen „Industrial Porn“, verfallene Industrieruinen, die als coole Fotolocations taugen, oder „Industrial Design“, Vintageästhetik. Die alten und die neuen arbeitenden Klassen weiterlesen

Frivoles Gejammer

Manche haben extreme Existenzsorgen und psychische Belastungen, für viele ist der gegenwärtige Zustand aber nur unbequem. Manches am Lamento ist schwer auszuhalten. Der Standard, April 2020

Österreich hat insgesamt eine Zahl von 15.000 getesteten Corona-Erkrankten, wovon aber 12.000 schon wieder genesen sind. 3.000 sind im Augenblick infektiös und abgeklärt, das heißt, sie sind im Krankenhaus oder in Quarantäne. Verschiedene Studien aus unseren Nachbarländern legen nahe, dass die Dunkelziffer nicht sonderlich hoch sein sollte. Viel höher als ein Faktor 1:1 oder 1:2 dürfte diese Dunkelziffer nicht sein. Weder in Österreich noch in Deutschland kann man seriöserweise davon ausgehen, dass mehr als ein Prozent der Bevölkerung „durchseucht“ sind, also entweder jetzt, aktuell, infektuös oder genesen.

Wie man es also dreht oder wendet, es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass im Augenblick mehr als 8000 Menschen in Österreich infektiös und unerkannt sind, also herum laufen – im Gegenteil, das ist schon eine recht hoch geschätzte Zahl. Wahrscheinlich liegt die Zahl deutlich darunter. Das heißt: Wenn sie jetzt aus dem Haus gehen, und, beispielsweise, durch Wien spazieren, müssen sie lange gehen, bis die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass sie einer infektiösen Person begegnen. Statistisch gesehen ist es sehr grob geschätzt jeder tausendste. Und den sehen sie vielleicht auch nur von der gegenüberliegenden Straßenseite. Da die meisten von uns, auch wenn wir uns nicht täglich mit Fallzahlen beschäftigen, natürlich „irgendwie“ wissen, werden wir unvorsichtig, und manche sogar ungehalten: Wegen so einer rein theoretischen Gefahr wird das ganze Land lahm gelegt? Frivoles Gejammer weiterlesen

Erlebnis Pandemie

Skurril: Wenn die Horrornachrichten ausbleiben, haben Nachrichtenjunkies Entzugserscheinungen. Der rote Faden, meine Kolumne aus der taz.

Der Sensationalismus ist eine Gemütsauffassung, die Erlebnisse steigern will, egal welcher Art. Selten sagt man „jetzt ist es mal gut, jetzt gehe ich es wieder langsamer an“. Meist will man die Dosis steigern, um den Kick zu erhalten. Wir kennen das Steigerungskalkül beim Drogenkonsum, beim Sozial- und Liebesleben, beim Shopping. Es ist diese Gier nach „intensiven Erlebnissen“ oder der „Intensität des Spürens“. Daraus ergeben sich so manche Absurditäten.

Gäbe es diese Gier nach Intensität nicht, gäbe es, ich wette, weniger „Vorerkrankungen“, ein Wort, das wir heute wie selbstverständlich verwenden. Erlebnis Pandemie weiterlesen

Suppenhühner in Stahlgewittern

Der Theaterdirektor und das Virus: Frank Castorf wünschte sich zwar immer den Einbruch des Elementaren, aber unbequem darf es dabei nicht werden.

Wenn es zuviel Sicherheit und Routine gibt, dann wünschen sich manche Dichter und Intellektuelle, dass irgendetwas einbricht, was die Welt aus ihren Gleisen hebt. Sie sitzen in ihren gewärmten Stuben und träumen von einer Revolution, einer Katastrophe, was auch immer. Dass sich irgendetwas tut, das sie aus ihrem Ennui reißen könnte. Frank Castorf, der langjährige Chef der Berliner Volksbühne, hat deswegen immer gerne Ernst Jünger gelesen, dessen Erlebnisse aus den Schützengräben, und vor 25 Jahren hat er in einem Interview kundgetan, ihn fasziniere die „Sehnsucht nach Vitalität, nach Mut, nach Kraft, nach all den Sachen, die wahrscheinlich heute im rechtsradikalen Fundus zu finden sind“. Wir hingegen, so klagte der Theatermann, lebten bloß in der öden „Welt der Schmerztablette“ – die Schmerztablette als Metapher für den sedierten, sicheren Alltag, in dem wir jedes Wehwehchen gleich weg medikamentieren, Synonym einer Wattebausch-Realität, in der jeder seine Lebensversicherung hat und der Einbruch des Wüsten, des Ungeplanten nicht mehr vorgesehen ist. Er wünsche sich, sagte er, ein neues „Stahlgewitter“, oder eine „Apokalypse“, „dass viele Hunnen zu uns kommen oder der Amazonas über uns hereinbricht“.

Alles nur, um die Langeweile zu vertreiben. Natürlich war das nie mehr als wohlstandsverwahrloste Sehnsucht nach dem Elementaren. Kommt das Elementare dann einmal in die Nähe, ist es natürlich auch wieder nicht recht. Wie etwa in Gestalt eines Virus. Wahrscheinlich ist dieses Virus das, was dem Einbruch von Naturgewalten und der Apokalypse am Nächsten kommt, was diese Generation je erlebet haben wird. Erstmals wird der Alltag durcheinander gebracht, gibt es etwas, vor dem man ein bisschen Angst haben muss und in der die routinierten Checks-and-Balances nicht mehr funktionieren. Regierungen erlassen Kontaktbeschränkungen, das soziale Leben folgt neuen Regeln, Individuen adaptieren sich daran. Gewohnheiten und auch Usancen werden durcheinander gewirbelt, mit allen unschönen Begleiterscheinungen. Die einen sind rücksichtslos, die anderen werden panisch, wieder andere wollen das Verhalten ihrer Mitbürger kontrollieren, die einen sind hilfsbereit, die anderen werden egozentrisch.

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Man könnte das, aus der Perspektive des mit eisigen, zynischen, mikroskopischen Verstand beobachtenden Dichters auch als großes Gesellschaftsexperiment ansehen, bei dem man zwar um seine Bequemlichkeit gebracht ist, bei dem man aber auch studieren kann, wie Menschen reagieren, wenn mal ein bisschen das Elementare einbricht. Als etwas, das „interessant“ ist.

Aber jetzt jammert Castorf in einem „Spiegel“-Interview, dass die Maßnahmen zur Virusbekämpfung eine falsche, „gesellschaftliche Pflicht zur Rettung vor den Tod“ propagieren. Zugegeben, das passt noch in die Logik der Sehnsucht nach Menschenopfern, damit sich mal ein bisschen etwas tut und zu jüngerschem Antihumanismus mit „kaltem Herz“. Aber dann: Nichts als wohlfühlbürgerliches Lamento. Er erzählt, dass er sich „noch nie so beengt gefühlt habe“ in seinem Leben. Im Verkaufsladen werde er angehalten, den Mindestabstand einzuhalten wenn er gustiert, ob „ein Suppenhuhn oder ein Brathuhn“ auf den Teller komme. Auch wolle er sich nicht von staatlicher Seite empfehlen lassen, sich die Hände zu waschen.

Wenn uns einmal wirklich der Amazonas überschwemmt, will ich Frank Castorf nicht in meiner Nähe haben, der dann gleich zu heulen anfängt, dass das Leben ohne Suppenhuhn einfach keinen Spaß mehr macht.

Wenn Castorf die Nervosität von Kunden beim Biometzger schon den Tag verdrießt und wenn ihm eine Prise obrigkeitlicher Hygienepolitik derart auf die Nerven gehen, dann fragt man sich freilich, wie sich Castorf seine „Stahlgewitter“ und die elementaren Erlebnisse im Schützengraben einst ausgemalt hat. Als Schule der Freundlichkeit, des Altruismus und der sprichwörtlichen Prenzlauer Berger Lässigkeit? Beim Ansturm der Hunnen wäre es bei sanftpfötigen Kontaktregeln wohl nicht geblieben. Da wäre man für ein Brathuhn wohl erschossen oder geköpft, und nicht nur von einem überängstlichen Maskenträger angekeppelt worden.

Ehrlich, wenn uns einmal wirklich der Amazonas überschwemmt, will ich Frank Castorf nicht in meiner Nähe haben, der dann wahrscheinlich gleich zu heulen anfängt, dass das Leben ohne Suppenhuhn einfach keinen Spaß mehr macht.

Die Stunde der Solidarität

Mit dem Geist der Gemeinsamkeit sind wir gut durch die ersten acht Wochen Pandemie gekommen. Mehr wir, weniger Gier gilt auch für die Wirtschaftskrise.

Viele Menschen empfinden die gegenwärtige Situation als umbequem. Manche auch als extrem belastend, weil sie einsam oder mit kleinen Kindern seit Wochen eingesperrt sind. Oder weil sie arbeitslos geworden sind. Oder weil ihr Unternehmen am Rande des Ruins steht.

Aber es gibt nicht nur Negatives: Es gibt extrem viel Solidarität. Menschen helfen einander und organisieren sich im Alltag so, dass sie einander unter die Arme greifen können. Auf der Straße und beim Einkaufen gehen sich die Menschen beinahe zärtlich aus dem Weg. Das ist kein anti-soziales Distanzieren, sondern ein sehr achtsames. In den Parks spielen Menschen miteinander Fußball, aber nicht in den Gruppenformationen, die ein Ansteckungsrisiko bergen, sondern in Zweier- oder Dreiergruppen, um sich ein wenig zu bewegen. Dutzende machen das nebeneinander, mit Abstand, aber doch miteinander verbunden. Fliegt der Ball in die falsche Richtung, wirft man ihn sich wechselseitig zurück, mit ein paar netten Gesten oder freundlichen Worten, einem Danke, einem Bitte. Und es ist völlig egal, wo man geboren ist, oder wo die Eltern geboren sind. Die meisten befolgen all diese Regeln, und zwar nicht weil sie Angst vor Strafen haben. Alle, die hier leben, sind als Gemeinwesen verbunden. Wir haben – vorerst zumindest – geschafft, wovon man uns vorher eingeredet hat, dass das nur Diktaturen schaffen würden, die den Menschen Befehle geben können. Wir haben das auf demokratische, antiautoritäre Weise gemeinsam hingekriegt. Und klar gibt es Nörgler, die das alles nicht mehr akzeptieren wollen. Aber es sind nicht sehr viele.

Vor uns liegt aber jetzt auch die nächste Krise, die Wirtschaftskrise. Schon in den letzten Wochen wurden Milliarden Euro verloren. Das wäre noch nicht einmal besonders tragisch, wenn die Wirtschaft bald wieder völlig anspringen würde. Aber das wird nicht passieren. Viele Unternehmen werden pleite gehen, und die sind dann nicht mehr da. Freie Stellen werden rar sein. Viele, die jetzt in Kurzarbeit sind, werden noch ihren Job verlieren. Branchen, wie der Handel und die Gastronomie werden auch in sechs Monaten weniger einnehmen als vor der Krise – und auch das wird Arbeitsplätze kosten. Andere Branchen liegen ganz darnieder, vom Tourismus bis zu den Fluglinien, Flughäfen und damit verbundene Unternehmen. Auch in der Autoindustrie können ein Drittel der Jobs verloren gehen. Einfach, weil die ganze Welt in einer Wirtschaftskrise steckt und die Konsumenten weniger einkaufen. Die Stunde der Solidarität weiterlesen

So arbeitet der Tod

Es wird unterstellt, an Corona sterben vorwiegend Menschen, die „sowieso gestorben wären“. Ich hätte da eine Geschichte zu erzählen…

Mein Freund Thomas Strittmatter war zu Lebzeiten ein berühmter Mann – und heute ist er es irgendwie noch immer. In seiner Heimatstadt haben sie die Schule nach ihm benannt – das „Thomas-Strittmatter-Gymnasium“, und es gibt auch einen Literaturpreis, der seinen Namen trägt. Er war so ein Wunderkind, hat schon als Teenager alle großen deutschen Theaterpreise abgeräumt, mit dreißig hatte er alle deutschen Filmpreise ergattert (für seine Drehbücher). In den neunziger Jahren wohnten wir gemeinsam in Berlin, er hatte seine WG mit einem Kumpel ein Stockwerk über mir. In meiner Wohnung hatte er seine Schreibstube. Wir hatten uns das schön ausgemalt: Tagsüber Tür an Tür schreiben, sich Abends dann die Texte vorlesen. An seinem letzten Lebenstag gingen wir nach dem Tagwerk essen, danach in unsere Lieblingskneipe auf einen Grappa, später wollten wir uns mit Freunden den Rohschnitt seines jüngsten Filmes ansehen.

Als ich zu ihm dann in die Wohnung hinauf ging, lag er zwischen Klo und Duschkabine – bewusstlos, wie ich zuerst annahm. In Wiederbelebung war ich, wie sie sich denken können, kein großer Profi. Außerdem, versuchen sie einmal alleine einen bewußtlosen 100-Kilo-Mann über das Klo zu in stabile Seitenlage zu heben. Der Notarzt kam schnell, richtete eine Art Intensivstation ein. Nach 45 Minuten sagte er: „Wir konnten leider nichts mehr tun.“ So arbeitet der Tod weiterlesen

Sex gibt es nur mit Antikörpern…!

Im Herbst sind wir alle im Privatkonkurs, aber das wird sicher auch ein schönes Gemeinschaftserlebnis. Splitter in Zeiten von Corona.

Sitze daheim, schreibe, lese, esse Schokolade, starre ins Internet und versuche Sozialkontakte zu vermeiden. Mein Leben ist also weitgehend unverändert.

Natürlich war die Pest auch schlimm, aber immerhin gab es damals noch keine Social Media.

Es ist generell eine Schwierigkeit, gelassen zu analysieren, was da alles noch auf uns zukommen kann, wenn man nicht weiß, ob man noch dabei ist, wenn das alles auf uns zukommt…

Während der großen Krise der siebziger Jahre führten wir „Energieferien“ ein, die danach nie wieder abgeschafft wurden. Ältere Herrschaften nennen sie immer noch „Energieferien“, aber kaum jemand versteht mehr wieso. Sie dauern eine Woche im Februar. Ob auch die „Coronaferien“ bleiben, so von März bis Anfang Juli?

Womöglich wäre es eine raffinierte Geschäftsidee, an den Börsen auf den Untergang des Kapitalismus zu wetten. Der Nachteil: Im Erfolgsfalle wäre wohl niemand mehr da, der dann den Gewinn auszahlt.

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Ob man im Herbst als uncool oder Spießer gilt, wenn man nicht im Privatkonkurs ist?

Demnächst wird man sich vor einem Date, das auf Körperlichkeit abzielt, den Nachweis von Antikörpern vorlegen lassen.

Viele bestehen bei der Pandemiebekämpfung auf Datenschutz und unterstreichen diese Haltung durch entschlossene Postings auf Facebook !

Die Regierung stiftet den Eli-Köstinger-Lyrik-Preis für den, der das schönste Gedicht auf unseren Kanzler, Beschützer und Retter schreibt. In der Jury sitzen Mahrer, Mahrer und Mahrer Sex gibt es nur mit Antikörpern…! weiterlesen

Ist ja egal, ob Du heute oder in zehn Jahren stirbst…

In meinem Onlinetagebuch auf A&W rücke ich heute ein bisschen die Dimensionen zurecht. Menschen ersticken, kämpfen um ihr Leben, ÄrztInnen und PflegerInnen geben grad alles, oft rund um die Uhr, ohne Pause in Anzügen wie Raumfahrer – und auf der anderen Seite jammern manche von uns darüber, wie unbequem unser Leben geworden ist und dass wir das nicht mehr aushalten. Ich halte ja eher diese Frivolität nicht gut aus…

Ein Staat, der Bürger wie unmündige Kinder behandelt

Diese ganze Krise hat unsere Gewohnheiten umgeworfen und uns auch innerlich verunsichert. Wer erleben einen Kontrollverlust. Wenn wir das Haus verlassen spüren wir eine innere Unruhe. Vorsichtig, fast wie Diebe schleichen wir herum, weil wir wissen, dass da eine Gefahr ist, die unsichtbar ist. Um Passanten machen wir einen Bogen, aber wir gehen uns sehr achtsam aus dem Weg, fast zärtlich. „Soziale Distanzierung“ heißt das jetzt, aber das ist ein dummes Wort, weil es eigentlich „physische Distanzierung“ heißen sollte, da wir uns sozial sogar näher sind als normal. Denn es ist jetzt nötiger denn je: sich in die Anderen einzufühlen. Sich zu helfen, zu unterstützen. Wir sind auch staatlichen Regeln unterworfen, die massiv in unsere Selbstbestimmung eingreifen. Auch das hat einen Effekt psychischer Irritation, weil wir es spontan einmal ablehnen, bevormundet zu werden, und zugleich wissen, dass diese Eingriffe in den Alltag richtig sind.

Die Regierung, die nicht alles falsch macht, macht auch viel nicht richtig. Sie kommuniziert mit Bürgerinnen und Bürgern, als wären die unmündige, infantile Kleinkinder. Sie lobt, erklärt uns, dass sie stolz auf uns sei, weil wir so brav sind. Schimpft aber auch mit denen, die schlimm sind, zu denen kommt der böse Nehammer. Vielleicht wäre es besser, mit Bürgern und Bürgerinnen wie mit intelligenten Lebewesen zu sprechen, und nicht im Stil strenger Kindergartenpädagogik der fünfziger Jahre. Ein Staat, der Bürger wie unmündige Kinder behandelt weiterlesen

Vom Geben und vom Nehmen

Die Reichen werden reicher, alle anderen haben immer mehr Stress. Arbeit wird hoch besteuert, Erbschaften gar nicht. Zwei kommen in die Intensivstation, aber nur für eine von ihnen gibt es ein Beatmungsgerät. Pflegerinnen werden mit Peanuts abgespeist, Broker zählen im Homeoffice ihre Millionen. Alles ungerecht. Aber was genau wäre gerechter? Gerechtigkeitsnormen in Krisenzeiten.

Arbeit & Wirtschaft, Onlinemagazin von AK und ÖGB. 

Als die Corona-Krise in Österreich zu ersten Panikkäufen führte, machten ein paar Scherzbolde folgenden Witz: Die reichsten 10 Prozent der Österreicher haben beinahe 56 Prozent aller Klopapierrollen gehortet. Für die ärmere Hälfte der Bevölkerung bleibt nichts anderes, als sich um vier Prozent der Klopapierrollen zu raufen. Und in Wirklichkeit ist alles noch schlimmer, wegen der Dunkelziffer auf der Toilette. Schätzungen zufolge verfüge das reichste Top-1-Prozent über 40 Prozent aller Klopapierrollen.

Ziemlich genau so ist die Reichtumsverteilung in Österreich. Nur nicht in Klopapierrollen, sondern in Finanz-, in Immobilienvermögen und Fabrikanlagen.
Die Reichen werden reicher. Die Reichsten werden sehr viel reicher. Und die allermeisten werden es nicht. Während die einen nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, hat ein Großteil der Bürgerinnen und Bürger überhaupt kein Vermögen. Sie sind von ihren Einkommen abhängig. Und auch bei denen sieht es nicht rosig aus. Vom Geben und vom Nehmen weiterlesen