Pech beim Denken

Manche äußern laut die Meinung, dass man seine Meinung nicht mehr laut sagen dürfe. Über größere und kleinere Unfälle beim Meinungshaben.

Manche Leute haben, wie man so schön sagt, einfach Pech beim Denken, soll heißen, der gutgemeinte Versuch endet leicht in einem Unfall. In einer durchmedialisierten Gesellschaft kann man vielen Leuten dabei in Echtzeit zusehen, das macht die Sache unschön.

Ein paar berühmte Schauspieler und Schauspielerinnen haben jüngst eine Videokampagne gegen die Anti-Seuchenmaßnahmen gestartet, über die Motive der Einzelnen, dabei mitzumachen, kann man nur mutmaßen, es ist wahrscheinlich, dass sie je nach Person auch variieren. Gewiss gibt es an der Art, wie wir uns im vergangenen Jahr in dieser plötzlichen Seltsamkeit verhalten haben, auch vieles, was man satirisch aufspießen kann. Aber die meisten Videos zeigten gutsituierte Menschen, denen in ihren Altbauwohnungen und Villen einfach etwas langweilig ist, und die in ihrer Selbstsucht und wohlstandsverwahrlosten Egomanie nur um sich und ihr vergleichsweise kleines Unbill kreisen. Es ist zum Großteil nicht lustig, sondern peinlich. Gut, dass sie normalerweise die Texte schlauerer Drehbuchautoren aufsagen.

Pech beim Denken hatte auch ein ÖVP-Abgeordneter, der vorrechnete, dass die Aufstockung von Intensivbetten nichts brächte, da auf Intensivstationen ein Drittel der Menschen sterbe, woraus er ableitete, dass mehr Intensivbetten automatisch zu mehr Toten führen würden. Wahrscheinlich wollte er uns sagen, dass man Menschenleben eher rettet, wenn man Infektionen und damit Belegung auf Intensivstationen schon prophylaktisch reduziere. Es ist ihm halt nur nicht so gut gelungen. Pech beim Denken weiterlesen

Wie wir heute leben

Der Andere ist mit einem Verdacht umgeben. Nichts beschreibt die Verrücktheit der vergangenen 15 Monate besser als der Begriff „Risikobegegnung“.

Jetzt im Buchhandel: „Die neue (Ab)Normalität“, Picus-Verlag, 160 Seiten

„Ich vermisse den Austausch jenseits der eigenen Blase“, sagt Florian. „Diese banalen Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen im Sozialraum etwa“, Leute, mit denen man nicht so viel zu tun hat, mit denen man aber „noch fünf Minuten über das Leben quatscht.“ Ein Lehrer berichtet, „viele informieren sich gar nicht“, wer Masken trage, werde „im Lehrerzimmer gemobbt oder ausgelacht“. Ein junger Mann, dessen Lebenspläne sich in diesem Jahr in Luft aufgelöst haben, schildert, dass er emotional „so mit mir selbst beschäftigt“ sei, dass er die Emotionen und Sorgen Anderer zwar verstehen, aber nur bedingt wahrnehmen könne. Eine junge Frau, der es ähnlich ging und die wieder bei ihren Eltern eingezogen war: „Ich sah zu, wie die Welt um mich auseinanderfiel, aber ich konnte nichts dagegen tun.“ Eine Supermarktkassiererin aus Ischgl in Tirol beschreibt, wie ihre Kleinstadt plötzlich in die Schlagzeilen geriet, man sie aber über nichts informierte, wie man plötzlich im Job Todesangst hatte und rundherum die Bekannten und Verwandten erkrankten und viele auch verstarben.

Es sind diese Geschichten und Erfahrungen, jenseits und unterhalb der Metaebene der Schlagzeilen, die dieses Jahr prägten, die den Alltag der Menschen beschreiben – die „Neue (Ab-)Normalität“, das Leben in der „pandemischen Gesellschaft“.

Sorge, zunächst der Schock, das disziplinierte Mitmachen bei den Antiseuchen-Maßnahmen, danach die Mühen der Ebene, die Dauer und die Routine. Ausnahmezustand ist etwas anderes, wenn er eine knappe Zeitspanne umfasst, und wieder etwas anderes, wenn er auf Dauer gestellt wird. Ermüdung macht sich breit. Gereiztheit. Die Menschen sind Pandemiemüde, nur bloß das Virus ist es leider nicht. Wie wir heute leben weiterlesen

Michael Häupl: „Jeder Mensch hat das Recht auf ein gutes Leben“

So wie es zwei Päpste gibt, gibt es in Wien „zwei Bürgermeister“. Den amtierenden Bürgermeister Michael Ludwig, und den unverändert ebenso populären Ex-Bürgermeister Michael Häupl. Häupl, der 24 Jahre der Stadt vorgestanden war, hat sich – nach einer überstandenen schweren Krankheit, die ihn sogar drei Wochen auf die Intensivstation brachte – eine neue große Aufgabe gefunden: Als Präsident der Volkshilfe in Wien widmet er sich der ureigenen Aufgabe der Sozialdemokratie, nämlich Armut und bittere Not und Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. „Am Ende geht es um den Einzelnen“, sagt er. In einem umfassenden, launigen Gespräch von beinahe eineinhalb Stunden durfte ich mit Michael Häupl in Bruno Kreiskys Wohnzimmer über die Fehler der Bundesregierung bei der Pandemiebekämpfung sprechen, den türkisen Dauerpopulismus und das Unvermögen des grünen Regierungspartners, hier wirklich dagegen zu halten. Aber auch über Probleme der Sozialdemokratie spricht Häupl offen: Die Sozialdemokratie wird immer viele verschiedene Haltungen vereinigen und unterschiedliche Milieus umfassen, das ist ihre Stärke. Aber: „Sie spricht nicht wie die Leute.“ Es ist nicht das Problem, dass die Sozialdemokratie eine Allianz aus neuen urbanen Mittelschichten und den arbeitenden Klassen ist – das war sie immer schon, das ist das Geheimnis ihres Erfolges –, sondern dass sie in ihrer Rhetorik dem politisch-technokratischen Slang angenommen hat. „Wirklich schwierig wird es, wenn Menschen aus einer Lebenswirklichkeit kommen und diese absolutieren. Wenn man nicht begreift und annimmt, dass es auch andere Lebenswirklichkeiten gibt und man die verstehen muss.“ Sozialdemokratische Funktionäre müssen diese Lebenswirklichkeiten verstehen und auch die Instinkte und Werte der Menschen, vom Fabrikarbeiter bis zur Verkäuferin bis zum Beschäftigten bei der Müllabfuhr in einer kleinen Gemeinde am Land. Es gibt schon Funktionäre, so Häupl, „die relativ selten solchen Leuten begegnen“.

Ein Herz für die normalen Menschen

Staatsbeteiligungen sind üblich und oft sehr sinnvoll. Gerade wenn es um die Rettung von Firmen und Jobs geht.

15 Monate Corona-Krise haben für viele Unternehmen Betriebsschließungen gebracht, für andere einen herben Umsatzausfall und ganz generell in vielen Branchen einen Rückgang des Konsums. Viele Menschen können weniger ausgeben, weil sie arbeitslos sind oder Einkommenseinbußen hatten, andere wiederum geben „freiwillig“ weniger aus, weil sie aus Vorsicht mehr Geld zur Seite legen oder weil Urlaub nicht möglich ist oder auch weil Einkaufen keinen Spaß macht. Von einer verrückt hohen „Sparquote“ sprechen Ökonomen.

All das zusammen führt dazu, dass viele Unternehmen am Rande der Pleite sind. Andere Unternehmen machen fette Geschäfte, aber der normale Anstieg der Produktivität führt dazu, dass sie ganze Produktionsstandorte dicht machen.

Was wir also etwas verallgemeinert „die Krise“ nennen, hat verschiedene Erscheinungen, für den Wirten ist die Sache eine andere als für das Friseurgeschäft, und für die mittelständische Firma etwas anderes als für den Multi. Manche Unternehmen haben arge Kapitalknappheit, manche „nur“ rote Zahlen im laufenden Geschäft. Andere wiederum schwimmen im Geld, sind aber gierig.

Die Summe von all dessen: Es sind viele Arbeitsplätze in Gefahr und es muss um jeden einzelnen gekämpft werden.

In Einzelfällen können wir das gut verfolgen, wie jetzt bei dem Kampf um den MAN-Standort in Steyr, wo es einfach für einen LKW-Multi darum geht, noch produktiver zu werden und noch billiger zu produzieren, und ein Industrieller einen „Rettungsplan“ vorlegte, der den Beschäftigten niedrigere Löhne beschert, vor allem aber beinahe tausend Jobs im Werk gekostet hätte. Gewerkschaften, die Betriebsräte, die SPÖ-Landesvorsitzende stehen hinter der Belegschaft, es wird juristischer Beistand in den Verhandlungen geleistet, damit die Beschäftigten nicht über den Tisch gezogen werden, die Parteichefin Pamela Rendi-Wagner war von Beginn an in Steyr auf der Straße und vor den Werkstoren dabei. Man sieht da schon, wer letztendlich für jeden einzelnen Arbeitsplatz kämpft und für Löhne, von denen man leben kann. Es sind selten die, die bei geheimen Frühstücken im Nobelhotel bei den Geldleuten die Hand aufhalten für Parteispenden. Ein Herz für die normalen Menschen weiterlesen

Die dreiste Lüge in der Politik

taz, der Rote Faden. April 2021

Ich erwarte keineswegs, dass Politiker und Politikerinnen immer die Wahrheit sagen. Damit meine ich nicht, dass ich hohe Amtspersonen für moralisch verkommen oder grundsätzlich für unehrlich halte. Ich meine nur, dass sie nicht immer die Wahrheit sagen können und dass das schon okay ist so. Denn vollkommene Ehrlichkeit kann negative Folgen haben. Wenn eine Bank oder ein Land finanziell konkursgefährdet sind, würde ein offenes, schonungslos realistisches Wort dazu führen, dass der Konkurs, der bis dahin nur eine Möglichkeit war, mit ziemlicher Sicherheit eintritt. Die „Wahrheit“ selbst hätte böse Effekte. Es ist ganz verständlich, dass man nicht in jeder Funktion alles sagen kann.

Wenn Politiker und Politikerinnen im Hintergrund in zähen Gesprächen Koalitionskonflikte zu beruhigen versuchen, werden sie gut daran tun, über diese Hintergrundgespräche zu schweigen oder, wenn sie auf diese angesprochen werden, irgendwie ausweichend herumzuschwurbeln.

Es ist dann vielleicht nicht okay völlig wahrheitswidrig zu lügen, aber es kann sehr wohl okay sein, nicht die ganze Wahrheit zu sagen.

Gewiss balanciere ich mit dieser Aussage auf sehr dünnem Eis. Berüchtigt ist die seinerzeitige Aussage des damaligen Innenministers Thomas de Maiziere, der – es ging um Terrorgefahr – meinte, ein Teil der „Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“. Sicherlich war diese Aussage noch einmal speziell blöde, da gerade diese Antwort die Bevölkerung besonders verunsicherte. Aber abgesehen davon: Wer entscheidet, mit welchen Antworten wir als Bürger und Bürgerinnen noch umgehen können, welche man aber von uns fern halten müsse? Aber zugleich ist natürlich auch wahr, dass „Verunsicherung“, wenn sie etwa zu Massenpanik führt, im Extremfall sogar gefährlicher sein kann als die Gefährdung selbst, über die man uns im Unklaren lässt. Die dreiste Lüge in der Politik weiterlesen

Revolte gegen die Angst

Die Steyrer MAN-Belegschaft fegt ein schmerzhaftes Rettungskonzept vom Tisch. Harakiri? Oder ein längst überfälliger Aufstand der Würde?

Die Zeit, April 2021

Weithin sichtbar steht das MAN-Logo über dem Werk im Südosten von Steyr. Vor ein paar Monaten flatterte hier ein Transparent mit einem großen Fragezeichen auf dem Turm, bis es der Werkschutz herunterholte. Nur einen Steinwurf entfernt beginnt der Stadtteil, der als „Arbeitersiedlung“ bekannt ist, vom Werkspatron Josef Werndl in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtet. „Arbeiterstraße“, „Karl-Marx-Straße“ oder „Viktor-Adler-Straße“ heißen da die Gassen, die sich kreuzen. Und über dem Panorama thront, oben auf einem Hügel, die „Villa Werndl“, als Machtarchitektur des frühen Industriezeitalters.

Vergangenen Freitag zerriss plötzlich ein wildes Hupkonzert die Routine. Die Arbeiter kamen zusammen, tröteten mit allen fertig montierten LKWs. Stolz, Trotz und sogar Euphorie machte sich breit. Einzelne klopften sich auf die Schulter, denn man hatte gezeigt, dass man sich „nicht alles gefallen lässt“, wie das einer formuliert.

Ein Panorama, das schon wichtige Aspekte dieser Geschichte erzählt, einer Geschichte von Macht und Arroganz, aber auch von Aufmüpfigkeit. Und von Angst und Unsicherheit.

63 Prozent der Arbeiter und Angestellten des MAN-Werks in Steyr haben vergangene Woche den Übernahmeplan des Industriellen Siegfried „Sigi“ Wolf verworfen, des gut vernetzten einstigen Magna-Chefs. MAN will den Standort schließen, Wolf hat einen Rettungsplan präsentiert. Rundherum wurde genug medial getrommelt, man kennt das: dass die Übernahme „alternativlos“ sei, Wolf der rettende, weiße Ritter. Und dennoch haben die Beschäftigten den Plan weggefegt.

„Die trauen sich aber was“, war da die staunende Reaktion mancher. Auch in Steyr selbst gab es genügend Stimmen, die meinten, wie das ein Gesprächspartner formuliert: „Mir ist der Spatz in der Hand lieber als die Taube auf dem Dach.“

„Der Steyrer Arbeiter ist ein Stolzer“, sagt Ernst Schönberger. Der 67jährige schiebt das so raus, mit seiner rauchigen Stimme. Bis vor ein paar Jahren war Schönberger Betriebsrat bei MAN, er hat die Geschichte der letzten fünfzig Jahre mitgemacht. Schönberger hat da viel zu erzählen. „Es geht ja um Existenzen.“ Es ist eine Geschichte, in der Emotionen eine Rolle spielen, aber auch wirtschaftliche Fakten und die Details des Konzepts, das Wolf vorlegte und hinzu kommt noch eine eher grob missglückte Dynamik, seitdem MAN ankündigte, den Standort schließen zu wollen.

Das Wolf-Konzept sah vor, dass das Unternehmen künftig für den russischen LKW-Konzern Gaz, aber auch weiter für MAN produzieren und billiger zuliefern sollte. Die Beschäftigten hätten dabei auf rund 15 Prozent ihres Netto-Lohnes verzichten sollen. Je nach Zulagen und Überstunden kann das aber auch mehr sein. Rund 2400 Beschäftigte malochen in dem Werk, Wolf wollte mit knapp tausend weniger auskommen. Rund 2500 Euro netto verdient ein Arbeiter oder eine Arbeiterin am Band durchschnittlich. Sie wären auf etwa 2100 Euro runtergefallen. Kann man da überhaupt zustimmen?

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Helmut Elmer ist Arbeiterbetriebsrat und seit Freitag der Betriebsratsvorsitzende von MAN. Sein Vorgänger, längst im Pensionsalter, hatte bis zur Abstimmung noch weiter gemacht und dann vergangenen Donnerstag sein Amt niedergelegt. Elmer lacht, weil er gerade viel zu erklären hat, ob denn das Votum der Kolleginnen und Kollegen jetzt bewundernswert mutig oder arg riskant gewesen sei. „Da kommt ein Investor, sagt, ich kürze Euch das Einkommen, ich hau fast die Hälfte von Euch raus und ich sag außerdem nicht dazu, wer von Euch betroffen sein wird – ist es da so verwunderlich, wenn die Leute sagen, so geht es aber nicht?“ Klar, man verdiene nicht schlecht bei MAN, aber „die Arbeiter sind im Dreischichtbetrieb und gute Facharbeiter, die gefragt sind.“ Revolte gegen die Angst weiterlesen

Gute Politik – zu viel verlangt?

Was jetzt getan werden müsste, liegt auf der Hand. Wir sollten es täglich einfordern.

Wir sind gestraft mit einer türkis geführten Regierung, die nur mehr im Selbstverteidigungsmodus ist, die im Skandalsumpf untergeht, die aber auch sonst in diesem Jahr mehr falsch als richtig gemacht hat. Die in der Pandemiebekämpfung fast immer zu wenig und zu spät machte, die bei der Impfstoffbeschaffung schlampte, die bei den Wirtschaftshilfen ein bürokratische Chaos anrichtete und die bei den Hilfen für die einfachen Leute knauserte. Diese Versagertruppe ist eine Plage. Man könnte sich täglich die Finger wundschreiben.

Hat die Kritik aber ihre volle Berechtigung, so ist sie noch keine Lösung. Wie wunderbar wäre das, wenn wir eine politische Führung hätten, oder auch nur eine kraftvolle Opposition, die auf den Sprung wäre, die Regierung abzulösen die

+ bei der Pandemiebekämpfung auf die Fakten schaut und auf die Experten hört. Denn eines ist fix: Es gibt nicht die Alternative, entweder die Wirtschaft am Laufen zu halten oder die Pandemie zu bekämpfen. Das ist kein Entweder/Oder, das geht nur gemeinsam. Hohe Infektionszahlen führen automatisch dazu, dass wir länger in einem Ausnahmezustand bleiben, bei dem viele Menschen sterben oder schwer krank werden und zugleich die Wirtschaft leidet und Arbeitsplätze verloren gehen. Wir bräuchten eine Regierung, die hier vernünftig vorgeht, einen Plan hat und auch in der Lage ist, die Menschen von diesem vernünftigen Plan zu überzeugen und sie zum Mittun zu bewegen. Jetzt noch einmal ein paar Wochen diszipliniert sein, die Infektionszahlen runter bringen, und dann in einen zunehmend normalen Sommer mit Normalisierung des Lebens.

+ solch eine vernünftige Regierung darf uns ruhig reinen Wein einschenken, denn wir sind ja nicht dumm (auch wenn Kurz & Co. uns gerne so behandeln). Reiner Wein heißt, wir wissen es doch sowieso: Die Normalisierung geht nicht von einem Tag auf den anderen, aber je mehr Menschen geimpft sein werden, umso entspannter wird die Lage. Wenn die Hälfte der Menschen in diesem Land geimpft sein werden, dann können wir schon einmal ordentlich durchatmen. Eine solche Regierung müsste alle fähigen Leute zusammen trommeln und Tag und Nacht daran arbeiten, so viel Impfstoff wie möglich zu beschaffen – und so schnell wie möglich. Gute Politik – zu viel verlangt? weiterlesen

Revolte der Würde

Der Arbeitskampf bei MAN in Steyr

Vergangene Woche haben die Beschäftigten des MAN-Werkes in Steyr über den „Rettungsplan“ abgestimmt, der ihnen vorgelegt worden war – und haben mit überwältigender Mehrheit abgelehnt. Der Hintergrund: MAN, das zum deutschen VW-Konzern gehört, will das Werk schließen, der Großindustrielle Sigi Wolf wollte übernehmen. Von knapp 2000 Beschäftigten hätten 800 ihren Job verloren, die „Überlebenden“ hätten 15 Prozent weniger Nettolohn erhalten. Das hat die Belegschaft jetzt verworfen.

Womöglich findet sich aber noch ein vernünftigeres Konzept. Womöglich schaltet sich auch noch die Bundesregierung ein, die bisher so tut, als gingen sie tausende Jobs im oberösterreichischen Kernland nichts an – oder die einfach mit ihren Skandalen beschäftigt ist und keine Zeit für Arbeiter und Angestellte hat.

Ob das „Nein“ am Ende klug oder nicht so klug war, lässt sich heute nicht sagen. Aber eines ist jetzt schon klar: Es war so etwas wie ein Aufstand der Würde. Revolte der Würde weiterlesen

Der Kollaps des Systems Kurz

Man sollte sich langsam die Frage stellen, was nach dem Untergang der türkisen ÖVP kommen kann.

Sebastian Kurz hängt stehend k.o. in den Seilen, die Pandemiebekämpfung hat er völlig dem Koalitionspartner, dem Wiener Bürgermeister und den Landeshauptleuten überlassen. Der Kanzler hat einfach kapituliert. Man kann das auch psychologisch nachvollziehen. Er ist auf einer Woge des Erfolges nach oben geschwommen, verhätschelt und gefördert, und ist nun mit eine Abfolge von Katastrophen konfrontiert, aus denen er keinen Ausweg mehr sieht.

Der Korruptionssumpf, in dem seine türkise Regierungsmannschaft unter geht, die Funde der Ermittler, die wiederum neue Indizien liefern, aus denen dann neue Hausdurchsuchungen folgen und wiederum neue Funde – all das ist eine Lawine, die nicht beherrschbar ist.

Alleine das beschlagnahmte Handy von Thomas Schmid, des heutigen ÖBAG-Chefs und engen Vertrauten von Kurz und Finanzminister Gernot Blümel, ist voll mit 300.000 Chats und Nachrichten und peinlicher Daten, von denen wir in den vergangenen Wochen und Monaten ja nur einen kleinen Ausschnitt kennen gelernt haben.

Sowohl die Unverfrorenheit, mit der hier Posten gedealt werden, als auch die rotzige Frechheit der Sprache zeigt, welch Geistes Kinder hier am Werke sind. Und man darf ja nicht vergessen, diese Nachrichten und Kommunikationen sind aus der Zeit, in der sich diese Bubenbande als unverwundbar ansah, daher auch dieser aufgeblasene, wichtigtuerische Tonfall von Schulhofschlägern. Wie sie sich lustig machen, dass ein Kirchenvertreter, den sie bedrohten, „blass“ und „zittrig“ war nach der türkisen Bearbeitung. Es ist so peinlich zu lesen wie es ein Dokument miesen Charakters ist.

Dieser Schmid, der sich als Kabinettschef und Generalsekretär selbst handverlesen jenen Aufsichtsrat der ÖBAG bastelte, der ihn danach zum alleinigen Vorstand der Gesellschaft bestellte, wohlgemerkt, Aufsichtsräte, die den künftigen Chef noch vor dem Hearing zum neuen Posten gratulierten, womit sie ja ganz offenbar ihre Aufsichtspflichten nicht wahrnahmen, dieser Schmid ist immer noch auf seinem Posten. Es ist unfassbar und bedenkt man, dass Schmid seinen Kanzler damit in den Abgrund zu reißen droht, eigentlich auch unerklärlich. Der Kollaps des Systems Kurz weiterlesen

Die Phantasten und die Realität

Es kam, wie alle Realisten voraussagten. Jetzt müssen wir endlich gemeinsam an einem Strang ziehen.

Jetzt im Buchhandel: „Die neue (Ab)Normalität“, Picus-Verlag, 160 Seiten

Die zutiefst menschliche Eigenschaft, eine unerfreuliche Wirklichkeit zu leugnen, den Kopf in den Sand zu stecken und sich eine Phantasie- und Märchenwelt zurecht zu legen, haben wir in den vergangenen Wochen ausgiebig bestaunen können. Noch nach einem Jahr Pandemie, in dem die Voraussagen der „Pessimisten“ – also der Realisten – immer eingetreten sind, haben noch immer Leute gedacht, Corona sei nicht so arg, die Zuwächse an Infektionen wären kontrollierbar und man könne sich Öffnungsschritte und mehr Kontakte leisten, ohne dass das katastrophale Auswirkungen haben würde.

Da sich die Wirklichkeit und die Natur um naive Wünsche von Kommentatoren und Politikern nicht scheren, kam es wie es kommen musste und prognostiziert war. Wir schlittern massiv in die Dritte Welle, und diesmal trifft es vor allem jüngere Patienten. Dreißigjährige, die in der Intensivstation gerade noch wiederbelebt werden können, 42jährige Politiker, die künstlich beatmet werden müssen, ganz überwiegend Männer zwischen 45 und 70 Jahre, aber auch Kinder, Jugendliche, junge Leute in ihren Zwanzigern. Die Phantasten und die Realität weiterlesen

Robert Misik liest aus „Die neue (Ab)Normalität“

Pressestimmen

»Robert Misiks Essay über die Corona-Pandemie ist gelungen.«
Martin Gasser, Kleine Zeitung

»Es ist eine schöne, romantische Vision von der Krise als Tabula-rasa-Macherin, die die Gesellschaft erfrischt zurücklässt, die Misik in seinem neuen Essayband entwirft.«
Babara Tóth, Falter

»In seinem neuen Buch »Die neue (Ab)Normalität« schreibt er von Problemen, wie sozialer Ungleichheit, die durch die Pandemie besser sichtbar gemacht worden sind.«
Sophie Weilandt, ORF ZIB

»In seinem Buch beschäftigt er sich mehr mit den Verwerfungen der Gegenwart als mit Ausblicken in die Zukunft.«
Niederösterreichische Nachrichten

»Die Frage ›Wie wird unsere Gesellschaft nach der Pandemie aussehen?‹ beantwortet der Wiener Journalist und Autor Robert Misik im Gespräch mit einer Gegenfrage: ›Wann ist die Pandemie eigentlich aus?‹«
Wolfgang Huber-Lang, APA