„Herrschaft der Niedertracht“ – das Video

„Herrschaft der Niedertracht. Warum wir so nicht regiert werden wollen“, kommt diese Woche in die Buchläden. Hier ein FS Misik Spezial – zwei Minuten Niedertracht.

Diese Streitschrift berichtet über eine Form des Regierens, aber auch über ein Klima, das ihm vorausgeht. Ein Klima, das einen Stil des Regierens gebiert, und das sich mit ihm zusammenbraut, zur Herrschaft der Niedertracht. Sie beleuchtet eine Sprache der Verachtung, einen Jargon der Gehässigkeit, die der Politik der Rohheit voraus gehen, von dieser aber dann auch wieder radikalisiert werden. Sie berichtet davon, wie sich Schleusen öffnen, eine nach der anderen, wie sich viel zu viele damit abfinden, wie sich viele anbiedern. Sie berichtet davon, wie plötzlich normal wird, was jüngst noch undenkbar war. Ja, sie klagt an. Sie berichtet von Ideologen, von Demagogen und von prinzipienlosen Karrieristen. Sie berichtet von den Trumps, den Salvinis, den Straches, den Kurz, den Orbáns und wie sie alle heißen.

Sie berichtet über das Land, in dem ich lebe, das von dieser Verhärtung der Hirne, der Herzen und Seelen, befallen ist, aber auch von anderen Ländern, die davon befallen sind, und von Ländern, die bedroht sind, davon befallen zu werden. Es ist ein Buch, das sich an meine Landsleute richtet, sie ermuntern will, zu sagen: dass wir so nicht regiert werden wollen. Aber es richtet sich auch an die Landsleute anderer Länder, denn hier könnt Ihr sehen, was Euch blüht, wenn ihr nichts tut.

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„…der Selbstironie nie abgeneigt“

Vergangenen Montag erhielt ich in Berlin den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft. Markus Marterbauer, führender Makroökonom der Arbeiterkammer, hat die Laudatio verfasst – die, da er kurzfristig die Reise absagen musste, in Berlin verlesen wurde. Ich habe mich sehr gefreut und auch viel schmunzeln müssen:

„Mit Robert Misik ehren wir einen außerordentlich vielseitigen Publizisten und politischen Schriftsteller, der mit seiner Gesellschaftskritik die unterschiedlichsten journalistischen Formate mit Virtuosität und Spaß bespielt.
Misik ist ein einflussreicher Blogger (misik.at): Erst letzte Woche kommentierte er etwa die bei einer Veranstaltung der Versicherungswirtschaft geäußerten Zweifel des österreichischen Finanzministers Hartwig Löger an der Nachhaltigkeit der gesetzlichen Pensionsversicherung und dessen Schlussfolgerung, die betriebliche und private Pensionsvorsorge sei zu stärken.

Der Clou bei Misik: Löger war vor seiner Zeit als Finanzminister Generaldirektor eines großen österreichischen Versicherungsunternehmens und der Drehtürenmoment der europäischen Politik lässt eine Rückkehr in die Versicherungswirtschaft nicht unwahrscheinlich sein. Vorher ist allerdings noch etwas zu erledigen. „Lieber nicht“, möchte man da aus deutscher Perspektive rufen, wo diese Erledigung bereits stattgefunden hat.

Misik bloggt nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich. Bis Jänner 2019 betrieb er seinen stets fokussierten, immer kurzweiligen und auch der Selbstironie nie abgeneigten Videoblog mit 582 Folgen und sehr hoher Reichweite auf der Homepage der Tageszeitung Der Standard. Und seit er den dortigen Einsparungsnotwendigkeiten zum Opfer fiel läuft der Blog auf youtube ebenso erfolgreich weiter.

Misik ist Essayist und Interviewer für sein Stammblatt, das österreichische Wochenmagazin Falter, aber auch für profil und Die Zeit, sowie die Tageszeitungen Der Standard und taz. Für das österreichische Nachrichtenmagazin profil war er am Beginn seiner Karriere von 1992 bis 1997 Korrespondent in Berlin. Er kennt also Deutschlands Politik und Gesellschaft und ist nach wie vor auch hierzulande ein gefragter Redner und streitbarer Diskutant. „…der Selbstironie nie abgeneigt“ weiterlesen

Von Unsicherheit befallen – das neue Proletariat

Veronika Bohrn Mena hat einen packenden Report über „Menschen in prekären Verhältnissen“ geschrieben. Vergangenen Dienstag hat sie ihr Buch im Kreisky Forum vorgestellt.

Erkan trägt eine Jacke mit dem Posthorn darauf und einen Polo mit dem Post-Logo – er ist offensichtlich als Post-Mitarbeiter erkennbar. Aber rechtlich gesehen ist Ercan ein Selbständiger. Er fährt Pakete für die Post aus, hat keinen Einfluss auf seine Tagesgestaltung, um vier Uhr morgens muss er aus dem Bett, um in einer stinkenden Lagerhalle Pakete zu sortieren – letztendlich unbezahlt. Denn bezahlt wird der „Unternehmer“ Erkan nur pro zugestelltes Paket. 45 Cent erhält er für jedes Päckchen, das er zum Adressaten bringt. 120 Pakete liefert er pro Tag aus – sechs Mal die Woche. Er hat keine Freizeit, kein Leben, der Rücken tut ihm weh. 400 Euro macht er wöchentlich – brutto. Steuern und Sozialversicherungen muss er selbst zahlen, dazu kommen Abzüge vom Auftraggeber. Sogar für das digitale Gerät, mit der die Strichcodes gescannt werden, muss er „Miete“ zahlen – 80 Euro monatlich.

„Die neue ArbeiterInnenklasse – Menschen in prekären Verhältnissen“, heißt das Buch von Veronika Bohrn Mena, in dem sie Menschen wie Erkan porträtiert. Menschen, die in Prekarität leben, also von Unsicherheit befallen sind. Sei es, weil sie atypisch beschäftigt sind, als freie Dienstnehmer, Werkvertragsnehmer, sei es, weil sie in Teilzeit gefangen sind und damit schlecht verdienen und später einmal eine Mini-Pension erhalten, sei es, weil sie als Leiharbeiter in instabilen Verhältnissen arbeiten. Die Figuren, die so etwas wie Prototypen sind, die im Buch porträtiert sind: Manuel, der geprellte Praktikant. Claudia und Insko, ausgeliehen und ausgebeutet. Sabine, die seit Jahren wider Willen in Teilzeit gefangen ist. Berat und Ayaz, die knochenhart anpacken, um Kunden ihre Einkäufe zu liefern. Wissenschaftlerinnen, die sich von Befristung zu Befristung hangeln.

Hier die Veranstaltung zum Nachhören:

Präkarität und instabile Beschäftigung haben viele Gesichter und Geschichten. Längst sind sie keine Randerscheinung mehr. Je nachdem, wie man zählt, kommt man auf rund ein Drittel der Erwerbsbevölkerung, also auf etwas mehr als eine Million Menschen. Von den rund eine Million neu aufgenommenen Beschäftigungsverhältnissen im Jahr 2010 wurden rund 78 Prozent innerhalb von zwei Jahren wieder beendet. Die atypische Beschäftigung nahm seit 2008 um 29 Prozent zu. Rund 47 Prozent der Frauen sind teilzeitbeschäftigt – ein Großteil eher unfreiwillig.

Befallen sind die Kreativen in Journalismus und Design genauso wie die Schweißer in der Industrie, die nur bei Leiharbeitsfirmen unter kommen, die vielen Frauen im Pflegebereich und in den psychosozialen Diensten genauso wie Erntehelfer in der Landwirtschaft, viele Menschen in der Gastronomie, das gesamte Dienstleistungsproletariat von Paketdiensten bis zu Supermärkten. Arbeitszeitregelungen gelten für sie entweder ohnehin nicht, oder sie werden ignoriert – oder ohnehin „flexibilisiert“, sodass die 12 Stunden, die manche vorher schon arbeiteten, jetzt legal sind, und damit auch angeordnet werden können.

Veronika Bohrn Mena schilderte eindrucksvoll, was all das mit Betroffenen macht, wie ein Arbeitsmarkt, der so etwas zu lässt, für alle nur mehr die Angst parat hält (die Angst nämlich, ebenfalls in die Zone der Instabilität zu fallen), was es für die Einkommensstruktur einer Gesellschaft bedeutet, wenn ein Drittel in Stagnation oder Abstieg befallen ist.

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„Ein ganz brauchbarer Colporteur fremder Ideen“

Gestern erhielt ich in Berlin im Haus des deutschen Sparkassenverbandes den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft, einer Vereinigung progressiver Wirtschaftswissenschaftler des deutschsprachigen Raumes. Hier meine Dankesrede:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich darf Ihnen hier, unter uns, etwas verraten: Als ich die Nachricht erhielt, dass Sie mir den Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft zuerkannt haben, habe ich mich sehr gefreut.

Gut, das mag jetzt nicht so überraschend sein. Aber ich meine wirklich gefreut. Also mehr gefreut als gefreut.

Und zwar aus folgendem Grund:

Ich bin seit mittlerweile 30 Jahren Journalist, und ja, im Laufe der Jahre verändert sich so ein wenig das Berufsbild, also ich bin Journalist und Autor und Vortragsreisender und so weiter, aber im Grunde bin ich doch primär oder zumindest ursprünglich „politischer Journalist“. Für diese gibt es ja eine Reihe von Journalistenpreisen, von denen ich schon ein paar erhalten habe.

Aber über zwei Preise habe ich mich doch besonders gefreut:

Da ist einmal der Österreichische Staatspreis für Kulturpublizist, die höchste Auszeichnung für literarische Essayistik.

Und nun der Preis für Wirtschaftspublizistik der John Maynard Keynes Gesellschaft. „Ein ganz brauchbarer Colporteur fremder Ideen“ weiterlesen

Warum Demagogie zur Verdummung führt

FS Misik Folge 585: Eine Politik der Angst wird simple, dumme Entscheidungen zur Folge haben.

Die amerikanische Philosophin Martha Nussbaum hat ein neues Buch geschrieben mit dem Titel „Königreich der Angst“. Angst frisst sich in unsere Gesellschaften hinein, es wird eine Politik der Angst gemacht: Demagogen schüren die Angst, und die Menschen werden aufgeganselt und verroht, auch verdummt. Angst provoziert simple, aber viel zu dumme Lösungen, die nur zu neuen Problemen führen. Nussbaum: „Wenn wir Angst haben, ziehen wir voreilig Schlüsse und schlagen zu, bevor wir über das Wer und das Wie sorgfältig nachgedacht haben.“ Wir alle wissen: Um eine Sache beurteilen zu können und zu guten Lösungen zu kommen, braucht man

1. eine Menge Informationen

2. ruhige Abwägung aller Folgen und Nebenfolgen

3. Toleranz gegenüber einer beträchtlichen Ungewissheit des Ausgangs.

Nichts schadet einem Land mehr als Demagogie und das Spiel mit der Angst. Und die, die dem Land schaden, nennen sich dann Patrioten.

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Wie die Regierung Frauenmorde instrumentalisiert

Sebastian Kurz hat gestern wieder so einen Satz gesagt – scheinbar hingesagt. „Wer sich an Frauen und Kindern vergeht, hat keine Milde, sondern harte Strafen verdient.“ Dass dieser Satz genau ausgetüftelt, auswendig gelernt, und planmäßig aufgesagt war, erkannte man dann aber schnell: sehr bald brachten ihn die Kurz-Leute als Internet-Memes in Umlauf. Siehe rechts.

Mit solchen Sätzen hat es etwas auf sich. Da ist einmal das vordergründige, buchstäblich Gesagte: „Wer sich an Frauen und Kindern vergeht, hat keine Milde, sondern harte Strafen verdient.“ Gegen solch einen Satz kann nun einmal niemand etwas haben. Frauenmorde oder Kindesmissbrauch, das sind Delikte, die unsere Wut mobilisieren. Klar, man kann einwenden, dass harte Strafen keine Verbrechen verhindern, man kann auch einwenden, dass Rache nicht Ziel des Strafrechts ist, und überhaupt dass man doch für die Resozialisierung von allen sei – aber natürlich tickt in jedem von uns diese stille Überzeugung, dass man damit bei Kinderschändern oder Frauenmördern ja nicht unbedingt beginnen muss.

Das heißt: Es ist ein Satz, der auf viel Zustimmung vertrauen kann und auch darauf, dass kaum jemand öffentlich widersprechen wird.

Hermeneutisches Verstehen ist die Kunst, genau die Motive und Absichten zu erkennen, die hinter dem Gesagten lauern. Was eigentlich gemeint ist. Warum jemand etwas auf eine bestimmte Weise sagt.

Hinter diesen vordergründigen Bedeutungen hat so ein Satz nämlich auch viele, viel wichtigere Bedeutungen. Erstens: Man trommelt wieder gegen „die Ausländer“, denn durch die Gewaltserie der vergangenen Wochen, aber mehr noch durch die Propaganda der vergangenen Jahre hat man „kriminell“ mit „Ausländer“ untrennbar verbunden. Wenn Kurz also planmäßig von Menschen spricht, die sich an Frauen vergehen, dann sagt er immer auch, unausgesprochen dazu: Ausländer.

Sie werden nicht nur als Frauenmörder hingestellt, sondern sogar als Kinderschänder, was insofern bemerkenswert ist, weil die Gewalttaten der jüngsten Zeit, die überwiegend von Migranten begangen wurden, sich ja eigentlich nie gegen Kinder gerichtet haben. Also zumindest im letzten halben Jahr habe ich keinen anderen Fall in Erinnerung. Wie die Regierung Frauenmorde instrumentalisiert weiterlesen

Nehmen uns die Roboter die Arbeit weg?

Auf Einladung des Diakoniewerkes hielt ich in Gallneukirchen einen Vortrag über Geschichte, Gegenwart und vor allem Zukunft der Arbeit.

Nehmen uns die Roboter die Arbeit weg? Und was wäre daran so schlimm? Intelligente Automaten und selbstlernende Maschinen bestimmen immer mehr diverse Arbeitsprozesse. Werden wir am Ende alle arbeitslos? Oder winkt künftig ein Massenwohlstand, wie wir ihn bisher nicht kannten? Was heißt Disruption? Und vieles mehr.

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Authentisch unecht

Mythos Authentizität. Politiker sollen authentisch sein, aber permanent kontrolliert. Auch normale Menschen sollen stets natürlich sein, sich aber immer von der besten Seite zeigen. Einblicke in das kuratierte Leben.

Neue Zürcher Zeitung, 9. Februar 2019

Echt? Unecht? Pose? Oder authentisches Unglück? Wer weiß das schon…

Es ist eine der Eigenarten einer Gesellschaft des Hyperindividualismus, dass das Individuum sich nicht nur auf sich selbst zurück geworfen weiß, sondern dass es sich auch stets mit sich selbst beschäftigen muss. Es spürt die Anforderung, etwas Besonderes sein zu müssen, aber natürlich ist es nicht damit getan, eine Besonderheit zu entwickeln, von der andere nichts wissen. Man muss diese Besonderheit auch immer ausstellen, oder einfach gesagt: von einer Besonderheit, die nicht von anderen als solche erkannt und anerkannt ist, kann man sich nichts kaufen.

In einer durchmedialisierten Gesellschaft kommen dann noch zwei Probleme hinzu. Jeder, besonders aber natürlich der Prominente, ist jederzeit beobachtet. Vor allem Politiker und Politikerinnen sollen nicht in die Rollenmuster und Sprachschablonen fallen, die ihr Berufsbild mitbringt, schon gar nicht sollen sie wie Politiker wirken, denn die haben einen schlechten Ruf. Sie sollen echt wirken, man muss ihnen den Überschuss des Eigenen ansehen, man muss den spüren. Zugleich natürlich müssen sie fehlerfrei sein, also authentisch kommunizieren, aber sich nie um Kopf und Kragen reden. Sie sollen permanent authentisch und zugleich permanent kontrolliert sein. Sie sollen keine sichtbaren Emotionen haben, aber Emotionen darstellen.

Kontrollierte Authentizität, ein Widerspruch in sich. Nur den Allerbesten gelingt eine dauerhafte Schauspielerei des Echten, ohne bei dieser unmöglichen Gratwanderung abzustürzen.

Zugleich, das ist die zweite Eigenart der durchmedialisierten Gesellschaft, wird diese Anforderung, die bisher nur an den Prominenten gestellt wurde, heute ein Imperativ, der sich tendenziell an alle richtet. Du musst Dich darstellen! In der Berufswelt ist es schon die halbe Miete, als erfolgreich zu erscheinen. Aber auch von Facebook über Twitter bis Instagram, überall setzt sich das Ich einer Öffentlichkeit aus, in der es sich im besten Licht zu zeigen und zugleich ganz es selbst sein soll. Es lernt, mit Technologien des Posertums umzugehen, die Gefallsucht, früher noch ein Untugend, wird zur zweiten Natur. Dass all diese Kanäle auch noch nach anderen Gesetzen funktionieren, macht die Sache nicht leichter – auf Twitter verkündest du deine Meinungen, ganz generell willst du dein interessantes Leben ausstellen, auf Instagram dein Glück usw. Der echte Könner ist auf allen Kanälen verlogen, aber in jedem Kanal auf andere Weise und wirkt dabei auch noch echt. Man ist gezwungen, das eigene Leben gleichsam zu kuratieren.

Seit nur der Hauch der Idee vom Individuum aufkam, bewegte es sich stets in diesem Spannungsverhältnis, ja, unauflösbaren Widerspruch: auf der einen Seite der Anspruch, aus seinem Selbst etwas zu machen, es zu vervollkommnen, an ihm zu arbeiten, was ja nichts anderes heißt, als es zu verändern, auf der anderen Seite die Forderung, sich von Konventionen nicht verbiegen zu lassen, das Eigene frei zu legen, keine Rollen zu spielen, das Wahre gegen das Falsche.
Die ganze Geschichte der Ich-Idee ist gewissermaßen ein bizarrer, aber immer rasanterer und absurderer Torlauf zwischen diesen Postulaten. Es waren die Eliten und die aristokratische Oberschicht, die mit dem begannen, was man heute Technologien des Selbst nennt. Sie führten Tugendtagebücher, entwarfen sich selbst, investierten viel Zeit in die Überlegungen, wer sie denn sein wollten. Dies natürlich immer in Hinblick auf ein öffentliches Bild, also auf den Blick anderer, was aber stets mit der Selbstbeobachtung begann. Von „Selbstbeziehung“ spricht der Berliner Kultursoziologe Wolfgang Engler in seinem Bändchen „Authentizität“, eine Selbstbeziehung, die mit der Frage Hand in Hand geht: „Wer bin ich?“ – „Wer will ich sein?“

Die „Verschwisterung von Narzissmus und Authentizität“ ist in der Selbstbeziehung schon angelegt.

Die nächste Revolte geschieht im Namen des Echten, oder, wie man bald auch sagt, des Natürlichen. Weg mit den Zwängen und Fremdzwängen! Marx‘ Entfremdungsbegriff postuliert unter anderem, dass das Subjekt seine Anlagen nicht entwickeln kann, wenn es eingespannt ist in die gesellschaftliche Apparatur. Rollen zu spielen gilt als Ausdruck der Entfremdung. Von Lebensreformern bis zu Hippies und 70er-Jahre-Rebellen will man das Ich befreien, emanzipieren, und diese Emanzipation wird sehr oft als Durchbruch des Echten, Authentischen definiert. Darin steckt freilich auch ein essentialistischer Begriff vom „Wesen des Menschen“, der bald wieder eine eigene linke Kritik an der linken Entfremdungskritik nach sich zieht, eine Kritik an der Kritik sozusagen. Dass es ein echtes Wesen des Menschen gäbe, ist ein romantisches Ideal, fasst die Philosophin Rahel Jaeggi diese Einwände zusammen: Rollen zu spielen ist keineswegs ein Indiz für Entfremdung, sondern selbstverständlich in komplexen Gesellschaften, wo man das Leben in konzentrischen Kreisen aus Nähe und Ferne, inmitten von Bekannten, Unbekannten, Freunden, im Berufsleben und in der Familie, hinter verschlossenen Türen und im Lichtkegel der Öffentlichkeit lebt. Nicht, dass wir Rollen spielen, ist das Problem – entscheidend ist, ob wir Autoren des Skripts sind. Wenngleich gewiss niemand alleiniger Autor seines Lebensvollzugs ist, so sollte er doch zumindest als „Co-Autor“ seiner selbst amtieren. Jaeggi: Unhaltbar ist die Behauptung, „dass wir durch Rollen überhaupt ,unserer selbst entfremdet’ sind“, sehr wohl aber sind wir es „manchmal in Rollen“. Authentisch unecht weiterlesen

Ein Versicherungslobbyist im Finanzministerium

Privatisierung öffnet immer der Korruption Tür und Tor. Man wird diese Regierung im Auge behalten müssen.

Österreichs Regierung ist ja eine unappetitliche Mischung aus rechten Scharfmachern, die die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, und Vertretern des Big Money, die im Hintergrund den Staat ausplündern und das Geld ihren Leuten zuschanzen wollen. Selten zuvor haben so viele Lobbygruppen so direkt ihre Vertreter in der Regierung sitzen gehabt. Die Sozialministerin kommt aus der Pharmalobby, die Wirtschaftsministerin aus der Telekomlobby und der Finanzminister wechselte direkt aus dem Banken- und Versicherungsgeschäft auf die Regierungsbank.

Man nennt das in der Fachsprache den „Drehtüreffekt“ – man geht aus dem Konzernbüro raus und direkt ins Regierungsbüro rein. Und hinterher wieder zurück ins Konzernmanagment um sich die Belohnung für das unternehmensfreundliche Regierungshandeln abzuholen. Dass solche Leute dann auch in Regierungsämtern vor allem als Vertreter von Brancheninteressen agieren, ist nicht sonderlich überraschend.

Unlängst gab es einen offensichtlich sehr bizarren Gesprächsabend. Die Chefredakteurin des Kurier, selbst gerade erst wegen ihrer Linientreue als Regierungsadorantin installiert, hatte Finanzminister Hartwig Löger und den oberösterreichischen Landeshauptmann Thomas Stelzer als Gesprächsgäste geladen. Es ging harmonisch zu, man hatte kaum Meinungsverschiedenheiten (außer, dass der Kurier-Chefredakteurin die Regierung zu „sozialdemokratisch“ ist, eine Idee, auf die man erst einmal kommen muss).

Und Löger sagte dann: „Wir werden die betriebliche und private Vorsorge zusätzlich stimulieren müssen. Denn es wird in keinem Land Europas möglich sein, das zur Gänze und auf Dauer auf rein staatlicher Pension sichern zu können.“

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Wenn ein Finanzminister so etwas sagt, dann müssen die Alarmglocken klingeln. Denn wir hatten das bei allen rechtskonservativen Regierungen auf der Welt. Das gesetzliche Pensionssystem wird schlecht geredet, damit die Menschen private Pensionsversicherungen abschließen. Von denen profitieren natürlich die Versicherungsunternehmen, die meist direkt mit Banken verbunden sind. Im Falle von Löger der Arbeitgeber, von dem er kommt: er war vorher bei der Uniqua, also der Raiffeisen. Ein Versicherungslobbyist im Finanzministerium weiterlesen

Wer sind hier die Phantasten? Die irre Welt von Kurz, Strache & Co.

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FS Misik Folge 584 über FPÖ-Landesparteiobleute, die in den Raum stellen, HC Strache könnte blöd sein und darüber, warum Rechte und Konservative „realitätsfremde Phantasten“ sind.

30 Minuten über die „Herrschaft der Niedertracht“

Das Freie Radio Freistadt hat mit mir eine halbe Stunde über die Bilanz der Regierung, die politische Klimakatastrophe, die Möglichkeiten der Zivilgesellschaft und dem Zustand der Oppositionsparteien gesprochen. Ist zugleich natürlich auch schon ein kleiner Ausblick auf die Thematiken meinen gleichnamigen Buches, das im März erscheint.

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Anpassung und Gleichschaltung – die Mechanik der Orbanisierung

FS Misik Folge 583

Wir alle erleben in Österreich in Echtzeit, wie sich das öffentliche Klima verschiebt. Wie die Grenzen des Sagbaren verschoben werden. Wie die Mitte nach Rechts rutscht. Wie Anpassung geschieht, und wie sogar so etwas wie ein Klima der Angst entsteht.

Dafür gibt es in der politikwissenschaftlichen Literatur einen Begriff: Das Overton-Window (das Overton-Fenster), benannt nach dem Forscher Joseph P. Overton. Er stellte sich die verschiedenen potentiell denkbaren politischen Aussagen auf einer Linie vor, mit den Polen des absoluten Radikalismus an beiden Enden. Aber nicht alles davon ist „sagbar“, also als respektable politische Position anerkannt. Das Ziel des rechten Radikalismus etwa ist, diesen Rahmen zu verschieben. Genau das ist der Mechanismus, mit Hilfe dessen man die Demokratie zum Kippen bringen kann.

In eigener Sache:

Und nun ein paar Sätze in eigener Sache: Nach der letzten Folge auf derstandard.at erreichte mich viel Zuspruch, diese Reihe in Eigenregie weiter zu führen. Also versuchen wir es. Damit das aber Sinn hat, braucht es jetzt aber natürlich die Mithilfe der Zuseher – auf den verschiedenen Social Media Kanälen etwa. Die Verbreitung kann nur durch Euch geschehen.

Für nichtkommerzielle Medien ist die Übernahme der Sendung frei, also etwa für Freie Radios oder Ähnliches, bei kommerziellen Medien bitte ich um Kontaktierung.

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