Fishermen’s Ex-Friend

Paul Berman beschreibt, wie linke Intellektuelle dazu kamen, die Armee gegen Despoten loszuschicken – und trauert, dass sie in der Irakcausa nicht mit in die Schlacht zogen.  taz und Falter, Frühjahr 2006

 

Es war in Tel Aviv, da baute sich Bill Clinton vor Joschka Fischer auf und drückte ihn fest an seine Brust. „Joschka, ich habe mir schon die ganze Nacht mit dir um die Ohren gehauen“, sagte der ehemalige US-Präsident. Fischer verstand nicht gleich. Er habe gerade das Buch „Power and the Idealists“ von Paul Berman gelesen, klärte Clinton auf.

 

Es gibt Anekdoten, die kann man sich wie Orden anheften um fortan mit stolzgeschwellter Autorenbrust durch die Welt zu gehen. Jedenfalls – der ehemalige US-Präsident hat nicht den schlechtesten Griff bei der Wahl seiner Lektüre gemacht. Unter dem Titel: „Idealisten an der Macht – die Passion des Joschka Fischer“, liegt das Buch des US-Publizisten Paul Berman jetzt auch auf Deutsch vor.

 

Es ist ein Buch über Fischer. Es ist ein Buch über den Weg radikaler Achtundsechtziger an die Macht. Es ist ein Buch über den langen Marsch von den Illusionen zum Pragmatismus. Und es ist ein Pamphlet für einen kämpferischen Liberalismus, für Menschenrechtsbellizismus, für einen militärischen Humanismus. Es ist damit vor allem ein Buch über Berman und seinesgleichen.

 

Paul Berman ist ein höchst unorthodoxer amerikanischer Linker. Politisiert im Fahrwasser der radikalen „Neuen Linken“, hat er sich auch in Europa viel herumgetan. Er kennt sich darum gut aus in dem Kosmos, der sich zwischen Frankfurter Spontimilieu, Pariser Maoismus und den italienischen Lotta-Continua-Kreisen in den siebziger Jahren aufgespannt hat. Er hat sich, nachdem die neue Linke ihre autoritären Versuchungen abschüttelte, einen strikten Antitotalitarismus verschrieben, hatte den mit der alten internationalen Solidarität gepaart – und wurde so zu einem der eloquentesten Verfechter des linken Menschenrechtsbellizismus, wie er auch hierzulande in den neunziger Jahren auftauchte.

 

Der Argumentationsmodus ist schnell erzählt: Mögen die westlichen Demokratien auch nicht das Paradies auf Erden sein, sind sie doch die freiesten Gesellschaften der Geschichte und der Gegenwart. Die Menschenrechte sind in ihnen gewahrt. Aber es gibt Regimes und Ideologien, die diese Freiheit bedrohen, und Regierungen, die die Menschenrechte mit Füßen treten. Internationalismus heißt heute, gegen diese Mächte des Totalitarismus vorzugehen – und wenn nötig auch mit militärischer Gewalt.

 

Joschka Fischer war nicht der einzige einstige Linksradikale, der Schritt für Schritt auch eine solche Sicht entwickelte – aber er war der einzige, der es bis ganz nach Oben geschafft hat, der in einer führenden Macht der Welt das Amt des Außenministers erklomm. Fischer erwies sich darum „in diesem Kontext als repräsentative Gestalt“ – dies ist es, was Berman an Fischer interessiert. Und Fischer, mit seinen biographischen Brüchen, mit seiner Straßenkämpfergeschichte taugt auch besonders gut zur paradigmatischen Figur. Wie Fischer sich häutete, neu erfand, wie er seiner Bagage harte Wahrheiten zumutete, wie er es dennoch zum Zentralgestirn der pazifistischen Grünen und zum beliebtesten Politiker Deutschlands brachte – Berman erzählt es mit höchster Bewunderung. Er beschreibt das Milieu – etwas dramatisierend als eine handvoll Leute charakterisiert –, in dem diese Gedanken sprossen: die französischen Neuen Philosophen, der Mitterrand-Berater Bernard Kouchner, der „Rote Dany“ Cohn-Bendit, ein, zwei irakische und iranische Exilintellektuelle.

 

Sie waren es, die dem neuen Interventionismus argumentativ legitimierten. Kein konservativer Realpolitiker hätte das geschafft, dies konnte nur „den ,Idealisten’ der Außenpolitik“ gelingen, feiert Berman. „Die Veteranen der Studentenunruhen der späten sechziger Jahre“, mit ihrem generationstypischen Hass gegen autoritäre Herrschaft und der Erfahrung, wie leicht man ins Fahrwasser des Totalitärismus geraten kann, seien dafür prädestiniert gewesen.

 

Das Schlüsselerlebnis für den Aufstieg des neuen Interventionismus sind natürlich die Balkankriege gewesen, der Schlüsselmoment das Massaker von Srbrenica – die Erfahrung, dass man sich schuldig macht, wenn man einen Völkermord nicht verhindert, den man verhindern kann. Nur eine Regierung, in der die Idealisten an den Schlüsselstellen sitzen, konnte Nachkriegsdeutschland in den ersten Krieg führen. 1999 war es im Kosovo soweit.

 

Paul Berman ist ein kluger Kopf – um Häuser klügerer als all diejenigen, die angesichts des moralischen Dilemmas „Intervention oder Völkermord“ weiße Fahnen aus den Fenster hängten, die bis heute „völkerrechtswidriger Angriffskrieg“ schreien und damit nicht etwa Milosevic’ Soldateska sondern die Interventionen meinen, die das ethnische Schlachten stoppten.

 

Aber Berman hat auch einen Hang zur Großspurigkeit, er verliert jedes Maß. Am Ende kann vor seinen Augen nur bestehen, wer in jedem Fall zu jeder Militärintervention unter der Fahne der Freiheit heroisch „Ja“ sagt. Namentlich sein Held Fischer hat Berman schwer enttäuscht, weil er in der Irak-Causa zu anderen Schlüssen kam als in der Balkan-Frage. „Die Entwicklung der führenden Achtundsechziger von einer linken revolutionären Haltung zu einem freiheitlichen Internationalismus“ sei mit diesem Zerwürfnis zu Ende. Dabei seien die US-Rechte und der moderne Flügel der europäischen Linken doch auf verschiedenen Wegen zu ähnlichen Schlüssen gekommen – dass der Status quo den Nahen Osten mehr bedroht als Kriege zum Sturz der Despoten.

 

Auch wenn man die bellizistische Argumentationsreihe grundsätzlich unterstützt – was der Rezensent, dies nebsbei, schon seit dem ersten Irakkrieg 1990 tut –, so muss man dem Buch doch zwei Dinge entgegenhalten. Erstens behandelt Berman die Frage „Wie hältst Du’s mit dem Menschenrechtsbellizismus?“ als die einzige relevante Frage für eine moderne Linke; keine andere Frage kommt auch nur in seinen Gesichtskreis. Zweitens: Einmal vorausgeschickt, man unterstützt prinzipiell den Einsatz militärischer Mittel zur Befreiung von Menschen, die unter Despotie leiden – kann es dann nicht im Einzelfall dennoch gute Gründe geben, von einer Intervention abzusehen? Im Fall Bosniens lauteten die Einwände, eine Intervention sei praktisch, aufgrund von Topographie und ethnischer Realität, unmöglich – diese Einwände waren weder dumm noch unmoralisch, aber offenkundig falsch. Im Falle des Iraks lauteten die Einwände, ein Einmarsch würde einen Flächenbrand auslösen, das Land und die Region in Chaos stürzen, den antiwestlichen Furor neue Anhänger zutreiben – diese Einwände waren offenkundig richtig.

 

Doch dieser naheliegenden Frage stellt sich Berman nicht einmal. Stattdessen verliert er sich in grotesk-depressiven Schlusswendungen über das Ende der „Generation der Achtundsechziger“ von denen, nachdem sie in der Irakfrage so versagt hätten, künftig niemals wieder die Rede sein werde.

 

Gewiss, vielen Autoren würde ein Buch wie dieses zur Ehre gereichen. Aber von Paul Berman ist man Besseres gewohnt. Vielleicht, weil er sich gegen die so simple wie augenfällige Einsicht sträubt, dass niemand das Programm eines militärischen bewehrten Antitotalitarismus derart desavouiert hat wie jene US-Regierung, deren Irak-Intervention Berman unterstützte.

 

Paul Berman: Idealisten an der Macht. Die Passion des Joschka Fischer. Siedler-Verlag, Berlin, 2006, 288 Seiten, 19,95 Euro (Ö: 20,60.-)

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