Islamofaschisten und Weicheier

 

Clash of Cartoons. Die einen sehen die religiösen Gefühle frömmelnder Muslime zutiefst gekränkt, die anderen fürchten, der Westen gehe mal wieder vor dem Totalitarismus in die Knie. Geht’s vielleicht eine Nummer kleiner? taz, Februar 2006

 

 

Wer kleine Kinder hat, kennt das: Wenn sie es geschafft haben, einen Purzelbaum zu schlagen, dann sind sie fest davon überzeugt, es ist ein Salto gewesen. Wehe, man kommt ihnen damit, dass ein Salto etwas Kunstvolleres ist als eine krumme Rolle. Dann wird geflennt. Eltern, die sich das ersparen wollen, sagen darum von vornherein: „Ganz toll war er, der Salto.“

 

Daran ist nichts Schlimmes, bis zu einem gewissen Alter. Die Wahrheit, scharfe und ungerechte Kritik, sind Kindern nicht zumutbar. Erwachsenen freilich schon.

 

Tiefgläubige, auch moderate Muslime erwarten aber offenbar, dass man sie genau so behandelt wie unreife Penäler. Angesichts der globalen Aufregung um ein paar Karikaturen in einer rechtspopulistischen dänischen Tageszeitung hört man jetzt wieder all die Catch-Phrasen, die man langsam schon satt hat: „zutiefst beleidigende Karikaturen“, „Herabwürdigung“, „Kränkung der religiösen Gefühle“.

 

Sie wollen, dass man sie als Gleiche behandelt, aber wenn man ihnen zumutet, was allen zugemutet wird, dann schreien sie auf. Jeder darf hier glauben was er will, aber er muss auch zugestehen, dass andere das, was er glaubt, für gefährlich, lächerlich oder einfach dämlich halten und das auch offen sagen. Selbst wer an keinen Gott glaubt, hat meist doch Werte und Überzeugungen, über die andere gelegentlich ihren bitteren Spott treiben. Da muss man durch, das hält man aus. So ist das in einer freien Gesellschaft. Sie hat dafür auch ein paar Vorzüge.

 

Gewiss, es gibt rote Linien. Wenn sich durch den Spott über religiöse Dogmen als inneres Motiv ein Rassismus zieht, der eine ganze Ethnie, Minderheit oder Kultur stigmatisiert, dann hört sich die Satire auf – dann erfüllt sie ganz schnell den Tatbestand der Verhetzung. Man hat es hierzulande einst in dieser Disziplin zu großer Meisterschaft gebracht. Bei den Karikaturen, die der Jyllands-Posten abdruckte, ist dies aber nicht der Fall. Die sind teilweise von spitzer Ironie  – wie jene, in der der Prophet eine Reihe noch kokelnder Selbstmordattentäter aus dem Himmel verweist mit dem Hinweis „Halt, uns sind die Jungfrauen ausgegangen“. Einzelne sind auch von plumperer Härte. Aber die Darstellung des Propheten, der statt eines Turban eine glimmende Bombe am Kopf trägt, muss sich eine Religionsgemeinschaft schon gefallen lassen, in deren Reihen es eine durchaus nicht verschwindende Minderheit gibt, die glaubt, mit Sprengstoffgürteln und Fleischermessern in einen Dschihad gegen Ungläubige und vom Glauben Abgefallene ziehen zu müssen.

 

Doch wie um zu beweisen, dass jede Kultur ihre eigenen Dummköpfe hervorbringt, tritt bei Gelegenheiten wie diesen in letzter Zeit regelmäßig eine relativ neue Spezies auf: die des kampfeslustigen Liberalen, des Kriegers gegen den Totalitarismus. Kaum vernimmt er ein „Allah akbah“, entfährt ihm ein zornbebendes „Islamofaschismus“. Wo drei Männer mit Vollbart beieinander stehen, wittert er die Gefahr eines neuen „Totalitarismus“. Wenn jemand fragt, ob jeder Kraftausdruck oder Witz, der zwar nicht verboten ist, wirklich das nützlichste Instrument ist, die modernen Kräfte im Islam zu stärken, wähnt er den Geist des Appeasement – also die Unkultur, die Feinde der Freiheit besänftigen zu wollen, anstatt ihnen mit Entschiedenheit entgegenzutreten.

 

Für ihn sind die Moslems die neuen Nazis, und ob es sich um einen Traditions-Pascha aus Ostanatolien, einen al-Qaida-Terroristen, einen verinnerlichten Do-it-yourself-Mullah oder einen depravierten Jugendlichen arabischer Abstammung aus der Vorstadt handelt, macht für ihn keinen gar großen Unterschied. Für ihn ist da soviel Differenz wie zwischen NSdAP, SA und SS.

 

Er führt dann bei diesen Gelegenheiten an, wie etwa der durchaus kluge Paul Berman – ein unorthodoxer US-Linker – „dass eine freiheitliche Gesellschaft eine kriegerische Gesellschaft sein müsse, wenn sie herausgefordert“ wird. Diese Rhetorik hat eine große Anziehungskraft auf etwas schlapp gewordene Männer jenseits des Peaks ihrer Schaffenskraft, die sich in der Heldenpose so gut gefallen – die Broders, de Winters und wie sie alle heißen.

 

Der ritualisierten Empörung der Muslime über „westliche Arroganz“ folgt die ritualisierte Empörung der Liberalmilitanten, die dann gerne auch ein bißchen antiislamische Hetze beimischen, damit’s richtig laut wird, sonst macht’s ja keinen Spaß.

 

Mit der Veröffentlichung der Karikaturen haben die Chefs eines dänischen Blattes bewiesen, wie toll mutig sie sind. Muslime zwischen Kopenhagen, Riad und Gaza haben uns daraufhin wieder einmal vorgeführt, was wir eh schon wissen – dass sie vom Westen gerne Nikes und Coke übernehmen, aber nicht seine Spaßkultur, die alles ironisiert. Und weil sich in Dänemark ein Chefredakteur und ein Ministerpräsident für die Cartoons entschuldigten, ist nun wieder einmal klar geworden, dass die Westler nur feige Weicheier sind, die vor den Feinden der Freiheit in die Knie gehen – so jedenfalls deuten die Liberalmilitanten das Geschehen.

 

Man kann diesen konzentrierten Irrsinn einen „Kampf der Kulturen“ nennen. Womöglich ist demonstrative Gelassenheit aber heilsamer. Man kann schließlich auch sagen: Ach Kinder, geht nach draußen spielen.

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