Apocalypse? Wow!

Alles bricht zusammen. Und ich bin mittendrin! taz, theoriekolumne, 3. 3. 2009

Apocalypse? Wow!

 

Also, ich muss Ihnen ein Geständnis machen: Bei aller von der politischen Korrektheit gebotenen Sorge um die Existenz der betroffenen Menschen, bei aller Sorge um BIP & Co – ich schlage dieser Tage auch mit einem gehörigen Schuss voyeuristischer Faszination die Zeitungen auf. Saab pleite. General Motors klinisch tot. AIG braucht weitere 60 Milliarden Dollar. Island bankrott. Irland folgt gleich nach. Citigroup praktisch insolvent. Japans Wirtschaft mit einem Minus von 12 Prozent. Wow. Alles bricht zusammen. Und ich bin mittendrin! Klar, ich habe Angst. Sie wahrscheinlich auch. Aber seien Sie ehrlich: sind Sie nicht auch ein bisschen gefesselt von dem Drama, das sich da vor unser aller Augen entfaltet? Endlich mal was los!

 

Leider muss ich Ihnen auch die Mitteilung machen, dass der Verein der Freunde freier Märkte diese Haltung sehr verwerflich findet. Wolfram Weimer vom Magazin „Cicero“ hält die „fiebrige Lust an der ökonomischen Apokalypse“ für unangemessen, einerseits, weil sie Resultat der Vorurteile jener Menschen sei, die insgeheim immer schon etwas gegen den Kapitalismus hatten, und außerdem weil die Apokalypse, wie alle angekündigten Weltuntergänge, ohnehin nicht kommt. Ganz ähnlich streng hat das Theo Dorn in einem gar nicht unklugen „Spiegel“-Essay über die „Lust an der Apokalypse“ geschrieben.

 

Nun ist die Sehnsucht vor der Katastrophe, diese seltsame Angstlust, tatsächlich beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Sintflut und Apokalypse gibt es schon in der Bibel, Blitz und Verderben fährt hier auf die Menschen nieder, und in der düsteren Offenbarung des Johannes gibt’s als jüngstes Gericht die wüste Schlacht von Amargeddon, da wird mit Feuer und Schwefel nicht gespart. Von der Erwartung des Halleyschen Kometen bis zur Panik ganzer Generationen vor Nuklearkrieg, Vogelgrippe oder der xenophoben Paranoia vor der Moslemschwemme hat sich daran nichts geändert. Da von „Angstlust“ zu reden, das trifft schon einen Punkt, was freilich nichts daran ändert, dass manche Katastrophen eben doch eintreten, so wie es traurigerweise ja auch gelegentlich vorkommt, dass Hypochonder sterben.

 

Die Ausmalung der schönsten „Untergangsmöglichkeiten“ hat, wie Friedrich Sieburg vor mehr als fünfzig Jahren in einem Essay über die „Lust am Untergang“ schrieb, gerade in als zu ruhig empfundenen Epochen eine gewaltige Anziehungskraft. „Der Alltag der Demokratie mit seinen tristen Problemen ist langweilig, aber die bevorstehenden Katastrophen sind hochinteressant.“ Das Schlimmste ist, wenn nichts geschieht, heißt es in Brechts Mahagonny-Oper – in der Stadt Mahagonny wird nie ein Mensch glücklich, „weil zu viel Ruhe herrscht“.  Katastrophen sind „Ereignisse, die den Lauf der Dinge jäh unterbrechen, Eruptionen, die das Kontinuum sprengen, die Geschichte in eine andere Richtung zu reißen vermögen“, schreibt Thea Dorn, wohingegen normale Krisen das Leben nur auf unspektakuläre Weise anstrengend machen.

 

Irgendwas ist daran wahr und falsch zugleich. Die prophezeite Katastrophe, die nie eintritt, wie etwa der Einschlag eines Kometen, hat einen anderen Status wie die Katastrophe, die deshalb nicht eintritt, weil sie vorausgesagt und deshalb abgewendet wird (wie das Waldsterben, möglicherweise der Klimawandel). Dann gibt es die Katastrophen, die stattfinden, doch die meisten von uns glücklicherweise nicht betreffen, die wir aber gerade deshalb mit einer „fiebriger Faszination“ verfolgen: Wenn die WTC-Türme einstürzen und wir live dabei sind, wenn der Tsunami halb Asien überschwemmt. 3000 Tote, hunderttausend Tote – es gibt hier ein Erstarren vor der Monströsität, der großen Zahl.

 

Mit der globalen Finanzkrise sind wir Beobachter eine Katastrophe und Betroffene zugleich, freilich in einem anderen Sinn, als wenn wir von einer Lawine verschüttet werden. Wir wissen, es gibt diese Katastrophe, sie betrifft uns „irgendwie“, aber wir wissen nicht genau, wie – etwas Materielles, etwa den „Blauen Brief“ oder den desaströsen Auszug des Wertpapierdepots, haben die Wenigsten von uns in der Hand. Darüber hinaus entfaltet sich die Finanzkrise als „Ereignis“, das sich aus Detailereignissen zusammensetzt, die sich aufeinandertürmen. Jedes dieser Ereignisse, so lapidar es auch sein mag (wie etwa der Wertverfall der strukturierten US-Hypothekenbündel, die nicht einmal ein Prozent der am Weltfinanzmarkt gehandelten Papiere ausmachte), kann buchstäblich die Welt zum Einsturz bringen. Wir wissen nicht genau, was in den Glasfaserkabel, die die globalen Finanzmärkte verbindet, exakt vor sich geht, aber wir wissen, es ist das ökonomische Äquivalent zur Neutronenbombe: Die Wolkenkratzer stehen noch, aber womöglich sind die Büros bald menschenleer. Ich weiß ja nicht, wie Sie darüber denken, aber ich finde, man darf sich davon schon ein wenig faszinieren lassen.

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2 Gedanken zu „Apocalypse? Wow!“

  1. Na klar kann (und soll) man sich davon faszinieren lassen – ein rasanter Untergang ist ja genauso interessant wie ein rasanter Aufstieg (vielleicht sogar noch interessanter).
    Wenn man die Finanzkrise schon am eigenen Leib nicht so schrecklich erlebt, wie es das Erlebnis des Begrabenwerdens unter einer Lawine ermöglicht, dann wenigstens durch möglichst intensives Verfolgen des Geschehens. Das ist nicht sarkastisch gemeint, aber wie Du schon selbst gegen Ende schreibst: Tsunamis, WTC-Einsturz, ja selbst relativ nahe Lawinen lassen uns eher kalt, so eine Krise wie diese finanzielle hier wird uns lange nicht mehr so nahe gehen, da dem wohlbehüteten Bürger in einem industriellen Staat nichts so sehr treffen kann wie Arbeitslosigkeit und soziale Verharmung.

  2. So ein Beitrag kann nur von einem Intellektuellen in seinem Wolkenkuckuksheim kommen … erzählen sie das mal in einer Gegend wie zB in Hallein, wo gerade die halbe Gegend von Arbeitslosigkeit bedroht ist und damit Menschen in Ihrer Existenz bedroht sind … sorry, aber der Beitrag oben macht mich ziemlich wütend, ob seiner Gleichgültigkeit … ach so, da spricht ja einer der Guten, ein Linker … da muss man Nachsicht haben *beeingveryangry*

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