Sagt Mario Draghi den Griechen grad wirklich: Wenn Ihr nicht brav seid, ruiniere ich die Eurozone?

Nein, das ist doch eher unwahrscheinlich.

Die Entscheidung der EZB, demnächst griechischen Banken keine Liquidität – also Zentralbankgeld – mehr gegen Hinterlegung griechischer Staatsanleihen als Bürgschaft zu geben, hat viel Aufregung verursacht. Überall herrscht bisschen Panik, die normalen Bürger wissen gar nicht, worum es dabei geht, und die Experten kennen sich auch plötzlich nicht mehr aus. Ein paar Fachleute tun zwar so, als verstehen sie etwas, aber glauben Sie ihnen besser kein Wort: Alle sind gerade etwas verwirrt.

Dennoch setzt sich ein gewisser Spin durch: Die EZB zieht den Griechen die Daumenschrauben an. Sie zeigt ihnen ihre Folterwerkzeuge. Jetzt sieht man, dass Tsipras und Varoufakis auf dem kürzeren Ast sitzen. Die Frage ist nur: Ist das wirklich wahr?

Zunächst einmal ist überhaupt nicht sicher, ob Draghi und Varoufakis überhaupt auf unterschiedlichen Ästen sitzen: Draghi bekämpft verzweifelt die Deflation in Europa mit den bescheidenen Mitteln, die ihm zur Verfügung stehen – nämlich mit Quantiative Easing, also dem Pumpen von Zentralbankgeld in den Bankenkreislauf. Bloß kommt das Geld in der Realwirtschaft nicht an, solange weiter Austeritätspolitik betrieben wird, private Haushalte sparen und Unternehmen nicht investieren. Draghi selbst beißt sich ja am Spardiktat von Schäuble und Co. die Zähne aus. Es wäre ja viel logischer, anzunehmen, dass Draghi insgeheim auf einen Erfolg der Griechen hofft, was einen Kurswechsel in Europa angeht. Klar, das ist nur Spekulation, aber keinesfalls eine unbegründete.

Aber bleiben wir bei den Fakten: Die EZB sagt, sie kann die Liquiditätsschleusen für die griechischen Banken nicht offen halten, wenn Griechenland unter keinem ausgehandelten Reformprogramm agiert – und das bisherige Programm hat Griechenland nun de fakto gekündigt und will ein neues Übergangsprogramm mit den anderen Euroländern verhandeln. Was bedeutet dann aber die Entscheidung der EZB? Sie bedeutet, dass die EZB Griechenland UND die anderen Euroländer unter Druck setzt, eine neue Abmachung zu treffen oder aber Griechenland unter Druck setzt, die alte Abmachung wieder zu akzeptieren.

Das bedeutet also: Alle sind unter Druck gesetzt – aber Griechenland ein bisschen stärker. Mehr nicht.

Was passiert aber, wenn sich Griechenland nicht beugt und auch mit den anderen Eurozonenpartnern kein Abkommen ausverhandelt werden kann, weil Schäuble und Merkel sich beispielsweise quer legen?

Dann droht die EZB, dass im allerextremsten Fall die griechischen Banken keine Liquidität mehr zugeführt bekommen.

Nur, damit man das auch als Laie versteht: Es geht im Moment gar nicht darum, dass die EZB droht, Griechenland in den Staatsbankrott zu treiben. Das ist überhaupt nicht die Gefahr im Augenblick. Griechenland droht unmittelbar jedenfalls kein Staatsbankrott. Womit die EZB droht, ist, die griechischen Banken in den Bankrott zu treiben. Und zwar Banken, die zwar möglicherweile ein Liquiditätsproblem haben, aber keineswegs insolvent sind. Das heißt, simpel gesagt: Sie droht, (relativ) gesunde Banken kaputt zu machen, indem sie sie von Liquidität abschneidet und einen Bankrun provoziert. Was heißt: Die EZB droht, etwas zu tun, was auf beinahe kriminelle Weise verrückt wäre.

Got it? Das einzige, womit die EZB also drohen kann, ist den Finanzplatz Griechenland in die Luft zu sprengen. Nun ist natürlich überhaupt nicht vorstellbar, dass so ein GAU auf Griechenland beschränkt bliebe. Die Schockwellen würden viele Banken in Europa in Schieflage bringen. Man kann sich die Folgen vorstellen. Kurzum: Die EZB droht, sie würde die griechischen Banken umbringen und damit gleichzeitig Selbstmord begehen.

Die griechische Seite weiß natürlich, und die EZB weiß, dass die griechische Seite das weiß, dass die EZB das nie tun wird. Es ist also schwer anzunehmen, dass die EZB glaubt, sie könne damit die griechische Regierung beeindrucken, und daher ist auch schwer anzunehmen, dass sie ihre Strategie auf eine so dumme Annahme aufbaut. Draghi ist ja kein Schwachkopf. Er weiß ja, dass die Griechen dann sagen würden: „Was, Du willst die Eurozone in ein Trümmerfeld verwandeln? Na dann, hoppauf, mach mal, wenn Du Dich traust.“

Es ist also sehr viel vernünftiger, anzunehmen, dass hier gerade ein ganz anderes Schachspiel gespielt wird. Und völlig absurd ist die Annahme, dass Griechenlands neue Regierung überhaupt keine Karten in diesem Spiel in der Hand hat. Die Karten sind nämlich gar nicht so schlecht: Sie weiß, dass die EZB niemals das tun kann, was sie gerade androht.

blogwert

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7 Gedanken zu „Sagt Mario Draghi den Griechen grad wirklich: Wenn Ihr nicht brav seid, ruiniere ich die Eurozone?“

    1. Das wäre dann ein schönes Spielchen mit paradoxer Intervention
      wie sie Paul Watzlawick so treffend dargestellt hat.
      Ich weiß, das du weißt, dass ich weiß, dass du weißt…………
      Die Frage ist nur ob die deutschen Sparkommisäre in ihrem
      zwanghaften Denken fähig sind, das zu erkennen und entsprschend
      handeln.
      Einstweilen bleibt nur Watzlawicks Erkenntnis:
      Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht Ernst.

  1. Die Drohung der EZB ist aber schon mehr als nur ein Schachzug; immerhin steigen die Refinanzierungskosten der griechischen Banken, wenn sie nur mehr die Notkredite der EZB in Anspruch nehmen können. Daher hat die Maßnahme von Draghi ganz konkrete Auswirkungen auf die griechische Ökonomie und ist nicht nur Theaterdonner.

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