Die verunsicherte Revolution

Während Syriza langsam aus dem Schock der letzten Wochen erwacht, sucht Premier Alexis Tsipras nach seiner Rolle. Griechenland nach Referendum, Bankenschließung und Brüsseler Diktat. Eine Recherche.

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Es ist schon nach acht Uhr Abend, aber meine Füße fühlen sich in meinen Lederstiefeln an, als würden sie langsam gegart. Zugegebenermaßen nicht die genialste Schuhwahl bei 36 Grad. Ich schleppe mich die Tsakalof Straße hoch, die aus dem schicken Regierungsviertel Kolonaiki über die Hügel von Athen erst hoch und dann runter führt ins Hipsterviertel Exarchia, mit seinen Anarchoschuppen und seinem schicken Grindfaktor. Und wie ich mich da gedankenverloren hochschlepppe fällt es mir in die Augen, dieses Buch, in einem Schaufenster kaum über dem Straßenniveau: George Orwell – Mein Katalonien, wobei das Buch im Original ja „Homage to Catalonia“ heißt. Zugleich ist es aber auch ein Abschied von einer Revolution, die an sich selbst gescheitert ist. P1030573Seit Tagen schon habe ich eine Passage aus einer anderen großen politischen Reportage Orwells im Ohr, die mir einfach nicht aus dem Kopf gehen will: „Linke Regierungen sind für ihre Anhänger fast immer enttäuschend.“ Für Orwell war das eine nüchterne Beobachtung, und nichts, was er irgendjemandem vorwarf, schon gar nicht den Regierungen alleine. Wenn schon, dann richtete sich Orwells Satz auch gegen die überzogenen Erwartungen und die Reinheitsideen der Anhänger, die glauben, alles könne den geraden Weg gehen, man könne in der wirklichen Welt ohne Kompromisse vorankommen, und die die halben Sachen und auch die Ausweichmanöver ihrer Premiers und ihrer Genossen in Ministerämter nicht akzeptieren können.

Linke Regierungen sind für ihre Anhänger immer enttäuschend. Auch die Syriza-Regierung hat ihre Anhänger jetzt einer Enttäuschung ausgesetzt, was heißt Enttäuschung: einem Schock.

Irgendwie nimmt eine Partei – aber auch ein Land – Abschied von einer Hoffnung gerade. Denn knapp fünf Monate war Griechenland von einer eigentümlichen Aufbruchstimmung geprägt: Dass jetzt alles anders werden kann; dass jetzt die jungen, modernen Leute in der Regierung sitzen; dass jetzt die Fenster aufgemacht werden und Luft hereinkommt. Denn es waren ja bei weitem nicht nur die Linken oder Parteigänger oder die Wähler der Syriza-Partei und von Alexis Tsipras von dieser Hoffnung angesteckt. Auch junge liberale Leute etwa waren davon nicht unberührt. Man sprach schon vom „griechischen Frühling“. Der Premier hatte – und hat ja immer noch – Zustimmungsraten von bis zu 70 Prozent. Ja, das Land mag am Abgrund stehen, aber jetzt kann es auch eine neue Zukunft geben – so in etwa war die Stimmung.

„Wir sollten unsere Argumente respektieren angesichts dieser unmöglichen Alternativen, vor denen wir standen. Ich bin nicht ‚revolutionärer‘ oder ‚linker‘ als Tsipras, und ich glaube auch nicht, dass Tsipras ‚verantwortungsvoller‘ ist als ich“                          ___ YANIS VAROUFAKIS

Es waren zwei Faustschläge, die dieser neuen Zuversicht ein Ende setzen. Zunächst die brutale Reaktion der europäischen Partner nach der Ausrufung des Referendums Ende Juni. Die Europäische Zentralbank fror die Liquiditätshilfen für die griechischen Banken ein. Die Banken mussten schließen, Kapitalkontrollen wurden verhängt, jeder Grieche durfte nur mehr 60 Euro pro Tag aus dem Geldautomaten ziehen. Aber auch alle Überweisungen vom und in das Ausland waren gestoppt. Praktisch die gesamte griechische Wirtschaft kam zum Erliegen, als wäre sie von einem Augenblick zum nächsten tiefgefroren worden. So von der Art: Faser auf Betäubung. Und der zweite Faustschlag war dann das brutale Diktat von Brüssel, das dritte Bail-Out-Programm, dessen Bedingungen Alexis Tsipras nach einer durchgekämpften Nacht schließlich grosso modo akzeptieren musste.

Seither herrscht Aufruhr in seiner Partei. Wenn es so etwas wie eine Revolution in Griechenland gab, dann ist das jetzt eine verunsicherte Revolution. Die verunsicherte Revolution. Das verunsicherte Land. Tsipras hat mit Dissidenten in seiner Partei zu kämpfen, einem linken Flügel, der dem Premier die Gefolgschaft versagt. Es geht ein Spalt durch die Partei, aber es ist der gleiche Spalt, der durch das Land geht. Es ist auch kein Spalt, über den es nicht auch Brücken gäbe. Jeder versteht, warum der Premier zustimmen musste – auch die, die ihn für die Zustimmung kritisieren. Jeder versteht auch, warum die Kritiker „Nein“ zum Programm sagen, auch die, die nach reiflicher Überlegung mit „Ja“ stimmen. Jeder versteht, dass es nichts brächte, wenn der Premier heroisch zurückträte – auch die, die selbst zurücktreten. Vielleicht ist das ja auch einfach das Charakteristikum von Verunsicherung, dass man der Gegenseite nicht nur Rationalität zubilligt, sondern sich insgeheim fragt, ob nicht der, der sich anders entschieden hat, richtig entschieden hat.

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Mittwoch Abend, Syntagma-Platz. Vor dem Parlament demonstrieren aufgebrachte Unternehmer gegen die allgemeine Mehrwertsteuererhöhung auf 23 Prozent, daneben stehen versprengte Linksradikale, die ihre OXI-Schilder jetzt Alexis Tsipras entgegenhalten. Bereitschaftspolizei lümmelt in der Abendhitze, über der Szene kreisen Hubschrauber. Es ist schon ein wenig pittoresk, wenn das Kleinkapital, Händler und Wirte, Seite an Seite mit Autonomen demonstrieren. Das ist so zirka als würde die Wiener Handelskammer gemeinsam mit den Kids vom Kirchwegerhaus auf der Straße Rambazamba machen. Drinnen beginnt gerade die Parlamentssitzung, die die zweite Welle der Austeritätsmaßnahmen beschließen soll, nach Rentenkürzungen und Steuererhöhungen nun Wirtschaftsrechts-Reformen und neue Bankengesetze, die allesamt den normalen Bürgern noch teuer zu stehen kommen können. Wer die Kredite für seine Wohnung nicht mehr bezahlen kann, kann künftig schneller aus seinem Heim geworfen werden, und Leute, die mehr als 100.000 Euro auf der Bank haben, können demnächst Teile ihres Ersparten verlieren, wenn eine Rekapitalisierung der Banken nötig wird (Bail-In ist der Fachterminus). Den ganzen Tag über kämpfen Tsipras engste Verbündete schon darum, wenigstens eine satte Mehrheit der Syriza-Fraktion für ein „Ja“ zu gewinnen. Ohne die Stimmen von Oppositionsparteien wie PASOK, Nea Demokratia oder To Potami brächte Tsipras die Gesetze ohnehin nicht mehr durch das Parlament, aber wenigstens 120 Abgeordnete seiner Syriza-Partei sollten zustimmen, so lautet die Latte, die sich die Parteiführung gelegt hat. Noch hält die Partei irgendwie zusammen, aber es sind so kleine Details, die zeigen, wie die Spannungen steigen. Ein Auseinandergehen sei wohl unausweichlich, „wenn längerfristig zwei verschiedene Strategien gefahren werden“, ist aus dem Umfeld Tsipras‘ zu hören. Tsipras selbst wird von verschiedenen Zeitungen mit zugespielten Sätzen zitiert, wonach all jene, die einen Grexit wollten oder Rentner mit einer virtuellen Parallelwährung, einem Ersatzgeld, bezahlen möchten, doch „bitte hervortreten und das dem Volk erklären sollen“ (Botschaft: Viel Spaß dabei!). „Wenn wir sagen, Austerityprogramme und die Unterwerfung seien die einzige Wahl die wir haben, dann kehren wir unseren Kämpfen den Rücken zu“, schimpft wiederum die linke Plattform mittlerweile offen und direkt gegen den Premier.

„Na, raus aus der Tretmühle?“, frage ich Yanis Varoufakis halb im Scherz. „Nein, immer noch vier Termine pro Stunde, aber wenigstens kann ich Nachts schlafen“, gibt er lachend zurück. Immerhin ist Varoufakis ja auch noch Parlamentsabgeordneter und in ganz Europa ein gefragter Mann. Irgendwie gelingt es uns in seinen Terminplan noch ein kurzes Gespräch reinzupressen. Er ist unmittelbar nach dem Referendum als Finanzminister zurückgetreten und sagt nun rigide „Nein“ zu dem Bailout-Programm.


Varoufakis 1„Ist der griechische Frühling jetzt zu Ende?“, frage ich ihn.

„Eine ökonomische Krise führt zur Instabilität des politischen Systems, und meist nicht gerade in eine Richtung, die man sich für progressive Weise wünschen kann“, sagt Varoufakis. „In diesen fünf Jahren hat es Syriza aber geschafft, diese Gefahr in eine kreative, progressive Kraft zu verwandeln. Nun, da aber Syriza gedemütigt wurde, indem man der Regierung ein Abkommen aufgezwungen hat, das unmöglich funktionieren kann, jetzt also stehen wir vor der unmöglichen Aufgabe, weiter als progressive, kreative Kraft zu wirken und gleichzeitig diese Maßnahmen umzusetzen, die die Ökonomie abwürgen.“

Ja, und? Ist das nun möglich oder gänzlich unmöglich?

„Ich hoffe, ich liege falsch. Aber ich glaube nicht, dass irgendetwas Progressives aus der gegenwärtigen Situation unter diesem Programm folgen kann. Dieses Programm ist wie extra dafür geschaffen, alle Chancen zur Erholung zu sabotieren.“

Jeder Schritt, den heute jemand in Griechenland setzt, ist eine eigene Art von Grenzgang, hat man den Eindruck. Ein Premier, der ein Memorandum umsetzen muss, an das er nicht glaubt; eine parlamentarische Opposition, die dafür erstmals fast geschlossen eine parteiübergreifende Allianz mit dem Premier geschlossen hat, was in der nicht gerade auf „Überparteilichkeit“ gestimmten politischen Tradition Griechenlands allein schon eine Sensation ist; dazu innerpartliche Gegner des Premiers, die dennoch seinen Erfolg nicht untergraben wollen. Irgendwie ist das alles verständlich, und doch auch irgendwie verrückt.

„Was bist Du denn jetzt eigentlich?“, frage ich Varoufakis? Oppositioneller? Dissidenter Alliierter von Tsipras? Oder was?

„Ich möchte eine vereinigende Rolle spielen. Wir sollten unsere Einheit behalten, gegen allen Unbill, bei allen Meinungsverschiedenheiten, die wir haben. Wir sind in ein Eck gedrängt worden, das ist eine Schande für Europa, nicht eine Schande für uns. Europa muss sich harte Fragen gefallen lassen, Fragen die von der europäischen Geschichte gestellt werden in der Zukunft. Wir müssen unsere Einheit behalten, um die Hoffnung aufrecht zu erhalten. Und wir müssen auch einsehen: In dieser Ecke gibt es keine guten Entscheidungen. In solchen Momenten sind alle Argumente richtig und falsch zugleich. Der Premierminister hat recht mit seinem Argument, dass er im Amt bleiben und kämpfen will. Auf der anderen Seite ist mein Argument ebenso richtig, dass ich recht hatte, zurück zu treten. Wir sollten unsere Argumente respektieren angesichts dieser unmöglichen Alternativen, vor denen wir standen. Ich bin nicht ‚revolutionärer‘ oder ‚linker‘ als Tsipras, und ich glaube auch nicht, dass Tsipras ‚verantwortungsvoller‘ ist als ich. Das soll jede Seite respektieren.“

Und welche Rolle wolle er künftig spielen? Vielleicht sogar die des großen Redners, der jetzt auch freier sprechen kann, um durch Europa zu tingeln und den Change und die Allianzen zu schmieden, die ja ganz offenbar in den vergangenen fünf Monaten vernachlässigt wurden?

„Ich würde sehr gerne diese Rolle spielen. Ich bin bereit, keinen Stein unbewegt lassen bei der Suche nach Allianzen und Verbündeten. Wir brauchen eine paneuropäische Allianz zur Demokratisierung Europas und zur Beendigung einer makroökonomischen Politik, die uns alle zurückwirft, die schädlich und behindernd ist, und wirtschaftliche Chancen im Norden und im Süden Europas verspielt.“

Noch immer ist Varoufakis ein Star in Griechenland. Nicht nur, wegen der „Radical-Chic“-Aura, die ihn zweifellos umgibt, sondern auch, weil er ein genialer Kommunikator ist, der die kurz- und langfristigen Ziele progressiver Politik in überzeugende Argumente packen kann. Diese Fähigkeit ist natürlich ein Produkt von intellektueller Schärfe und Klarheit gepaart mit einem überbordenden Selbstbewußtsein, dessen Kehrseite gewiss auch ein Übermaß an Rigidität ist, die Unfähigkeit, sich geschmeidig und ein wenig opportunistisch an die Realität anzuschmiegen, wenn man merkt, dass man nicht alles auf einmal bekommt. Tsipras wird insofern froh sein, ihn los zu sein und einen pragmatischeren Charakter wie Euclid Tsakalotos nun an der entscheidenden Stelle sitzen zu haben, aber zugleich wird Varoufakis ihm fehlen, als intellektueller Kommunikator.

20130920_0835„Tsipras ist in den vergangenen zwei Wochen wirklich zum Staatsmann gewachsen“, sagt Christos Katsoulis. Wir sitzen in einer Seitenstraße des Exarchia-Platzes und schaufeln Anchovis in uns rein. Katsoulis ist ein wohlwollender, aber keineswegs übertrieben syriza-naher Beobachter der Szenerie, schon alleine von Berufs wegen: Er ist Büroleiter der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen. Tsipras beherrscht die Bühne, und auch seine Zickzacks nehmen ihm die Leute nicht übel. Aber seitdem er in der Nacht des Brüsseler Diktates schließlich im Morgengrauen das Austeritätsprogramm akzeptierte, fährt Tsipras ohnehin eine klare Linie. Er kommuniziert offen mit den Bürgern und erzählt ihnen nicht irgendeinen Politikerbullshit. Er sagt, dass er das Programm nur unterschrieb, weil die Alternative ein Desaster wäre. Er sagt aber auch nicht, dass er das Programm vollends ablehne. „Er unterscheidet klar zwischen dem, was reines Spar- und Kürzungsprogramm ist und die Wirtschaft weiter abwürgen wird, und dem, was man die nötigen Modernisierungsreformen nennen könnte“, so Katsoulis. Tsipras macht sich diesen Teil der schon getroffenen und künftigen Beschlüsse zu eigen. Bis hin zu Elementen der Rentenreform, und er sagt da auch Sätze, die im altsozialistischen Milieu wohl nicht gerne gehört werden, wie: „Ich denke nicht, dass es ein Ziel progressiver Politik ist, Leute mit 45 oder 50 Jahren in Rente zu schicken.“ Erhöhung des Rentenantrittsalters, was Kosten bei den Pensionskassen spart, ist nicht automatisch ein Anschlag auf progressive Ziele – sofern die Leute ordentliche Jobs haben.

Aber was genau ist der Pfad, auf den sich Tsipras dieser Tage macht? Ist er einer, der sich im wesentlichen als Widerstandskämpfer gegen die herrschende neoliberale Politik versteht, und nur zur Kapitulation gezwungen wurde? Wird er nun zum progressiven Pragmatiker, so von der Art Bruno Kreiskys, zu einem Linkspolitiker, der die Grenzen der Realität akzeptiert, aber nicht, um sich ihnen zu unterwerfen, sondern um sie in einem langandauernden Reformprozess zu verschieben? Oder droht ihm gar ein Blairschicksal, also die Rolle des Modernisten, der als Bettvorleger der herrschenden Eliten endet?

Man weiß das auch heute noch nicht völlig sicher und deshalb ist es auch so schwer, ihn zu berechnen. Es bleibt so etwas sphynxhaftes um Tsipras. Ist er ein chamäleonhaftes Machtgenie? Oder doch eher einer, der die Entscheidung scheut, der jetzt als Premier nicht recht weiß, wer er sein soll: Oppositionsführer gegen „das System“ oder Realpolitiker?

Wird Tsipras nun zum progressiven Pragmatiker, so von der Art Bruno Kreiskys, zu einem Linkspolitiker, der die Grenzen der Realität akzeptiert, aber nicht, um sich ihnen zu unterwerfen, sondern um sie in einem langandauernden Reformprozess zu verschieben? Oder droht ihm gar ein Blairschicksal, also die Rolle des Modernisten, der als Bettvorleger der herrschenden Eliten endet?

„Ein populärer und pragmatischer Tsipras erscheint“, titelte vergangene Woche die „New York Times“. Sie zeichnet das Bild eines ziemlich einzigartigen Linkspolitiker, der die Sprache der Reform und der sozialen Gerechtigkeit zugleich sprechen kann. So einzigartig, dass er heute in der griechischen Politik ohne jeden Herausforderer ist. Aber damit habe er einen weiten Weg zurückgelegt: „Er trägt noch immer keine Krawatte, aber er hat einen ordentlichen Weg in Richtung Mainstream zurückgelegt“, so das Urteil des amerikanischen Leitmediums.

Es gehört zum Chamäleonhaften, das Tsipras umgibt, dass die Leute, die lange mit ihm zusammenarbeiten, dies heftig abstreiten, aber sich am Ende doch auch nicht ganz sicher sind, wie groß der Kern an Wahrheit ist, der in solchen Aussagen auch steckt. „Mit seinem konkurrenzlosen Kommunikationstalent ist der gewinnende Tsipras in der Lage, einem ganzen Sektor der Gesellschaft eine Stimme zu geben, der jahrzehntelang nicht gehört wurde“, schrieb einmal der „Guardian“ über den Premier.

Man muss die Einzigartigkeit der Position, in der Tsipras sich befindet, erst einmal richtig verstehen. Er hat ein Referendum riskiert, wurde mit dem Totalstillstand der Wirtschaft bestraft und musste in Brüssel eine demütigende Niederlage hinnehmen, die jeden anderen wahrscheinlich das Genick gebrochen hätte. Aber nicht Tsipras, dem die Griechen weitgehend zugute halten, „dass er wie ein Löwe gekämpft hat“. Oberflächlich betrachtet ist das ein Arrangement totaler Absurdität: 60 Prozent der Griechen haben für Oxi, also gegen ein weiteres Austeritätsprogramm gestimmt. 70 Prozent sind aber ebenso der Meinung, dass Tsipras recht hatte, einem Programm zuzustimmen, das in einigen Punkt noch schlimmer war, als das verworfene Programm, welches wiederum 70 Prozent der Griechen auch heute für falsch halten. Trotz oder wegen dieser Zustimmung, die alle für richtig halten, zu einem Programm, das alle für falsch halten, hat er persönliche Zustimmungwerte von 70 Prozent. Es ist wie bei einem Vexierbild: Je nachdem, aus welcher Perspektive man blickt, scheint diese Gemengelage total verrückt und im nächsten Moment schon wieder völlig einleuchtend und plausibel zu sein. Ähnliches gilt auch für die Auffassung, Tsipras habe in den vergangenen Wochen einen erratischen Zickzackkurs gefahren. Natürlich, er hätte sich schon vor einem Monat dem Diktat aus Brüssel beugen, sich das Referendum und auch die lange Nacht von Brüssel ersparen können, ganz zu schweigen von den ökonomischen Daumenschrauben. Aber gerade all das, wenn man so will, die symbolische Produktion einen Settings, in dem er nicht voreilig klein beigab, sondern bis zum Ende kämpfte, war notwenig, damit er den Schwenk machen konnte, ohne politische Legitimation zu verlieren, genauso wie erst dadurch seine Etappenschlappen zu einem Phyrrussieg der Austeritätskräfte in Europa wurde. Erst die brutale Erpressung mit dem Äußersten und Schäubles autoritäres Agieren führten ja dazu, dass sich plötzlich Spaltungen in Europa auftun, von der sich die Pro-Austeritätsfront so schnell nicht erholen wird, die relative Isolation Griechenlands hat sich in eine relative Isolation des mächtigen Deutschlands verwandelt. So hat Tsipras eine wirtschaftspolitische Niederlage in einen politischen Etappensieg verwandelt, in eine leichte Verschiebung der Maginot-Linie im Grabenkampf um die Hegemonie in Europa.

60 Prozent der Griechen haben für Oxi gestimmt. 70 Prozent sind aber ebenso der Meinung, dass Tsipras recht hatte, dem Programm zuzustimmen. Es ist wie bei einem Vexierbild: Je nachdem, aus welcher Perspektive man blickt, scheint diese Gemengelage total verrückt und im nächsten Moment schon wieder völlig einleuchtend und plausibel zu sein.

P1030537Der Preis dafür war natürlich hoch. Die vergangene Woche war jene, in der das Land erst zaghaft aus dem Schock der letzten Wochen erwachte. Ich gehe durch das Straßengewirr von Exarchia, unter Arkaden entlang, Palmen, Baumäste und Oleanderblätter schnalzen mir ins Gesicht. In der Klisovis Strasse treffe ich Maria Calafatis und Stavros Messinis, zwei der wichtigsten Zentralfiguren der hiesigen Start-up-Szene. Maria sitzt vor dem „Cube“ und trinkt einen Cafe Freddo. Der „Cube“ ist ein Co-Working-Space, in dem auf sechs Etagen zwei Dutzend Start-Ups untergebracht sind. Die meisten sind im Tech-Bereich tätig, einige in der Tourismusbranche.

„Du kannst Deine Rechnungen nicht bezahlen, die Gehälter kannst Du auch nicht zahlen“, sagt Maria Calafatis. „Das kann man zwei, drei Wochen durchhalten. Aber wie soll man das länger durchhalten?“ Seit vergangenen Montag haben wenigstens wieder die Banken geöffnet. Aber die Kapitalkontrollen sind immer noch in Kraft und daran wird sich so bald nichts ändern. Wer Geld ins Ausland überweisen will, der muss eine lange Prozedur auf sich nehmen. Unternehmen müssen bei einer Bank-Transaktions-Genehmigungs-Stelle einen Antrag stellen, selbst wenn sie nur die kleinsten Rechnungen bezahlen wollen. Wer Importgüter braucht, seien es Nahrungsmittel für die Supermärkte oder Rohstoffe für Fabriken, der muss sich auf einer langen Liste unten einschreiben und dann ein paar Wochen hoffen, dass er irgendwann oben angelangt ist. Da den Banken auch noch die Liquidität fehlt, haben größere Überweisungen beinahe überhaupt keine Chance. „Wir konnten nicht einmal Server bestellen“, sagt Dimitris, der für eine britische Techfirma arbeitet und gerade an einem Auftrag der British Telecom werkt.

Seit beinahe schon drei Wochen ist die griechische Wirtschaft nun wie tiefgefroren. Nicht nur, dass die Bürger kaum an Bargeld kamen – auch diejenigen, die ihre Eurobündel in der Matratze horten, geben sie kaum aus. Bargeld ist selbst für jene, die nicht arm sind, zu einem knappen Gut geworden, das man besser hortet. Und zu allem Überfluss wurden, als Folge des vom EU-Gipfel dekretierten Plans, am Montag noch die Mehrwertsteuersätze erhöht. Die meisten Lebensmittel, der Kaffee in den Cafés, das Essen im Restaurant, die meisten Güter des täglichen Bedarfs – auf alle muss jetzt ein gehobener Steuersatz von 23 Prozent hinzugeschlagen werden. Und zudem winken neue Austeritätsmaßnahmen.

Die Ökonomie in Schockstarre auf Grund der Kapitalkontrollen, dazu weitere sinkende Konsumnachfrage gepaart mit höheren Steuern – nicht gerade der erfolgsversprechendste Plan, den sich die Euro-Gruppen-Strategen da ausgedacht haben. Da scheint es fast als wäre es ein bösartiger Witz, dass obendrein jetzt die Läden am Sonntag offen haben dürfen – als diabolische Phantasie, dass sich die Wirtschaft erholen könnte, wenn die Griechen das Geld, das sie nicht haben, auch am Sonntag ausgeben können.

„Die schlimmste Auswirkung war die auf die Psyche der Konsumenten“, sagt auch der Kleinunternehmer Giorgios Goniadis. „Die Bestellungen über meinen E-Shop beispielsweise sind um 60 bis 70 Prozent zurück gegangen.“ Dafür steigt nun die Mehrwertsteuer, die Kosten für Krankenversicherung und die Einkommenssteuern. „Von zwanzig Euro Einkommen gehen zehn an den Staat“, sagt Goniadis, dessen kleines Unternehmen gerade erst in den Kinderschuhen steckt. Dass gerade die Troika aus IMF, EZB und EU-Kommission ein Austeritätsprogramm erzwingt, das die Unternehmen abwürgt, kann er nicht verstehen.

P1030527Dabei darf man sich Leute wie Maria Calafatis und ihren Kompagnon Stavros Messinis nicht als Leute vorstellen, die zur Depression neigen. Vor sieben Jahren haben sie ihr erstes Co-Working-Space eröffnet, das schnell aus allen Nähten platze, sodass sie nun das ganze Bürohaus in der Klisovis-Straße bespielen. Über das Niveau der bemühten Techbastelei ist die Initiative längst hinaus. So residiert im obersten Stockwerk die Venture-Capital-Firma „Openfund“ des VIP-Ökonomen Aristos Doxiadis, der Investorenkapital aus der ganzen Welt in die junge Start-Up-Szene lenkt. Auch Anwälte und Notare sind Teil des Netzwerkes, die jungen oder ausländischen Unternehmen den Weg durch den Bürokratiedschungel bahnen.

„Die Krise ist nicht nur schlecht“, sagt Maria Calafatis mit dem milieutypischen Elan. „Sie hilft, Leute aus der Komfortzone zu bringen.“ Früher, so erzählt sie, war das große Lebensziel der Griechen, einen sicheren Job beim Staat zu bekommen. Riskantes Unternehmertum wurde dagegen eher als Sache für Halbwahnsinnige angesehen. Das beginne sich zu wandeln. Heute kommen Eltern mit ihren Kindern zu den Workshops im „Cube“, weil klar ist, dass Jobs in der IT-Branche viel bessere Zukunftsaussichten haben als die klassischen Branchen. Man merkt, dass Maria diese Geschichte schon oft erzählt hat. Sie spult sie nicht routiniert im Sinne von gelangweilt ab, aber mit dieser profimäßigen Engagiertheit, die Leute mit einer Mission und einem langen Atem haben, die gewohnt sind, Investoren überzeugen, bei Bürokraten die Türe öffnen zu müssen, und die auch versuchen, langsam, Schritt für Schritt, eine Idee in den Köpfen von Leuten zu verankern, die sie zunächst einmal für Nonsens halten. Die Idee, dass man mit neuen, unkoventionellen Konzepten die griechischen ökonomischen Probleme in den Griff bekommen kann.

Im Erdgeschoß basteln ein paar IT-Jungs aus Spanien an Bitcoin-Bankomaten. Die virtuelle Währung hat gerade recht viel geholfen, weil sie von den Kapitalkontrollen nicht erfasst ist, aber in Euro transferierbar – damit konnten Überweisungen getätigt werden, die ansonsten nicht möglich gewesen wären. Das Virtuelle und das Nicht-Virtuelle geht im Cube aber die schönsten Kombinationen ein, wie überhaupt in der Start-up-Szene.

„Die Krise ist nicht nur schlecht“, sagt Maria Calafatis mit dem milieutypischen Elan. „Sie hilft, Leute aus der Komfortzone zu bringen.“

So haben viele junge Leute die Stadt verlassen und haben auf den Feldern von Mama, Papa, Oma oder Opa Ökolandwirtschaft aufgezogen, stellen High-Class-Produkte her, die dann wiederum über die neuen Dienstleistungskanäle vertrieben werden. Manche machen derweil fette Geschäfte bis nach Dubai.

Ein Tropfen auf dem heißen Stein, viel zu virtuell und klein um die griechische Wirtschaft aus der Depression bringen zu können? Nun, dieses Urteil ist verbreitet, aber möglicherweise auch falsch, genauso wie die gängige Vorstellung, es gäbe überhaupt nichts in Griechenland, was wettbewerbsfähig wäre. „Die Griechen verdienen doch mit der Entwicklung von Apps heute schon mehr Geld als mit dem Verkauf von Olivenöl“, wendet Christos Katsoulis ein. Schon vor zwei Jahren hat seine Stiftung eine Studie herausgebracht, die „zehn Hoffnungsschimmer für die griechische Wirtschaft“ aufzählte, wozu der High-Tech-Bereich genauso gehört wie die Ökostrombranche, die Qualitätslandwirtschaft und natürlich der Tourismus. Doch in diesen Tagen hat man den Eindruck, als wäre der Optimismus verflogen. „Die Regierung bräuchte einen Plan, die Eurozonen-Minister bräuchten einen Plan – aber es gibt einfach keinen Plan“, sagt Stavros Messinis, Marias Compagnon. „Die Hoffnungen der letzten drei Monate haben sich einfach in Luft aufgelöst.“ Und das, so fügt er hinzu, ist mehr als Symptom einer ökonomischen Krise, das ist eigentlich ein nationale Krise, eine emotionale, mentale Krise, die die ökonomische Krise dann noch viel schwerer lösbar macht.

Die Eurozonen-Zuchtmeister werden sich wohl noch irgendwann die Frage gefallen lassen müssen, ob denn das Zertreten dieses Hoffnungspflänzchens, nur um einer widerständischen Regierung ihre Grenzen aufzuzeigen, nicht eine recht kurzsichtige Politik war. Ob sie dafür nicht genauso bezahlen werden, so wie Breschnew für die Zerschlagung des Prager Frühlings bezahlte, nämlich mit einer passiven Bevölkerung, mit einer langanhaltenden, auch mentalen Depression der Bürger. Denn diese Hoffnung war ja die eigentümlichste Seite des Syriza-Wahlsieges. Plötzlich waren alle, auch jene, die Alexis Tsipras Linkspartei nicht gewählt hatten, von so etwas wie Aufbruchstimmung angesteckt. Die Tsipras-Leute mögen Linke sein, aber vor allem seien sie junge, moderne Leute, die als einzige die Chance hätten, mit dem alten korrupten System aufzuräumen, so lautete in etwa die Storyline. Oder anders gesagt: Die Linken könnten die Agenten der Modernisierung werden. Das war die Stimmung, die man schon als „griechischen Frühling“ bezeichnete. Aber dieser Frühling wurde jetzt jäh abgeknipst. Die Hoffnung ist nicht ganz verflogen, doch die Schocktage der letzten Wochen haben ihr einen gehörigen Knacks versetzt. Und welchen Plan die Syriza-Regierung für die Modernisierung des Landes hat, ist nicht wirklich klar – zu sehr lag bisher aller Ton auf dem erhofften Ende der Austeritätspolitik. Ein Bild einer Gesellschaft aber, die zugleich leistungsfähiger und gerechter wäre, haben sie noch nicht wirklich skizzieren können. Langsam wäre es Zeit, trotz der Obstruktion der Eurozonen-„Partner“, mit ein paar ambitionierten Plänen rauszurücken. „Was haben die eigentlich die ganze Zeit in der Opposition gemacht? Haben sie sich überhaupt nicht vorbereitet?“, schimpft Stavros.

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Athen ist eine Stadt mit vielen Gesichtern. Da sind die heißen Vorstädte, durch die sich auf breiten Boulevards die Blechlaweinen schieben, da sind die räudigen großstädtischen Hipsterviertel wie Exarchia, da ist sind die imposanten Großbürgerbezirke in der Innenstadt, und nur ein paar Meter weiter ist man dann schon wieder in kleinteiligen Gegenden, in denen einstöckige Häuser dominieren, und in denen Künstler, Lebenskünstler, chinesische Kleinhändler genauso leben wie griechischen Ladenbesitzer und ganz normale Leute, Viertel wie das um die Metrostation Agion, die in ihrer Kleinstädtischkeit ein wenig an Brooklyn erinnern. In der Sarri Strasse fügen sich großflächige Graffiti-Gemälde zur Athener „Street-Art-Galery“, und hier hat auch das „Nikos Poulantzas Institut“ seinen Sitz. Das Poulantzas Insitut ist die Parteiakademie von Syriza, gewissermaßen das Tummelbecken der Parteiintellektuellen.

P1030555Ich bin hier mit Einstein verabredet.

Einstein heißt natürlich nicht wirklich Einstein, sondern sieht mit seinen halblangen, golockten weißen Haaren und seinem Seehundschnauzbart nur wie Einstein aus. Im echten Leben heißt er Haris Golemis, ist Direktor des Instituts, einer der führenden Denker von Syriza und außerdem Mitglied des Zentralkomitees, also gewissermaßen des Parteivorstandes. Haris ist in Grüberlaune, denn es ist ihm sonnenklar, dass jetzt eine neue Seite in der Geschichte von Syriza aufgeschlagen wurde, von der noch niemand weiß, wie die Geschichte lauten wird, die darauf geschrieben stehen wird. Klar ist nur, die Partei muss einiges anders machen als in den vergangen fünf Monaten. „Vielleicht sind wir Opfer einer Fehlkalkulation geworden“, sagt er. „Wir haben unsere Möglichkeiten überschätzt, innerhalb der Eurozone ein Antiauseritäts-Programm zu verwirklichen. Und wir unterschätzten wohl auch die Machtverhältnisse und die hegemoniale Rolle Deutschlands. Vielleicht steht uns auch unsere Rhetorik im Weg, genau die Rhetorik, die uns an die Regierung gebracht hat. Vor allem aber,“, fährt er fort: „Wir hätten nie gedacht, ja, das sage ich ganz offen, wir hätten nie gedacht, dass am Ende von Verhandlungen unsere EU-Partner uns sagen werden: ‚Entweder ihr kapituliert bedingungslos oder wir zerstören Eurer Land.‘ Ja, das hatten wir nicht vorausgesehen, dass das in Europa möglich ist. Und deshalb waren wir darauf nicht vorbereitet.“

P1030538Es ist etwas Eigentümliches um Leute wie Golemis, aber überhaupt um die meisten führenden Funktionäre von Syriza, denen ich in den vergangenen Monaten begegnet bin: die meisten sind völlig ohne dieses rigide Eiferertum, das man sonst aus linken Kreisen kennt, fast alle sind von einer Nachdenklichkeit, die bisweilen sogar wie mangelnde Selbstsicherheit scheint. Es ist diese Nachdenklichkeit, die jetzt auch in einer solch schwierigen Situation zu verhindern scheint, dass die Konflikte und Meinungsverschiedenheiten in der Partei eskalieren. „Klar, die Partei ist in keinem guten Zustand“, sagt Haris. Von Spaltung würde er aber dennoch noch nicht sprechen „Natürlich gibt es Leute, die meinen, man müsse einer Regierung, die eine solche Kapitulation unterschreibt, die Unterstützung entziehen, und wiederum andere, die meinen, wer in einer solchen Situation gegen den Premier stimmt, statt ihm den Rücken zu stärken, müssten rausgeschmissen werden. “ Haris ist so ein Typ Politikfunktionäre, dem man quasi im Echtzeit beim Nachdenken zusehen kann, der ein Argument ausbreitet, um sich dann selbst ins Wort zu fallen. „Wir waren ja immer eine diskutierende Partei, dieser Pluralismus ist heute Teil unserer Identität und unserer Stärke. Aber, das lässt sich eben nicht ganz leicht aufrechterhalten während man in einer Krise ist und noch dazu an der Regierung, wo man schmerzhafte Entscheidungen treffen muss….“

„Wir hätten nie gedacht, dass unsere EU-Partner sagen werden: ‚Entweder ihr kapituliert bedingungslos oder wir zerstören Eurer Land.‘ ___ Haris Golemis

P1030548Mit der Metro fahre ich raus nach Pirräus, zum Hafen, hüpfe ins Taxi nach Pirraiki, dem alten Küstenort, keine halbe Stunde braucht man von der Stadtmitte Athens bis an den Strand. Ich sitze auf den Felsen und denke über diese eigentümlich verwirrte Revolution nach, die natürlich keine Revolution ist, sondern ein Aufbruch, der Versuch, in Europa etwas ganz anders zu machen, und die nun von einer Nachdenklichkeit erfasst ist, die gewiss nicht unproduktiv ist. Natürlich, auch das ist nur eine Momentaufnahme. Vor einer Woche waren die Leute noch im Schock und jetzt denken sie schon wieder merklich anders, so mancher, der vorgestern noch das eine gesagt hat, sagt heute etwas signifikant anderes. In solchen historischen Augenblicken „denkt“ man auch emotional, aber meist erweist sich die Halbwertszeit der Emotionen doch als ziemlich kurz. Wer hat so etwas denn noch nie bei sich beobachtet? Eben, man kennt das. Syriza und die Griechen sind Teil der Europäischen Union, aber sie sind nicht nur ein Teil, sondern seit geraumer Zeit schon „das Thema schlechthin“, sie sind Teil und Zentrum zugleich, und damit auch „das Problem“, zu dem man sich verhalten muss. Aber selbst das stimmt nicht ganz. Seitdem Syriza regiert sind sie nicht nur das zentrale Problem, sondern so etwas wie ein Lackmuspapier, buchstäblich die ideologische Scheidemünze, und selbst der Konflikt zwischen, sagen wir, Austerität und Keynesianismus, der ja mit der gepflegten, entpolitisierten Routine ausgetragen wird, solange er bloß so eine gewohnte, politisch-intellektuelle Kontroverse ist, wurde in der Griechenlandfrage plötzlich zu einem Konflikt voller existentieller Härte. Oder einfach gesagt: Wir hatten fast schon vergessen, was ein ideologischer Krieg ist in unserer wattierten entpolitisierten Komfortzone, bis die Frage auftauchte: „Wie hältst Du es mit Syriza?“ Jetzt lernen wir wieder, was elementare Meinungsverschiedenheiten sein können. Daran ist nichts Schlechtes, es bürdet aber Tsipras und seinen Leuten auch ein Gewicht auf, das sie kaum stemmen können. Natürlich verleiht es ihnen auch Wichtigkeit, aber am Ende des Tages sind sie doch nichts anderes als eine Regierung in einem krisengeschüttelten, kleinen Land, dessen Bürger vielleicht nicht unbedingt darauf aus sind, gebeutelte Komparsen einer exemplarischen globalen Auseinandersetzung zwischen Links und Rechts zu werden, sondern eher erpicht, einfach nur ein einigermaßen gutes Leben zu haben und, ja, vielleicht wieder ein kleines Stück Zukunft.

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Zugleich ist die Auseinandersetzung um Griechenland auch in anderer Hinsicht eine Exemplarische geworden, etwa ein Exempel dafür, wie sich in Europa ein Regime des autoritären Regierens durchsetzt, wie mehr und mehr durch Ukas und Drohung, mit einem Regime der Angst agiert wird, mit Ultimaten und „friss oder stirb“, mit Einschüchterung und Angst vor der Katastrophe, mit dem erklärten Ziel von Eurogruppenstrippenziehern, unliebsame Regierungen, aber einfach auch nur widerspenstige Bürger zu disziplinieren, diese fühlen zu lassen, wenn sie die Unverfrorenheit haben, die Falschen zu wählen. Das erwies sich in Griechenland jetzt in seiner krassesten Form, wenn aber bei anderer Gelegenheit die Premiers Europas von einer nächtlichen Notsitzung zurückkommen, und ihren Parlamenten sagen, sie müssten nun sofort zustimmen, sonst ginge die Welt unter, ist das bloß eine geringfügig sanftere Weise dieses Regierungsstils, der Demokratie unter die Räder kommen lässt. Es ist eine Demokratie fast ohne Parlamentarier, und eine Demokratie ohne Bürger sowieso schon längst. Diese schwarze Utopie des autoritären Durchregierens von Oben nach Unten, diese Dystopie, die neuerdings mit dem Namen von Wolfgang Schäuble verbunden wird, aber natürlich weit mehr als dessen privat-politischer Spleen ist, hat sich in dem Drama der letzten Monate in ihrer Reinkultur gezeigt, in aller Offenheit und Unverfrorenheit, aber sie ist natürlich nichts, was nur den Griechen blüht. Wir, die Europäer, wir alle sind damit gemeint. Oder, um Ernst Bloch zu paraphrasieren: es ist eine „Entstellung zur Kenntlichkeit“, die Enthüllung des wahren Charakters des zeitgenössischen Regierungsstils im Kapitalismus der Dauerkrise. In diesem Kapitalismus fühlen sich die herrschenden Eliten immer seltener gezwungen (oder auch: immer seltener in der Lage), durch positive Botschaften die Bürger bei der Stange zu halten, mit Hilfe des Konsens‘ zu regieren. Der Krisenkapitalismus wird zum „autoritären Etatismus“, wie ihn schon Nikos Poulantzas analysiert hat, diese Legendenfigur unter den griechischen linken Theoretikern, der Zeitgenosse und Debattenpartner von Foucault und Althusser, dem die Parteiakademie von Syriza ja auch ihren Namen verdankt.

Syriza wird zur Scheidemünze. Jetzt lernen wir wieder, was elementare Meinungsverschiedenheiten sein können.

Es gehört zu den Eigentümlichkeiten dieses zeitgenössischen Regierungsstils, dass er für gewöhnlich ja auf sanften Pfoten daher kommt, sich mit der Aura des Technokratischen, den Pragmatischen zugleich großtut und kleintut. Großtut, indem er sich als die einzige moderne Form verwalterischer Politik imaginiert, und alle andere Politik als ‚unmodern‘ zu branden versucht, kleintut, indem er sich als Kleinkunst des Möglichen darstellt, ohne große Vision oder irgend solche Dinge für Phantasten.

Es ist kein Wunder, dass gerade dieser Politikstil mit dem Stil von Syriza kollidieren musste, dass gerade dieser Politikstil die Syriza-Leute als „Populisten“ zu diskreditieren versucht. Populismus ist nicht eine politische Logik unter einer Reihe verschiedener politischer Logiken, er ist, wenn man ihn richtig versteht, „die politische Logik“. Die technokratische Logik ist nicht eine alternative politische Logik, sondern sie ist eine unpolitische Logik, die den normalen Leuten keinen Platz mehr in der politischen Arena zugesteht, sondern auf verwalterische Weise über stummgemachte Bürger herrscht. Das begründet die seltsame Verwandtschaft des Pragmatismus mit dem Autoritarismus. Der Pragmatismus braucht keine Bürger, die sich beteiligen, weil die nur stören würden. „Wir müssen Populismus als den Weg betrachten, die Einheit einer Gruppe erst zu konstituieren“, schreibt der jüngst verstorbene argentinisch-britische Philosoph Ernesto Laclau in seinem Buch „On Populist Reason“ („Über populistische Vernunft“). Das Volk, das der Populismus adressiert, existiert nicht bereits, es wird durch ihn erst erschaffen. Oder zusammengeschweißt, um das salopp zu sagen. Der Populismus spricht nicht alle Bürger an, also den populus, sondern vor allem die plebs, die Unterprivilegierten, die bisher nicht gehört werden. Aber er ist mehr als das, er ist eine politisch-rhetorische Operation, die postuliert, dass „die plebs der einzig legitime populus ist“ (Laclau), und die die demokratischen und die sozialen Rechte der normalen Leute gegenüber den Eliten und den Oligarchen artikuliert. Populismus ist „die Stimme derer die aus dem System exkludiert sind“. Er stiftet relative Identität unter heterogenen Gruppen, den Gruppen jener, die sich angesprochen fühlen. Populismus, so verstanden, ist eine widerständige (gegen-)hegemoniale Strategie gegen die Hegemonie der neoliberalen Postpolitik. Laclau: Nur der Populismus „ist politisch; der andere Typus bedeutet den Tod der Politik.“

Populismus ist „die Stimme derer die aus dem System exkludiert sind“ ____ ERNESTO LACLAU

Es ist dieser Wiederaufstieg eminenter politischer Überzeugungen vor dem die neoliberalen Eliten Angst haben. Niemand hat das in so verblüffender Offenheit gesagt wie der EU-Ratspräsident Donald Tusk, der Mann, der am Ende der langen Nacht von Brüssel gemeinsam mit Frankreichs Präsident Francois Hollande doch noch einen Kompromiss zwischen Angela Merkel und Alexis Tsipras ausverhandelt hat. Nachdem er sich ausgeschlafen hatte, bestellte Tusk sich eine Runde handverlesener Journalisten ein und sagte: „Wovor ich wirkliche Angst habe ist diese ideologische oder politische Ansteckung, nicht die finanzielle Ansteckung, durch die griechische Krise. Mir erscheint die Atmosphäre schon ähnlich wie in den Jahren nach 1968 in Europa. Ich spüre eine, vielleicht nicht revolutionäre Stimmung, aber doch so etwas wie eine verbreitete Ungeduld. Wenn Ungeduld nicht zu einer individuellen, sondern zu einer sozialen Emotion wird, dann ist das meist der erste Schritt zu Revolutionen.“

Wovor Tusk Angst hat, das ist wiederum die Herausforderung für alle, die diese Europäische Union vor ihren Eliten retten wollen. Wie kann man diese Ungeduld in Pragmatismus übersetzen, ohne mit dem Klein-Klein die eigenen Leute zu demoralisieren? Das ist die Herausforderung, vor der Alexis Tsipras heute steht und davon, wie er sie zu meistern versteht, wird die Zukunft seiner Regierung abhängen. Alle anderen stehen vor der Herausforderung, diese Ansteckung, vor der Tusk so panische Angst hat, zu organisieren. Denn wenn die letzten Monate zwei Dinge gezeigt haben, dann diese: Griechenland ist gewissermaßen die Nussschale, in der diese Auseinandersetzung bisher geführt wurde. Aber man wird keine Seeschlacht in einer Nussschale gewinnen.

Mir erscheint die Atmosphäre schon ähnlich wie in den Jahren nach 1968 … eine verbreitete Ungeduld, … der erste Schritt zu Revolutionen.“ _____ DONALD DUSK, EU-RATSPRÄSIDENT

Man wird sie ohnehin auf eine Weise gewinnen, bei der dann nicht ganz klar ist, was genau „gewinnen“ eigentlich heißt. Noch immer spukt dieser Satz von George Orwell in meinem Kopf herum. Da der vernünftige Reporter nie ohne ein Buch dieses großen Reporters auf Reisen geht, habe ich die Passage schnell bei der Hand. „Die größte Schwierigkeit liegt aber darin“, schrieb Orwell nach dem ersten Regierungsantritt der britischen Labour Party, „dass die Linke jetzt an der Macht ist und sich gezwungen sieht, die Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Linke Regierungen sind für ihre Anhänger fast immer enttäuschend, weil selbst wenn der versprochene Wohlstand verwirklicht werden kann, immer noch eine unerfreuliche Übergangszeit überwunden werden muss, von der vorher nie oder kaum die Rede war.“

(Foto Yanis Varoufakis: Christine Schörkhuber. Foto Alexis Tsipras: Daniel Novotny)

blogwert

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19 Gedanken zu „Die verunsicherte Revolution“

  1. Hallo Robert Misik,

    den Text „Die verunsicherte Revolution“ solltest du unbedingt auch in Englisch veröffentlichen!

    Herzlichst,
    WP

  2. Ein sehr aufmunternder Artikel. Solllte unbedingt ins Englische aber auch ins Griechische uebersetzt werden. Koennte ich es ins Griechiche tun, wenn der Verfasser einverstanden ist

    1. vielen,vielen Dank, dass sie sich die Muehe machen, den Artikel ins Griechische zu uebersetzen!! wahrhaftig, ein sehr gelungener Text!!!

  3. Lieber Robert Misik,
    wieder eine erhellende Reportage, für die ich Ihnen sehr dankbar bin. Ich mag es, wie Sie mich als Leser mitnehmen. Und ich bin froh, dass Sie, trotz der gewaltigen Schwierigkeiten, die die Griech*innen zu bewältigen haben, immer noch einen Silberstreif am Horizont entdecken. Ich hoffe, vielen Ihrer Leser*innen geht es ähnlich und ist dieser engagierte Journalismus auch finanziell etwas wert. Mir auf jeden Fall.

  4. Eine spannende Reportage mit persönlichem Einsatz und sympathischen Lokalkolorit. So soll ein Bericht von innen aussehen, da kann ich mir was vorstellen.

  5. Ganz grosses Kino, dieser Artikel, Herr Misik und nicht zum ersten Mal! Hier wird gerade versucht, eine „Denkrevolution“ zu vermeiden – egal wie. Dafür würden die Schäuble-Finanztalibans auch 700 Milliarden Euro drucken und sie wo auch immer hinschicken, wofür auch immer. Hauptsache Decke drüber und niemand darf etwas merken, denn sonst würde er eventuell aufmucken. Donald Tusk hat das schon konstatiert. Es ist „Eurogendfor“ ohne Uniform.

    Dabei stellt eine „radikale Linke“ (dass ich nicht lache) wie Syriza nicht einmal das System in Frage sondern ist Teil davon und will es sein. Das war 1968 ganz anders. Dieser Spagat ist natürlich unendlich schwierig, fast unmöglich. Vor allem aber ist er letztendlich sinnlos.

    Es muss erst (vor allem in Deutschland) noch viel schlechter werden, bevor es überall besser werden kann. Mit dem kleinen Knall kommen wir nicht mehr aus (leider), es braucht den grossen. Dazu müssten aber zuerst ein paar Fakten wirklich ins Bewusstsein der Menschen dringen.

    Ein Beispiel: https://www.freitag.de/autoren/fhp-freie-hartz-iv-presse/hartz-iv-der-angebliche-missbrauch

  6. Entschuldigung, einer noch, weil das wunderschön zeigt, dass es der neoliberalen Kaste inzwischen vollkommen egal ist, was wir über sie denken. Da kann man Griechenland skrupellos erpressen oder so etwas verkünden wie vor wenigen Minuten die ZDF-Nachrichten.

    Da wurde mir als neue positive Errungenschaft verkauft, dass „Flüchtlinge in Deutschland ab sofort die Erlaubnis haben, kostenlose Praktika zu machen“!

    So war das in der Leibeigenschaft früher auch: Jeder Sklave hatte einen Job und die Möglichkeit, kostenlose Praktika zu machen. Alles nur, damit sie „von der Strasse weg“ waren und nicht etwa, um der Wirtschaft gratis-Arbeitskraft zuzuführen.

    Flüchtlingen dürfen jetzt kostenlos arbeiten – wer den Zyismus immer noch nicht merkt, hat ein Problem, das ich niemandem wünsche. Der Krieg hat längst begonnen, nicht nur in Griechenland.
    https://uhupardo.wordpress.com/2012/07/13/der-religionskrieg-2012-hat-bereits-begonnen/

  7. Vielen Dank für den informativen Artikel. Ich will im Herbst selber nach Athen fahren und der Artikel hat mich sehr inspiriert.

  8. Lieber Robert Misik,
    ich danke Ihnen für diese Zusammenschau mit einem unglaublich breiten Horizont.
    Die Frage, die ich mir stelle, ist, ob wir nicht Zeuge von neuen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Prozessen sind, die das Potential einer völlig anderen Kultur des Umganges, der Verwendung, ja der Systeme und Instrumente von Wirtschaften und Geld (schöpfen) hervorbringen, eine neue, von der Zivilgesellschaft getragene, von den herrschenden Paradigmen emanzipierte bzw. sich emanzipierende:
    Ein so ein Element könnte sein, dass die Menschen quer durch (oder unten durch oder drüber hinweg, ….) von sowas wie Staaten(-gebilde) und ihrem Gefangensein in neoliberalen, geschlossenen Systemen, – sie sozusagen links liegen lassen – das tun, was sie für richtig halten und was not tut, z.B. nach Griechenland fahren, um dort zu konsumieren, aber auch zu investieren. Wie spannend wäre es, Wege zu entwicklen, wie wir die derzeit dominante Finanzwirtschaft einfach boykottieren, indem
    wir neues Geld von Mensch zu Mensch schöpfen und indem wir Vermögen, direkt Ersparnisse und Kredit nicht mehr über das Bankensystem sondern direkt von Mensch zu Mensch im Kreislauf halten.
    Ein Beitrag von mir soll der von mir entwickelte genossenschaftsähnliche Vermögenspool sein http://www.vermoegenspool.at

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