Die Podemos-Revolution

P1030627Wird demnächst auch in Madrid eine Linkskoalition regieren? Die Chancen darauf stehen nicht schlecht. Eine Reise ins Innere eines langsamen Umbruchs, am Vorabend der wichtigen Parlamentwahlen von Katalonien.

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Ich sitze mit Miguel Mora in einem Parkcafe draußen in den wohlhabenden Outskirts von Madrid. Hier findet man noch die Wähler der Rechten, die Wähler der konservativen PP. Klassisches Bürgertum und auch noch harte frankistische Rechte. Aber, sagt Miguel, „das etablierte System ist in einer Bunkermentalität. Das System hat Angst. Die Stimmung im Land geht in Richtung Reset. Neubeginn.“ Miguel Mora hat ein Leben lang als Karrierejournalist gearbeitet, war Korrespondent für El Pais, bis das legendäre Qualitätsblatt auf Etabliertenlinie geprügelt wurde. Danach hat er sein eigenes Medienstartup gegründet, ctxt.es, eine der wichtigsten Stimmen für Spaniens „Gegenöffentlichkeit“.

Spanien in diesem Spätsommer: Das Land könnte der nächste Dominostein der europäischen Austeritätsfront sein, der fällt. So ähnlich wie Griechenland, das gerade ein zweites Mal Alexis Tsipras und seine linke Syriza-Partei gewählt hat. Aber eben auch nur so ähnlich: Denn Spanien ist nicht Griechenland, das bekommt man sofort mit, wenn man mit den Leuten spricht, mit wem auch immer. Klar, Spanien liegt auch ökonomisch nicht so sehr am Boden wie Griechenland, aber das ist noch der geringste Unterschied, denn mit Arbeitslosenquoten bei knapp 25 Prozent, einem ökonomischen Absturz in vielen Städten und Regionen, mit einer Auswanderungswelle bei jungen Leuten und vielen Leuten jenseits ihrer Dreißiger, die weiter bei ihren Eltern wohnen müssen, ist die ökonomische Depression drückend genug. „Natürlich gibt es eine statistische Erholung, Spaniens BIP wächst wieder ein wenig“, sagt Mora. „Aber davon spürt niemand etwas. Allein die Löhne sind um 30 Prozent zurück gegangen“

„Das etablierte System ist in einer Bunkermentalität. Das System hat Angst.“  ___ Miguel Mora

Vor allem aber ist das politische System und die politische Landkarte in Spanien eine andere: Die Parteien des etablierten Systems, die Konservative Volkspartei PP und die sozialdemokratische PSOE sind zwar im Niedergang, aber keineswegs erleben sie eine Implosion wie die griechische Pasok. Jüngste Umfragen haben PP und PSOE mehr oder weniger gleichauf, zuletzt hatte die PSOE leicht die Nase vorne. Die neue linke Podemos-Partei, die vor einem Jahr einen fulminanten Aufstieg in den Umfragen hinlegte, hat sich jetzt auf Platz drei stabilisiert, mit rund 17 Prozent in den Umfragen liegt sie acht Prozentpunkte hinter den Etablierten. Die (neo-)liberale Neupartei Ciudadanos folgt in knappem, aber sicherem Abstand. Verkompliziert wird die Landkarte noch durch die diversen Nationalismen und Regionalismen, vor allem in Katalonien, im Baskenland, und auch in Galicien, und durch eine Fülle an Parteien, die lokal teilweise stark sind, aber national keine Rolle spielen. Podemos, sagt Miguel Mora, „ist die große Kraft, die das Zwei-Parteien-System aufsprengt. Die Etablierten sagen uns nicht, wie schlecht es um sie wirklich steht. Sie verbreiten Umfragen, weil sie alle Medien kontrollieren, die sie an der Spitze zeigen. Wie etwa die PP auf 25 bis 28 Prozent kommen soll, frage ich mich wirklich. Wenn Podemos smart ist und keine Fehler macht, dann können sie auf 20 Prozent kommen.“

Von den nordöstlichen Vororten der Wohlhabenden spaziere ich durch die Innenstadt, durch das verwinkelte Malasana, ins Zentrum der Stadt, hinunter in den Szenebezirk Lavapies. Im Herzen der Stadt, der berühmten Porta del Sol, schieben sich die Touristenmassen. Hier hat in einem gewissen Sinne die politische Neugestaltung Spaniens begonnen, damals am 15. Mai 2011. Anti-Austerity-Demonstranten haben den Platz besetzt und hier ihr spanisches „Occupy“-Camp errichtet. Die „Indignados“, „die Wütenden“, haben sie sich genannt. Damals hat die wütende Protestbewegung mit zur Abwahl der sozialdemokratischen PSOE beigetragen, die – völlig überfordert von der für sie überraschenden Finanzkrise – alle Austeritätsmaßnahmen exekutiert hat. Der Aufstand hat aber indirekt auch zum Wahlsieg der Konservativen PP geführt, weil es keine politische Formation gab, die die Empörung und Enttäuschung in politische Kraft umwandeln konnte.

Athen, im vergangenen Januar. Bei der Abschlusskundgebung der Syriza-Partei springt ein junger Mann auf die Bühne, um seinem Freund Alexis Tsipras den Rücken zu stärken. „Sie haben uns PIGS genannt!“, ruft der Mann mit dem Pferdeschwanz in Anspielung auf das fiese Akronym, das sich in Brüssel für die sogenannten Krisenstaaten Portugal, Italien, Griechenland und Spanien durchgesetzt hatte. „Aber all diesen Hyänen auf dem Lohnzettel der globalen Finanzmächte sagen wir, von heute an sind wir stolz darauf, aus dem Süden zu sein, denn mit dem Süden beginnend werden wir ganz Europa und allen Völkern Europas die Würde zurückgeben, die ihnen zukommt.“ Daheim in Spanien ist der Mann längst ein Star. „La Coleta“, „der Pferdeschwanz“, so nennen ihn die Leute.

Pablo Iglesias vergangenem Montag in Barcelona
Pablo Iglesias vergangenem Montag in Barcelona

Schon sehen viele in Pablo Iglesias, dem Posterboy der Podemos-Partei, so etwas wie den „spanischen Tsipras“. Dabei sind die Unterschiede signifikant. Während Syriza eine seit einigen Jahren existierende Linkspartei ist, die ihrerseits ein Zusammenschluss verschiedener kleiner Linksparteien war, die teilweise seit Jahrzehnten existierten, also „von unten“ über Jahre gewachsen ist, ist Podemos so etwas wie ein Top-Down-Parteiprojekt, aus der Taufe gehoben von einer Handvoll bester Freunde, die meisten linke Akademiker und Professoren von der Universität Madrids. Es ist erst ein paar Jahre her, da hat Iglesias, damals 29 Jahre alt, mit Pferdeschwanz und Piercing in der Augenbraue, zu Beginn des Studienjahres seine Studierenden die Szene aus dem „Club der toten Dichter“ nachstellen lassen, in der einer nach dem anderen auf den Stuhl steigt und „Captain, My Captain“ sagt – als Exempel für Macht und Herrschaft auf der einen Seite, aber eben auch für die Kraft, die darin liegt, die Macht herauszufordern – so jedenfalls berichtet es der „Guardian“. Der Politikprofessor Iglesias kennt sich aus mit Macht und Gegenmacht – seine Doktorarbeit hat er über zivilen Ungehorsam und die Anti-Globalisierungs-Proteste geschrieben. Wenige Jahre später, im Januar 2014, stieg Iglesias mit einer Handvoll Freunde selbst – metaphorisch gesprochen – auf die Klassenstühle. In einem kleinen Theater in Lavapiés hoben sie Podemos aus der Taufe. „Die, die die Macht haben, regieren noch, aber es gelingt ihnen nicht mehr, die Leute zu überzeugen“, sagt Inigo Errejón, der brillante Parteiintellektuelle, die Nummer Zwei in der Partei. Ein bisschen sieht Errejón wie Harry Potter aus mit seinem Bubengesicht und seiner Intellektuellen-Brille. Seine Doktorarbeit hat er über Evo Morales, die lateinamerikanische Linke, die Transformation in Bolivien und die Hegemonietheorie von Antonio Gramsci, Ernesto Laclau und Chantal Mouffe verfasst. Jenem Ernesto Laclau, der die wichtigsten Gedanken zu einem „linken Populismus“ entwickelt hat, der argentinisch-stämmige Philosoph, der vergangenes Jahr überraschend gestorben ist, und seiner langjährigen Lebensgefährtin Chantal Mouffe, der Stichwortgeberin einer „linken Linken“, die seit Jahrzehnten den Mittelwegs-Kurs der Sozialdemokraten geißelt, weil sie meint, Demokratie brauche den „agonistischen Konflikt“ (also nicht den antagonistischen „Krieg“, aber den klar konturierten, aber nicht kompromisslosen Konflikt unterschiedlicher Alternativen), und die es als die wichtigste Voraussetzung für progressive Politik ansieht, ein „Wir“ zu formieren, ein „Wir“ versus ein „Sie“.

„Politik ist wie Sex: Beim ersten Mal bist Du voll schlecht, aber man lernt mit Erfahrung.“ ____ Pablo Iglesias

Die Podemos-Frontleute sind dankbare Schüler dieser Theorien. „Die Linke muss mehr wie das Volk aussehen“, meint Podemos-Anführer Pablo Iglesias. Ziel ist es, eine diskursive Struktur zu schaffen, „die den unterprivilegierten Schichten und den verarmten Mittelklassen die Möglichkeit gibt, sich zu identifizieren und sich im Bild eines neuen ‚Wir‘ wiederzufinden, das einem ‚Sie‘ gegenübersteht, den Gegnern: den alten Eliten.“ Dafür hat Podemos schon einen knackigen Slogan gefunden: „La Kasta“, die Kaste, die Kaste der Etablierten, der da Oben, das korrupte, etablierte politische System.

Chantal Mouffe ist viel auf Achse. Gerade hat sie mit Inigo Errejon ein Buch herausgebracht, das schon im Titel programmatisch ist. „Construir Pueblo“, was man am besten mit „das Volk schaffen“ übersetzt. Die vergangenen Wochen hat sie in Quito, der Hauptstadt Ecuadors verbracht, wo der moderne linke Sozialist Rafael Correa regiert. Demnächst wird sie sich mit Errejon in Argentinien treffen. Und zwischendurch verfolgt sie alle spannenden politischen Experimente in Europa. „Ist es nicht erstaunlich, was mit der Labour-Party gerade geschieht? Mit Corbyn! Wer hätte das gedacht, dass sich eine Partei wie Labour noch von innen erneuern kann!?“, sagt sie, und fragt mich gleich, wie es denn bei uns so aussieht. „Was macht Sonja?“, erkundigt sie sich nach dem politischen Schicksal der ehemaligen linken SPÖ-Abgeordneten Sonja Ablingern. „Und wie heißt dieser Bürgermeister von Trayskierchen?“ Von Andi Babler hat sie auch schon gehört.

Inigo Errejon
Inigo Errejon

„Inigo ist brillant“, sagt sie. „Er und Pablo sind ein großartiges Team. Es war auch sehr richtig, dass sie sich bei den griechischen Wahlen entschlossen auf die Seite von Tsipras gestellt haben, das war ja auch in Podemos nicht unumstritten, da es auch hier einen linken Flügel gibt, der mit der Linksabspaltung ‚Volkseinheit‘ sympathisiert. Der Sieg von Tsipras ist jetzt auch ganz wichtig für Podemos, weil eine Niederlage auch in Spanien Stimmen gestärkt hätte, die die Linke am liebsten als Eintagsfliege ansehen würden“. Und sie fügt hinzu: „Inigo und Pablo agieren ganz richtig. In einer ohnehin schwierigen Situation versuchen sie eine Linke so zu etablieren, dass sie nicht nur diejenigen anspricht, die immer schon zur Linken zählten, sondern auch unzufriedene ehemalige PP-Wähler beispielsweise.“ Einen Sieg würde das natürlich nicht garantieren. „Die Lage ist komplex.“

„Inigo und Pablo versuchen eine Linke so zu etablieren, dass sie nicht nur diejenigen anspricht, die immer schon zur Linken zählten, sondern auch unzufriedene ehemalige PP-Wähler.“ ______Chantal Mouffe

Ein paar Straßenzüge nördlich von Malasana suche ich das örtliche Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung. Hier bin ich mit Michael Ehrke verabredet, dem Leiter der Depandance er SPD-nahen Stiftung. „Erstmals wird es Wahlen geben, bei denen man nicht voraussagen kann, wie sie ausgehen“, sagt er. Um genau zu sein – man weiß nicht einmal noch, wer genau in welcher Formation antritt. Voraussichtlich am 20. Dezember wird Spanien ein neues Parlament wählen. Vor allem für Podemos wird die Zeit ein wenig knapp, und zwar aus einem sehr einfachen Grund: Als Top-Down-Parteiprojekt ist die Partei ein wenig an den linken Bürgerbewegungen vorbei gegründet worden. Das führt notgedrungen zu gewissen Rivalitäten. Die Grassroots-Bewegungen, die besonders in der Krise an Bedeutung gewannen, wollen sich aber verständlicherweise jetzt nicht einfach der Bubenpartie um Iglesias unterordnen. Bei den Kommunalwahlen im Frühjahr hat man dieses Problem elegant gelöst. Podemos ist in den wichtigsten Kommunen in Wahlbündnissen angetreten, in Madrid etwa in als Bürgerallianz „Ahora Madid“ und in Barcelona in dem Bündnis „Barcelona en Comú“. In gewissem Sinne kann man sagen: Podemos hat den Graswurzelbewegungen den Vortritt gelassen, und mit dieser Strategie konnte man glänzende Erfolge feiern. Mit der charismatischen Ada Colau in Barcelona und der Menschenrechtsaktivistin und ehemaligen Richterin Manuela Carmena stellen die Linken in den beiden großen Metropolen die Bürgermeisterinnen, und auch in anderen Städten und Regionen gibt es bunte linke Mehrheiten.

blogwertColau etwa war eine der führenden Aktivistinnen der Bewegung gegen die Zwangsräumungen (PAH), die verschuldete Mieter und Wohungsinhaber gegen Delogierungen durch die Banken schützten, oft in spektakulären Blockadeaktionen, die zur Verhaftung der Aktivisten und Aktivistinnen führten. „Wenn wir ungerechte Gesetze haben, dann muss man diese ungerechten Gesetze massiv missachten um die Menschenrechte zu verteidigen“, sagt Ada Colau. Die neue Bürgermeisterin ist eine der zentralen linken Figuren jenseits von Podemos. Die ökonomische Krise, so ihre Analyse, führte zu einer massiven „demokratischen Krise“, oder besser, sie legte die demokratische Krise erst offen: „Wir haben eine Form der Regierung, bei der die politischen Eliten ein kuscheliges Verhältnis mit den ökonomischen Eliten haben, und das die Wirtschaft des Landes ruinierte… Man hat uns die Demokratie gestohlen, und weil das viele Leute gemerkt haben, führte das zu vielen Graswurzel-Mobilisierungen.“ Über 89 Prozent der Spanier haben in einer Umfrage die Aktionen von PAH unterstützt.

Tatsächlich ist die politische Krise des hergebrachten spanischen Post-Franco-Systems mit Händen zu greifen. Der sanfte, harte Brüche vermeidende Übergang zum Post-Franco-System hatte als Folge einen Zwei-Parteien-Proporz, in dem sich Konservative und sozialdemokratische PSOE das Land aufteilten, plus eine sanfte Föderalisierung des Multi-Nationen-Gebildes Spanien. Dieses „System von 1978“ funktionierte 30 Jahre lang, hätte sich aber irgendwann natürlich ohnehin überholt, ein Prozess, den die Krise nur beschleunigte.

Werden es Podemos und die Graswurzelbewegungen schaffen, sich wie bei den Kommunalwahlen auch bei den nationalen Wahlen zusammenzutun, um damit die gemeinsamen Chancen zu erhöhen? Das ist die große Frage, die im Augenblick im Raum steht. Während Podemos sich bei den Kommunalwahlen im Hintergrund hielt und den Basisbewegungen die führende Rolle spielen ließ, so könnte es bei den nationalen Wahlen umgekehrt sein – Podemos als gemeinsame Liste der Linken jenseits der PSOE, auf deren Kandidatenlisten auch Nicht-Parteimitglieder kandidieren, die aber die Führungsrolle von Iglesias und seiner Truppe akzeptieren. Aber gelingt es, sich zusammen zu raufen? Oder werden kleinliche Zankereien darum, wer nun die wichtigere Rolle spielt, Bündnisse verhindern? So genau weiß man das im Moment noch nicht. Bloß – die Zeit wird knapp.

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Barcelona, im späten August. Mit Guillem Martinez treffe ich mich auf der Placa Sant Augusti. Die Viertel südlich der legendären Ramblas, also der zentralen Flanier-, Durchzug- und Gesellschaftsmeile, sind traditionell die ärmeren Viertel, früher waren das die Arbeiterbezirke, während nördlich der Ramblas die Geschäftsviertel und bürgerlicheren Wohngegenden waren. Jetzt ist das hier eher eine Mischung aus Bobo-, Studenten-, Migranten- und Arbeiterviertel, hier geht Barcelona, wenn man solche Vergleiche anstellen will, fließend vom Typus „Neubau“ in Typus „Ottakring“ über (auch wenn das in seiner kleinen Verwinkelung völlig anders aussieht natürlich). Martinez ist einer der führenden linken katalanischen Intellektuellen, Buchautor, Essayist, Journalist. Er schreibt auch immer noch für die führende liberal-bürgerliche Tageszeitung „El Pais“. „Die PP und die PSOE werden zerbrechen in diesem politischen Prozess“, prophezeit er. Aber dabei blickt er gar nicht optimistisch über seine randlosen Brillen, und zwar, weil er fürchtet, dass der Beitrag Kataloniens zum Aufschwung der Linken gering ausfallen wird. „Hier dreht sich einfach alles um die Unabhängigkeit. Das ist seit Jahrzehnten das einzige Thema. Und seit der Finanzkrise ist das das einzige Mantra, diese Thematik: ‚Spanien nimmt uns alles.‘ ‚Wenn wir nicht bei Spanien wären, wären wir reich, wir hätten einen ordentlichen Wohlfahrtsstaat‘ und so weiter. Wenn man einwendet, dass eine politische Wende etwas mit Politik zu tun hat und weniger mit der nationalen oder föderalen Struktur von Spanien oder Katalonien, dann gilt man gleich ‚Spanierist‘ und als Gegner.“ Auf den Balkonen über uns flattern die katalonischen Flaggen.

„In Katalonien dreht sich einfach alles um die Unabhängigkeit. Das ist seit Jahrzehnten das einzige Thema.“____ Guillem Martinez

P1030741Bei den katalonischen Parlamentswahlen am kommenden Wochenende wird das Unabhängigkeitsbündnis des konservativ-liberalen Ministerpräsidenten einen sicheren Wahlsieg einfahren – eine absurd breite Allianz, die von Konservativen, Liberalen bis zu linken Sezessionisten und Grünen reicht. Die Podemos-Anführer Iglesias und Errejon touren unermüdlich durch das Land, um dem Wahlbündnis, das Podemos geschmiedet hat, zumindest den zweiten Platz zu sichern. „Katalonien den Bürgern“, rufen sie, und trommeln, dass Bildung, Jobs, soziale Gerechtigkeit und vor allem der Kampf gegen die korrupte „La Casta“ in Spanien und Katalonien viel wichtiger seien als die nationale Frage. Um das Thema Sezession schummeln sie sich ein wenig mit der Formel herum, dass die Katalanen das Recht darauf haben, selbst zu entscheiden – ohne dass Podemos sich besonders explizit darüber äußern würde, welche Entscheidung sie denn den Katalanen anraten würden. Implizit ist aber klar, dass Podemos als gesamtspanische Partei für die Einheit des Landes ist. Ihr Führungspersonal, allesamt aus Madrid, führt ohnehin dazu, dass Podemos für viele Katalanen als „spanische Partei“ gilt, was der Partei das Agieren auf katalonischem Terrain nicht wirklich erleichtert.

Dabei ist Barcelona mythisches Territorium der europäischen Linken. Am oberen Teil der Ramblas, gleich beim Placa de Catalunya, luge ich in das legendäre „Hotel Continental“ hinein. Die unteren Etagen sind heute Ladenzeilen, in den oberen Stockwerken ist noch immer das Hotel, kitschig kaputt renoviert mit Blümchentapeten und Zimmern in rosa. Hier hat Ende der dreißiger Jahre George Orwell gewohnt, als der Spanische Bürgerkrieg zwischen der linken republikanischen Regierung und Francos Faschisten in den innerlinken Bürgerkrieg zwischen Anarchisten und den Milizen der linken Arbeiterpartei POUM auf der einen Seite und den Stalin-hörigen Kommunisten auf der anderen Seite überging. Hier musste sich Orwell inkognito rein und raus schleichen, um nicht verhaftet zu werden. Seine Tagebuchnotizen aus dem spanischen Bürgerkrieg wurden hier von der kommunistischen Geheimpolizei konfisziert, sodass er sein legendäres Buch „Homage to Catalonia“ mehr oder weniger aus dem Gedächtnis schreiben musste. Hier wogten die Straßenkämpfe hin und her, die Menschen flüchteten sich in die Metrostationen. Ist diese Geschichte des heroischen Kataloniens, auch des anarchistischen Kataloniens noch Teil des kollektiven Gedächtnisses? Welche Rolle spielen diese Traditionen in der heutigen politischen Kultur? Gibt es hier noch Erinnerungsspuren, die politisch wirken? Mein Freund Guillem Martinez denkt lange nach. „Natürlich sind diese Traditionen heute vergessen. Was von der anarchistischen Tradition noch nachwirkt, ist, dass sich die Katalanen nicht sonderlich um den Staat scheren – weder den spanischen, noch den katalonischen. Für uns ist unsere Heimat unsere Stadt, unsere Kommune. Für die normalen Bürger ist die Zeit des Bürgerkrieges aber kein besonders positiver Bezugspunkt. Aus einem einfachen Grund: Für Generationen war diese Zeit einfach die Zeit des Chaos, eine Zeit von Angst, von Krieg, von Elend, die noch dazu mit einer Niederlage endete. Das ist nicht als positive Heldengeschichte ins kollektive Gedächtnis eingegangen.“

„Was von der anarchistischen Tradition noch nachwirkt, ist, dass sich die Katalanen nicht sonderlich um den Staat scheren – weder den spanischen, noch den katalonischen. Für uns ist unsere Heimat unsere Stadt, unsere Kommune.“

Angesichts dieses komplexen politischen Terrains ist heute völlig unklar, welche Regierung aus den Wahlen Ende Dezember hervorgehen wird, zumal das komplizierte Wahlrecht in Spanien es nicht gerade einfach macht, aus prozentuellen Anteilen auf die Sitzverteilung im Parlament zu schließen. Mandate in ländlichen Regionen sind „billiger“, also für weniger Stimmen zu haben, was üblicherweise der konservativen Volkspartei, aber auch regionalen und nationalen Parteien hilft. Die Sozialdemokraten haben mit ihrem neuen Parteichef Pedro Sanchez einen jungen, telegenen Anführer – er hat die parteiinternen Primaries, also eine Mitgliederabstimmung mit sicherem Abstand gewonnen und kann sich selbst ein wenig als „Kraft des Neuen“ präsentieren. Aus der Totaldepression, in der ihre Spitzenleute noch im Winter steckten, ist die PSOE jedenfalls raus. Beim jetzigen Stand der Dinge ist eine PSOE-Podemos-Koalition nicht undenkbar – sie ist die wahrscheinlichste Variante. Längst kooperieren die Parteien schon auf kommunaler und regionaler Ebene, was den rhetorischen Spagat für Podemos übrigens nicht einfacher macht: einerseits rufen Iglesias & Co. zum Kampf gegen „La Casta“ auf, andererseits koalieren sie längst mit „der Kaste“. Das ist ein wenig eine Gratwanderung, und der Rückgang von Podemos in den Umfragen wird von manchen Beobachtern genau darauf zurück geführt. Andererseits fungieren gerade die von Linken angeführten Städte, Madrid und Barcelona, als Aushängeschild. „Man sieht, Podemos kann nicht nur regieren, sondern Podemos weiß, wie man besser regiert“, sagt Pablo Iglesias. „Politik ist wie Sex: Beim ersten Mal bist Du voll schlecht, aber man lernt mit Erfahrung.“

Podemos ist eine Linke, die sich nicht ins linke Grüppchenwesen verpuppt, sondern um Mehrheiten kämpft. „Ein politischer Kampf ist ein Kampf um die Bedeutung von Worten“, sagt Pablo Iglesias. Du musst mit Worten kämpfen. Du kannst Dich auch zur Karrikatur machen, zu einem lächerlichen, superlinken Militanten, der immer einsam bleibt, über den globalen Kapitalismus jammert, und den niemand versteht. Aber du musst die Medien benützen. Du musst eine neue Sprache sprechen. Du musst versuchen, eine neue Mehrheit zu formen.“ Du musst, hat er an anderer Stelle gesagt, eine „Identität herstellen zwischen Deiner Analyse und dem, was die Mehrheit fühlt. Denn viele normale Menschen, die Arbeiter, sie ziehen den Feind Dir vor“, formulierte er, an einen imaginären akademisch geschulten, im marxistischen Jargon schwadronierende Linken gerichtet. „Sie ziehen den Feind Dir vor, weil sie ihn verstehen, wenn er spricht. Dich verstehen sie nicht. Ja, vielleicht hast Du ja recht, mit dem was du sagst. Aber sie werden Dir nicht glauben, wenn Du Dich nicht verständlich machst. Vielleicht kannst Du ja Deine Kinder bitten, später einmal auf Deinen Grabstein zu schreiben: ‚Er hatte immer recht – aber es hat nie jemand davon erfahren‘.“

„Du musst eine neue Sprache sprechen. Du musst versuchen, eine neue Mehrheit zu formen.“ _____Pablo Iglesias

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6 Gedanken zu „Die Podemos-Revolution“

  1. will nicht kleinlich sein aber es heißt: „Iñigo“ und „Malasaña“ und „Puerta del Sol“ und „Dependance der SPD-nahen Stiftung“ Wenn kein „ñ“ da ist, spanisches Tastaturlayout lässt sich ganz einfach einstellen. Aber ich habe eine viel wesentlichere Kritik. Manche Linke (ich zähl mich selbst als links) können immer wenn Sie von Spanien und insb von Barcelona schreiben nicht von den alten Mythen lassen, Bürgerkrieg, Faschisten vs Republikaner, das anarchistische Barcelona etc (so wichtig sie als Bezugspunkt noch immer auch in der span. Linken sind, aber irgendwo seltsam aus der Zeit gefallen) sind die Schlagwörter um die dann ein nebulöses Gewölk aus gefühlter Stimmung gesponnen wird, welche die polit. Lage oder Stimmung der Leute abbilden soll, aber in Wirklichkeit nur das Schwelgen des Autors in den Erinnerungsfetzen seiner polit. Sozialisation darstellt, mit der Wirklichkeit aber, so behaupte ich mal, nicht mehr viel zu tun hat. Auch eine dichtere Beschreibung der Lage mit mehr Hintergründen kommt so nicht zustande- entweder weil der Autor keine richtigen Verbindungen mehr in die Städte hat und nur auf Kurztrip dort war, das Los des freischaffenden Journalisten eben, aber es dann auch nicht schafft die richtigen Fragen zu stellen- statt dessen wieder nach der Erinnerung an Anarchismus u Bürgerkrieg fragt. Im Kern geht es aber nur um Selbstbespiegelung und die Frage, spielt die Linke in Spanien u. in Europa i.A. noch eine Rolle, und nun zum x-ten Mal ein Lichtblick, ist dies die Wiederkehr (der guten alten Zeit), die Erlösung? Nicht etwa darum, welche neuen Ideen und Antworten auf die Fragen der Zeit sie ganz konkret haben und was sie nun zu tun gedenken. Und den „modernen linken Sozialisten Rafael Correa“ genau wie seinen Kollegen Maduro, sollte sich jeder ernsthaft politisch denkende Mensch insbs wenn er links ist und für die Freiheit des Menschen, aus dem Kopf schlagen, und bei aller Sympathie die man vllcht hat, ist man als Journalist doch verpflichtet seinen kritischen Verstand einzuschalten und nicht in diese devote SED- Parteizeitungsdiktion reinzufallen. Der ganze Rest mit den Bündnissen die sich in Madrid u Barcelona gebildet haben, um welche (Haupt)Personen und dass sie u.a. gg die Hausräumungen vorgehen, ist schon so oft auch in den Medien hier mal angeschnitten worden, selbst wenn man die Ereignisse in Spanien nur sehr sporadisch verfolgt, ist das schon angekommen, des Autors Aufgabe wäre nun gewesen da mehr Dichte an Informationen, an Meinungsäußerungen von anderen wichtigen Personen neben und hinter Iglesias, Colau usw, an Beschreibungen der Lebenslagen reinzubringen u.v.a.m.(Im Studenten- und Arbeiterviertel südl. der Ramblas kostete schon vor 10 Jahren ein Zimmer mit 10qm 300 Euro., der Arbeiter wohnt vllcht in Sant Andreu u Santa Coloma oder gleich außerhalb)

  2. Im Gegensatz zur ersten Kommentatorin (ingrid werner) des Essays fühle ich mich gut informiert. Das mag an meinem mangelnden Informationsstand liegen. Und dass auch in Madrid oder Barelona in bestimmten Vierteln horrende Mieten zu zahlen sind, halte ich für keine überwältigende Neuigkeit. Das hätte Robert auch zur Sprache bringen können, angedeutet hat er es, verschwiegen aber nicht. Zu allem und jedem kann immer noch mehr gesagt werden.
    Wesentlich wichtiger ist dann doch, auf das Problem der Unabhängigkeitsbestrebungen und auf die „absurd breite Allianz, die von Konservativen, Liberalen bis zu linken Sezessionisten und Grünen reicht“ hinzuweisen und auf die Art und Weise, wie Podemos sich um eine genaue Analyse des Problems mit der angestrebten „neuen Sprache“ herum „schummelt“. Was irgendwie bezeichnend ist für den Entwicklungsstand dieser angestrebten „neuen Sprache“, der sich treffend als „rhetorischer Spagat“ beschreiben läßt.
    „Neue Sprache“, „neuer Mensch“: alte linke Probleme mit langer linker Tradition, die zur Sprache zu bringen allerdings nicht „irgendwo seltsam aus der Zeit gefallen“ sind (meine Vorschreiberin), sondern deren Differenzen und Analogien es im jeweiligen historischen Kontext zu berücksichtigen gilt. Wobei die richtige Einschätzung der aktuellen politisch-ökonomischen Situation und der sie bestimmenden Kräfte wie immer das größte Hindernis darstellt. Erst wenn diese Analyse annähernd richtig ist, könnte aus der Vergangenheit das Richtige gelernt werden. Mit „du mußt die Medien benützen“ ist die richtige „neue Sprache“ ebensowenig schon gesprochen wie mit dem Hinweis auf den Grabstein des zur Karikatur degradierten „lächerlichen, superlinken Militanten, der immer einsam bleibt, über den globalen Kapitalismus jammert, und den niemand versteht.“ „Er hatte immer recht – aber es hat nie jemand davon erfahren“ soll zu seiner zusätzlichen Schändung dort zu lesen sein.
    Gehen wir einen Grabstein weiter und lesen: „Er hatte immer unrecht, aber alle wußten es.“ „Sie ziehen den Feind Dir vor, weil sie ihn verstehen, wenn er spricht.“ „Wer immer lügt, dem glaubt man“, aber doch wohl nur, weil er seine Lügen zur Wahrheit erklärt – die Metalüge, der Tribut des Lasters an die Tugend bleibt bis auf weiteres unumgänglich.
    Was tun? Neu sprechen! Wirklich und wahrhaftig gar nicht so einfach, wenn nicht nur „neu agitieren“ gemeint sein soll, was aber doch wohl gemeint sein könnte und vielleicht sogar gemeint werden muß. (In diesem Problemfeld auf die Divergenzen Adornos, Blochs, Brechts, Benjamins und Lukacs‘ hinzuweisen – um nur ein paar Beispiele zu nennen – möchte ich mir hier verkneifen.)

    Nur noch eine Anmerkung: Etwas mehr hätte ich ich in Robert Misiks Beitrag schon erfahren, woran auszumachen ist, dass sich „das etablierte System ist in einer Bunkermentalität“ eingerichtet haben soll, wie Miguel Mora, der „ein Leben lang als Karrierejournalist“, als Korrespondent für El Pais, gearbeitet hat und deshalb aus der Insiderperspektive das schmutzstarrende Nest mit ausheben helfen könnte, ohne es zusätzlich beschmutzen zu müssen. Die Dominanz über die spanischen Mainstream-Medien wie auch die Manipulation der Meinungsumfragen scheinen auf den ersten Blick dagegen zu sprechen.

    P.S.: Wäre meine Rente nicht so klein, würde ich Robert Misik sobald wie möglich einen Kurztrip nach Lissabon spendieren, um wieder einmal, „zum x-ten Mal“ „das Los des freischaffenden Journalisten eben“ auf sich zu nehmen, weil mich seine Art, „ein nebulöses Gewölk aus gefühlter Stimmung“ zu spinnen und sein „Schwelgen (…) in den Erinnerungsfetzen seiner polit. Sozialisation“ weit mehr ansprechen als die hier zitierte Vorschreiberin, gerade weil sie mit der Wirklichkeit sehr viel (statt: „nicht mehr viel“) zu tun hat.

  3. Ich hoffe ja, dass die Austeritätspolitik in Europa irgendwann beendet wird. Aber wenn ich den obigen Artikel lese, kann ich mir das nicht vorstellen. Es führen in den Umfragen die etablierten Parteien. Wie will die Podemos da irgendetwas bewirken? Und ich frage mich, wie Robert Misik schreiben kann, vielleicht wird „auch“ in Spanien demnächst eine Linkskoalition regieren. Wo ist denn noch eine??? In Griechenland??? Da kann man doch nur lachen. Nachdem Tsipras die ehrlichen Leute aus seine Partei entfernt hat, ist die Syriza höchstens noch so links wie die deutsche SPD. Und wenn in Spanien tatsächlich die Podemos regieren sollte, dann ist Spanien der erste Dominostein in der Front der Austeritätspolitik
    der gefallen wäre. Wenn aber Pablo Iglesias schon der spanische Tsipras genannt wird, dann gute Nacht Spanien und gute Nacht linke Bewegung in Europa. Tsipras ist nichts anderes als ein griechischer Schröder. Er hat seine Partei dahin getrimmt, dass er die „Reformen“ , also noch mehr Rentenkürzungen, Lohnkürzungen, Privatisierungen etc. in Ruhe durchführen kann. An Tsipras ist nichts, aber auch gar nichts Linkes. Wenn das bei der spanischen Podemos ebenfalls so ist, dann wie gesagt, gute Nacht linke Bewegung in Europa.

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