Mysterium Heildegger

Philosophie. Der Jahrhundertdenker Martin Heidegger war ein Nazi-Philosoph, versucht der französische Professor Emmanuel Faye nachzuweisen – und eröffnet damit eine neue, kontroverse Debatte. profil, Juni 2006

 

 

Alles war bis ins Detail vorgeplant. Das Horst-Wessel-Lied sollte angestimmt werden, die versammelte Studentenschaft exakt bei Beginn der vierten Strophe die rechte Hand heben – so dekretierte der neue Rektor der Freiburger Universität in seinem Rundschreiben. Der Höhepunkt der Weihestunde am 23. Mai 1933 sollte aber natürlich die große Rede Martin Heideggers selbst sein. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass ein Mann, der als einer der größten Denker seiner Zeit gilt, ein Rektorenamt antritt.

 

Er sollte seine neuen Freunde nicht enttäuschen. "Wir haben uns losgesagt von der Vergötzung eines boden- und machtlosen Denkens", hob Heidegger zum großen Finale an. "Die nationalsozialistische Revolution bringt die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins. Diesen Willen hat der Führer im ganzen Volke zum vollen Erwachen gebracht und zu einem einzigen Entschluß zusammengeschweißt. Keiner kann fernbleiben am Tage der Bekundung des Willens. Heil Hitler."

 

Dass die Machtübernahme der Nazis war nicht bloß der Beginn einer Pöbelherrschaft. Auch einige der brillantesten Köpfe ihrer Zeit taten mit. Juristen wie der Staatsrechtler Carl Schmitt, Dichter wie Ernst Jünger – und eben auch der Jahrhundertphilosoph Martin Heidegger. Dieser vor allem kann bis heute mit einiger Nachsicht rechnen. Noch immer hat er eine große Schar von Bewunderern. So hält sich die Deutung: Hier die Philosophie Heideggers – und da seine Verstrickung. Das eine, wird insinuiert, habe mit dem anderen nichts zu tun. Sein emphatisches Bekenntnis zu Hitler wird gewissermaßen zur Marginalie banalisiert, zum läßlichen Fehltritt. Heidegger selbst hat das später seine "große Dummheit" genannt. "Solche Irrtümer sind schon Größeren geschehen." 

 

Nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum das neue Buch des Pariser Philosophieprofessors Emmanuel Fayes in Denkerzirkeln einschlägt wie eine Bombe. Schon der Titel ist Programm: Heidegger, L’introduction du nazisme dans la philosophie, "die Einführung des Nazismus in die Philosophie". Kernthese: Heidegger Denken selbst sei auf die Parteinahme für Hitler hinausgelaufen. Das ist deshalb eine Provokation, weil damit die Frage gestellt ist, wieviel Naziideologie noch im Denken jener steckt, die später den geistigen Faden Heideggers weitergesponnen haben – im Existenzialismus Jean-Paul Sartres etwa, in der Subjektkritik Michel Foucaults, im Dekonstuktivismus Jacques Derridas. Kein Wunder, dass die Debatte vor allem in Frankreich leicht ins Hysterische kippt.

 

Das Material, das Faye ausbreitet, ist gewichtig. Er zitiert aus unveröffentlichten Seminaren, die Heidegger zwischen 1933 und 1935 hielt. Vor einem Publikum, das zum Großteil aus jungen Männern in SS- oder SA-Uniformen bestand, machte er einen Kurs in "politischer Erziehung, als Einordnung in den Führerstaat". Das Ziel: Die Herausbildung eines "neuen Adels" für das Dritte Reich. Faye: "Heidegger definierte das Volk als Einheit von Blut und Rasse. Er propagierte das Führerprinzip. Der Hitlerismus ist die Grundlage seiner Lehre." Keineswegs war er, wie seine Verteidiger immer behaupten, frei von Antisemitismus. In den Vorlesungen ist von den "verborgenen Feinden" im Volk – ein NS-Code für die assimilierten Juden – die Rede. Schon 1929 hat Heidegger in einem Brief die "wachsende Verjudung" des deutschen Geisteslebens angeprangert.

 

Vorwürfe "aus der Mottenkiste" rümpft jetzt die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die Nase – eine "neue, notwendige Debatte" lautet dagegen das exakt entgegengesetzte Urteil der "Süddeutschen Zeitung". Richtig zur Sache geht es aber in Frankreich. Adéline Froidecourt, eine Heideggerübersetzerin, bekundet in "Le Monde", sie halte "den Gebrauch des Begriffs Nazi im Zusammenhang mit Heidegger für skandalös" und versteigt sich zur Behauptung, er habe nie eine "antisemitische Bewegung unterstützt" – als wären die Nationalsozialisten keine antisemitische Bewegung gewesen. Faye liefere Fehl- und Überinterpretationen, nörgeln die professionellen Heidegger-Exegeten. Eher der Einzelfall sind bedächtige, ambivalente Wortmeldungen wie die der Kulturjournalistin Aude Lancelin im Nouvel Observateur: "Das nationalsozialistische Engagement Heideggers ist alles andere als ein Unfall und hat trotzdem eines der originellsten Denken des Jahrhunderts hervorgebracht". Gerade das sei das "Mysterium" Heideggers.

 

Mysterium, das war Heidegger im Grunde von Beginn an. Der sonderliche Bauernsohn, der sich dank eines kirchlichen Stipendiums in ein Zauberreich des Geistes schwingt. Den "Zauberer aus Meßkirch" nannte man ihn bereits in den zwanziger Jahren. Im akademischen Betrieb fühlte er sich als Außenseiter, eigentlich aber in der gesamten Moderne mit ihrer Schnellebigkeit, Oberflächlichkeit. Er ist Antimodernist, aber kein Nostalgiker. Den Kern der neuzeitlichen Philosophie lehnt er ab, die klassische Trennung von Subjekt und Objekt, die idealistische Vorstellung eines reinen Bewußtseins. Das Bewußtsein ist für ihn nicht das Jenseits der Dinge, der äußeren Welt – hinter der Erscheinung, den Phänomenen, gibt es kein Wesen der Dinge, die gewissermaßen eine wirklichere Wirklichkeit darstellten, als die, die wir wahrnehmen. Der Mensch ist in der Welt und das heißt: in seiner konkreten Welt und Zeit. Er existiert und das heißt, dass der Mensch sich entwirft. Wir sind uns selbst aufgegeben. Später wird man das Existentialismus nennen.

 

Was ganze Generationen an Heidegger faszinierte, ist, dass er eine Philosophie über das Alltägliche entwirft, über das, was uns so nahe ist, dass wir es gar nicht zu erkennen vermögen. Er reißt das Bekannte aus dem Reich der vorgefaßten Meinungen, indem er einen mit Absicht irritierenden Begriffsapparat erfindet: Dasein, Seiendes, es weltet, Gestell, das Man, Geschichtlichkeit, Eigentlichkeit und Uneigentlichkeit. Er prägt einen neuen philosophischen Stil. Und er wird, auch wenn das zum Habitus dieses seltsamen Mannes gar nicht passt, zu einem Star.

 

Er kommt in Kniebundhosen in seine Vorlesungen – gelegentlich sogar in Skifahrerkluft -, er ist mit einer biederen Antisemitin verheiratet und beginnt eine klandestine Liebesaffäre mit einer jungen jüdischen Studentin, die ihm völlig verfällt. Ihr Name: Hannah Arendt. Sie nimmt die Stelldicheins sogar noch nach dem Krieg wieder auf, als sie bereits eine weltberühmte Theoretikerin in der amerikanischen Emigration war.


Was Heideggers Denken durchzieht, sind aber auch zwei Motive, die sich gelegentlich über Kreuz geraten. Sein Hauptwerk "Sein und Zeit", der Existentialismus allgemein, hat ja einen individualistischen Zug: bei den entscheidenden Fragen der Existenz bleibt jeder allein. Doch seine düstere Kulturkritik, sein Spott über die Welt der Uneigentlichkeit, des Man, des Geredes, wie er das nennt, des Mitschwimmens im Strom der Oberflächlichkeit schreit nach einer Revolution. Mut, Verwegenheit, Intensität sind für ihn das Gegengift gegen das Man. Er begrüßt "die nationalsozialistische Revolution als kollektiven Ausbruch aus der Uneigentlichkeit" und schließt sich ihr deshalb an, formulierte schon Rüdiger Safranski in seiner grandiosen Heidegger-Biographie "Ein Meister aus Deutschland".

 

Nach dem Krieg hat Heidegger kurz Lehrverbot – bis 1949. Doch bald ist er wieder in Fixstern im Kosmos deutscher Honoratioren. Das, was er seinen "Irrtum" nennt, räumt er gerne ein, seine Rhetorik bleibt auf den gleichen Ton gestimmt. Einen "Jargon" nennt das später der Philosoph Theodor W. Adorno, den man "anstelle derzeit nicht reputabler Parteiabzeichen im Knopfloch" trägt. 

 

Kasten:

 

Emmanuel Faye über Heidegger

 

Die entscheidende und offene Frage blieb bisher, welche Auswirkungen seine politischen Positionen auf seine Philosophie hatten. Bei der Lektüre der jüngst auf deutsch veröffentlichten Vorlesungen habe ich verstanden, dass die Lehre von Heidegger grundlegend mit der Zerstörung des Menschen übereinstimmte, die die Nazis planten. Er macht die explizite Apologie der "Weltanschauung" des Führers. Er spricht davon, den Feind im Volk auszumachen, um ihn "total auszulöschen". Ich zeige die Fäden auf, die Heidegger seit den zwanziger Jahren, seit "Sein und Zeit" an rassistische und nazistische Autoren banden. Er kollaboriert aktiv, das Führerprinzip an der Universität zu etablieren. Auf nahezu jeder Seite meines Buches findet man eine Bestätigung für die rassistischen und antisemitischen Grundlagen seines Werkes.

(aus: Le Nouvel Observateur)

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