Kinder statt Kirche

Der grassierende von-der-Leyen-Hype ist ein Symptom: Das konservative Gesellschaftsmodell räumt das Feld in der Familienpolitik. Zeit wird’s. taz, Februar 2006 und Standard, März 2006

 

Die Sache scheint so selbstverständlich, dass man sie nur als fällige Modernisierung wahrnimmt. Da fällt gar nicht so richtig auf, welche historische Kehre hier eingeleitet wird: der Konservativismus räumt das Feld in einem Bereich, der früher zu seinem Kernbestand zählte – in der Familienpolitik. Das ist nur besonders augenfällig in Deutschland, seit die stets freundlich lächelnde Ursula von der Leyen das Amt der Familienministerin übernommen hat. Eine Frau, Ärztin, in den USA noch zur Gesundheitssystemikerin weitergebildet, Mutter von sieben – kleinen bis halbwüchsigen – Kindern, Ministerin erst in Niedersachsen, jetzt auch in Berlin. „Natürlich“, sagt sie im Gespräch mit der „Zeit“, „habe ich mit meiner Lebenssitutation auch einen gewissen politischen Symbolwert“.

 

Aber als Symbol kann sie nur funktionieren, weil sie den Wandel illustriert. Die alten konservativen Wertbestände, dass die Kinder Sache der Familie sind und der Staats sich steuernd nicht einmischen solle, sind nur mehr Gerümpel. Weil dann, wie die Erfahrung zeigt, die Kinder doch wieder meist Frauensache sind. Mit einem doppelten Effekt: Frauen spielen im Berufsleben dann oft nur eine zweite Rolle – oder sie bekommen keine Kinder.

 

Die Resultate kann man in den eher konservativ geprägten europäischen Länder, in Deutschland, in Österreich und besonders in Italien und Spanien besichtigen: die Frauenerwerbsquote ist niedrig, die Geburtenrate ebenso. Und weil in die außerhäusliche Erziehung, in Kindergarten, Vorschule, Ganztagsschule kaum öffentliche Gelder investiert werden, kommt noch ein dritter Effekt hinzu: die schulische Ausbildung der paar Kinder, die doch noch geboren werden, ist vergleichsweise schlecht.

 

Ziemlich genau dreißig Jahre haben sich die Konservativen dagegen gesperrt, das Offensichtliche einzusehen. Sie haben gegen die „Einheitsschule“ gewettert und, besonders im nichturbanen Raum, möglichst wenig in Kindergärten investiert. In rustikaleren Gegenden in Österreich ist auch heute noch üblich, dass viele Kindergärten schon zu Mittag wieder schließen. Auch wenn man heute so tut, als wäre das nur ein „technischer Fehler gewesen, so wie man bei manchen Großbahnhöfen vergessen hat, Toiletten einzubauen – und nicht Ausdruck eines Gesellschaftsmodells“ (Süddeutsche Zeitung).

 

Aber jetzt kann man die Augen vor den fatalen Folgen dieses Gesellschaftsmodells nicht mehr verschließen. Das ganze christlich-konservative Werteklimbim von der Liebe zum Kind und der Aufgehobenheit, die es nur in der Familie gäbe, hatte nur zum Resultat, dass viele Kinder nicht geboren wurden, die geboren worden wären, wäre dieses Modell nicht derart lange derart hegemonial gewesen.

 

Alle Studien zeigen es: Je mehr Einfluss ein christliches Gesellschaftsmodell auf die Politik hat und – vor allem – je katholischer ein Land, desto weniger Kinder werden geboren. Die einzige Ausnahme ist Frankreich – aber dies ist wirklich eine Ausnahme, die die Regel bestätigt. Denn die scharfe säkulare Kultur hat seit jeher zur Folge, dass der Einfluss der Kirchen auf Familien-, Frauen- und Bildungspolitik sehr gering ist.

 

Doch nun werden auch im Rest von Kontinentatleuropa die alten Zöpfe abgeschnitten. Der Schwenk wird mit einer Rhetorik annonciert, die teilweise neoliberal, teilweise wohlfahrtsstaatlich, teilweise integrationspolitisch gefärbt ist.

 

Der neoliberale Akzent ist klar: Mütter mehrerer Kinder werden durch die Umstände dazu gedrängt, aus dem Berufsleben auszuscheiden oder nur mehr auf Sparflamme ihrer Profession nachzugehen. Dadurch wird Humankapital verschwendet. Und das schadet dem Wirtschaftsstandort.

 

Frauen, die mehrere Kinder haben, können sich Karriere im Grunde abschminken – von den paar leuchtenden Ausnahmen abgesehen. Glaubt man den Zahlen, die in Deutschland kursieren, ziehen sie daraus eine klare Konsequenz: bis zu 40 Prozent der Akademikerinnen bleiben kinderlos.

 

Kriegen sie doch Kinder, ist es für sie oft eine Katastrophe. Hier setzt das wohlfahrtsstaatliche Argument an. Sie haben keine oder nur ungenügende soziale Absicherung. Und das ist nicht ausschließlich ein Frauenproblem: Lebensgemeinschaften mit Kindern generell leisten einen hohen (nicht nur finanziellen) Beitrag zur Prosperität eines Gemeinwesens, weil sie für die Reproduktion von Humankapital sorgen, haben dafür aber nur finanzielle Nachteile. In die Spitzenpositionen kommen Männer, wenn sie wenig Zeit darauf verschwenden, sich um ihre Kinder zu kümmern – immer häufiger auch Männer, die überhaupt keine Kinder haben. Nur sie haben das Zeitbudget, das für grandiose Aufstiege zu grandiosen Einkommen nötig ist. Die Anderen dürfen für sie bezahlen.

 

Hinzu kommt noch das integrationspolitische Argument: gesellschaftliche Integration findet immer weniger in Familien statt und in Migrantenfamilien oft überhaupt nicht. Wenn die Kinder dann erst mit sechs Jahren in die Schule kommen, ist meist schon alles verloren. Viele Probleme würden gar nicht entstehen, gäbe es genug Krabbelgruppen für die Kleinsten, obligatische Kindergärten, Vorschule.

 

Jetzt wollen sich alle, paradox genug, an Skandinavien ein Vorbild nehmen. Dafür gibt es allen Grund. Die Fertilitätsrate – also die durchschnittliche Anzahl von Kindern, die eine Frau im Laufe ihres Lebens bekommt – liegt in Finnland bei 1,73, in Dänemark bei 1,77, in Norwegen bei 1,85 (nur Schweden liegt mit 1,54 etwas zurück). Zum Vergleich: Österreich 1,34, Deutschland 1,36 (alle Zahlen gelten für das Jahr 2000). Dass Frauen ebenso berufstätig sind wie Männer, ist in Skandinavien eine Selbstverständlichkeit. Dass Kinder Karrierehemmnisse sind – und ein Armutsrisiko – würde niemand verstehen. Die Erwerbsquote der Frauen liegt nur unwesentlich unter der der Männer.

 

Aber Vorsicht: Man muss, wenn man dieser Erfolgsstory nacheifern will, dann schon mehr übernehmen als nur ein Anreizssystem wie das einkommensabhängige Elterngeld oder die steuerliche Absetzbarkeit von Kindererziehungskosten, wie das in der BRD jetzt geplant ist. Zu dem Modell gehört auch ein finanziell gut ausgestatteter Wohlfahrtsstaat, der erst dazu führt, dass es für die Frauen – und in zwanzig Jahren für die Kinder – Arbeitsplätze gibt, etwa in jenen sozialen Diensten, in denen in Schweden das Gros der Frauen beschäftigt ist.

 

Hoffentlich brauchen die kontinentalen Konservativen, um diese Lektion zu lernen, nicht wieder dreißig Jahre.

 

Denn schließlich brauchte es einen ökonomischen Totalumbau und eine mentale Kulturrevolution, bis man in unseren Breiten so weit ist wie etwa in Malmö. Im dortigen Hafen sind 50 Prozent der Dockarbeiter (!) Frauen. Übrigens sehr zur Freude der Hafenbetreiber: die Frauen, so ergab eine Studie, machen, wenn sie Autos aus dem Laderaum der Fähren lenken, viel weniger kaputt als ihre männlichen Kollegen.

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