Wahlen: Ein Ende, aber auch ein Anfang?

Die Schüssel-Haider Koalition ist Geschichte, die SPÖ wieder stärkste Partei. Aber was folgt daraus? Ein Kommentar für den Standard, Ausgabe 2. Oktober. (Fertiggestellt 1. Oktober, 19 Uhr)

 

 

Der Wähler ist ein seltsames Wesen. Wer ahnte, dass Kanzler Wolfgang Schüssel der große Verlierer dieser Wahl sein wird? Wer hätte darauf gewettet, dass Alfred Gusenbauer und seine SPÖ als Stärkste aus dem Abend hervorgehen werden? Man konnte allenfalls unbestimmbare Überraschungen wittern. Dieser Wahlkampf war ein solch übles Spektakel, voller Falschsprech, geprägt von ostentativer Schauspielerei, vorgeführt von schlechten Schauspielern, dass mit wütender Reaktion des Publikums fix zu rechnen war.

 

Auch wenn der Herr auch schon einmal als Dritter Kanzler geworden ist: die Ära Schüssel ist wohl zu Ende, wenn die Wahlkartenwähler nicht noch für eine zweite, späte Überraschung sorgen – und der ÖVP-Chef nicht doch ein Paket des Grauens mit FPÖ und BZÖ schnürt (hoffen wir, dass Schüssel wenigstens einmal staatspolitische Verantwortlichkeit zeigt). Die Wende nach rechts, das Hoffähigmachen von rechten Radaubrüdern, sie sind hoffentlich vorbei. Ein Ende, das so viele lange ersehnt haben.

 

Aber ist es auch ein Anfang? Eine Wendestimmung gab es diesmal keine. Die Wähler haben die SPÖ nicht zur stärksten Partei gemacht, weil sie riesengroße Hoffnungen in sie setzen würden. Sollte Alfred Gusenbauer tatsächlich in den nächsten Monaten ins Kanzleramt einziehen – von einer Woge der Begeisterung ist er dorthin nicht getragen worden. Um ein erfolgreicher Kanzler zu sein, wird er wachsen müssen – über sich hinaus, über das hinaus, was er als Oppositionschef an Performance geboten hat. Als SPÖ-Chef hat er sich zu oft in billigen Populismus geflüchtet und er hat sich mit jenen umgeben, die ihm am Konformsten erschienen, mit den Caps & Co. Wird er sich von ihnen frei spielen? Oder sich ihnen gerade jetzt verpflichtet fühlen?

 

Damit aus dem Ende ein Anfang wird, aus der ersten leisen Freude ein Grund zum Feiern, dafür braucht es noch einen großen Akt. Nötig ist er: das schwarz-blaue Erbe, dieses autoritäre Gift, dieser Ungeist des Ressentiments, sie werden nicht so einfach wieder raus zu kriegen sein. Hoffen wir, dass Gusenbauer der ist, der die Fenster auf macht.  

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