Grüne Welle

Die Umwelt schonen und sich dabei cool und glamourös vorkommen – das geht. Nicht mehr lange, dann ist das schnittige Ökoauto ein Must-Have für den urbanen Bobo. Robert Misik hat schon mal getestet. Falter, 27. Juni 2007

 

Also, mit der ökologischen Korrektheit ist das ja so: Man muss da meist große Bereitschaft zur Verbiesterung mitbringen. Bisher jedenfalls galt Öko-Lifestyle eher als Anti-Lifestyle. Wer die Umwelt retten oder gesund leben will, muss auf Spaß verzichten. Auf den Coole ohnehin. Biogemüse, Müsli, Jutesäcke, Birkenstocksandalen, Fair-Trade-Wäsche – man kann sich kaum etwas vorstellen, was weniger hip ist. Also ich, das gestehe ich hier gerne, lege auf einen gewissen Coolenesskoifizienten der Gadgets, mit denen ich mich umgebe, schon wert. Schließlich ist es im Lifestylekapitalismus doch so, dass wir sind, was wir kaufen. Weil das nicht nur mir so geht, kommt es, dass jeder prinzipiell die Umwelt schonen würde wollen, aber niemand möchte mit lächerlichen Elektroautos herumfahren, die aussehen, als wären sie bei der letzten Heißwäsche geschrumpft, und die alle paar dutzend Kilometer an die nächste Steckdose müssen. Und außerdem braucht doch jeder Platz. Und die Kinder! Und praktisch soll es doch auch sein! Und bezahlbar sowieso! Und die Girls beeindrucken! Tja, und deshalb sieht man auch in den Bobo-Bezirken fast nur Benzin fressende Stinker. Leider, leider, mit dem Umweltretten fangen wir an, wenn die Sachen ausgereifter sind.

 

Doch die Ausreden zählen nicht mehr. Es gibt energieeffiziente Autos, die den Benzinverbrauch auf ein Minimum reduzieren, mit sagenhaft niedrigem CO2-Ausstoß. Und in denen man sich nicht als Alternativspießer fühlt. Denn nie vergessen: Der private Individualverkehr trägt zu mehr als 20 Prozent des Ausstoßes der Treibhausgase bei. Zum Vergleich: Das weltweite Flugaufkommen gerade zu zwei Prozent.

 

Zeit also, für den Falter-Autotest.

 

Testgefährt 1. Der Glamouröse

 

Wien, Inzerstorf, B-17. Gewerbegebiet. LKWs, Fabriken, Schornsteine. Kaum zu denken, dass hier der Klimawandel bekämpft würde. Aber so ist es: Bei Toyota-Frey drückt mir eine nette Dame einen Autoschlüssel in die Hand. Jetzt gehört es einen Tag mir – das meistdiskutierte Auto des Jahres, das schickste Gefährt unserer Tage. „Leute, kauft Hybridautos von Toyota“, hatte Renate Künast, die Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, jüngst die Deutschen aufgefordert – und musste sich just des Verrats an der heimischen Autoindustrie zeihen lassen. Ähnlich ging es dem Tübinger Bürgermeister Boris Palmer, als der sich den Toyota Prius Hybrid als Dienstauto zulegte.

 

Also rein in den Schlitten. Kaum sitze ich drinnen, fühle ihm mich gleich ziemlich glamourös. Kein Wunder: Das selbe Auto, das Leonardo DiCaprio, Cameron Diaz und Julia Roberts fahren! Da bekommt sogar Inzerstorf eine leise Anmutung von Hollywood. Beim Einsteigen kann man den Schlüssel in der Hosentasche lassen: die Elektronik erkennt ihn auch so, es reicht, wenn man auf den Power-Knopf drückt. Das Auto startet lautlos. Das Hybridprinzip heißt: Ein Elektro- und ein Benzinmotor sorgen zusammen für den Antrieb. Der Elektromotor ist so leise wie ein Uhrwerk. Aufpassen beim Ausparken, hat mich die Dame von Toyota gewarnt: Man kann leicht jemanden überfahren, weil niemand mehr wegen lauten Motorengedröhns panisch weg springt. Diane Keaton, lese ich später, hat sogar ihren Hund zu Matsch gefahren, das dafür in aller Stille.

 

Der Elektromotor unterstützt den Benzinmotor, beim An- und Rückwärtsfahren erledigt die Strommaschine die Sache alleine. Jedes Bremsmanöver, jedes Bergabrollen sorgt für Aufladung der Batterien. Das hilft Sprit sparen und Kohlendioxidausstoß reduzieren. 104g CO2-Ausstoß pro km, damit ist der Prius in seiner Klasse konkurrenzlos umweltfreundlich. Der Benzinverbrauch im Schnitt: 4,3 Liter auf 100 Kilometer. Mit dem ersten Tag an spart man mit „Europas umweltfreundlichsten Automobil“ (ADAC) merklich an den Zapfsäulen.

 

Ein utopisches Multivision-Touchscreen-Display zeigt an, welche Maschine gerade wie viel Energie zuführt. Ebenso den hypothetischen Spritverbrauch bei gegenwärtiger Geschwindigkeit, oder den bisherigen Durchschnittsverbauch. Die Balkengrafiken wecken sofort den Ehrgeiz: Ich will noch weniger verbrauchen! Wenn die fette Säule erstmals unter fünf Liter fällt, kommt Freude auf, fällt sie unter vier, wird es euphorisch. Und das Fahrgefühl ist ohnehin klasse. Von der Art: Emissionsfrei schweben. Reaktion meiner Co-Pilotin: „Ich steig hier nie mehr aus.“

 

Toyota Prius Hybrid

CO2-Ausstoß: 104g/km. Kraftstoffverbrauch: 4,3 l/100km. Leistung (Benzin- und Elektromotor kombiniert): 113 PS. Automatikgetriebe. Höchstgeschwindigkeit 170 km/h. Listenpreis, inklusive Steuern: 26.697,60.- €

 

Testgefährt 2. Ökokorrektness mit Normalitätsfaktor.

 

Im Honda Civic Hybrid fällt man auch nicht auf, wenn man nächtens Mitten im Zehnten herumkurvt und die Hinweisschilder „Böhmischer Prater“ winken. Der Honda macht auf Normaloauto, Typ Mittelklassewagen. Unpretentiös. Klar, irgendwie habe ich das Gefühl, ich passe nicht zu ihm, aber er fühlt sich trotzdem gut an. Äußerlich gehen ihm die Glamour-Faktoren des Toyota ab. Statt der bunten Bordcomputerbilder einfache Displays, die das Nötige anzeigen – Geschwindigkeit, durchschnittlicher Spritverbrauch. Anders als der Toyota fährt er nie alleine mit dem Elektromotor, der unterstützt den Benzinantrieb nur. An Umweltfreundlichkeit steht der Honda dem Toyota trotzdem nicht nach. CO2-Ausstoß 109g/km. Verbrauch: 4,6l/100km. Durch das schlaue Auto-Stop-System schaltet sich der Motor ab, wenn man an der Ampel auf der Bremse steht. Würden alle so ein Auto fahren, gäbe es kein nervtötendes Motorengeröhre im Stand mehr. Der deutsche Verkehrsclub hat im Umweltranking den Honda sogar noch vor dem Prius – wegen der geringeren Lärmbelastung. Mit einem festen Tritt auf’s Gaspedal gewinnt er schnell an Schnittigkeit. Ideal für Menschen, die ihr Ökobewusstsein nicht an die große Glocke hängen wollen oder denen es auch nicht wichtig ist, als besonders coole Typen zu erscheinen. Vorteil: Die Bordelektronik ist auch für Fahrer verständlich, die keinen Computerkurs belegen wollen. Sogar einen Zündschlüssel hat der Honda noch, wie ein echtes Auto.

 

Honda Civic Hybrid

 

CO2-Ausstoß: 109g/km. Kraftstoffverbrauch: 4,6 l/ 100 km. Leistung (Benzin- und Elektromotor kombiniert): 115 PS. Automatikgetriebe. Höchstgeschwindigkeit 185 km/h. Listenpreis, inklusive Steuern: 24.750.- €.

 

Resümee: Man fragt sich, warum noch andere Autos gekauft werden. Umweltschonend, sind die Hybridautos kaum teurer als Kollegen ihrer Klasse, der niedrigere Benzinverbrauch schlägt aber sofort zu Buche. Hinweis an den Unweltminister: Man kann den Absatz auch politisch fördern. In verschiedenen Ländern ist der Kauf von Hybridautos subventioniert oder steuerlich begünstigt. In Großbritannien erhalten Käufer von Hybridautos 1000 Euro, in den USA bis zu 3500 Dollar. In London ist der Prius von der City-Maut befreit. Übrigens: Wann rüsten Minister und Behörden ihren Fuhrpark um?

 

Welche Autos soll der Falter noch testen? robert.misik@hotmail.com

Ein Gedanke zu „Grüne Welle“

  1. Sehr geehrter Herr Misik!
    Sind Sie mit diesen tollen Karren auch in der „Bobo-Hochburg“, in Wien-Neubau, herumgekurvt? Oder wollten Sie die „Bobos“, die sich der Umwelt noch nicht so vertraut fühlen, nicht blamieren? 🙂
    LG,
    Johannes Rausch

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