Wie wurden Sie zum Terroristen, Herr Pitsch?

Vor dreißig Jahren füllten deutsche Terroristen mit der Entführung des Wiener Industriellen Walter Palmers ihre Kriegskasse. Die RAF lebte von den Millionen bis in die neunziger Jahre. Reinhard Pitsch war damals mit dabei. Irgendwie ist er es heute noch. Eine Begegnung. taz, 2. Juni 2007

Wie wurden Sie zum Terroristen?

 

Pitsch: Durch eine Plastiktüte….

 

Wie bitte?

 

Pitsch: Bis 1976 war ich in trotzkistischen Gruppen. Dann habe ich mich etwa ein Jahr meinem Studium gewidmet. Anfang 1977 gab es schließlich eine etwas absurde Erfahrung: Ich wohnte mit einer Frau in einer Wohngemeinschaft. Und die hat zwei Leute aus dem Büro von Rechtsanwalt Klaus Croissant kennen gelernt.

 

Der war Anwalt der RAF-Leute – etwas mehr als nur der Anwalt.

 

Pitsch: Genau. Die beiden Referendare oder was immer die damals waren, wollten in Wien Waltraud Boock besuchen, die Ex-Frau von Peter-Jürgen Boock, die hier im Gefängnis saß wegen Banküberfall. Sie haben meiner Mitbewohnerin ein Plastiksackerl zur Aufbewahrung übergeben – das wollten sie nicht mitnehmen, haben sie gesagt. Sie sind dann nicht zu Boock vorgelassen, sondern direkt abgeschoben worden.

 

Und die Plastiktüte?

 

Pitsch: Die hatten wir am Hals. Meine Mitbewohnerin schüttelte es vor Angst. Ich schaute rein – nichts als Papiere, unspektakuläre Prozessakten, Beweisanträge und so ein Zeug. Ich habe dann im Croissant-Büro angerufen und gefragt: Was ich damit machen soll? Die haben gesagt: Schick’s oder bring’s vorbei. Also fuhr ich nach Stuttgart.

 

Somit hatten Sie Kontakt zur RAF?

 

Pitsch: Ich hatte bald regelmäßigen Kontakt, etwa mit Klaus Croissant, Armin Newerla, Arndt Müller, Werner Lotze und Elisabeth van Dyck, die ja 1979 erschossen wurde. Dann habe ich begonnen, die Dokumente zum bewaffneten Kampf zu lesen – vor allem Ulrike Meinhofs Erklärungen. Bis dahin habe ich zwar, wie die meisten Linksradikalen, immer wieder von der „Solidarität mit den Genossen der RAF“ gesprochen, aber interessiert haben mich die eher nicht. Wir haben dann in Wien die „Arbeitsgemeinschaft Politische Gefangene“ gegründet.

 

Eines der üblichen Solidaritätskomitees, aus denen sich die nächste RAF-Generation rekrutierte?

 

Pitsch: Im Grunde war es eine Sympathisantenorganisation. Am Todestag von Ulrike Meinhof haben wir vor der Universität Flugzettel verteilt. Und da wurde ich von zwei Deutschen angesprochen und über die RAF ausgefragt. Ich war natürlich extraskeptisch – zwei Studentinnen, noch dazu älteren Semesters, die sich bei Österreichern über die RAF erkundigen? Sehr verdächtig. Irgendwann haben sie gesagt, sie werden selbst steckbrieflich gesucht.

 

Haben sie auch gesagt, wer sie sind?

 

Pitsch: Nein, aber ich habe beim nächsten Treffen im Café Haag in einer Nische eine Freundin mit den deutschen Steckbriefen platziert und die hat die Fotos mit den Gesichtern der beiden Frauen verglichen. Dann war klar – das sind Inge Viett und Juliane Plambeck. Es stellte sich heraus, sie sind von der „Bewegung 2. Juni“ und brauchen Kontakte zur RAF, weil die bisherigen Kontakte abgerissen sind. Na, bin ich wieder nach Stuttgart. Es gab dann zwei Kuriere, einen nach Stuttgart, einen nach Berlin. Einer war ich.

 

Na, da ging es doch schon bald um mehr als um Kontakte…

 

Pitsch: Bald kam dann auch noch Gabriele Rollnik dazu. Die drei waren aus einem Berliner Gefängnis geflohen und wollten in Wien eine Aktion machen – eine Geldbeschaffungsaktion. Und die drei brauchten unbedingt Männer – nicht in dem Sinn, wie Sie jetzt denken. Aber drei Frauen, das war damals verdächtig. Paare konnten viel einfacher Wohnungen mieten und solche Sachen. Ich habe dann eine Genossin und den Thomas Gratt mit ihnen bekannt gemacht. Ich habe Grenzübergänge ausgekundschaftet, Autos gemietet, es gab Schießtraining, einmal bin ich mit Rollnik gemeinsam Waffen kaufen nach Italien gefahren. Dort haben wir uns mit der Gabriele Kröcher-Tiedemann und der Ina Siepmann getroffen.

 

Sie waren dann schon Teil der Gruppe?

 

Pitsch: Nein. Irgendwann haben sie gesagt, ich muss mich entscheiden, in die Bewegung 2. Juni einzutreten. Ich habe dann definitiv abgesagt.

 

Warum eigentlich, nachdem sie schon so weit gegangen sind?

 

Pitsch: Ideologisch war ich nicht so überzeugt.

 

Darf ich raten: Sie wären lieber in der RAF gewesen als in der Bewegung 2. Juni.

 

Pitsch: Jedenfalls: Wenn schon, dann schon eher RAF. Die RAF hatte wenigstens eine Theorie. Zur Bewegung 2. Juni passte man ja nur, wenn man eingeraucht oder besoffen war. Das war nicht so ganz ich.

 

Aber ganz ausgeklinkt haben Sie sich auch nicht?

 

Pitsch: Nein. Ich war ein Unterstützer. Auch das war nicht unriskant. Bei jedem Treffen waren ja mindestens zwei Waffen dabei, und eine davon hatte ich in der Tasche. Aber ich wollte vielleicht auch die bewusste Illegalisierung nicht. Man kann das Feigheit nennen. Vielleicht war das halbe Mittun der Versuch, die vorgezeichnete Bürgerlichkeit des Lebensweges zu durchkreuzen – ohne sie aber bewusst zu durchtrennen. Der Thomas hat das anders gesehen.

 

Thomas Gratt, der einzige Österreicher, der Teil des engeren Entführerkommandos war.

 

Pitsch: Ja, wobei wir die Sache schon gemeinsam vorbereitet haben. Wir sind im 18. Bezirk bei einem Stadtheurigen gesessen – dem besten der Stadt übrigens, wo noch die ganz echten Wienerlieder gesungen werden – und haben uns überlegt, wer in Frage kommt für so eine Geldbeschaffungsaktion. In Wien gibt’s ja nicht so viele reiche Leute. Da fiel schnell der Name Palmers. Auch der Meinl, der Privatbankier kam in Betracht. Wir haben die Lebens-, Wohn-, Fahrumstände ausgekundschaftet. Da lief alles ganz schnell auf Palmers, den Textilindustriellen zu.

 

Warum?

 

Pitsch: Er fuhr täglich allein mit seinem Auto von der Fabrik nach Hause in die Villa in Währing. Man wusste auch, die Familie ist intakt, also, die werden zahlen, um ihn wieder zurück zu bekommen. In den unmittelbaren Ablauf war ich aber dann nicht mehr involviert, aber in das logistische Drumherum. Die brauchten ja Autos, Pässe um sich aus Wien abzusetzen.

 

Haben Sie auch ihre RAF-Kontakte informiert?

 

Pitsch: Nein, um Himmels willen, das durfte ich nicht. Ich hatte sogar den Auftrag, die auf Distanz zu halten. Es war ja so, die RAF hat gesehen, da gibt’s in Wien eine Sympathisantengruppe: Was liegt da näher, als dort zu rekrutieren. Aber die „Bewegung 2. Juni“ hat gesagt, wenn da wer rekrutiert, sind wir das. Viett hat die Mohnhaupt gehasst. Ich hatte die Mohnhaupt einmal kurz in Stuttgart kennen gelernt, nach ihrer Freilassung aus Stammheim, bevor sie wieder in den Untergrund ging.

 

Da gab es also ordentliche Rivalitäten?

 

Pitsch: Bei den bewaffneten Gruppen nicht anders als bei den K-Gruppen – nur dass die Bewaffneten die Rivalitäten auch mit Waffen ausgetragen haben. Allerdings nicht in Deutschland. Aber sie haben sich immer wieder gegenseitig gefährdet. Als die RAF den Anschlag auf Generalbundesanwalt Buback in Karlsruhe machte, waren „2.Juni“-Leute in der Stadt, die haben nichts gewusst und sind nur mit knapper Mühe raus gekommen. Später, als die „Bewegung 2. Juni“ schon das Palmers-Geld hatte, saßen sie auf den Millionen, und die RAF musste noch in Zürich einen Banküberfall machen, bei dem eine unbeteiligte Hausfrau in Kreuzfeuer geriet und getötet wurde. Und weil die Aktivitäten unserer APG von der "Bewegung 2. Juni" finanziert wurden, regte sich  Viett auf: Wie kommen WIR dazu, DIE zu finanzieren – gemeint war, dass wir Propaganda für die RAF betrieben.

 

Was denn für RAF-Propaganda?

 

Als einzige Gruppe im deutschsprachigen Raum schafften wir eine Demo nach der Stammheimer Todesnacht! Und drei Schmierkommandos in Wien. Der "Spiegel" machte mit dem Johann-Strauß-Denkmal auf, auf der Gloriette las Wien: "RAF lebt!"

 

Tolle Propaganda. Wär’s nicht so tragisch, wär’s fast komisch. Ein Motto, das auch über der Palmers-Entführung stehen könnte.

 

Pitsch: Grundsätzlich war sie nicht so schlecht vorbereitet. Aber es wurden dann ein paar aberwitzige Fehler gemacht. Die „Bewegung 2. Juni“ wollte die Sache als rein kriminelle Aktion tarnen, damit man auch wirklich Geld kriegt und nicht gleich den gesamten Anti-Terror-Apparat am Hals hat. Deshalb durften wir auch für die "Bewegung 2. Juni" keine Propaganda machen. Die wollten lieber anonym bleiben – um die Tarnung ihrer Geldbeschaffungsaktion nicht zu gefährden.

 

Das hat nicht wirklich geklappt…

 

Pitsch: Anfangs schon. Ziemlich dumm war natürlich die Idee, man müsse mit der Familie telefonieren und das müsse ein Österreicher sein. Thomas Gratt mit seinem Vorarlberger Idiom war aber so was von auffällig und gar nicht typisch österreichisch. Die "Kronen-Zeitung" schlagzeilte was von "deutscher Verbrecherbande". Seine Stimme wurde dann bundesweit ausgestrahlt. Eigentlich hat jeder gewusst, wer das ist. Die Polizei hatte auch schnell einen Hinweis. Nur war das die Kripo, nicht die Staatspolizei, und die hatte so viele, dass sie den auf den Gratt übersehen hatte. Diese Planung war, ich kann es nicht anders sagen, perfid.

 

Wieso?

 

Thomas als Telefonist musste auffliegen, Thomas war klar APG, APG war Vorfeld der RAF – auf wen also wäre der Fahndungsdruck gegangen? Es war eindeutig der Plan der Bewegung 2. Juni, den Fahndungsdruck in Richtung RAF zu lenken… Der Plan ging aber wegen des Fiaskos bei der Absetzbewegung aus Wien ohnehin nicht auf

 

Was lief da schief?

 

Pitsch: Alles. Die meisten waren sofort nach der Übergabe mit dem Geld weg, Viett, Gratt und noch zwei, drei sollten Wohnungen auflösen. Ich hatte einen Fahrer für ein Auto aufgetrieben, den die Polizei nicht kannte, aber den hat die Viett weggeschickt. Mit dem Ergebnis, dass Gratt und Othmar Keplinger – auch er bekannt wie ein bunter Hund – selbst fuhren. Noch dazu mit ihren eigenen Führerscheinen. Nur weil man auf einmal zwei Autos wollte. Man hatte Millionen dabei, aber vergessen, Wechselgeld mitzunehmen – mit dem Ergebnis, dass man die Münzzapfsäulen auf den Schweizer Autobahnen nicht benützen konnte.

 

Wie aus einem Klamaukfilm!

 

Pitsch: Warten Sie! Gratt hatte zwei Makarovs dabei, aber ohne Originalmagazine. Die Originalmagazine zu seinen Waffen waren in Entebbe und Mogadischu benützt worden. So wusste die Polizei sofort, welche Vernetzung es da gegeben hat. Und die Viett hat ohnehin überall ihre Fingerabdrücke hinterlassen.

 

Sonst noch etwas Komisches passiert?

 

Pitsch: Es gab noch die Geschichte mit der Freundin von Gratt. Der hatte so ein 18jähriges Mädchen, mit der hat er sich noch getroffen, als er schon im Untergrund war – in der Wohnung eines APG-lers. Übrigens hatte er damals schon etwas mit der Kröcher-Tiedemann, die fand das gar nicht gut. Hat Spannungen in die Gruppe gebracht. Gratt hat gesagt, das ist freie Liebe. Die Frauen vom 2. Juni haben gesagt, ich soll das unterbinden. Aber wie hätte ich das unterbinden sollen? Der Keplinger hat im Auftrag von Gratt dem Wohnungsinhaber – übrigens ein heute sehr bekannter Historiker – ja gesagt, das ist so konspirativ, man darf nicht einmal mir was sagen.

 

Für Gratt und Keplinger war dann an der schweizerisch-italienischen Grenze Endstation.

 

Pitsch: Ja, es war auch noch der Auspuff abgerissen. Man konnte das Auto kilometerweit hören – jeder normale Mensch lässt so etwas auf dem nächsten Parkplatz stehen. Und da die beiden nicht im Fahrzeugbrief standen – der war auf irgendwelche Personen zugelassen, man aber zur Einreise nach Italien eine schriftliche Vollmacht des Besitzers vorlegen muss….Die Deutschen  sind gleich mit einem Pendlerzug über die Grenze gefahren.

 

Wie sind Sie eigentlich aufgeflogen?

 

Pitsch: Na, das war nicht schwer – wenn Gratt und Keplinger dabei sind, dann muss der Pitsch der Dritte sein. Ich sollte in Wien zurückbleiben und den Kontakt mit den Flüchtigen halten. Irgendwann haben sie dann nicht mehr in den verabredeten Cafés angerufen. Da wusste ich, da war was schief gegangen. Der nächste Blödsinn war: Viett ist mit dem Lösegeld abgehauen und hat vergessen, mir etwas dazulassen. Ich saß mit 300 Schilling in der Tasche in Wien und konnte mich nicht mehr bewegen. Trotzkistische Ex-Genossen haben mir dann ein paar tausend Schilling geliehen. Damit konnte ich zwei, drei Leute wegbringen. Das Geld ist ebenso offen wie die verabredeten 50.000 für die APG oder unsere Anwaltskosten – in Österreich gibt’s ja keine "Wahlpflichtverteidiger", die der Staat bezahlt.

 

Haben Sie sich gestellt?

 

Pitsch: Nein. Ich wechselte die Wohnung zu spät. Dann stand irgendwann die Polizei vor der Tür.

 

Sie kamen in Polizeihaft.

 

Pitsch: Ja, über 80 Stunden, was illegal war. Ich mag ja die Weinerlichkeit der deutschen RAF nicht so, aber Polizeihaft in Wien zu der Zeit war wirklich Folter: Es gab Prügel, Tritte in die Eier, Knebel, das ganze drum und dran. Dann wurde ich von der Justizwache abgeholt. Nach der Polizeihaft schien mir das Justizgefängnis als paradiesisch sicherer Ort.

 

Später raunte die Szene, der Pitsch, der hat gesungen…

 

Pitsch: Ich habe nichts gesagt, was sie nicht schon wussten. Weil mit Vietts Abdrücken klar war, wer das war. Und die paar Leute, die man raushalten musste, habe ich rausgehalten.

 

Wen etwa?

 

Pitsch: Croissant. Die Wiener Genossin, die den Kurier Wien-Berlin gemacht hat, also die "vierte Frau". Bis heute weiß niemand, wer das war. Kann man auch heute noch schwer sagen. Ist ja nur in Deutschland nach 30 Jahren verjährt, in Österreich nie.

 

Gratt hat 15 Jahre gekriegt, Sie und Keplinger als Helfer fünf und vier Jahre. Ganz schön viel für so eine patscherte Geschichte.

 

Pitsch: 15 Jahre für Gratt ist vertretbar, hart, aber vertretbar. Mein Urteil erklärt sich aus dem österreichischen Rechtssystem, wo Du auch bei der kleinsten Hilfeleistung „Täter“ bist. In Deutschland hat man für Dinge, die mit dem vergleichbar sind, was man uns nachweisen konnte, eineinhalb Jahre wegen „Unterstützung einer terroristischen Vereinigung“ gekriegt. In Österreich waren wir alle „erpresserische Entführer“. Ein Skandal war das Urteil gegen den jungen Keplinger. 5:3 Schuldspruch. Unter dem Kaiser gab’s wenigstens noch ein ordentliches Geschworenensystem: 12 Geschworene und qualifizierte 2/3 – Mehrheit, was für Keplinger glatt Freispruch bedeutet hätte.

 

Rollnik, Viett & Co. waren über alle Berge, und die Bewegung 2. Juni und die RAF lebten von dem Geld noch bis in die neunziger Jahre.

 

Pitsch: Ja, das hat noch lange vorgehalten, sagt Gabriele Rollnik. RAF und 2. Juni haben sich ja später vereinigt und die Millionen waren ein schönes Druckmittel – gewissermaßen die Verhandlungsmasse der Bewegung 2. Juni. Die RAF hat dann den „Personalstand“ des 2. Juni übernommen – Thomas Gratt inklusive. Deshalb wurde es ein schönes Ritual: Immer wenn ein RAF-Mensch festgenommen wurde, kamen Palmers Anwälte und stellten Haftungsansprüche. Ich hafte jetzt noch mit rund 40 anderen in Europa für die 31 Millionen Schilling.

 

Das heißt, Ihr seid auf das Existenzminimum gepfändet?

 

Pitsch: Nein. Palmers, bzw. heute seine Erben, müssten einen Pfändungsbeschluss erwirken. Das hat er nie getan. Nie.

 

Das ist aber elegant gewesen von dem alten Herrn.

 

Pitsch: Ja. Er hat es nie getan. Vor allem der Thomas Gratt, der hat ja später in Wien gearbeitet, einen tollen Job gehabt und gut verdient, bei dem hätte er da leicht eine Gehaltspfändung durchsetzen können.

 

Im Gefängnis haben Sie dann weiter studiert.

 

Pitsch: Ja.

 

Michael Benedikt, der bekannte Wiener Philosophieprofessor, hat sie regelmäßig besucht.

 

Pitsch: Ja, der ist so alle zwei, drei Monate zu mir nach Graz-Karlau gefahren. Der war sehr korrekt. Hat sich sehr bemüht. Wir machten dann immer Kant-Privatissima im Knast.

 

Und danach?

 

Pitsch: Danach bin ich zunächst nach Paris. Der alte legendäre Trotzkistenführer Michel Pablo hat mir sehr geholfen. Der hat mich in so einem Hinterzimmer eines französischen Espressos empfangen und hat gesagt: „Cher Camerade, hier hast Du die Nummer vom Genossen Innenminister“. Das war der Anfang der Mitterrand-Jahre. Ich habe die Nummer aber nie benötigt. Ich habe dann als Deutsch-Lektor an verschiedenen Universitäten gearbeitet.

 

Wir haben viel über die unfreiwillige Komik ihrer Stadtguerilla-Episoden geredet. Aber wenn sie professioneller gewesen wären, wären es doch dennoch Scheiß-Aktionen gewesen.

 

Pitsch: Das, womit die RAF angefangen hat, mit Aktionen gegen die US-Truppen in der BRD, das waren schon Anschläge, die eine Stadtguerilla rechtfertigen. Dann wurde das immer mehr eine Gefangenenbefreiungs-Organisation.

 

Aber die Idee, mit militärischen Mitteln „die imperialistische Regierung“ zu bekämpfen, ist doch schon blöd genug.

 

Pitsch: Das muss man diskutieren. Nehmen wir die Beweisanträge von Otto Schily und anderen in Stammheim. Da hieß es: Die BRD ist, wegen der Militärpräsenz der USA und der Nato-Mitgliedschaft kriegsführende Partei in Vietnam. Jeder Angriff ist deshalb legitim gewesen. Oder Nothilferecht nach Grundgesetz. Man sollte die Beweisanträge wieder einmal veröffentlichen. Das heißt noch nicht, dass es sinnvoll war.

 

Und die Menschenverachtung, die sich da einschlich? Dieses „wo gehobelt wird, da fliegen Späne“? Sie haben mitgemacht, Menschen in Todesangst zu versetzen.

 

Pitsch: Na, Palmers hatte keine Todesangst. Würde ich zynisch sein, würde ich im Pentagonjargon von Kollateralschäden sprechen. Nein: Wenn man sich entscheidet, Widerstand zu leisten, kommt man automatisch in eine militärische Logik. Ist so.

 

Kollateralschäden müssen schon in einem sehr klaren Verhältnis zum Nutzen liegen, um legitimiert werden zu können.

 

Pitsch: Entschuldigen Sie, wenn ich mir die Ausstellung „Die Toten“ ansehe, dann sind die unschuldigen Opfer gerade einmal zehn. Der Rest sind Genossen, Staatsanwälte, Polizisten, Amtsträger und deren Personal.

 

Um tote Terroristen und tote Polizisten weinen auch Menschen.

 

Pitsch: Aber die Genossen und die Polizisten zwingt niemand dazu, Genossen oder Polizisten zu werden.

 

Das meinen Sie jetzt nicht ernst, oder? 1977 war nicht 1933. Oder 1934, als das Wiener Proletariat die Waffen gegen die Austrofaschisten erhob.

 

Pitsch: Keine Situation ist mit einer anderen vergleichbar. Okay. Aber von 1968 aus gesehen haben die Dinge so ausgesehen, dass man eine Aktualität der Revolution annehmen konnte. Viele haben das so gesehen, die halt später Außenminister wurden oder Chefredakteure der „Welt“. Vielleicht war das ein Irrtum, und ein paar kluge Leute haben das beizeiten erkannt. Alexandre Kojève etwa, der berühmte Hegelphilosoph, der von den rebellischen Studenten gefragt wurde: Was sollen wir tun? Er antwortete: Das Beste, was ihr tun könnt, ist Altgriechisch zu lernen. Oder der alte Georg Lukács.

 

War also doch ein Blödsinn, der bewaffnete Kampf?

 

Pitsch: Um es über einen Umweg zu sagen: Nehmen wir die frühen Christen, die Zeitgenossen Jesu. Die waren überzeugt, er ist der Messias, und das Ende der Zeit ist nah. Dann verschob sich der Zeithorizont, die Naherwartung wirkte nur mehr lächerlich. Das gab es in den sozialrevolutionären Bewegungen auch immer. Es gab diese eschatologische Erwartung auch 1848 oder 1919, als die Kommunisten überall erstarkten: der Sozialismus oder was auch immer kommt bald, los, lasst uns das beschleunigen. 1919, bei ihrem Gründungskongress, erwarte der Vorsitzende der Kommunistischen Internationale, Grigorij Sinowjew, deren nächsten Kongreß in Berlin und den übernchsten in Paris halten zu können. Natürlich kann man hinterher leicht sagen: Man hätte wissen können, dass das ein Blödsinn ist.

 

In Deutschland gibt es jetzt 30 Jahre später eine Vergangenheitsdiskussion. Um Gnade geht es da, und um Reue.

 

Pitsch: Wenn man Versöhnung will, ist die Anerkennung des politischen Movens eine Vorbedingung. Aber die Versöhnung findet doch in verschiedenen Formen statt. Renato Curcio, der Führer der Roten Brigaden, macht jetzt einen kleinen Verlag der Sozialbewegungen und der linke Bürgermeister von Bologna, Sergio Cofferati, erklärt ihn zur unerwünschten Person. Silke Meier-Witt arbeitet für Friedensprojekte in Bosnien. Adriana Faranda, bei Moro dabei, verkauft eine geerbte Villa am Gardasee und gibt das Geld einem Jesuiten zur Unterstützung von Witwen und Waisen der Carabinieri und Polizisten. Die Reueforderung führt zu nichts, es sei denn man will Heuchler. Nehmen wir Christian Klar. Es würde ihn doch nichts, aber gar nichts kosten, zu sagen: Es tut ihm leid, ’tschuldigung. Aber was für einen Sinn soll das haben? Allein die Tatsache, dass ein RAF-Mitglied ein Gnadengesuch an den Bundespräsidenten richtet, ist doch schon eine Anerkennung des Gnadenherrn und damit eine politische Erklärung. Thomas Gratt hat das noch abgelehnt. Dabei hatten wir alles vorbereitet. Kurt Waldheim, damals Bundespräsident, war bereit, das Gnadengesuch zu unterzeichnen. Aber Gratt hat es nicht gestellt.

 

Ist Gratt im Knast vor die Hunde gegangen?

 

Pitsch: Ja.

 

Warum? Wegen der 15 Jahre?

 

Pitsch: Nein. Der Ausschluss aus der RAF hat ihn gebrochen. Die haben gesagt, er hat zu viel geredet, er habe Namen genannt. Das hat ihn fertig gemacht. Das schafft auch im Gefängnis eine sehr unangenehme Situation. Das ist in der Zeitung gestanden. Und das lesen ja auch die Mithäftlinge.

 

Was interessiert denn einen Räuber, ob einer aus der RAF ausgeschlossen wird?

 

Pitsch: Da irren Sie sich. Als Terrorist bist Du in der Gefängnishierarchie ganz weit oben – so wie die Betrüger etwa. Wenn dann in der Zeitung steht, Du bist ein Verräter, bist Du plötzlich ganz unten – so wie etwa die Kinderschänder.

 

Andererseits: Als er 1990 raus kam, ist es ihm ganz gut gegangen. 

 

Pitsch: Ja, er hatte einen Superjob, war fast ein Yuppie. Er hat den Widerspruch zwischen den Idealen der Jugend – der Revolutionär, der den Angriff wagt – und der bürgerlichen Existenz nicht auflösen können. Er hat absolut zugemacht.

 

Und sich dann umgebracht…

 

Pitsch: Ja. Die Todesart. Wenn ich mich umbringen würde, ich würde mir eine Kugel vor den Kopf schießen. Aber der Thomas: Ein Messer ins Herz gerammt. Das ist ja ein literarischer Tod.

 

Und Sie? Sind Sie vor die Hunde gegangen?

 

Pitsch: Nein, sonst säße ich ja nicht hier. Ein paar Sachen hätte ich anders machen können. Ich wäre besser in Frankreich geblieben. Es sind auch ein paar Sachen schief gegangen. Aber die haben nicht mit der Palmersgeschichte zu tun. Sachen, die bei vielen schief gehen.

 

Sie hätten auch ein anderes Leben führen können…

 

Pitsch: Ich habe gewusst, auf was ich mich einlasse. Wie gesagt, da war auch der Wunsch, den bürgerlichen Lebensweg durchzutrennen. Wissen Sie, eines ist mir sehr wichtig zu sagen: Mir geht die militante Wehleidigkeit vieler RAFler – die Italiener sind da nicht so – auf die Nerven. Die machen Psychoselbsthilfegruppen! Einerseits ruft man den bewaffneten Kampf aus und dann regt man sich auf, wenn man im Gefängnis von Justizbeamten angerempelt wird.

 

Sie gehen hier als der ewige Ex-Terrorist durch die Stadt – obwohl sie nie ein wirklicher Terrorist waren. Ist das nicht ein Treppenwitz der Geschichte?

 

Pitsch: Ich klage niemanden, der mich als Terrorist bezeichnet. Ist ja keine Ehrenbeleidigung.

 

 

 

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