Generation Higgs

Synaptische Verschaltung: Die neue „Edition Unseld“ will Geistes- und Naturwissenschaften kurzschließen. taz, April 2008

 
Mit den Fortschritten der biochemischen Forschung, der Entschlüsselung des menschlichen Geneoms, und mehr vielleicht noch mit den bemerkenswerten Entdeckungen der Neurowissenschaften wird die Naturwissenschaft plötzlich „philosophisch“. Was ist der Mensch? Gibt es einen freien Willen, wenn „Bewusstsein“ nur ein Resultat biochemischer Prozesse und synaptischer Verschaltungen ist? Das sind die Fragen, zu denen sich plötzlich Laborforscher äußern. Und natürlich, wenn die Naturwissenschaften philosophisch werden, dann werden sie das doch auf ihre Weise: „Science“ ist dann nur mehr das, was sich experimentell beweisen lässt, ein Schuss Positivismus zieht so auch in die Geisteswissenschaften ein. Ein szientifistischer Naturalismus wird zu einer regelrechten Weltsicht.
 
Deren „Für und Wider“ will eine neue Reihe im Suhrkamp-Verlag diskutieren: die „Edition Unseld“. Geisteswissenschaftler, Naturwissenschaftler, Autoren und Poeten sollen hier über Mensch, Gen und Maschine nachdenken. Demnächst kommt das erste Programm auf den Markt, neun schmale, lesbare Bände.
 
Die amerikanische Wissenschaftstheoretikerin Sandra Mitchell beschreibt in „Komplexitäten“, wie die Naturwissenschaften selbst „philosophischer“ werden. Deren Erkenntnismodelle beruhten ja auf Komplexitätsreduktion, die notwendig ist, um unter Laborbedingungen Reaktionen zu beobachten. Aber auch in der Materie – und erst recht in der lebendigen Materie – gibt es unendliche Feedback-Prozesse. Das Selbstbild der Naturwissenschaften („Exaktheit“) steht somit auf der Probe. Der Physiker Rolf Landua steuert einen Band mit Gesprächen mit Wissenschaftler vom Schweizer Atomforschungzentrum CERN bei, wo man demnächst den stärksten Teichenbeschleuniger der Welt in Betrieb nimmt. Dann will man neue Teilchen finden, das Higgs-Teilchen. Klingt nach Schluckauf, gab es aber nur nach dem Urknall. Wenn es den gab. Eine ganze Welttheorie steht somit bald zum Experiment. In einem weiteren Band führen der in Managerkreisen beliebte Sinnstifter Matthieu Ricard, der heute als Mönch im Himalaya lebt, und der Hirnforscher Wolf Singer gepflegte Gespräche über den Geist. Singer ist ja der bekannteste Vertreter der These, dass es den „freien Willen“ nicht gäbe, weil nicht „wir“ entscheiden, sondern ein Organ, unser Gehirn nämlich – das beispielsweise mit dem Aufstehen schon anfängt, bevor wir uns noch zum Aufstehen entschlossen haben.
 
Mit im Programm: Dietmar Dath liefert eine Streitschrift gegen die Maschinen, deren Früchte man nicht ernten kann, „weil sie keine mehr hervorbringen“, Durs Grünbein verteidigt in drei Meditationen Descartes. Bernard Stiegler, der Pariser Technikphilosoph, ist mit einer Medienkritik dabei.
 
Mit einem Wort: die kritische Geisteswissenschaft trifft auf die Naturwissenschaft, die zunehmend Deutungshoheit auf dem ureigenen Feld der „Humanities“ gewinnt. Die Geisteswissenschaft kann von der Naturwissenschaft lernen. Aber sie kann auch mit erhobenem Haupt diesen Dialog führen. Denn der kritische Impuls muss sich in wachsendem Maße auch gegen eine naturalistische Ideologie richten. Dass das Bewusstsein „Materie“ ist, macht das Nachdenken dieses Bewusstseins über die abstraktesten – oder abstrusesten – Fragen noch nicht obsolet. Oder um das mit einem Wort von Eric Kandel, einem der größten Neurowissenschaftler unserer Zeit zu sagen: „Wenn ich Ihnen jetzt einen Faustschlag versetze, kann ich mich doch nicht darauf hinaus reden, dass mein Gehirn das getan hat.“

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