Peter Sloterdijk im Interview: „Nur Verlierer kooperieren“

Das neue Buch´des Philosophen kommt im Befehlston daher: „Du musst dein Leben ändern!“ Ein Gespräch mit Peter Sloterdijk über die „Massenfrivolität“ des Neoliberalismus, die Krise als Katastrophenfilm und das Genialische an Barack Obama. taz, 5. Mai und Falter, April 2009


 

 

Herr Sloterdijk, muss ich mein Leben ändern?

 

Sloterdijk: Vermutlich ja –  unter der Voraussetzung, dass Sie sich in Hörweite des absoluten Imperativs begeben. Das ist eine riskante Position: Seit dreitausend Jahren fühlen sich zahllose Einzelne  in den höheren Kulturen von spirituellen Autoren angesprochen, die den absoluten Imperativ ihrer Zeit artikuliert haben. Daraufhin haben sie oft alles stehen und liegen lassen.

 

Wer spricht da zu mir?

 

Sloterdijk: In unseren Tagen ist es die globale Krise, und zwar die ökonomische, die ökologische, die kulturelle. Ich habe mit meinem Buch versucht, eine Art Megaphon zu sein und zu formulieren, was aus der Krise unserer Zeit emaniert. Dabei geht es zunächst darum, die Realität der Krise überhaupt im Ernst zu begreifen.

 

Der Mensch ist ein übendes Wesen, lautet eine zentrale These Ihres Buches. Wie kann ich dann aber nicht in Hörweite sein? Anders gefragt: Wieso richtet sich dieser Imperativ dann nur an Einzelne, eine sensitive Elite?

 

Sloterdijk: Es gibt in jeder Epoche die Sensitiven, die auf den Appell antworten, und die Stumpfen, die einfach nur weitermachen wollen. Die Botschaft der aktuellen Krise ist noch nicht restlos entschlüsselt, doch vermutlich läuft die Decodierung auf etwas hinaus, was wir  in den siebziger Jahren auf Basis des Berichts des Club of Rome schon einmal im Visier hatten – auf einen globalen Code der Zurückhaltung und um die Abkehr vom Credo des quantitativen Wachstums. Um dergleichen zu artikulieren müssen wir aufhören, die Krise zu ästhetisieren.

 

Passiert das im Augenblick?

 

Sloterdijk: Die westliche Krisenästhetik geht auf die Romantik zurück, seit einem halben Jahrhundert beherrscht sie die Welt-Massenkultur. Wir haben es fertiggebracht, Naturkatastropheen und Sozialkatastrophen als Horrorgenre zu ästhetisieren. Die Katastrophe ist für uns vor allem ein ästhetisches Konzept.

 

Aber die Finanzkrise kann man sich nicht gut als Horrorfilm ausmalen, oder?

 

Sloterdijk: Da wäre ich mir nicht so sicher. Einerseits erleben wir sie als die Rückkehr des Realen, sie bringt die Rache des ökonomisch Realen am Imaginären des Börsencasinos zum Zug. Hierbei sind im kollektiven Erleben die Ansätze zur Ästhetisierung unverkennbar – viele genießen die Krise auch ganz unverhohlen, weil sie „das System“ bloßstellt. Die Sehweise des Theater- und Kinobesuchers ist so tief in uns eingepflanzt, dass wir die Gegenwart wie einen Katastrophenfilm erleben. Die basale Botschaft des Katastrophenfilms ist ja: Solange wir zuschauen, kann es nicht so schlimm sein.

 

„Du sollst Dein Leben ändern“ – ist das nicht etwas unscharf? Darunter kann die große, fundamentale Wende verstanden werden, aber auch die tägliche Übung im Kleinen, die ja auch der Neoliberalismus von uns gefordert hat: Arbeite an Dir, halte Dich fit für den globalen Wettbewerb!

 

Sloterdijk: Der große Unterschied ist eben der, dass der Neoliberalismus eine Metaphysik des Mitmachens impliziert. Er wendet sich an den alten Adam in dessen schlimmsten Eigenschaften: Je gieriger Du bist, umso besser drückst Du Dich selbst aus und desto besser passt du in den Betrieb. Der Imperativ, den ich rekonstruiere, erzeugt eine ethische Revolution, er verlangt die Distanzierung zum bisherigen Leben und setzt auf  Diskontinuität.

 

Selbstvervollkommnung jenseits der Trivialität des „Mehr“?

 

Sloterdijk: Jenseits der neoliberalen Metaphysik, die den Stoffwechsel verabsolutiert, indem sie uns den Satz in den Mund legt: Ich fresse, also bin ich. Und je mehr ich fresse, umso mehr bin ich. Und wenn ich zudem noch ein Maximum an Information umsetze, dann bin ich innerweltlich vollkommen, ein Vollkommener im Dienste der kapitalistischen Immanenz. Das prolongiert sich am deutlichsten im Augenblick der Krise: Jetzt flehen uns die Politiker an, den Stoffwechsel ja nicht zu vernachlässigen. Die geldgetriebene Verdauungsmaschine darf auf keinen Fall ins Stocken kommen.

 

Auch in linksliberalen Kreisen ist der Konsumismus negativ besetzt, aber wenn man das Einkaufen Nachfrage nennt, dann wird daraus etwas Positives.

 

Sloterdijk: Der Neoliberalismus hatte das ideologische Verdienst, die schamhafte Maske vor dem Konsumismus fallen zu lassen, er hat ihn geradewegs zum zentralen Lebensmotiv erklärt.

 

Was ist da in den vergangenen fünfzehn, zwanzig Jahren passiert?

 

Sloterdijk: Man hat uns in ein psychopolitisches Großexperiment über Frivolität verwickelt – aber was auf dem Programm stand, war nicht  mehr aristokratische Frivolität, sondern Massenfrivolität, Leichtsinn und Egoismus für jeden. Man hat in dieser Zeit  behauptet, Gemeinwohldenken sei gescheitert. Also blieb der Asozialismus, den wir höflicherweise Individualismus genannt haben, um uns mit besseren Gefühlen zu ihm zu bekennen. Doch was sind konsequente Individualisten? Es sind Menschen, die ein Experiment darüber veranstalten, wie weit man beim Überflüssigmachen sozialer Beziehungen gehen kann.

 

Aber kann der Kapitalismus ohne diese „Gierdynamik“, wie sie das einmal genannt haben, funktionieren?

 

Sloterdijk: Die Wahrheit dieses Systems ist eine doppelte. Einerseits wird der Mensch als Stoffwechsler enthüllt, und dies drückt eine unleugbare Wahrheit aus. Zugleich kommt ein anderer Aspekt der Wahrheit über die Lage des Menschen zutage: Wir gelangen durch entfesselten Konsum an die Grenzen der Naturproduktivität. Die Menschheit erweist sich als eine Gattung, die es fertig bringt, die Natur leer zu fressen. Am bestürzendsten zeigt sich das beim Fischfang: Der Urlauber auf griechischen Inseln Inseln isst heute schon norwegische und finnische Fische, die über Nacht eingeflogen werden, weil die Ostägäis praktisch leergefischt ist.

 

Aber lautete die moralische Erzählung der liberalen Ökonomie nicht, dass der Eigennutz der Einzelnen in allgemeinen Nutzen umschlägt?

 

Sloterdijk: An sich ist dies ein höchst sympathisches Konzept, und es wäre zu wünschen, dass die Dinge so liegen. Es ist kein Zufall, dass selbst große Geister wie Kant mit diesem Modell sympathisiert haben – er hat zwar große Stücke auf den freien guten Willen gehalten, aber da er dem allein nicht die ganze Last der Sittlichkeit aufbürden konnte, setzte er zusätzlich auch auf den Marktmechanismus bzw. die gegenseitige Zivilisierung der Egoismen. Wir sehen inzwischen, wie verfrüht diese Zivilisierungshoffnung gewesen ist.

 

In Ihrem Buch „Zorn und Zeit“ haben Sie die Metapher „Zornbank“ geprägt. Die wurde ja in jüngster Zeit sehr ironisch modifiziert – jetzt sind es Banken, die den Zorn auf sich ziehen.

 

Sloterdijk: Es soll Kreise geben, in denen das Ansehen des Bankers noch unter das des Kinderschänders gesunken ist. Aber das war mit „Zornbank“ nicht gemeint.

 

Sie beschrieben politische Organisationen, die Zorn und Empörung – etwa über Ungerechtigkeiten – in produktive Energien umwandelten, Parteien beispielsweise oder Gewerkschaften.

 

Sloterdijk: Das Konzept wird wieder aktuell, weil sich erneut die Frage stellt, ob es   für die kollektive Empörung eine ansparbare und renditefähige Form geben kann.

 

Der Titel „Du sollst Dein Leben ändern“ deutet nicht darauf hin – das ist ja ein Imperativ, der sich an den Einzelnen richtet.

 

Sloterdijk: Vergessen Sie nicht: Wir leben am Ende eines Zeitalters vereinseitigter Weltveränderung.  Seit der Französischen Revolution behauptet die Forderung nach Weltveränderung den Vorrang vor der Selbstveränderung. Doch dieses Schema greift nicht mehr – nachdem man gesehen hat, zu welchen Ergebnissen die gewaltsame Weltveränderung von außen im Kommunismus geführt hat. Selbst der historische Kompromiss der Nachkriegszeit, den man den rheinischen Kapitalismus nannte, dieser real existierende Semisozialismus,  in seiner strahlenden Lächerlichkeit, ist unwiederholbar…

 

Halt! Der war doch das Funktionstüchtigste, das wir hatten!

 

Sloterdijk: Auch als Linker hat man ein Recht ein Recht ihm nachzutrauern.

 

Aber weil er schon existiert hat, geht von ihm kein utopischer Glanz mehr aus, auf ihm liegt der Schatten des Nostalgischen?

 

Sloterdijk: Dies ist das Paradoxon des progressiven Denkens seit jeher: Wir können den Menschen ehrlicherweise immer nur das Zweitbeste vorschlagen, und das scheint gegen die menschliche Natur zu sein. Die will das Beste, und wenn man als Realist nur Zweitbestes im Angebot hat, verletzt man eine Spielregel der psychischen Wirklichkeit. Darum hat es jede nicht-utopische Linke schwer. Sie muss für Suboptimales Propaganda machen, von dem zudem nicht gewiss ist, ob man es erreicht. Wenn man heute etwas Großes versuchen wollte, müßte es eine ökologische Kühnheit sein.

 

Barack Obama versucht das gerade in den USA: Bankenrettung, gleichzeitig Sozialpolitik machen und obendrein ökologische Infrastrukturinnovationen. Kühnheit in der Krise lässt sich da doch attestieren.

 

Sloterdijk: Das Wort „change“ ist das Schlüsselwort zu Obamas Erfolg gewesen. Man könnte sagen, Obama hat den Imperativ „Du musst Dein Leben ändern“ ins Euphorische übersetzt, sodass nicht mehr von „müssen“ gesprochen wird, sondern vom „können“ – „wir können das“. Das war ja das Genialische an dem Slogan „Yes, We Can“. Die Amerikaner wollen lieber können als von einem Müssen überwältigt zu werden.

 

Simpel gesagt: Manchmal gibt es auch ein bisschen Glück in der Geschichte.

 

Sloterdijk: Was man am meisten braucht, ist zugleich das Unverfügbare.

 

Kommt jetzt der alte, verstaubte Begriff „Gemeinwohl“ zurück?

 

Sloterdijk: In der Sache ja, aber auf der Ebene des Begriffs muss man tiefer ansetzen. Das Wort „Gemeinwohl“ ist mit zuviel idealistischen, also betrugsverdächtigen Elementen belastet – man kann 200 Jahre Ideologiekritik nicht einfach vergessen machen. Wo Idealismus war, muss Realismus kommen. Gemeinwohlgesinnung ist unwahrscheinlich – ich muss also zeigen können, wie das Unwahrscheinliche wahrscheinlich wird. Genau das versuche ich in meinem Buch mit den Argumenten, die das Konzept  Ko-Immunismus begründen. Wenn wir beweisen, dass wir das Eigene und das Fremde systematisch falsch unterscheiden, weil wir zu klein definierte Egoismusformate haben, so würde daraus folgen, dass wir ein größeres inklusiveres Eigenes schaffen müssen – nicht aus Idealismus, sondern aus wohlverstandenem weitsichtigem eigenen Interesse. 

 

Das heißt ja Gemeinwohl: Dass Kooperation mit Anderen nicht Altruismus ist, sondern zu meinem eigenen Nutzen.

 

Sloterdijk: Schon, aber das muss bewiesen werden. Unter Siegertypen gab es seit jeher die stille Überzeugung: Nur Verlierer kooperieren. Tatsächlich, solange der Sieger alles nimmt, ist Solidarität eine Verliererparole. Wir werden beweisen müssen, dass das falsch ist.

 

8 Gedanken zu „Peter Sloterdijk im Interview: „Nur Verlierer kooperieren““

  1. Ein Interview. Und ich habs gelesen. Sicher auch wegen der Überschrift, denn die schlägt (falschen) Alarm.
    Sicher wollte ich herausfinden, wie S. begründet, warum aus seiner Sicht Kooperation nicht die beste Wahl sei. Nur kann ich das nicht herausfinden, weil er das nicht meint.
    Die schön bildhaften „Siegertypen“ sinds, die defektieren bis alles am absoluten Nullpunkt endet.
    Ändern wir das.

  2. find die headline genial. schön provokant und ironisch. erst zum schluss des textes löst sie sich auf.
    sehr schönes interview.
    aber.
    beweisen lässt sich das wahrscheinlich nur indem man’s besser macht.
    also in der alltäglichen praxis.

  3. Klar gibt P. Sloterdijk altbekannten Kindern neue Namen, nur im heutigen Kontext! Aber zu schreiben ‚Aber wenn jemand pro Jahr drei dicke Bücher schreibt, in drei Orten wohnt, an zwei Orten Professor ist und eine Show im Fernsehen moderiert, dann kann das nix werden.‘ finde ich unsachlich und primitiv.

  4. Sloterdijk: „…ist Solidarität eine Verliererparole. Wir müssen beweisen, dass sie falsch ist.“
    Altruismus ist so idealistisch wie Egoismus unsozial ist. Erst wenn beide im gemeinschaftlichen Gleichgewicht leben können, kann man hoffen:
    „Heilsam ist nur, wenn im Spiegel der Menschenseele sich bildet die ganze Gemeinschaft und in der Gemeinschaft lebet der Einzelseele Kraft.“ (Rudolf Steiner 1918)

  5. Worte der Worte wegen.Inhaltsleer einfach mal ins blaue gedacht.Schwurbelei die mangels realer Bezüge niemanden wirklich erreicht.
    Herr Sloterdijk sollte sein Leben ändern.

  6. Mir scheinen Sloterdijks Statements im Allgemeinen ziemlich widersprüchlich. Er will unbedingt originell formulieren, das ist für mich manchmal durchaus erhellend, manchmal sehr witzig, wenn er polemisch wird, und manchmal einfach nur überdreht und verrenkt. Nur nicht banal sein, so scheinst. Frage mich, wie er reden würde, wenn man ihm diesselben Fragen 2 Wochen später noch einmal stellen würde…

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