Kollaps des Kaputtalismus

Wirtschaftswissenschaftler wie Thomas Piketty, Paul Krugman & Co. wollen den Kapitalismus vor sich selbst retten. Doch auch die Stimmen linker Ökonomen werden lauter, die daran zweifeln, dass das überhaupt noch möglich ist. Falter, 5. September 2014
Wenn ein Buch so einschlägt wie Thomas Pikettys monumentales „Capital in the 21st Century“, dann liegt das meist nicht allein an seiner Qualität, sondern daran, dass „die Welt“ offenbar darauf gewartet hat, was präziser formuliert heißt: dass das diskursive Feld bereitet ist, ohne dem es seine Wirkung nicht entfalten könnte. Dieses Buch, so pries Nobelpreisträger Paul Krugman, werde „die Wirtschaftswissenschaft verändern“. Und der linksliberale Essayist Will Hutton sekundiert im Guardian: „Man muss in die 1970er zu Milton Friedman zurückgehen, um einen Wirtschaftswissenschaftler zu finden, der einen solchen Einfluss ausübte.“ 
Dass möglichst ungeregelte Märkte und ein Staat, der sich aus dem Wirtschaftsleben weitgehend heraushält, zu immerwährender Prosperität führen würden, das glauben heute nur mehr weltfremde Ideologen. Die Politik folgt trotzdem, und sei es nur aus Gewohnheit, den Rezepten dieser Ideologie, was alles nur noch schlimmer macht. Gerade eben rutscht die Eurozone das dritte Mal in den vergangenen sechs Jahren in eine Rezession – sogar Krisengewinnler Deutschland ist vergangenes Quartal wieder auf Wachstum Null abgestürzt. „Erholungsphasen“ waren ohnehin nur statistische Erscheinungen und dauerten stets nur wenige Monate. 
Vor allem auf grundsätzlicherer, intellektueller Ebene hat der Wirtschaftsliberalismus über Krisenphasen schlicht gar nichts zu sagen, erklärt die gesamte neoklassische Ökonomie doch mit tausenden Modellen, warum Märkte stets zum Gleichgewicht tendieren, ohne sagen zu können, warum sie je aus dem Gleichgewicht geraten könnten. 
Der Keynesianismus – und der Neokeynesianismus à la Krugman und Piketty – erklärt genau das, oder exakter: er erklärt, warum manche Märkte justament aus dem Gleichgewicht geraten, wenn man sie auf sich alleine gestellt lässt (vor allem Märkte, die eigentlich keine Märkte sind, wie Kapital“märkte“ und Arbeits“märkte“). Und er hat auch ein paar Rezepte parat, wie man kapitalistische Marktwirtschaften krisenfester machen könnte. 
Aber was tut sich eigentlich jenseits und links von diesem halben keynesianischen Mainstream?

In dessen Windschatten gewinnen auch radikalere Kritiker an Boden, die die berechtigte Frage aufwerfen, ob die keynesianische Option heute überhaupt noch funktionieren würde. Und es mag verwundern oder nicht – die lebendigste und klügste neomarxistische Szene gibt es derzeit in den USA. Wobei diese Szene in zwei Gruppen zerfällt: In ältere marxistische Wissenschaftler wie den Wirtschaftsgeographen David Harvey, dessen aktualisierte Marx-Lektüre beispielsweise auf Youtube schon mehr als eine Viertelmillion Zuseher fand und der allein in den vergangenen sechs Jahren sechs Bücher herausgebracht hat; und in junge, hippe Linke um die linke Zeitschrift „Jacobin“ und Kulturjournale wie „n+1“, ein Kreis, deren prominentester Vertreter etwa der Starliterat Benjamin Kunkel ist, der vor zehn Jahren mit seinem Roman „Unentschlossen“ beinahe über Nacht zur literarischen Sensation wurde. Danach hat er sich zehn Jahre lang ein akkurates Fachwissen in politischer Philosophie und Wirtschaftswissenschaften zusammenstudiert. Vor allem Kunkel und Freunden ist zu verdanken, dass in den USA jetzt bereits vom „Comeback von Marx“ (salon.com) geredet wird. 
In ein paar wesentlichen Grundzügen sind sich die neokeynesianische und die „marxoide“ Deutung (die Protagonisten nennen sich absichtlich „marxisch“ und nicht „marxistisch“, was sich von orthodoxer Buchstabengläubigkeit absetzt) einig: Im Grunde ist der globale Kapitalismus seit drei Jahrzehnten in einer Spirale chronischer Krisenhaftigkeit. Wachstum gibt es nur mehr in geringfügigen Dosen, selbst in Phasen künstlicher, schuldengetriebener Booms werden die Wachstumsraten der Vergangenheit nicht mehr erreicht. Möglicherweise gibt es Wachstum de fakto längst schon nicht, sondern nur als verzerrte, minimale statistische Messgröße. Weil die Profitraten aus der Vergangenheit im Industriekapitalismus Vergangenheit sind, schlug die Stunde der Finanzbranche, die spekulative Hochrenditen verspricht, die in der Realwirtschaft nicht mehr erreicht werden können. Mit allgemeiner Kreditaufnahme wird künstliche Nachfrage geschaffen, sodass die Schuldenberge immer weiter ansteigen. Heute haben die meisten Volkswirtschaften des Westens – zählt man Schulden der Staaten, der privaten Haushalte, der Finanzunternehmen und aller anderen Firmen zusammen -, schon einen Verschuldungsgrad von durchschnittlich 300 Prozent des BIP aufgetürmt, drei bis viermal soviel als noch vor wenigen Jahrzehnten. Dem Exzess der Schulden steht notgedrungen ein Exzess von Vermögen gegenüber, da Zahlungsversprechen von Schuldnern logischerweise Finanzguthaben von Gläubigern sind. Neben der Vermögensungleichheit explodiert auch noch die Einkommensungleichheit, was wiederum Nachfrage reduziert und das Wachstum bremst. 
In dieser Grundanalyse sind sich beide Schulen einig. Die Frage ist nur: Sind schwächelnde Nachfrage und dümpelndes Wachstum – und in der Folge: der Schuldenexzess – eine Folge des neoliberalen Arrangements, oder ist der Neoliberalismus nur die Antwort darauf gewesen, dass der Kapitalismus unserer Tage einfach nicht mehr richtig funktioniert? Ist ersteres der Fall, dann kann mit neokeynesianischer Umverteilung der „permanente Verfall“ (Paul Krugman) noch gestoppt werden, wenn aber zweiteres der Fall ist, dann ist damit eher nicht zu rechnen. 
In der Sprache der „marxischen“ Schule ist „Überakkumulation und Unterkonsumtion“ eines der Schlüsselprobleme. Ein „Grundwiderspruch“, wie das David Harvey in seinem jüngsten Buch („Seventeen Contradictons and the End of Capitalism“) nennt. Widersprüche dieser Art zeichnen sich eben dadurch aus, dass sie nicht einfache „Fehlentwicklungen“ sind, die man leicht (oder auch schwerer) korrigieren kann, sondern im Grunde Sackgassen ohne Ausweg. In der Logik Harveys, der sich die Welt keineswegs zusammenphantasiert (wie das manchmal unter Linksradikalen schlechte Usance ist), sondern hart an den Fakten bleibt, liest sich das so: Die Produktionskapazitäten sind so sehr entwickelt, Fabriken hochtechnisiert, sodass im Grunde alles produziert werden kann. Große Wachstumskapazitäten gibt es nicht mehr. Gleichzeitig ist moderne Produktion so kapitalintensiv, dass außerordentliche Profite kaum mehr realisiert werden können. Darauf wird mit Kostenreduktion reagiert, also etwa mit Lohndumping, was aber erst recht erschwert, große Profite einzufahren – weil dann die Leute immer weniger Geld haben, um die vielen Güter kaufen zu können. 
Benjamin Kunkel bläst in seinen jüngsten Essays (von denen einige gerade gesammelt unter dem Titel „Utopia or Bust“ erschienen sind) in ein ähnliches Horn. Zwar erklärt er, „globale Prosperität wird erst wieder zurückkehren (…) mit der Entwicklung von Gesellschaften, in denen die Menschen in der Lage sind, zu konsumieren, was sie produzieren, und in der sie mit ihrer Arbeitskraft mehr produzieren“ – oder anders gesagt, in einem Zustand der „Vollbeschäftigung“; ein Postulat, das freilich pur keynesianisch ist. Thomas Piketty hätte er damit durchaus auf seiner Seite: Eine Mischung aus globalen Schuldenschnitten, massiver Umverteilung, signifikanten Lohnwachstum und öffentlichen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die Vollbeschäftigung herstellen, könnte den kapitalistischen Wirtschaftsmotor, kurz vor dem Kolbenreiber, vielleicht doch wieder Schwung verleihen, wer weiß? 
Die Frage ist freilich nicht allein, ob das ökonomisch noch möglich wäre, sondern auch, ob das politisch irgendwie realistisch ist. Piketty beispielsweise schwebt ein globale Vermögensbesteuerung vor, die die krasse Ungleichverteilung der letzten Jahrzehnte wieder zurückführt, wofür quasi konfiskatorische Steuersätze nötig wären; seinen Mitstreitern wie Gabriel Zucman ein gemeinsamer globaler Kampf gegen Steuerbetrug und harte Maßnahmen zum Austrocknen von Steueroasen. Krugman eine expansive staatliche Wirtschaftspolitik finanziert durch Reichensteuern. Wenn das aber die notwendigen Maßnahmen dafür sind, die ächzende Maschine wieder flott zu bekommen, ist es dann nicht blauäugig, damit zu rechnen? Wer soll das denn durchsetzen: Ein Bündnis von Hillary Clinton, Sigmar Gabriel, Attac und ÖGB? Kunkel schreibt nicht zu Unrecht: „Wie soll es möglich sein, dass die geschäftsführenden Organe der herrschenden Klasse in allen Ländern quer über dem Globus gemeinsam beschließen, Pikettys massive Besteuerung genau dieser Klasse einzuführen?“ Sarkastisch fügt er hinzu: „Ehrlich, da ist ja noch die sozialistische Revolution realistischer.“
Womöglich ist die Annahme wirklichkeitsnäher, dass er einfach kaputt geht, der Kapitalismus – also endgültig zum Kaputtalismus wird. Aus der Perspektive eines Marxismus, der den Kapitalismus immer schon auf dem Müllhaufen der Geschichte sehen wollte, ist so etwas gewiss nicht nur eine Befürchtung, sondern vielleicht sogar eine Art von Hoffnung – auch wenn nicht recht klar ist, was danach käme. Doch auch jenseits marxoider Milieus greift die Überlegung um sich, ob wir es bei der chronischen Krise nicht mit einer Art letzten „Todeskampf“ zu tun haben – allerdings hier nicht unbedingt als Hoffnung, sondern eher als Sorge. 
So hat der deutsche Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaftler Wolfgang Streeck (ein Sozialdemokrat und Direktor des Max-Plank-Instituts für Gesellschaftsforschung) eine solche düstere Überlegung gerade in einem Aufsatz für das legendäre New Left Review geäußert. Beredter Titel von Streecks Großessay: „How will Capitalism End?“
Der Kapitalismus ist eine stete Flucht nach vorne, der nur funktionieren kann, wenn alle Erlöse morgen höher sind als alle Erlöse heute. Denn alle Einkommen in der Periode X reichen gerade aus, um die Produkte, die in der Periode X hergestellt werden, verkaufen zu können. Woher soll sich dann aber Wirtschaftswachstum finanzieren? Damit das möglich, also in der Periode X+1 mehr Geld im
System ist, braucht es Geldausweitung durch Kredit, Kredite wiederum, die mit den künftigen gewachsenen Einkommen bezahlt werden. Nur solange es ordentliches Wachstum gibt, lassen sich die Schulden bedienen. Der Kredit schafft die Ausweitung der Produktion und die zusätzliche Nachfrage für dieselbe.  
Nun funktioniert das alles schon seit Jahrzehnten nicht mehr wirklich. Mehrere „Krisensymptome“, schreibt Streeck, seien die Folge: „Das erste ist der anhaltende und dauerhafte Niedergang der Wachstumsraten, das zweite der stetige Anstieg der Verschuldung der führenden kapitalistischen Volkswirtschaften.“ Symptom Nummer Drei: „Die wachsende Ungleichheit.“ 
Immer geringeres Wachstum, immer höhere Ungleichheit und andauernd steigende Verschuldung „sind aber nicht unendlich tragfähig“, formuliert Streeck und fragt: „Schlägt also jetzt die Todesstunde des Kapitalismus?“
Die Eliten hätten im Grunde keinen Plan, wie man aus diesem Schlamassel herauskommen kann. „Das Bild, das ich vom Ende des Kapitalismus habe – ein Ende, von dem ich glaube, dass wir mitten drin stecken -, ist das von einem Gesellschaftssystem im chronischen Verfall“. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass gerade sein Triumph den Kapitalismus möglicherweise in diese Lage gebracht hat. Der siegreiche Kapitalismus „wurde sein eigener schlimmster Feind“. Sozialistische Bewegungen, sozialdemokratische Reform und Keynesianismus hatten wenigstens einen gewissen sozialen Ausgleich erzwungen, somit Vermögenswachstum gebremst, für stetig wachsende Nachfrage und damit für die nötigen Wachstumsraten gesorgt. Erst mit dem Zusammenbruch der Opposition zum Kapitalismus ist dieses Erfolgsarrangement verblichen, weshalb der Kapitalismus jetzt auch sterbe – gewissermaßen „an einer Überdosis seiner selbst“. 
Siechtumssymptome: Eine permanente Quasi-Stagnation mit allenfalls Mini-Wachstumsraten, explodierende Ungleichheit, Privatisierung von allem, endemische Korruption und Plünderei, da normale realwirtschaftliche Profitmöglichkeiten immer geringer werden, ein daraus folgender moralischer Niedergang (Kapitalismus wird mehr und mehr mit Betrug, Diebstahl und schmutzigen Tricks verbunden), ein schwächer werdender, ja, taumelnder Westen, was Desintegrationsprozesse an der Peripherie, Krisen und Brandherde schürt (man denke nur an die dramatischen Krisen alleine dieses Sommers!). 
Folgt man Streeck, dann sind wir gerade Zeitgenossen, beteiligte Zuschauer eines Zusammenbruchs. Wobei wir vielleicht unser Bild von „Zusammenbruch“ korrigieren müssen, malen wir uns einen solchen vor unserem inneren Auge üblicherweise als Ereignis, als krachenden Kollaps aus, und nicht als Prozess des chronischen Niedergangs, der aus vielen Ereignissen besteht. Wobei natürlich auch die chronische Katastrophe in einem finalen Ereignis kulminieren kann, etwa, dem Zusammenbruch eines systemrelevanten Finanzinstituts, Schockwellen und Dominoeffekten, bis am Ende nirgendwo mehr Kohle aus dem Geldautomaten kommt.
All das schrammt natürlich hart an einer „Zusammenbruchstheorie“, also an Kollapsprophezeiungen, die den Kapitalismus seit mindestens eineinhalb Jahrhunderten begleiten. Marx sagte dem Kapitalismus voraus, von seinen inneren Widersprüchen an eine Grenze getrieben zu werden, Keynes schrieb in einem legendären Aufsatz „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkelkinder“, das gegenwärtige Wirtschaftssystem würde überholt sein, wenn allgemeine Überflussproduktion einmal möglich sei und auch der große prokapitalistische Ökonom Joseph Schumpeter stellte in seinem populärsten Werk die Frage auf: „Kann der Kapitalismus überleben?“ Seine Antwort: „Nein. Ich glaube nicht, dass er es kann.“
Insofern sind die gegenwärtigen Denker des Kollaps, selbst wenn sie ähnlich falsch liegen mögen, in allerbester Gesellschaft. 
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