Wie ich zum Fluchthelfer wurde

Ein Auto, 230 Kilometer bis Budapest und kein Plan: Doch am Ende schlafen drei syrische Kinder wenigstens in ordentlichen Betten. – Für „zeit.de“, 2. September 2016

Wenn man spätnachts über die Petöfi-Brücke in Budapest einfährt, liegt die Stadt in einem prachtvollen Lichtspiel vor einem: Szabadsag-Brücke, Elizabeth-Brücke, Burg und Prachtbauten linker und rechterhand der Donau. Das ist schon einer der schöneren Blicke, die einem eine europäische Stadt bietet. Dann noch ein paar Minuten weiter, einmal rechtsum, und schon ist man in einer anderen Welt: Im himmelschreienden Elend des Keleti-Bahnhofs. Wir gehen über die Unterführungen direkt ins Untergeschoss des Bahnhofes. Hier schlafen tausende Leute, junge Männer, Familien mit kleinen Kindern, ältere Ehepaare. Habseligkeiten, Zelte, Schlafsäcke, Koffer, Rücksäcke kreuz und quer. Das Untergeschoss ist so eine typische Bahnhofsunterführung, weitgehend überdacht also, mit ein paar Ausgängen und einem großen Lichtschacht. Die Luft ist stickig, wie sie eben so ist, wenn tausende Menschen in einem geschlossenen Raum schlafen, noch dazu Menschen, die seit Wochen auf der Flucht sind, durch Dreck und Hitze und die Knäste Südeuropas.

Irgendwo kollabiert ein junger Mann. Ärzte oder medizinische Hilfsteams gibt es keine.

Eine syrische Kleinfamilie hockt oben am Boden, ein Mann und eine Frau mit einem Baby, acht Monate vielleicht. Das Baby grinst fröhlich. Seit fünf Tagen sitzen sie hier jetzt fest, erzählt die Frau. In den Zügen vom Montag haben sie keinen Platz bekommen, und jetzt sitzen sie hier in der Sackgasse. „Sind Sie Ungar?“, fragt sie. „Nein, wir kommen aus Wien!“ – „Was!? Wien!?“

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Wir haben keinen Plan. Eigentlich haben wir vor drei Stunden noch nicht mal gewusst, dass wir hier sein werden. Es war schon Abends, als mit Anahita Tasharofi, eine iranischstämmige Wienerin, die für verschiedene NGOs in der Flüchtlingsbetreuung arbeitet, anrief und sagte, dass sie jetzt nach Budapest fährt. Okay, nehmen wir uns ein Auto. Anahita nimmt noch eine Freundin mit. Let’s roll.

Es ist ein pittoreskes Bild. Der 150jährie Bahnhofseingang im Neorenaissance im Rücken, davor der Blick auf das provisorische Camp, diese Bahnhofshölle. Und überall rundherum die Leuchtschriften: „Hotel.“

Eine Gruppe junger Afghanen fragt, wie sie denn am besten nach Österreich kommen – wo der Übergang zu Fuß über die Grüne Grenze am einfachsten ist. Wir suchen einen Grenzort, zu dem sie mit dem Taxi fahren könnten – und wo man leicht über einen Feldweg nach Österreich kommt. Ich bin nicht der beste Kenner des östlichen Burgenlandes. Aber eine Stelle kenne ich.

IMG_1794Sie erzählen von ihrer Flucht. Wie sie mit einem sieben Meter langen Schiff auf eine griechische Insel fuhren. Wie man sie erstmal inhaftierte. Und ihnen dann ein Papier in die Hand drückte und wieder wegschickte. Irgendwie nach Athen. Bus nach Thessaloniki. Von dort zur Grenze. Schlagstockeinsätze und wieder Lager. Dann Serbien. Wieder Lager. Überall ein paar Tage, bis die überforderten Behörden sie wieder weiter ziehen ließen. Und dann Gefängnis in Ungarn.

IMG_1801„Wir haben das alles auf Video“, erzählen sie. Sie holen den „Herrn Doktor“, offenbar einen afghanischen Arzt, der mit seinem Sohn auf Reisen ist. „Sehen Sie, das ist der Sohn von dem Herrn Doktor.“ Sie zeigen mir ein Bild, ein schäbiges Gefängnis, eine harte Pritsche, keine Decken. Darauf ein Kind, vielleicht vier, fünf Jahre alt.

Hassan (Name von der Redaktion geändert) spricht uns an. Er hörte, dass wir deutsch miteinander sprechen. Er kommt aus Syrien und lebt seit einem Jahr in Wien, er ist bereits als Flüchtling anerkannt, hat Aufenthaltsrecht und Papiere. Er ist hier her gefahren, weil jetzt sein Vater und seine drei Brüder hier vor dem Keleti-Bahnhof gestrandet sind – drei Kids zwischen sechs und vielleicht 15 Jahren. „Könnt Ihr sie mitnehmen?“, fragt Hassan, und lächelt. Anahita sieht mich an. Es ist aber ohnehin klar – wer hier mit freien Plätzen im Auto wegfährt, braucht sich morgen nicht mehr in den Spiegel schauen. Gut, dann aber los. Es ist zwei Uhr nachts und mit vier Flüchtlingen im Fonds hab ich zumindest vor, mich an die Geschwindigkeitsbegrenzung zu halten.

Wir sind ein wenig nervös, es wäre lächerlich, das zu leugnen. Was wir hier machen ist in Ungarn eine Straftat und in Österreich eine Verwaltungsübertretung. Werden wir geschnappt, haben wir ein – kleines – Problem. Aber die Kinder und ihr Vater im Fonds hätten ein großes Problem. Wir wissen, dass seit einigen Tagen die Grenzen wieder kontrolliert werden. Wir fürchten, dass der Übergang Hegyeshalom, die wesentliche Autobahnverbindung nach Wien, wohl besonders kontrolliert wird. Aber wir haben uns auf das ja nicht vorbereitet. Das ist ja keine Generalstabs-, sondern eine verrückte Spontiaktion. Jetzt einen kleinen Grenzübergang in der Nähe zu suchen, wäre wohl Unsinn, da landen wir nur in der Pampa. So bleiben wir auf der Hauptroute. Hegyeshalom rückt näher. Ja, wir haben Bammel. Wir wollen diese Leute hier jetzt raus bekommen. Wir wollen nicht geschnappt werden.

Ich spüre, wie plötzlich Wut in mir aufsteigt. Ich bin Bürger der Europäischen Union und fahre von einem EU-Land ins andere. Hinter mir sitzen drei syrische Kinder, mit Vater, ohne Mutter, wir können uns ausmalen, was sie erlebt haben. Wir tun das Richtige. Wir sorgen dafür, dass diese drei Kinder heute in einem Bett schlafen und morgen in Österreich um Asyl ansuchen können – und müssen uns zugleich wie Verbrecher fühlen.

Die Grenzerhäuschen sind dunkel. Keine Menschenseele weit und breit. Höchstgeschwindigkeit 40 km/h. Verdammt langsam, wenn man vorwärts kommen will. Irgendwo dann das Schild: „Republik Österreich“. Ich sage: „Welcome to Austria.“ Hinter mir bricht Jubel aus. Die ganz Kleinen kriegen davon aber nicht viel mit, sie schlafen. Bei der nächsten Pausenstation halten wir an. Eine Zigarette.

Eine halbe Stunde später sind die Kleinen und ihr Vater in der Notschlafstelle von Caritas, ÖBB und Rotem Kreuz am Westbahnhof in Wien. Es ist halb fünf Uhr morgens.

Hassan schreibt aus Budapest: „Dankeschön von Herz.“

Wir haben ein Verbrechen begangen. Ich habe ein wenig ein schlechtes Gewissen. Wegen dem Baby und seiner Mutter und seinem Vater, die wir nicht mitgenommen haben.

Ein Gedanke zu „Wie ich zum Fluchthelfer wurde“

  1. Danke…
    Mittwoch Abends beschloss ich, das Internet ein paar Tage zu meiden. Die Artikel, die ich gelesen habe, die Bilder, die ich sah und die Videos, die ich mir anschaute, brachen mir das Herz. Seit Jahren musste ich wieder einmal weinen.
    Ich konnte es nicht fassen, welch unmenschliche Dinge in diesem Europa passieren. Ich war umgeben von Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit. Ich habe einfach weggesehen.
    Am Samstag war ich das nächste Mal online und… ich musste wieder weinen. Diesmal aber waren es Freudentränen.

    Wirklich ein aufrechtes DANKE!!!

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