Der verfluchte Zwang, Entscheidungen zu treffen

Krise in Deutschland, das Land unregierbar. „Stunde Null“, titelte der „Spiegel“. Die FDP will nicht regieren, die SPD will es auch nicht. Tragfähige Mehrheiten ohne einer dieser Parteien gibt es aber nicht. Nun fragt sich die SPD, ob sie nicht doch in eine Große Koalition gehen, eine Merkel-Minderheitsregierung tolerieren oder Neuwahlen riskieren soll. Dahinter steckt die simple Frage, welche der drei Optionen der Partei am wenigsten schadet. Das erinnert mich an „The Paradox of Choice“, das Buch des amerikanischen Psychologen Barry Schwartz. Der meint ja, dass die radikale Freiheit großer Auswahl in Unfreiheit umschlägt und in Unglücklichsein. Damit ist nicht nur gemeint, dass wir sofort unglücklicher würden, sobald wir wählen können. Nicht einmal, dass uns die Auswahl ab einer bestimmten Menge der Möglichkeiten unglücklich macht. Sondern es gibt ja bei vielen Wahlmöglichkeiten Aspekte des Unabwägbaren, was eine vernünftige Auswahl verhindert.

Bei der Partnerwahl weiß man nicht, ob nach dem Sensationalismus der ersten Wochen genug an Beständigkeit zurück bleiben wird, bei der Auswahl zwischen 5.000 verschiedenen Smart-Phone-Modellen kann man unmöglich ausreichende Informationen haben, die die Entscheidung stützen, bei Neuwahl oder Groko ist es ähnlich, und bei vielen elementareren Dingen würden wir eigentlich am liebsten bevormundet. Wenn ich eine lebensgefährliche Krankheit habe, will ich nicht, dass der Arzt mich fragt, welche Therapie ich nun vorziehen würde – ich will einfach, dass er die eine, die beste Therapie beginnt. Und zwar pronto. Der Fluch der Auswahl besteht also oft auch darin, dass die Entscheidung von kompetenten Leuten auf inkompetente Leute – also Kunden wie Dich und mich – übergewälzt wird, die von dieser Entscheidung schon deshalb überfordert sind, weil ihnen für eine Wahl wesentliche Informationen fehlen. Entscheidungsstark nennt man heute daher nicht unbedingt Leute, die gut darin sind, die richtigen Entscheidungen zu treffen, sondern Leute, die gut darin sind, eine Entscheidung zu treffen, obwohl sie nicht die Spur einer Ahnung haben, ob die die richtige Entscheidung ist. Solche Leute nennt man Vorstandsdirektoren oder neudeutsch CEOs.

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