Der neue Proletkult

Der Rote Faden, meine Kolumne aus der taz

Kritik an der „Identitätspolitik“ ist heute modern. Die Linken sollten sich wieder „den Arbeitern“ zuwenden, heißt es, und alle klauben sich ein paar Zitate aus Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ zusammen. Sogar eine neue Art von Proletkult hält Einzug.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Viele Aspekte dieser Debatte sind wichtig. Es ist auch unbestreitbar, dass sich bestimme Milieus und soziale Schichten in unseren Gesellschaften kaum mehr repräsentiert fühlen, Bevölkerungsgruppen, die das Gefühl haben, dass sie zwar wählen dürfen, aber eigentlich keine Stimme haben. Und da gibt es dann von Linksparteien bis Sozialdemokratien Leute, die meinen, man müsse das ganze liberalistische Klimbim über Bord werfen und wieder zum Fürsprecher dieser Leute werden.

Und wie so oft sind die Dinge halb richtig und halb falsch.

Es wird da ein Bild der „Arbeiterklasse“ oder „der unteren Mittelschichten“ gezeichnet, das einer Karikatur sehr nahe kommt. Dass sie von Akademikern nicht repräsentiert werden könnten, weil die so kompliziertes Deutsch sprechen und, fucking hell, sogar nach der Schrift. Dass man daher in der Sprache der „normalen Leute“ sprechen muss, am besten Dialekt und so bisschen hingerotzt, wie das die Trinker an der Würstelbude tun. Dass man diesen Leuten nicht mit Kunst, Feminismus oder Antirassismus kommen dürfe. Dass man die irgendwo „abholen“ müsse, am besten von ihrer Wohnzimmercouch, wo sie, das Bier in der rechten, die Chipspackung in der linken Hand, vor dem Trashfernsehen hängen. Urteilsfähigkeit habe diese Arbeiterklasse eher weniger, dafür viele Vorurteile. Aber irgendwie doch das Herz am rechten Fleck. Einfache Leute eben, „the regular guys“, wie die Amis sagen. Man weiß eigentlich nicht so recht, wer diese „Arbeiterklasse“ ist, der man sich jetzt wieder mehr widmen müsse. Automobilarbeiterinnen in Stuttgart am Fließband? Hartz-IV-Empfänger in Chemnitz? Der Heizungstechniker beim Installateur? Prekär Beschäftigte beim Postshop um die Ecke? Regalschlichterinnen bei Kaisers? Gehören kleine Angestellte im Personalbüro bei, sagen wir, Siemens nicht auch irgendwie dazu?

Und vor allem weiß man nicht, ob die neuentdeckte Liebe zum Proletariat oder den „einfachen Leuten“ von deren Verachtung wirklich noch zu unterscheiden ist. Weil irgendwie wird immer so getan, als wären die doof. Oder jedenfalls nicht so klug und feinsinnig wie die Bobos aus der Innenstadt.

Meine Lebenserfahrung sagt mir das Gegenteil. Etwa: die Menschen sind alle unterschiedlich. Sie sind natürlich auch Produkt ihrer Umgebung, aber gerade deshalb ist der Arbeiter in der Großfabrik anders als der Bote beim Lieferservice, tickt die Friseuse am Dorf anders als die Bürofachkraft in der Stadt. Manche sind bildungshungrig, andere interessieren sich für nix. Manche gehen in ihrem Job auf und lieben ihn, andere packen schon um 14 Uhr langsam das Zeug zusammen und schleppen sich dann durch bis Dienstschluss. Die einen machen Party, die zweiten Ausflüge mit den Kindern, andere grillen gern mit den Kollegen und wieder andere lesen gerne oder haben einen Spleen, bei dem sie eine Kapazität sind, etwa, dass sie alte Jazzplatten sammeln. Stahlarbeiter sind auch Feministen, schließlich soll ihre Tochter keine Nachteile haben.

Klar sagen viele über irgendwelche Jungpolitiker, die direkt vom Hörsaal in die Parteifunktion gewechselt sind, die hätten vom Leben doch keine Ahnung und interessieren sich nicht einmal für uns „normale Leute“, die gleichen – oder andere – bewundern es aber wiederum, wenn es einer oder eine aus ihren Kreisen durch Fleiß und zweitem Bildungsweg nach oben geschafft haben. Manche reden kluges Zeug, andere vertrottelten Scheiß.

Das Karikaturbild, das gezeichnet wird, erschwert es, jene Gräben zu verstehen, die diese Milieus von den oberen Mittelschichten und den führenden Kadern der Linksparteien tatsächlich trennen. Man zählt letztere, nicht zu Unrecht, oft einer verfestigten Kaste Etablierter zu. In der „Arbeiterklasse“ und der „unteren Mittelschicht“ (die Amerikaner haben es übrigens leichter, die nennen beide „working class“, und das hat eine andere Bedeutung als „Arbeiterklasse“), gibt es auch heute noch weit verbreitete Vorstellungen des „Normalen“, und die Lebensstile der oberen Mittelschichten, in denen jeder und jede heute etwas Besonderes sein will und das auch ausstellen muss, empfindet man nicht nur als anders, sondern als Abwertung. Weil man spürt, dass man aus diesen Sphären auf alles „normale“ bestenfalls mitleidig, oft verächtlich herabsieht.

Aber niemand verachtet das Proletariat so wie die Wortführer des neuen Proletkultes.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.