Rechte, die nicht N**** sagen…

Der Rote Faden, meine Kolumne in der taz, 19.1.2019

Es gibt ja eine Reihe von konkurrierenden Interpretationen, was den autoritären Nationalismus stark macht. Da ist einmal der Verdruss an der Elitenpolitik als solche, der ein Gefühl bestärke, „dass sich etwas ändern muss“. Dazu kommt das Empfinden vor allem unterprivilegierter Gruppen, dass es für sie immer schlechter wird, sich für sie aber überhaupt niemand mehr interessiert. Traditionelle progressive Parteien, etwa die Sozialdemokraten, seien zu lahmen Mittelschichtsparteien geworden und können die populare Wut gar nicht mehr repräsentieren.

Der Bremer Politikwissenschaftler Philip Manow hat mit seinem Bändchen „Die politische Ökonomie des Populismus“ die sozialökonomische Interpretation noch einmal verschärft: Die Globalisierung produziere Gewinner und Verlierer, und die Verlierer werden von den Gewinnern nicht mehr entschädigt. Die Arbeiterklasse und die unteren Mittelschichten sind einerseits Opfer ökonomischen Wettbewerbs, etwa von internationaler Konkurrenz, die ihre Löhne drückt oder ihre Firmen ruiniert. Und andererseits sind sie es in den hochentwickelten Wohlfahrtsstaaten auch durch Migration. Denn Migranten werden als Konkurrenten am Arbeitsmarkt (Lohndumping!), am Wohnungsmarkt und auch tendenziell als Konkurrenten um wohlfahrtsstaatliche Leistungen erlebt.

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Die anderen bekannten Interpretationen gehen mehr von der kulturellen Entfremdung als der sozial-ökonomischen Bedrängnis aus. Stichwort: Die Linken hätten sich nur mehr um Identitätspolitik und um Minderheiten gekümmert und damit die „weiße Arbeiterklasse“ den Rechtsradikalen überlassen. Diese Arbeiterklasse hänge, genauso wie das „rohe Bürgertum“, aber oft konventionellen Lebensstilen an, war immer schon eher traditionell orientiert, man denke nur an das Ideal des männlichen Ernährers der Familie. Eine originelle Ergänzung diese Deutungsrahmens lieferte unlängst Christian Welzel der nachwies, dass nahezu alle betroffenen Gesellschaften gesellschaftspolitisch liberaler werden, sodass sich die eher konventionellen Milieus plötzlich abgewertet und bedroht fühlen. Er spricht von „zwei moralischen Stämmen“, die miteinander ringen. Der Aufstieg des Rechtsradikalismus sei also eine Art perverses Symptom eines Erfolgs linkliberaler Werthaltungen.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass alle Interpretationen zusammen richtig sind weil sich erst durch das Zusammenwirken der unterschiedlichsten Faktoren die politpsychologische Gemengelage erklären lässt, die dazu führt, dass die Demokratie im Westen immer mehr unter Druck gerät.

Gerne wird ja auch erklärt, dass eine übertriebene Politische Korrektheit sogenannte „normale Leute“ den Linken entfremde. Da diese These selbst Teil der rechten Propaganda ist, fällt das unvoreingenomme Nachdenken darüber schwer. Ich glaube ja, dass die wenigsten Stahlarbeiter deswegen frustriert sind, weil zB. auch Transpersonen mit Respekt begegnet wird. Letztendlich ist Political Correctness nichts anderes als Höflichkeit, und das wissen auch die Wähler rechtspopulistischer Politiker. So haben unlängst 35 Prozent der Trump-Wähler angegeben, schon einmal das N-Wort benützt zu haben. Ich finde daran ja vor allem interessant, dass damit ja 65 Prozent angeben, es noch nie benützt zu haben.

Dennoch denke ich manchmal, dass an der Political Correctness etwas ist, was Menschen abschreckt, aber es ist eher die Rhetorik, mit der sie oft daher kommt. Es gibt da einen Zungenschlag, der vielen Menschen signalisiert, sie seien nicht reflektiert genug, sie denken zu wenig nach, ja, sie seien auch zu ungebildet. Sie müssen erzogen werden, um gute Menschen zu werden. Sie müssen sich selbst erziehen, um auch so allumfassende, tolle Awareness zu entwickeln, wie die zartfühlenden Studierenden aus Mittelschichtsfamilien. Dass Menschen sich nicht gerne sagen lassen, dass sie erzogen gehören, kann man verstehen. Und es kommt vielleicht noch etwas anderes hinzu. Irgendwie entsteht das Signal, jetzt sei einmal die Zeit für alle Minderheiten, sich zu verwirklichen, und alle anderen sollen bitte jetzt mal zurück stecken und „ihre Privilegien checken“. Es ist aber nur natürlich, dass sich prekär arbeitende weiße Verkäuferinnen oder Automobilarbeiter nicht sonderlich privilegiert vorkommen. Jedenfalls bleibt leicht unklar, was die universalistische Botschaft ist, die allen das Gefühl gibt, dass man gemeinsam bei einer Veränderung etwas gewinnt. Diese universalistische Perspektive war aber immer die Vorbedingung dafür, Allianzen diverser Milieus und Akteure zu schmieden. Aber ist nur so ein Gedanke.

Ein Gedanke zu „Rechte, die nicht N**** sagen…“

  1. „… Political Correctness nichts anderes als Höflichkeit …“

    Für mich ist diese politische Korrektheit nichts Anderes als ein Meinungsdiktat.

    Dass man zu einem Schwarzen nicht Neger sagt, hat etwas mit Erziehung und Anstand und Einstellung zu tun.

    Man möge sich daran erinnern, dass das Wahlrecht für Frauen erst am 12. Nov. 1918 eingeführt wurde. Homosexualität wurde in Österreich auch erst 1981 legalisiert. Ginge es der Politik um ein freundliches Miteinander auf gleicher Augenhöhe, würde man mehr Gas geben bei der Arbeit. Es war zu 99% immer das verzogene Volk, das positive Veränderungen herbeigeführt hat. Da schwafelt man von „Political Correctness“ und fetzt sich gegenseitig im TV, im Parlament, innerhalb der eigenen Parteien. Aber die Hauptsache ist, diese Rohrspatzen erklären uns, was man sagen darf und was nicht.

    „Political Correcntess“ ist eine großartiges Mittel, um das Gewissen der Menschen zu manipulieren. Das ist die weltliche Version der Religionen. Akteur ist hier aber kein Gott, sondern ein unbekanntes Es. Es gehört sich so, das sagt man so. Erkannt wird die Bedeutung dieses Es von der unfehlbaren Politik.

    Mir braucht kein Politiker beizubringen, wie ich mich zu benehmen habe. Ich wurde eh erzogen und erziehe mich als Erwachsener wiederum selbst; auch wenn’s ein bissl schizophren klingt. Vielleicht ein weiterer Beweis für die Evolution?

    „… Es ist durchaus wahrscheinlich, dass alle Interpretationen zusammen richtig …“

    Mit Sicherheit ist das so. Es kämpft auch jede Klasse für sich. Wer näher an der Realität ist, da ist die Frage. Der Reiche, der für seine Arbeit das Tausendfache bekommt und vielleicht schon alles in die Wiege gelegt bekommen hat, oder der Arme, der neben der Arbeit oft zu faul zum Lesen und Lernen ist. Sich kaum für etwas engagiert, weil man nach der Arbeit ja so müde ist. Das Wichtigste ist, dass genug Geld für Chips und Tschick und Bier da ist. „Was die anderen können, könnte ich schon längst, wenn ich nur wollte.“

    Ignoranz und Verblödung ziehen sich durch alle Schichten. War das politisch korrekt? Immerhin war das nicht sexistisch oder klassenfeindlich.

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