Einfache Leute und andere Kompliziertheiten

Es ist nicht alles schlecht an der Identitätspolitik und der Politischen Korrektheit – aber auch nicht alles gut.

Unlängst gab es in den Social Media wieder eine dieser Debatten, die vernünftig beginnen und dann in heftigen Beschimpfungen enden. Diesmal ging es um die rhetorische Floskel „Wo kommst du denn her?“ Menschen mit Migrationsgeschichte können diese kaum mehr hören, denn sie wachsen mit ihr auf, auch wenn es bereits ihr Opa war, der hier her einwanderte. Insofern sie auf irgendeine Weise erkennbar „fremd“ sind – sei es durch Haarfarbe, Gesichtsteint oder weil sie Can oder Cigdem heißen statt Kevin oder Katharina –, hören sie meist ab dem Kindergarten, sie seien doch „nicht wirklich von hier“. Kaum sind sie vier oder fünf Jahre alt, werden sie von den Spielkameraden aufgefordert, nächstens bitte einmal einen Pass mitzubringen (passiert echt!), und später dann in der Volksschule hören sie von der Lehrerin, diese könne doch einem Ausländermädchen „keine eins in Deutsch geben, aber eine zwei ist doch auch eine schöne Note“ (passiert auch echt!). Man kann verstehen, dass damit Verletzungsgeschichten verbunden sind.

Und das sind noch die harmlosesten Geschichten.

Kaum brach diese #VonHier-Geschichte auf, wurde freilich auch – ebenso richtig – eingewandt, dass nicht jede Frage nach Herkunft und familiärem Hintergrund verletzend gemeint ist. Sie kann ja auch Interesse ausdrücken und völlig unschuldig sein.

Kaum ist ein Hin- und Her dann so weit gelangt, darf fix mit dem Einwand gerechnet werden, dass, wer kein „Betroffener“ oder keine „Betroffene“ sei, hier nicht mitreden solle, dass die Annahme selbst, dass man hier berechtigt ist, etwas beizutragen, schon Ausdruck von Privilegiengehabe sei. Wer von solchen Diskriminierungen keine Ahnung habe, aber sich berechtigt fühle, mitzureden, statt einfach einmal die Klappe zu halten und zuzuhören, sei selbst irgendwie „struktureller Rassist“, mindestens „privilegienblind“ und wie die Phrasen alle heißen.

Spätestens an dieser Stelle ist man dann wieder im Strudel eines fruchtlosen Gekeppels, das heute global innerhalb der eher progressiven Kreise tobt (die eigentlichen Gegner, die wirklichen Rassisten und rechten Nationalisten lassen wir hier einmal beiseite).

Auf der einen Seite sind die Anhänger einer Identitätspolitik, die die vielen echten (und manchmal auch phantasierten) Diskriminierungen, die jemand aufgrund seines reinen Seins erfährt, also aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, ethnischer Herkunft, sexueller Orientierung endlich respektiert sehen wollen; die der Ansicht sind, dass Gesellschaften nicht nur divers sind, sondern dass Gerechtigkeit in diversen Gesellschaften auch heißt, dass alle denkbaren Minderheiten auch fair repräsentiert werden müssen; dass gerade jenen, die besonders diskriminiert sind, zugehört werden muss; und dass natürlich auf die Sprache geachtet werden muss, weil Sprache Diskriminierung reproduziert, und dass diese Diskriminierung nicht erst bei eindeutig abwertenden Begriffen wie „Neger“ oder „Schwuchtel“ oder „Schlampe“ beginnt.

Auf der anderen Seite stehen dann jene, die einwenden, dass das schon alles irgendwie richtig, aber aus dem Ruder gelaufen sei, weil man doch „überhaupt nichts mehr sagen darf“; dass wir keine Sprachpolizei aus Akademikerkindern brauchen, die den normalen Leuten erklären, wie sie reden sollen. Dass die „einfachen Leute“ doch dann die eigentlich diskriminierten sind; dass die Political Correctness, die ja eigentlich vernünftig begann, nämlich mit dem Anspruch, dass Höflichkeit besser ist als Grobheit, längst außer Kontrolle geraten ist und recht viel Irrsinnigkeiten hervor gebracht hat, wie die Wahnidee etwa, man habe das Recht, überall sicher und unverletzt zu sein, weshalb eine strikte Sprachkontrolle darauf zu achten habe, dass nirgendwo mehr ein salopp dahin gesagtes Wort fällt, das irgendjemanden – und sei es nur aus Unachtsamkeit – kränken könnte. „Awareness“ oder „Safe Spaces“ sind die Modebegriffe dieser Diskurse. Als könnten Menschen kränkungsfrei zusammen leben, ja: als wäre das überhaupt auch erstrebenswert.

Angesichts einer Diskursordnung, die vor allem schrill vorgetragene Vorwürfe und Empörungen mit Aufmerksamkeit belohnt, geht es nicht ohne harte rhetorische Bandagen. Man kann nicht einfach unterschiedliche Gesichtspunkte betonen, mehrere Seiten einer komplexen Wahrheit, sondern muss sich natürlich mit schärfsten Bandagen bedenken. So wirft man sich wechselseitig vor, die jeweils andere Seite wäre beispielsweise der Untergang der Linken: die einen sind Fürsprecher von strukturellem Rassismus und Sexismus (verkörpert im berühmten alten weißen Mann), oder mindestens rückständige nützliche Idioten desselben, die anderen sind dafür verantwortlich, dass die „normalen Leute“ von der Linken abgeschreckt sind, weil sie einen Identitätsdiskurs betreiben der „nur den Rechten nützt“ und auch sonst in ihrem pubertären Rebellengehabe und zugleich elitärem akademischen Jargongerede einfach nur lächerlich seien.

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Was ist überhaupt Identitätspolitik…

Dabei könnte es doch sein, dass beide Seiten Recht haben, soll heißen: dass beide Seiten wichtige Gesichtspunkte vorbringen, die keineswegs unsinnig sind. Und beide Seiten genauso fragwürdige Aspekte in ihrer Argumentation haben.

Das Problem ist freilich, dass sich der weiße heterosexuelle Arbeiter mit seinem Einkommen knapp über dem Mindestlohn auch nicht so extrem privilegiert vorkommt.

„Eigentlich gibt es an der Identitätspolitik als solcher wenig zu bemängeln“, schreibt der amerikanische Starautor Francis Fukuyama. „Sie stellt eine natürliche und unvermeidliche Reaktion auf Ungerechtigkeiten dar“ , der der Thematik ein ganzes Buch gewidmet hat. Wobei, kleiner Einschub, auch wenn es zur Routine geworden ist, recht salopp von „Identitätspolitik“ zu sprechen, ja schon fraglich ist, ob das Wort überhaupt so glücklich gewählt ist.

Identitätspolitik betreibt im Grunde ja nur der, der die Identität absolutiert ins Zentrum rückt, wie etwa ein „White Supremacist“ (für den sein Weiß-sein zentral ist) oder ein Islamischer Fundamentalist (für den seine religiöse Identität zentral ist). Die sozialistische türkischstämmige lesbische Feministin, um nur ein fiktives Beispiel zu wählen, betreibt ja nicht gleich automatisch Identitätspolitik, wenn sie Identitätselemente zu wichtigen Kategorien erhebt. Aber gut, das nur als Abschweifung.

Zurück zu Fukuyama.

Der findet Identitätspolitik als solche nicht unbedingt „zu bemängeln“, meint aber: Problematisch würde sie natürlich dann, wenn sie nur mehr allen Ton auf Diskriminierungen durch ethnisches Herkommen, Hautfarbe, Geschlecht etc., legt und völlig blind für sozioökonomische Unterprivilegiertheit wird. Und auch die Politische Korrektheit, also Achtsamkeit auf die Sprache, ist ja wohl nichts Schlechtes. Menschen nicht mit Worten zu verletzen hat man früher nicht „Sprachpolizei“ genannt, sondern schlicht „Höflichkeit“. Aber genauso wahr ist, dass Identitätspolitik eine politische Korrektheit nach sich gezogen hat, deren Ablehnung zu einer wichtigen Mobilisierungsquelle für die Rechte geworden ist.

…und was ist das Problem an ihr?

Dass Subgruppen, die das Gefühl haben, nicht vorzukommen, sich organisieren und versuchen, sich Gehör zu verschaffen, ist eine Selbstverständlichkeit; dass man ihnen als solidarischer Mensch dabei hilft, ebenso. Dass nicht jeder Unfug, den eine verzapft, sakrosankt ist, nur weil sie irgendeiner Minorität angehört (oder behauptet, das zu tun), ist freilich andererseits ebenso wahr.

Das Problem ist eher eine Frage der Rhetorik. Auf Identität basierende Subgruppen sind dann eben logischerweise Gruppen, die für andere, also für Außenstehende unzugänglich sind. Bist du Milliardär, kannst Du theoretisch Dein Vermögen einer NGO spenden und Dich der Arbeiterbewegung anschließen, also die Grenzen Deiner Klasse überschreiten, aber wenn Du weiß und hetero bist wirst Du natürlich nie schwarz und lesbisch. Du kannst nicht Teil der Gruppe X an speziell Diskriminierten werden, wenn Du eine andere Identität hast. Du kannst im Grunde nicht einmal ihre spezielle Diskriminierung verstehen, so die Behauptung. Du kannst es natürlich intellektuell, aber Du kannst es niemals wirklich fühlen. Deswegen sollst du auch nicht mitreden – sondern nur zuhören.
Das Problem daran ist offensichtlich: Es wird dann schwer, ein „Wir“ zu denken.

Es stehen dann Gruppen nebeneinander, die sich im besten Falle nicht verstehen – und im schlimmsten Falle darum konkurrieren, wer nun das ärmste, am schlimmsten diskriminierte Opfer ist. Das macht es eher schwer, Allianzen zu bilden und wachsende Kreise an Mitstreitern zu gewinnen, die für eine gemeinsame, größere Sache eintreten. Im Worst Case verstrickt sich jede Subgruppe in ihr eigenes Thema – und Sektierertum breitet sich aus. Jeder, der die Sache nicht exakt genauso sieht wie die eigenen drei besten Freunde ist dann ein „Sexist“ oder ein „Rassist“ oder zumindest ein etwas idiotischer Büttel der herrschenden Verhältnisse.

Kurzum: Die Identitätspolitik kann genauso überzogen sein wie die Kritik an ihr oft maßlos ist.

Aber noch einmal zurück: Der Generalangriff auf die Identitätspolitik ist Unfug. Aber wenn zu viel Wert auf die identitären Kämpfe der verschiedensten unterschiedlichen Gruppen gelegt wird, dann wird schwer erklärbar, was jetzt eigentlich das universalistische gemeinsame Ziel ist, für das es sich gemeinsam einzutreten lohnt. Dem weißen Arbeiter wird dann erklärt, er müsse jetzt einmal zurück stecken, bis die türkische lesbische Arbeiterin auch so respektiert da steht wie er. Das Problem ist freilich, dass sich der weiße heterosexuelle Arbeiter mit seinem Einkommen knapp über dem Mindestlohn auch nicht so extrem privilegiert vorkommt. Und ganz generell sind gemeinsame Kämpfe natürlich leichter zu führen, wenn alle Beteiligten etwas gewinnen können, nicht nur die „Opfer mehrfacher Diskriminierungen“.

Aber die Sache ist natürlich noch viel viel komplizierter.

Denn Menschen sind nicht einfach nur gut oder schlecht oder modern oder konventionell oder antirassistisch oder rassistisch. Sie sind, je nach Person, aber auch je nach Milieu eigene Typen, mit ihren eigenen Flausen im Kopf, ihren Gewohnheiten, ihren Vorurteilen und ihren Werten.

Hidden Injuries of Class – Die Verletzungen der Arbeiterklasse

Gerade Angehörige der unteren Mittelschichten und der ehemaligen Arbeiterklasse – in Großbritannien und den USA spricht man in diesem Zusammenhang von der „White Working Class“, eine Begrifflichkeit, die bei uns nicht so üblich ist –, haben in den vergangenen Jahrzehnten in vielerlei Hinsicht einen Statusverlust erlitten. Ihre Einkommen stagnieren, ihre Zukunftsaussichten erscheinen oft trübe, die Arbeiterklassenkultur, in der sie Solidarität erfahren haben, ist zerfallen, sie empfinden Frustration und im Extremfall Zukunftsangst. Privilegiert sind sie bei weitem nicht, im Gegenteil. Migration in ihre Stadtviertel verschärft ihre Probleme oft noch. All das summiert sich zu Verlustgefühlen. „Menschen sind offenkundig mehr frustriert über etwas, das sie verlieren, als über etwas, das sie nie besessen haben“, schreibt der amerikanische Sozialforscher Justin Gest, der Langzeitstudien und Tiefeninterviews mit Betroffenen in den USA und in Großbritannien führte, in seinem Buch „The New Minority: White Working Class Politics in an Age of Immigration and Inequality“.

Diese Leute aus den autochtonen Bevölkerungen fühlen sich selbst als „Opfer von Diskriminierung“. Sie fühlen sich von der Oberschicht ausgebeutet, von den Arbeiterparteien vergessen, vom Staat vernachlässigt, von Migration zusätzlich der Konkurrenz um knappe Güter ausgesetzt. „Sie sprechen ganz üblicherweise von ‚Ihnen‘. ‚Sie‘ kümmern sich nicht um die Heizung (im Sozialbau, die repariert werden müsste). ‚Sie‘ hören uns nicht zu. ‚Sie‘ lassen alle die Ausländer herein.“

Gesprächspartner aus der weißen Arbeiterklasse fühlen sich von der weißen Elite verraten, die sie immer schärferer Ausbeutung aussetzt, und die sich zugleich so sehr um die Verwundungen von Minderheitengruppen sorgt.

In vielen Interviews, so Gest, hätten diese Leute ungefragt gesagt, dass sie keineswegs Rassisten seien, dass sie aber die Transformation ihrer Viertel als negativ betrachten, und in einem zweiten Schritt dann Wut darüber geäußert, dass sie diese Transformation nicht beschreiben könnten, ohne dass sie den Vorwurf spüren, sie wären fremdenfeindlich. Sie erlebten dies als einen weiteren Trick, sie zum Verstummen zu bringen. Richard Sennett analysierte schon vor 50 Jahren diese komplexen „Hidden Injuries of Class“, ein Buch, dessen Relektüre übrigens lohnt.

Kampfbegriff „Political Correctness“

Es sind diese vielfachen Kompliziertheiten, die es der radikalen Rechten erlaubten, diese Leute für sich zu gewinnen und „Politische Korrektheit“ zu einem Kampfbegriff zu machen. Aber gerade deshalb muss man auch die Verletzungen verstehen, die dahinter stehen. Komplexe Verletzungs- und Diskriminierungsgefühle greifen ineinander, und das führt auch zu den verrücktesten Kombinationen. Gest: „Gesprächspartner aus der weißen Arbeiterklasse fühlen sich von der weißen Elite verraten, die sie immer schärferer Ausbeutung aussetzt, und die sich zugleich so sehr um die Verwundungen von Minderheitengruppen sorgt.“

Das schräge Bild: Erfolgreiche ökonomische Eliten werden als Gegner gesehen, linksliberale Akademiker und Akademikerinnen aber als deren Verbündete, und diverse Minderheiten irgendwie als deren Partner. Man fühlt sich fremd im eigenen Land und sich selbst plötzlich nicht mehr zentral, sondern am Rande der Gesellschaft, eine Art eigene Minderheit, aber als einzige Minderheit, die nicht mit der Behauptung auftrumpfen kann, eine diskriminierte Minderheit zu sein.
Es ist nicht unverständlich, dass diese Leute sagen: „Mir hilft niemand. Sie helfen allen anderen, nur mir nicht.“

Weil es ja, bis zu einem gewissen Grad, sogar stimmt.

Wenn man nicht immer nur mit den eigenen Freunden spricht, begegnet man all diesen Kompliziertheiten häufig. Unlängst hat mich etwa der Deutsche Gewerkschaftsbund zu einem Gesprächsabend eingeladen. Ich habe über die neuen sozialen Spaltungen gesprochen, darüber, dass die Schere zwischen Reich und Arm immer mehr aufgeht und dass die einfachen Leute das Gefühl haben, dass sie niemand mehr vertritt, und dass diese Frustrationen den nationalistischen Hetzern die Wähler zutreiben. Kaum war ich fertig, kam ein älterer Gewerkschafter zu mir, der mir auf die Schulter klopfte und meinte, er stimme mir voll zu. Die oberen zehn Prozent sacken sich alles ein, betreiben zudem Steuervermeidung und tragen nichts zum Gemeinwesen bei, sagte er, dieses Gemeinwesen werde nur von Steuerzahlern wie ihm aufrecht erhalten. Und dann fügte er hinzu: „Und die wollen uns dann auch noch vorschreiben, wie wir zu reden haben.“

Man fühlt sich fremd im eigenen Land und sich selbst plötzlich nicht mehr zentral, sondern am Rande der Gesellschaft, eine Art eigene Minderheit, aber als einzige Minderheit, die nicht mit der Behauptung auftrumpfen kann, eine diskriminierte Minderheit zu sein.

Da musste ich kurz schlucken. Innerhalb von zwei Sätzen hat mein Gesprächspartner zunächst Sprachbilder der Linken zum Ausdruck gebracht (die Kritik am Neoliberalismus, der wachsenden Ungleichheit und der Entsolidarisierung), und dann umstandslos Sprachbilder der Rechten damit verbunden (die Kritik an der politischen Korrektness und dem Versuch, durch Sprachpolizei die einfachen Leute zu erziehen).

Ich denke, wir tun gut daran, all diese Kompiziertheiten zu verstehen und das auch mit Empathie, soll heißen: jede empfundene Verletztheit und Ungerechtigkeit hat das Recht, ernst genommen und verstanden zu werden.

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