Schafft die Löwin noch ein Wunder?

Wahlkämpfe sind immer personalisiert. Aber dieser ist es besonders.

Manche Leute sagen ja, die Wahl wäre schon entschieden, es wird am Ende des Wahlkampfes genauso stehen wie zu dessen Beginn. Nun, das ist natürlich möglich. Wir haben schon Wahlen erlebt, die Start-Ziel-Siege waren. Aber wir haben auch schon Wahlkämpfe erlebt, bei denen sich in den letzten Tagen vor der Wahl große Überraschungen abspielten. Experten sprechen dann gerne vom „Last-Minute-Swing“, also einen Wählerumbruch in den letzten Wahlkampftagen. Ehrlicherweise muss man sagen: Man weiß es vorher nie, welche Variante eintreten wird. Die Friedhöfe der Geschlagenen sind voller Leute, die wie „sichere Sieger“ aussahen.

Es ist keine besondere Neuigkeit, dass Politik heutzutage personalisiert ist. Natürlich repräsentieren Parteien bestimmte Werte, aber mit denen allein kann man heute keinen Wahlsieg mehr einfahren. Nur: diese Wahlen sind besonders personalisiert. Sebastian Kurz lässt nicht nur seine Partei, sondern auch alle seine Minister hinter seiner Person verschwinden. Viele Menschen kennen nicht einmal einen Namen aus dem ÖVP-Regierungsteam. Und in der SPÖ ist es diesmal nicht sehr viel anders. Pamela Rendi-Wagner ist die Spitzenkandidatin und alleinige Zentralfigur im Wahlkampf. Etwaige sozialdemokratische Ministerkandidaten etwa, die auch selbst Zugkraft haben, sind kaum aufgefallen. Vielleicht ist es ja der Zug der Zeit, vielleicht haben die Parteien aber gar nicht mehr diese kraftvollen Figuren, sodass sie sich völlig auf die Spitzenperson verlassen müssen.

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Für die ÖVP gilt: Sebastian Kurz ist ihre große Stärke. Er ist populär und hat sich geschickt und souverän „zur Marke“ gemacht. Zugleich hat er aber auch einen Pleiten-, Pech- und Pannen-Wahlkampf hingelegt und ist bei weitem nicht mehr so souverän wie noch vor zwei Jahren. Man kennt ihn jetzt auch schon besser und erkennt ein paar Muster. Etwa, dass er immer vom neuen, sauberen Stil redete, und selbst eigentlich der Ober-Anpatzer der Republik ist, der als einziger in zwei Wahlkämpfen je eine gerichtliche einstweilige Verfügung einfing. Selbst der „Kurier“, der unverdächtig ist, den Altkanzler nicht ausreichend zu huldigen, benannte unlängst das Hauptproblem von Sebastian Kurz: er hat so oft die Unwahrheit gesagt, dass man ihm nichts mehr glaubt. Leute berichten von Verwandten, die noch 2017 ganz begeistert von ihm waren, und ihn jetzt für „ganz einen falschen Hund“ halten, wie man das im Volksmund ausdrückt. Wenn diese Meinung Kreise zieht, dann wird es für Kurz gefährlich.

Bei Pamela Rendi-Wagner ist es wiederum so, dass sie im Wahlkampf zwar wieder Lockerheit gewonnen hat und sehr sympathisch und kompetent wirkt, aber dass ihr von Beginn an der Wind ins Gesicht blies. Wenn du zwischen zehn und fünfzehn Prozentpunkten Rückstand hast, dann wirst du in den Augen vieler Wähler einfach nicht als eine natürliche Kanzleranwärterin wirken. Im Finish strahlt sie aus: Die kämpft für eine Löwin. Das kann ihr nützen – man weiß es aber nicht.

Das einzige wirkliche große inhaltliche Thema blieb die Klimakatastrophe. Das wird sich im erwarteten guten Ergebnis der Grünen niederschlagen. Die ÖVP hat sowieso nur ein Thema: Kurz soll wieder Kanzler werden. Die FPÖ hat zwei Themen. Erstens: Wir wollen mitregieren. Zweitens: Auch unser Kickl will unbedingt wieder mitregieren. Regierungsposten sind hier der eigentliche Wahlkampfschlager.

Pamela Rendi-Wagner hat dagegen versucht, die SPÖ wieder als die Partei der „einfachen Leute“ mit vielen Sozialthemen zu positionieren, vom Mindestlohn, bis zur Steuerentlastung von Niedrigverdienern, von der Pflege bis zum Mietthema und Erbschaftssteuern. Das Problem bei einer solchen Strategie: Man hat einen großen Katalog, aber nicht das eine entscheidende Thema, das sich die Leute merken. Wenn man das gut macht, muss das nicht stören, etwa, wenn sich der Katalog zur Geschichte „die Roten sind die, die sich um die einfachen Leute kümmern“ summiert.

Darüber, wie diese Wahlen ausgehen, entscheiden also nicht die Umfragen der vergangenen Wochen, sondern drei Fragen: Haben noch ausreichend viele Wähler ein gutes Bild von Sebastian Kurz, oder beginnen sie beispielsweise an seiner Seriosität zu zweifeln? Hält man Pamela Rendi-Wagner für eine sowieso Geschlagene oder eher für eine, die beeindruckend kämpft mit dem Mut einer Löwin? Und kann die SPÖ ihr Sozialthema wirklich nachhaltig setzen oder ist es für die Wähler nur eine Liste, für die Wahlentscheidung letztlich irrelevant?

Ein Gedanke zu „Schafft die Löwin noch ein Wunder?“

  1. Strache lebte als Mastermind der FPÖ auf großem Fuß, gab aber vor, für die „kleinen Leute“ zu kämpfen.
    „Unser Geld für unsere Leut“ wurde vollmundig gefordert und laut Wahlwerbung ist die FPÖ „Fair. Sozial. Heimattreu.“

    Im Ibiza-Video wurde jedoch die interne, völlig korrupte und antidemokratische Parteilinie enthüllt.

    Wie man aus Ibiza und Straches Spesenaffäre entnehmen kann, ist dies alles Lug und Trug, Volk und Vaterland wird als Melkkuh und Selbstbedienungsladen betrachtet.
    Hofer ist in der multiplen Zwickmühle, und noch dazu eine mehr als schwache Führungsfigur, Kickl hat das Sagen.

    Wer da noch blau wählt, dem ist nicht zu helfen.

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