Die österreichische Pasionaria

Rosa Jochmann war die große Frau des österreichischen Sozialismus des 20. Jahrhunderts. Betriebsratsvorsitzende mit 19 Jahren, Parteiführerin mit Ende zwanzig, Untergrundkämpferin in ihren Dreißigern. Sie überlebte acht Jahre Gefängnis und KZ. Eine neue Biografie zeichnet jetzt dieses Ausnahmeleben nach.

Eine Kurzfassung dieses Beitrages erschien in der dieswöchigen Ausgabe des „Falter“

„Man meint, dass man sich kennt, aber es ist in Wirklichkeit nicht wahr“, schrieb Rosa Jochmann in späten Jahren in einem Brief. Und an vielen anderen Stellen bemerkt sie, dass sie nie ganz aus dem Konzentrationslager Ravensbrück, in dem sie fünf Jahre gefangen war, herausgekommen ist. „Jede Nacht träume ich von dieser furchtbaren Zeit“, wer sie überlebte, „bleibt ein ewig Gefangener“, ist „durch das Tor des Lagers nur scheinbar in die Freiheit gegangen“. Wer sie noch gekannt hat, oder gehört hat, bei ihren großen Auftritten als rebellische alte Dame, mit ihrem aus der Zeit gefallenen Pathos, etwa in den achtziger Jahren bei Demonstrationen gegen Kurt Waldheim oder noch 1992 beim großen „Lichtermeer“, für den war Rosa Jochmann irgendwann bloß noch die „Zeitzeugin“, die von Haft, Verfolgung, Lager Geschundene, Heldin und Opfer zugleich. Oder, anders gesagt: Noch fast fünfzig Jahre nach der Befreiung eine KZlerin. Als hätte sie nie ein anderes Leben gehabt als das, das ihr die Nazis aufgezwungen hatten.

Die Wiener Historikerin Veronika Duma hat nun erstmals eine umfassende Biografie dieser großen kleinen Frau und legendären Sozialistin vorgelegt: „Rosa Jochmann – Politische Akteurin und Zeitzeugin.“ Was diese Frau erlebt hat, wie schnell sie in wichtige Positionen aufstieg, wie sie im Alltag und in historischen Momenten eine Akteurin war – auch gegen alle Wahrscheinlichkeiten und auch in einer Partei, die es ihr natürlich nicht leicht gemacht hat, ihr, dieser jungen Hilfsarbeiterin, einer Frau noch dazu in männlich geprägten Politiknetzwerken.

Video: Ein ORF-TV-Porträt von Trautl Branstaller über Rosa Jochmann

1901 geboren, wächst Rosa Jochmann in ärmlichsten Verhältnissen auf, in einer Familie mit sechs Kindern in einer Zimmer-Küche-Wohnung in Simmering. Der Vater Eisengießer, die Mutter Wäscherin. Mutter und Vater starben mit 41 bzw. 45 Jahren. Schon als 14jährige muss die Halbwüchsige in der Fabrik arbeiten, um die Geschwister durch zu kriegen. Mit der Idee des Sozialismus ist sie von Kleinkindtagen auf vertraut. Über dem Ehebett der Eltern hängt neben der Heiligen Familie und Ferdinand Lassalle auch ein Porträt von Karl Marx, und Rosa hört, wenn der komme, werde alles gut. Sie hält ihn wie selbstverständlich für den lieben Gott. „Die Geldsorgen von damals sind unbeschreiblich“, schrieb sie später.

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Kaum sind Republik und demokratische Arbeitsgesetze verabschiedet, wird Rosa Jochmann in ihrem Chemiebetrieb Gewerkschafterin und Betriebsrätin, dann schnell Betriebsratsvorsitzende, setzt sich für ihre Kollegen und Kolleginnen ein, wird zur Gewerkschaftssekretärin, arbeitet mit der legendären Soziologin Käthe Leichter, die später eine ihrer besten Freundinnen (und in Ravensbrück ermordet) wird, an Studien über das Leben der einfachen Leute. Beim Justizpalastbrand 1927 steht sie auf der Straße, als die Polizei das Feuer auf die Demonstrierenden eröffnet. Im Netzwerk sozialistischer Frauen, das aus den alten Kämpferinnen der ersten Stunde, etwa aus Adelheid Popp, Luise Kautsky und den jungen Aktivistinnen aus Jochmanns Generation besteht, hat sie einen Unterstützerkreis. Noch als Twentysomething, wie man das heute nennen würde, spricht sie gemeinsam mit Otto Bauer vor aufmarschierenden Schutzbundkämpfern. Man kann sich ausmalen, wie man sich als junges Mädel ins Zeug werfen musste, um in solchen Gemeinschaften ernst genommen zu werden. 1933, knapp vor dem Ende der Demokratie und der Niederschlagung des Roten Wien, wird sie sogar Mitglied das Parteivorstandes der Sozialdemokratischen Partei.

Dabei bleibt sie immer die Arbeiterin, fest am Boden der Tatsachen, oft auch eher emotional bewegt, weniger von Theorien berührt. Jahrzehnte später wird sie sagen, wenn sie irgendetwas an ihrem Leben anders leben würde, dann sich noch mehr Bildung aneignen. „Du weißt ja“, schrieb sie später einmal an einen Weggefährten, „dass es nicht nur die Arroganz der Intellektuellen gibt den Proleten gegenüber, diese gibt es auch vom Proleten zum Intellektuellen und etwas davon glaube ich ist in mir.“

Als am 12. Februar 1934 der Bürgerkrieg beginnt, rettet sie schnell zwei Schreibmaschinen aus ihrem Büro in der Parteizentrale (sie wird sie tatsächlich 1945 wieder zurück erhalten und bis in die achtziger Jahre benützen), eilt dann zu einer klandestinen Sitzung des Parteivorstandes und verbringt den Rest der Tage in der konspirativen Kommandozentrale rund um Otto Bauer. Während die Parteiführung nicht weiß, was getan werden soll, nimmt Jochmann die praktischen Fäden in die Hand, so weit das möglich ist. „General war er keiner“, wird sie über Otto Bauer später sagen, aber auch: „Er war er wunderbarste Sozialist, den ich kennen lernen durfte.“ Als die Kämpfe verloren sind, organisiert sie mit anderen Bauers Ausreise in die Tschechoslowakei. Sie wird ihn später heimlich mit falschen Pass besuchen, den Kontakt zwischen den Illegalen und der alten Führung halten. Jochmann selbst schlägt sich nach Simmering durch, taucht aber unter – sie wird steckbrieflich gesucht. Sie ist überhaupt die einzige aus der verbliebenen Parteiführung, die sich der Verhaftung entziehen kann. Und sofort ist sie Teil jener Fünfergruppe, die beginnt, die illegale Untergrundorganisation aufzubauen, später bekannt als „Zentralkomitee der Revolutionären Sozialisten“. Sie organisiert im Untergrund, fährt mit falschen Papieren durch das Land und wird nach nicht einmal einem Jahr in Wiener Neustadt verhaftet. Über ein Jahr sitzt sie im Gefängnis, vor Gericht bekennt sie: „Ich war Sozialistin, ich bin Sozialistin und werde es bleiben.“ Es wird ein geflügeltes Wort und Jochmann spätestens da eine Heldin der Bewegung. Einer ihrer liebsten Genossen ist der zehn Jahre jüngere Bruno Kreisky.

Man bekommt eine Ahnung von Rosa Jochmanns Gier nach Erfahrung und nach Verstehen-wollen, wenn man liest, dass sie schon früh – noch 1933, während einer Reise zu SPD-Freunden in München – eine Veranstaltung der Nazis besucht, bei der Adolf Hitler spricht, der damals gerade erst ein halbes Jahr Reichskanzler war. „Nein, das war keine Rede, das war ein undefinierbares Gebrüll… Wenn die Zeit des Grauens des Dritten Reiches vorbei sein wird, wenn die Millionen Menschen, die heute noch verblendet sind in dem Glauben an Hitler, zur Erkenntnis gelangen, welch großer Irrung sie unterlagen…

Recht bald nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland wird Jochmann wieder verhaftet, kommt ins Gestapo-Gefängnis, bleibt bis 1940 eingesperrt und wird danach ins Konzentrationslager Ravensbrück deportiert. Dort organisiert sie als „Blockälteste“ – also als von der Lagerleitung eingesetzte Verantwortliche für den politischen Block – eine eigene Art von Widerstand, was hieß, von Kameradschaft, Solidarität, kleinen Widersetzungen. Diese Art von Gemeinschaft war die Voraussetzungen dafür, überhaupt überleben zu können. Sie kümmert sich um besonders Geschundene, nimmt Kinder unter ihren Schutz, und wird dafür bald einmal sechs Wochen in den Bunker gesperrt, das „Gefängnis im KZ“, bei Kälte und dauernder Dunkelheit. „Symphonie des Bunkers“, nennt sie das Schreien der Gemarterten. Danach wird sie wieder in die Rolle der Blockältesten eingesetzt, und irgendwann kündigt sich ein Besuch Himmlers an. Es war eine Usance, dass die Blockältesten Himmler Meldung erstatten, er sie ins Gespräch zieht, und sie den SS-Anführer danach um Entlassung bitten – was, ebenso eine Usance, dann gewährt würde. Zwei mal spricht Himmler Jochmann an, macht eine Pause, wartet. Aber Jochmann formuliert kein Gnadengesuch. „Ich wäre eher gestorben, als dass ich diesen Mörder um etwas gebeten hätte.“

1943 werden die widerständigen Netzwerke im Lager zerschlagen, Jochmann kommt ein halbes Jahr in den Bunker und danach ist sie schwer angeschlagen, wird von ihren Freundinnen noch aufgepäppelt, überlebt das Lager. Nach der Befreiung weigert sie sich alleine abzureisen, pflegt noch die anderen Überlebenden – und schlägt sich dann mit einer Kameradin nach Wien durch, aber nur, um da im Gespräch mit hohen Genossen und der Besatzung einen LKW-Konvoi zusammen zu stellen, der die verbliebenen österreichischen Ravensbrückerinnen abholt.

Im Nachkrieg macht Rosa Jochmann dann Karriere in der Partei, wird Parlamentarierin, was sie bis 1967 bleibt und Frauenvorsitzende, wird langsam zur Legende, zur Grande Dame und dann zur Zeitzeugin. Dennoch bleibt sie am Rand der SPÖ, der Zeitgeist ist ein neuer. Es dominieren die Pragmatiker der Macht, ja, und das Sagen haben die, die 1945 unmittelbar nach der Befreiung vor Ort waren. Und das waren die, die die nicht im Widerstand waren. Die nicht im Exil waren. Die nicht im KZ waren. Empfindlich ist sie bei Leuten mit ‚Funktionärsallüren‘. Bruno Kreisky schreibt sie nach Schweden, „komm Bruno und komme bald“. Mit ihrer Lebensgefährtin und KZ-Kameradin Cäcilie Helten, einer deutschen Kommunistin, lebt sie bis zu deren Tod in einem Gemeindebau in Favoriten am Laaerberg. Im hohen Alter hat Jochmann dann eine zweite Jugend. Die Zeit beginnt, in der die „Geschichte aufgearbeitet“ wird, Zeitzeugen Konjunktur haben, durch Schulen ziehen und im Fernsehen interviewt werden. Erst diese Jahre ab etwa 1979 definieren das Bild der Rosa Jochmann, das die Nachwelt von ihr hat. Sie wird zur moralischen Instanz. Aber das hat auch seinen Preis. Bestimmte Aspekte von Jochmanns Leben – ihr Leiden, ihre Unbeugsamkeit gegenüber den Mördern – prägen ihr öffentliches Bild. Die Betriebsrätin, die Organisatorin, die Parteiführerin, die Frau, die es in der männlich dominierten Partei bis in die zentrale Führungspositionen brachte –, sie ist in Vergessenheit geraten. Gut, dass mit Veronika Dumas Biografie nun die ganze Geschichte dieser großen Sozialistin und Arbeiterführerin wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt.

Veronika Duma: Rosa Jochmann. Politische Akteurin und Zeitzeugin. ÖGB-Verlag, Wien, 2019. 36.- €

Ein Gedanke zu „Die österreichische Pasionaria“

  1. Es gibt so viele aufrechte Menschen, von denen man nichts oder kaum etwas weiß. Das muß eine starke Frau mit großem Willen und Überzeugung gewesen sein. Ich habe den Text mit sehr großem Interesse gelesen.

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