Was soll das eigentlich sein, eine „Große Erzählung“?

Ein Weltbild ist eine Story, die alle Details wie Episoden zusammen hält. Und soll sich am besten in drei Sätzen skizzieren lassen. Die Sozialdemokraten hätten gern so eine simple Story. Aber man kann sich so etwas nicht einfach ausdenken. Ich hab mich mal in ein paar Skizzen versucht.

In der Politik wird jetzt nach der „Großen Erzählung“ gesucht. Vor allem die Progressiven hätten gerne eine „Große Erzählung“, und in Österreich sind vor allem die Sozialdemokraten ganz verzweifelt auf der Suche nach ihr. Nach der Geschichte, die die Welt und die eigene Identität erzählt, und am besten in zwei, drei eingängigen Sätzen. Maria Maltschnig, die Direktorin der SPÖ-Parteiakademie, hat irgendwo in einem Interview das schön gesagt. Es gäbe doch für jeden Politikbereich viele Papiere bis ins Detail, man könnte also morgen schon – hätte man die Mehrheiten dafür – die allerbesten Gesetze beschließen. Was es aber nicht gäbe, wäre die klare Botschaft, die das alles zusammen hält.

Man kann jetzt sagen, dass die Suche nach dieser Erzählung nur ein linkes Problem ist, da nur die Linken eine auf die Zukunft ausgerichtete Veränderungsphilosophie haben. Konservative und Reaktionäre sähen die Welt sowieso nur als bedrohlichen Ort und die Veränderung sowieso nur als Verschlechterung. Sie wollen daher Grenzen hoch, Mauern rauf und zurück in eine gute alte Zeit. Deswegen hätten sie keinen Bedarf nach einer großen Erzählung. Man kann natürlich auch sagen, dass genau das ebenso eine „große Erzählung“ ist. Die „große Erzählung“ der Rechten eben.

Die „große Erzählung“ der Linken in der Vergangenheit war in etwa folgende: Die Geschichte ist ein Kampf Unten gegen Oben. Der arbeitenden, einfachen Leute, gegen die Reichen und die Herrschenden, die ihre Privilegien verteidigen wollen. Aber diesen einfachen Leuten gehört die Zukunft. Indem sie ihre Interessen durchsetzen, also ihr Interesse an einem fairen Anteil vom Kuchen, aber auch ihr Interesse gehört zu werden, ihre demokratischen Ansprüche, verbessern sie die ganze Welt – und nicht nur die Welt für sich. Sie machen sie gerechter, sie machen sie demokratischer. Diese einfachen Leute sind diejenigen, die eine strahlende Zukunft für die gesamte Menschheit erkämpfen. In diese Meta-Geschichte konnte man jedes Detail einpassen, von der Arbeitslosenversicherung über die Gründung einer Gewerkschaftsgruppe über das Arbeitszeitgesetz bis hin zu den Wahlrechtskämpfen und demokratischen Verfassungen. Jede kleine Episode war gewissermaßen Element einer größeren Story.

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Diese Erzählung hatte zwei Voraussetzungen. Erstens: Sie war auf das Morgen hin ausgerichtet und sie war von Zukunftsoptimismus geprägt, vom Fortschrittsgeist. Die zweite Voraussetzung: die Menschen, die in dieser Erzählung die Träger des Fortschritts waren, waren vorher schon da. Sie haben vorher schon agiert. Sie waren, wenngleich als amorphe, Gruppe vorhanden. Der vorhandenen Gruppe wurde durch die Erzählung nur eine Deutung geboten, was ihre eigentliche Mission sei.

Sie waren eine Klasse, die agierte – nicht Wähler, die man überzeugen wollte.

Heute gibt es, jedenfalls in diesem Sinne, weder den positiven Zukunftsgeist noch die amorphe Gruppe. Das macht eine solche Erzählung so schwierig. Und stellt die Frage, ob man eine solche Erzählung überhaupt „erfinden“ kann. Also, ob man sie sich ausdenken kann, gewissermaßen als politisch-literarische Übung, ohne dass die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Und es kommt noch etwas hinzu: Unsere Gesellschaften werden in vielerlei Hinsicht immer komplexer. Wir wissen das, auch die potentiellen Akteure progressiver Bewegungen wissen das. Hinter dieses Wissen kann man schwer zurück. Aber eine „große Erzählung“ muss in gewissem Sinne aus simpel sein und die Kompliziertheiten vereinfachen.

Wie könnte nun ein solches Narrativ einer Sozialdemokratie aussehen, oder einer großen progressiven Allianz? Ich erinnere mich, vor ein paar Jahren mich daran einmal versucht zu haben. Wie kann man so eine Geschichte erzählen, unter den gegebenen Voraussetzungen (und „gegebene Voraussetzungen“ heißt zb., du kannst dir keine Volksbewegungen erfinden, die es im Augenblick nicht gibt, das ist ja das Problem).

Also hier ein paar Takte aus so einer versuchsweisen Notiz aus 2016:

Unser Land verdient etwas Besseres!

Wir sind aktiv, weil die Welt, wie sie ist, nicht optimal ist. Wir sind und bleiben in Opposition zu den Verhältnissen. Auch wenn wir regieren, dann regieren wir, um zu verändern: Wir sind opponierende Regierende oder regierende Oppositionelle.

Fertigmachen zum Ändern!

Denn die Sozialdemokratie stand immer für Veränderung.

Für Modernisierung, für Demokratisierung und für soziale Gerechtigkeit, also für echte Chancen und echten Wohlstand für alle.

Und für Respekt – denn jeder und jede hat das Recht, mit Respekt behandelt zu werden, und keiner hat das Recht, sich als etwas Besseres zu sehen und auf andere herabzuschauen.

Wofür wir stehen: Schutz, Freiheit, Chancen, Fairness, Wohlstand und Gemeinwohl.

Die Sozialdemokratie ist für den Schutz von allen Menschen vor ökonomischem Druck, von allen Menschen, die bedroht sind und Zwang ausgesetzt sind.

Selbstverwirklichung: Alle Menschen sollen das Leben führen können, das sie führen wollen.

Ohne Freiheit ist alles andere nichts.

Um diese Freiheit verwirklichen zu können, müssen allen Menschen Chancen und Möglichkeiten offen stehen.

Fairness und Gerechtigkeit heißt, dass nicht die einen viele Chancen haben und die anderen nur wenige Möglichkeiten.

Dafür braucht es einen Wohlstand und eine Prosperität, die wie die Gezeiten am Meer alle Boote hebt, nicht nur die Luxusyachten.

Eine solche lebenswerte Gesellschaft wird nur dann erreicht werden, wenn wir uns als Gemeinschaft verstehen und zusammen dafür engagieren.

Eine Bewegung, so bunt wie das Leben selbst!

Die erneuerte Sozialdemokratie der Zukunft wird neue Bündnisse schließen. Sie wird wieder zu einer Bewegung werden, die verschiedene Bevölkerungsgruppen zu einem gemeinsamen Handeln vereint. Dazu öffnen wir sie, dazu machen wir die Fenster auf und entstauben sie. Diese Bewegung umfasst

– diejenigen, die in einer Gesellschaft leben wollen, in der es Wohlstand gibt, der allen zu gute kommt.

– diejenigen, die die Chancen und Möglichkeiten des Fortschritts ergreifen möchten, um eine gut funktionierende Gesellschaft zu schaffen, in der sich alle als Gleichwertige und auf Augenhöhe begegnen.

– diejenigen, für die Sicherheit und soziale Absicherungen wichtig sind, damit sie aus ihrem Leben etwas machen können, ohne dauernd existientielle Angst oder Angst vor dem Abstieg haben zu müssen.

– diejenigen, die nicht wollen, dass alle unsere Lebenswelten von Kommerz, Ökonomisierung, Privatisierung und Konkurrenz jeder gegen jeden vergiftet und zerstört werden.

Während die Rechten die Menschen gegeneinander aufhetzen und uns einreden wollen, dass wir alle immer im Kampf gegeneinander stehen, sind wir die Bewegung des Gemeinsinns. Wir wissen: Im Grunde wollen alle Menschen ein Leben in Zufriedenheit und Sicherheit, sie sind bereit, sich gemeinsam dafür einzusetzen und Gesellschaften, die das Wohle aller im Auge haben, werden auch für alle mehr erreichen.

Eine Bewegung, der die Zukunft gehört!

Das ist die neue sozialdemokratische Allianz der Zukunft. Und dieser Allianz wird die Zukunft gehören. Sie wird, von der lokalen Ebene in den Vierteln und den Kleinstädten, über die nationale Ebene bis auf die Ebene der europäischen Union eine Politik entfalten, die für eine kluge Wirtschaftspolitik sorgt und damit Wohlstand für alle schafft, die dafür sorgt, dass es gerecht zu geht, und sie wird die Toleranz und die Vielfalt hoch halten, ohne die die pluralistischen Demokratien, wie wir sie wollen, nicht funktionieren können.

Wir wollen das nicht für die Bürger und Bürgerinnen erreichen, sondern mit den Bürgerinnen und Bürger. Eine moderne Regierung kann keine Regierung sein, die über die Bürger regiert, sie hat eine Regierung zu sein, die mit den Bürgern regiert.

Was wir als Nächstes verwirklichen wollen:

– ein Mindestlohn von 1500.- Euro, damit man von guter Arbeit wieder leben kann

– wir werden die Kinderarmut ausrotten

– mehr Geld in die Schulen, in denen die Kinder sind, die die meiste Unterstützung brauchen – wir sind die Lobby für die, die keine Lobby haben!

– ein faires Steuersystem, hier bei uns und in Europa.

– Schluss mit der Generation Dauerwerkvertrag. Rechte und faire Bezahlung für alle.

– ein Investitionsprogramm, um die Wirtschaftskrise zu bekämpfen, das die Mittel in erneuerbare Energien leitet, denn für uns ist der Kampf gegen Klimawandel kein leeres Gerede.

Ich stelle das hier nicht rein, damit Ihr jetzt sagt: Wow, super Text. Sondern fast wegen des Gegenteils. Ich denke, diese Skizze ist viel zu lang, viel zu abstrakt, viel zu unkonkret. Viel zu wenig packend. Sie zeigt allenfalls, in welche Richtung man denken könnte. Aber sie zeigt auch, wie schwierig es ist, so eine Geschichte zu erfinden.

Ein Gedanke zu „Was soll das eigentlich sein, eine „Große Erzählung“?“

  1. Dann kürzt man die Erzählung eben um die Details. Ab dem „Bunten“ wird es redundant, da sich alles Folgende bei Bedarf aus dem Einstieg entwickeln lässt.

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