Vorankündigung: Mein Buch „DIE NEUE (AB)NORMALITÄT

Im Februar erscheint mein Buch „Die Neue (Ab-)Normalität. Unser verrücktes Leben in der pandemischen Gesellschaft“ (Picus Verlag, 160 Seiten, 16.- Euro). Rezensionsexemplare oder das PDF der Druckfahnen können auch hier über den Verlag bestellt werden. 

Hier schon ein paar Takte aus dem Buch, um einen kleinen Eindruck zu gewinnen: 

In Charles Baudelaires „Les Fleurs du Mal“ gibt es das Gedicht „À une Passante“ („Auf eine Vorübergehende“). Tobender Straßenlärm, städtische Menge. Die Erzählerposition hat ein Mann der Menge inne, die Ich-Figur, an ihm geht eine Passantin vorbei, Blicke, die sich treffen, kurz, wie ein Blitz. „Werd ich in Ewigkeit dich erst wiedersehen? / (…) Ich weiß nicht, wohin du gehst, du nicht, wohin ich / Dich hätte ich geliebt und du hast es gewusst.“ Für Walter Benjamin war Baudelaire der erste große Dichter des großstädtischen Lebens, einer neuartigen Existenzform, die sich durch Eigenarten auszeichnet wie: Lautstärke, Lebendigkeit, ein Feuerwerk der Eindrücke und flüchtiger Wahrnehmungen, Blicke, Sehen, Gesehenwerden, anonymer Begegnungen, Überreizung der Sinne.

Modernes Leben, das sind Begegnungen, Kennenlernen und vergebene Möglichkeiten, Phantastereien über andere. Geräusche, Maschinengetöse manchmal, das Gerumple der Tramways, Gehupe der Autos, schnurrende Motoren, das Quietschen, wenn einer zu schnell um die Ecke fährt, der Geruch aus der Bäckerei, Gewurl der Leiber, die Menschentrauben vor den Lokalen, die Raucher in den Hauseingängen. Hunderttausende, die zu Freunden werden könnten, aber Unbekannte bleiben, weil wir an ihnen vorüber eilen. So lebten wir.

Im Jahr der Ansteckung war dieses städtische Leben zeitweise völlig still gestellt, und auch ansonsten schmerzhaft ausgedünnt.

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Nichts bringt die Verrücktheit dieser Zeit mehr auf den Begriff als das Wort der „Risikobegegnung“. Die Begegnung, also die soziale Interaktion schlechthin, das Soziale selbst wird mit dem Begriff des Risikos verbunden, um nicht zu sagen: infiziert.

Ansteckung – Englisch: „Con-tagion“ – und Berührung – „to touch“ – haben in vielen Sprachen den gleichen Wortstamm.

Wenn alle miteinander verbunden sind, ist die Autonomie eine Chimäre, das spüren wir plötzlich noch mehr als sonst. In komplexen Gesellschaften sind wir immer alle verbunden, aber noch mehr spüren wir diese Verbindung, wenn es Ansteckungsketten sind, die uns aneinander binden. In Zeiten der Ansteckung werden wir noch mehr zu einem Organismus, als wir das sowieso immer sind. Die anderen sind mit einem Verdacht umgeben.

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„Was macht mit uns, unserer Psyche, unserer mentalen Gesundheit, ein Zustand der permanenten Angespanntheit“, schreibt Elif Shafak. „Die Welt, die wir augenblicklich beleben ist eine, die unseren Sinn der Verwundbarkeit verschärft.“ Man schaltet die Nachrichten ein und hat das Gefühl: „Es ist zu viel um damit klar zu kommen“.

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Aus unserer Sicht, mit Blick zurück, und mit Blick auf uns, reiben wir uns die Augen. Alles ist anders, aber manches frappierend gleich. Heutige Containment-Politik „basiert auf traditionellen Methoden, die auf die staatliche Gesundheitspolitik während der Beulenpest zurück gehen: Ansteckungsfälle aufspüren, isolieren, in Quarantäne stecken, die Absage von Massenveranstaltungen, Überwachung Reisender, Empfehlungen für persönliche Hygiene, und Schutz durch Masken, Handschuhe, Mäntel“ (Snowden).

Wir fühlen uns da ein wenig an jene Art Generäle erinnert, die neue Schlachten mit den Methoden früherer schlagen wollen, wenn wir Berichte wie von Daniel Defoe über die Pest in London aus dem Jahr 1665 lesen. Eine Gesellschaft in Furcht, die erstmals „rational“ zu reagieren versuchte. Die Obrigkeit erließ die Anordnung, „Leute in ihren eigenen Häusern abzusperren“; Staatsdiener hatten die Möglichkeit, „sich zwangsweise Eintritt (zu) verschaffen, bis die Art der Erkrankung festgesellt ist“; das Haus wurde abgesperrt, zwei Wächter für jedes Haus abgestellt, jedes verseuchte Haus wurde in der Mitte der Tür mit einem roten Kreuz bezeichnet und die Wächter hatten auch die Aufgabe, „die Eingeschlossenen mit dem Notwendigsten“ zu versorgen. Die Londoner achteten darauf, nicht in die Nähe von Leichen zu kommen, und in engen Gassen kehrten sie um, wenn sie Gefahr verspürten. Man achtete darauf „sich mit kleinem Gelde (zu) versehen, um das Wechseln unnötig zu machen“. Die meisten Geschäfte lagen darnieder und die Armen hatten kaum mehr eine Möglichkeit „ihr Brot zu verdienen“. In Droschken stieg praktisch niemand mehr, „weil man nie wusste, wer zuvor damit befördert worden war“.

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Alle machen sich heute um alle Sorgen, das ist jetzt normal, so wie wir jetzt leben. Umarmungen, Berührungen, Küsse, Gespräche, bei denen man sich lachend näherkommt, all das könnte jetzt eine tödliche Gefahr darstellen. Was weiß man, wen die Person, die ich hier jetzt umarme, noch umarmt haben könnte? Berührungen verbinden diese Person und mich, aber jeden von uns auch mit vielen anderen, unbekannten Anderen, „und diese große Kette des Seins ist auch eine Kette des Todes geworden“ (Susan Sontag: Wie wir jetzt leben).

„…Wie ich meine Zeit absitze“, schreibt Zadie Smith in ihren Corona-Essays. „Wie ich es schon mein Leben lang tue… Wir halten uns beschäftigt, und anschließend fotografieren wir das, womit wir uns beschäftigt haben, und stellen es nicht selten auch online.“

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Ärmere sind überdurchschnittlich Opfer des Virus, die daraus folgende Stigmatisierung und behördliche Beamtshandlung macht sie oft dann auch noch zum doppelten Opfer. Im konservativ regierten Madrid wurde in der zweiten Welle Quarantäne für die am stärksten betroffenen Stadtviertel verhängt – und das waren, welch Wunder, nicht die Nobelbezirke. Die „Quarantäne für Arme“, der knapp 900.000 Menschen unterworfen waren, sorgte für regelrechte Aufstände. Besonders pikant: Um zur Arbeit zu fahren, durften die Bewohner ihre Barrios schon verlassen, schließlich braucht der Kapitalismus ja die „gefährlichen Klassen“ als billige Arbeitskräfte. Pech hatten die, die von wohlhabenden Spaniern illegal schwarz beschäftigt waren, etwa als Haushaltshilfen. Die konnten keine offiziellen Passierscheine beantragen. Sie mussten sich täglich wie illegale Einwanderer aus ihren Viertel herausstehlen und wieder zurück schleichen. In der Gesundheitskrise zeigt sich die Klassengesellschaft von ihrer allerhässlichsten Seite. Klassen-Apartheid, die „ungerecht ist und nicht toleriert werden darf“, so der linke Politiker Íñigo Errejón.

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„Wie blind und ignorant ich war“, schreibt der New Yorker Fotograf und Autor Bill Hayes in seinem Buch „How we live now. Scenes from the pandemic“. Ignorant waren wir dafür, „dass sich unser Leben innerhalb weniger Tage vollständig ändern kann.“ Auch das zeigt dieses Jahr: Wie sehr wir unserer Normalität vertrauen und wie absurd dieses Vertrauen plötzlich wirkt, wenn dann innerhalb weniger Tage die Abnormalität einbricht. Wir haben uns anzupassen, erst an das Gefühl der elementaren Bedrohung. Dann kehrt Normalität zurück und wir vergessen diese Erfahrung wieder. Daraufhin kommt der nächste Lockdown, und wir haben kaum mehr eine Erinnerung an die relative Unbeschwertheit des Sommers. Es fällt uns schwer, das ganze Jahr über in unsere Erinnerungen zu integrieren, besonders unsere Emotionen, die Achterbahn fuhren.

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Viele machten die eigentümliche Beobachtung, wie wichtig gerade die oberflächlichen, informellen Begegnungen mit jenen Leuten sind, die eigentlich nicht zu unseren engen Freunden zählen. „Diese banalen Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen im Sozialraum“, erzählt Florian. Oder jene, mit denen man etwas zu besprechen hat und mit denen ich „danach noch fünf Minuten über das Leben quatsche“. Jene, denen man einfach so begegnet und ein paar Worte wechselt, Gespräche, die man bisher als belanglos ansah.

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